Braunkopfkakadu (Calyptorhynchus lathami) | Foto: Duncan McCaskill, Lizenz: CC BY 3.0

ACTP – Papageienzucht mit fragwürdiger Artenschutz-Motivation

Exklusiv für zoos.media – 11.12.2018.

ACTP e.V. (Association for the Conservation of Threatened Parrots e.V.) kam international in Schlagzeilen aufgrund krimineller Verknüpfungen von Martin Guth, einer fragwürdigen Existenz als Zoo und Verbindungen in den internationalen Handel mit Papageien.

ACTP – Papageienzucht mit fragwürdiger Artenschutz-Motivation

Es geht um mehr als 200 seltene und bedrohte Vögel, die von Australien nach Deutschland exportiert wurden. Sie gingen in die Sammlung des Vereins ACTP e.V. (Association for the Conservation of Threatened Parrots e.V.) und das hätte anscheinend nie passieren dürfen.

Zoo oder nicht Zoo? – Das ist hier die Frage

Rotsteißkakadu im Parc des Oiseaux in Villars-les-Dombes | Foto: Vassil, Lizenz: CC0 1.0

Der liberale Politiker Warren G. Entsch aus Australien hat große Zweifel daran, dass es sich bei ACTP wirklich um einen Zoo handelt. Tatsächlich wird die zentrale Haltungs- und Zuchtanlage auch nicht betrieben wie es für einen Zoologischen Garten in Deutschland oder anderswo in Europa üblich ist. Unter den Partnern von ACTP, die auf der Webseite aufgeführt werden, findet sich auch kein Zoo. Keines der wenigen Bilder, die es überhaupt von der Anlage gibt, zeigt eine Ausstellung, wie sie in modernen Zoos und Aquarien üblich sind.

Was man sieht, schaut auf den Bildern vielmehr aus wie ein privater Haltungs- und Zuchtbetrieb. Transparenz über die Spenden und Mittelverwendung, sowie der Haltung der Tiere, ist auf der Webseite nicht gegeben. Handfeste Fakten gibt die Webseite eh kaum, Versprechen aber viele. Es wird von angeblichen Projekten und Erfolgen berichtet, die man ACTP glauben muss, denn entsprechende, unabhängige Belege sucht man, selbst, wenn man sich lange Zeit auf der Webseite aufhält, vergebens. Das ist nicht ungewöhnlich in Deutschland, denn es gibt leider auch einige andereNGOs bei denen man nicht weiß, was hinter verschlossenen Türen wirklich geschieht – ein Problem, das die Politik seit Jahren, bis auf einige wenige Politiker, ignoriert.

In einem Zoo müssen, gemäß der EU-Zoorichtlinie, lebende Botschafter von Wildtierarten zur Zurschaustellung während eines Zeitraums von mindestens sieben Tagen im Jahr gehalten werden. ACTP hält zwar verschiedene Wildtierarten und das auch länger als sieben Tage, aber offensichtlich nicht mit dem Zweck der Zurschaustellung, die ja wesentliches Merkmal eines Zoos ist. Keine Anlage der ACTP funktioniert wie ein Zoo, zu dem man gehen kann, gegebenenfalls Eintritt bezahlt und dann Tiere ohne Weiteres sieht. Angeblich soll man sich beim ACTP zu Führungen anmelden können.

Dass ACTP wohl eher kein Zoo ist, wäre alles auch kein Problem, wenn ACTP nicht mehr als 200 Tiere aus Australien unter der Bedingung erhalten hätte, dass es sich bei der Haltungseinrichtung um einen Zoo handelt. Daher warnte Entsch seine Regierung auch vor einem solchen Transport, der dann aber dennoch geschah.

ACTP: Wohl eher Papageienhandel als Zoo?

Der Guardian hat nun herausgefunden, dass dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) Belege dafür vorlägen, dass Vögel, die offensichtlich von ACTP importiert wurden, für hohe Preise zum Verkauf angeboten wurden. Zudem habe zumindest eine Person, die für das ACTP arbeitet, eine Verurteilung wegen Beteiligung am illegalen Vogelhandel erfahren.

So wurden „Glossys“ (Calyptorhynchus lathami), auch bekannt als Braunkopfkakadus, von einem deutschen Züchter angeboten, die legal in Deutschland wären. Das Angebot kam aus Schöneiche, wo das ACTP sitzt. Das ACTP bestreitet auch gar nicht, dass diese Tiere zum Verkauf angeboten würden, aber es gäbe da ja auch keine Beschränkungen. Das ist aber nicht ganz richtig, denn ein Verkauf der Tiere wäre nur an Zoos möglich – zumindest gemäß der Import-Erlaubnis für die Tiere, die das ACTP bekam.

Ebenfalls zum Kauf angeboten wurden seltene Farbmutationen für Blauscheitelloris (Glossopsitta porphyrocephala), die, laut dem Verkäufer, Nachkommender ACTP-Importe wären. Die hatten ihren Weg rätselhafterweise nach Dänemark gefunden, was nie hätte passieren dürfen, denn sie gingen nicht an einen registrierten Zoo in Dänemark.

Farbmutationen seien wohl auffällig häufig in der Obhut des ACTP zu finden. Solche Papageien haben für den Artenschutz keinerlei Wert – sehr wohl aber einen sehr großen für Sammler. Es ist sehr ungewöhnlich, dass ein Verein sie hält, der sich angeblich dem Artenschutz verschrieben hat, und darüberhinaus so tut, als betreibe er einen Zoo. Entsch fordert nun eine komplette Untersuchung.

Sturm in der Karibik

Dominikanische Blaukopfamazonen (Amazona arausiaca) im Parrot Conservation and Research Centre Botanical Gardens (Roseau, Dominica) (2004) | Foto: Andrew Szymanski, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Es ist nicht das erste Mal, dass ACTP Gegenwind ins Gesicht bläst. Schon bei dem fragwürdigen Import von Vögeln aus Dominica hagelte es Kritik. Der Zoologe Paul Reillo kritisierte den Transport deutlich und sah sich vor den Scherben seiner jahrelangen in-situ-Arbeit. Koordiniert wurde der Transport, laut Guardian, von Steven Astaphan. Im Interview mit der britischen Tageszeitung vermutete er unumwunden, dass ACTP mit der Haltung der Papageien Einnahmen erzielen würde, weil Martin Guth, der wesentlich für den Verein steht, ja davon lebe.

Auch in Dominica gab es Warnungen vor ACTP – etwa von Donald Anthony, einem ehemaligen Wildlife Officer in der Forstabteilung von Saint Lucia. Er berichtet, dass ACTP beim ersten Treffen bereits zugegeben habe, dass sie keine Artenschützer, sondern Geschäftsleute wären. Ab diesem Zeitpunkt schloss Anthony die Kooperation aus. Ein Jahr nach einer Spende an die Forstabteilung und der Warnung des ehemaligen Offiziers, war dann ein Transport von Tieren aber plötzlich doch möglich.

Wo die Vögel bleiben, die in den Besitz von ACTP kommen, ist übrigens unbekannt, denn es wird über den Bestand nichts Handfestes veröffentlicht. „Wo ist die Transparenz?“, fragt der Zoologe. Wenn man doch wirklich so seriös arbeiten würde, wie man vorgibt, habe man doch nichts zu verbergen. Das findet auch Entsch, denn er will die Kooperationen offenlegen, da all das nicht von einer Person durchgeführt worden sein kann. Somit sollen die Netzwerke aufgedeckt werden.

Wer ist Martin Guth?

Sowohl im ACTP, als auch in der Berichterstattung über die Recherche-Ergebnisse des Guardian, spielt Martin Guth eine zentrale Rolle. Nach dem Mauerfall sammelte er einige Straftaten auf seinem Kerbholz, was 1996 in einer Verurteilung mündete. In Potsdam wurde er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt. 2009 gab es dann nochmal 20 Monate Gefängnis. ACTP wurde 2006 gegründet, aber eine Leidenschaft für Papageien habe Guth schon viel früher gehabt.

In diesem Artikel aus dem Jahr 2014 berichtete die Bild-Zeitung über zwei Großspender des ACTP: Rapper Bushido und Arafat Abou-Chaker. Sie wurden auch der Zeitung gegenüber als Spender bestätigt. Guth wohne demnach in einer prachtvollen Villa und fahre eine Luxus-Limousine, die auf Abou-Chaker zugelassen sei. Weiterhin berichtete BILD, dass die Ermittler der Staatsanwaltschaft vermuteten, dass „die Papageien-Züchter in Verbindung zu Drogenhändlern stehen, die angeblich Kokain aus Brasilien nach Europa schmuggeln sollen“. ACTP widerspricht dieser Ermittlungshypothese. Letztendlich werden das die Gerichte zu klären haben, ob diese These hinreichend belegt werden kann.

Nachdem sich Bushido von Abou-Chaker lossagte, ging es auch wieder um einen „dubiosen Papageien-Verein in Brandenburg“. Bushido erwähnte im STERN-Interview einen Geldstrom: „Das Geld wurde irgendwie noch als Spende an einen Papageienverein deklariert oder so. Jedenfalls habe ich auch da zugesehen und nichts gesagt, obwohl ich wusste, dass es falsch ist.“ Bereits vor einigen Jahren wurde in den Schweizer Medien von angeblichen Geschäftskontakten zwischen Bushido, Abou-Chaker und einem Papageienschmuggler berichtet.

Das Umfeld der „blauen Papageien-Bande“, wie man dieses Netzwerk taufte, ist bis heute nicht hinreichend geklärt und bedarf rechtsstaatlicher Aufarbeitung, die aktuell auf sich warten lässt. Trotzdem werden Artenschützer international zu entscheiden haben wie sie mit den Vorwürfen umzugehen haben und ob man die Kooperation einfriert, um auf Nummer sicher zu gehen, oder man es sich an dieser Stelle leisten kann, die Unschuldsvermutung walten zu lassen.

Offene Fragen und nackte Tatsachen

Neben all den Fragen, die noch zu klären sind, bleiben aber auch beunruhigende Tatsachen: Tiere, die das ACTP zum Zweck des Artenschutzes bekam, finden ihren Weg in den Handel. Ebenso fragwürdig ist, warum die Transparenz von ACTP so mangelhaft ist – selbst PETA ist ja transparenter als ACTP, und die Transparenz dieser radikalen Tierrechtsorganisation lässt ja schon zu wünschen übrig. Ebenso auf der Hand liegt ein Versagen seitens der der Australischen Behörden, die offenbar Warnungen ignoriert haben, obwohl es zwingende Hinweise gab und das ACTP selbst nie vor Ort überprüften. In diesem Zusammenhang erscheint auch die Rolle der deutschen Behörden sehr fragwürdig. Dazu kommen aber auch noch viele weitere offene Fragen, die allerdings die Aufklärung der fragwürdigen Vorgänge nicht behindern, sondern sie vielmehr fördern sollten Deshalb ist Entsch‘ Vorstoß wie auch die Veröffentlichungen von Oltermann und Cox von größter Wichtigkeit und absolut ernst zu nehmen. Nun gilt es, Jahre der Intransparenz aufzuarbeiten.

Weiterführende Links

Die Berichterstattung des Guardian:

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