Sumatra-Orang-Utan im Chester Zoo | Foto: Mike Peel (www.mikepeel.net), Lizenz: CC BY-SA 4.0

Chester Zoo hilft den wilden Orang-Utans mit Seilen

Exklusiv für zoos.media – 26.02.2018. Autor: Philipp J. Kroiß

Wozu brauchen wilde Orang-Utans Seile? Der Chester Zoo weiß warum und liefert so einen wichtigen Beitrag zum Überleben der wilden Orang-Utans.

Chester Zoo hilft den wilden Orang-Utans mit Seilen

Eigentlich klingt es ja erstmal recht verrückt, im Urwald Seile aufzuhängen. Warum sollten die Tiere sie nutzen? Gut, sie sind natürlich Enrichment und interessant für die Tiere – genauso wie im Zoo. Letztendlich aber würde jeder recht erstaunt schauen, wenn man durch den Urwald geht und plötzlich Seile sieht. Aber sie sind nicht zum Enrichment der Tiere gedacht, sondern es ist viel ernster.

Orang-Utans in Gefahr

Ein prächtiger Tapanuli-Orang-Utan (Pongo tapanuliensis) im Batang Toru Forest
auf Sumatra | Foto: Tim Laman, Lizenz: CC BY 4.0

Wilden Orang-Utans geht es nicht gut – laut aktuellen Studien starben in den letzten 16 Jahren 100.000 von ihnen. Wenn das so weiter geht, wird es in sehr naher Zukunft keine dieser wundervollen Menschenaffen mehr in der Wildbahn zu beobachten geben. Sie brauchen Schutz und das dringend. Deshalb engagieren sich Zoos auch weltweit auf verschiedene Weisen und verschiedenen Ebenen dafür, das Aussterben dieser Tiere zu verhindern.

Inzwischen glücklicherweise bekannt ist, dass nicht nachhaltiger Palmöl-Abbau, die Lebenräume der Tiere komplett zerstört. Neben einer Lebensraum-Verkleinerungen, erleben wir auch eine Lebensraum-Zerklüftung. Das bedeutet – der Regenwald wird nicht von außen nach innen abgetragen, sondern es wird quer durch Lebensräume gerodet. Tiergruppen werden voneinander isoliert und es entstehen unüberbrückbare Barrieren für die Tiere.

So sterben Arten nicht Tier für Tier aus, sondern Population für Population. Das oft falsche Bild bei Leuten ist, dass sie denken, es gebe noch tausende Tiere und das würde ja was dauern bis sie aussterben. Das ist etwas irreführend, denn die Zerklüftung der Lebensräume sorgt dafür, dass die Populationen isoliert werden und wir selbst bei vermeintlich ja hoher Gesamtzahl an Individuen drastische Situationen in den einzelnen Populationen haben.

Verinselung der Populationen

Sumatra-Orang-Utan im Chester Zoo | Foto: Mike Peel (www.mikepeel.net), Lizenz: CC BY-SA 4.0

Schon bei den Socorrotauben hatten wir über die Gefahr der Verinselung einer Populationen gesprochen – da war es auch sehr augenscheinlich, denn diese Art ist nur auf einer Insel endemisch. Aber solche Populationsinseln entstehen auch ganz ohne Wasser, das sie umgibt – wenn manche Menschen in die Natur eingreifen, schaffen sie andere unüberbrückbare Barrieren für Tiere. Populationen werden von der Außenwelt abgeschnitten, verarmen genetisch und sterben dann aus.

Solche Populationen werden isoliert und sind dann chancenlos. Das ist etwas ganz anderes als ein natürliches Phänomen, dass man auch kennt – zum Beispiel bei der Genese von Unterarten. Im Fall der Orang-Utans, die durch Palmöl-Plantagen getrennt werden, handelt es sich ja nicht um einen natürlichen Prozess, sondern um einen malignen Eingriff in die Natur.

Ein sehr lohnenswerter Ansatz im Artenschutz ist es, diese ungewollte Trennung zu überbrücken, um die Isolation zu beenden und wieder genetische Vielfalt zu ermöglichen. Die effektivste Art ist da das Brückenbauen. Nun baut man natürlich für isolierte Orang-Utans keine Brücken, sondern installiert Möglichkeiten, die für sie viel effektiver sind: zum Beispiel Seile.

Wie diese Bilder zeigen, nehmen die Tiere dies dann auch an:

Gemeinsame Haltung von Tapiren und Orang-Utans im Zoo Dortmund (2008) | Foto: Mbdortmund, Lizenz: GNU Free Documentation License, Version 1.2

Das ist tatsächlich gelungener Artenschutz – aber wie baut man denn gelungene, funktionierende Seil-Brücken für Orang-Utans, die diese auch gern benutzen, aber andererseits auch nicht kaputt machen können? Zum Glück herrscht da bei den Haltern von Orang-Utans jahrzehntelange Erfahrung. Man weiß aus Zoos wie man solche Seile konstruieren muss, dass sie einerseits der Neugier der Tiere nicht zum Opfer fallen, aber auch andererseits gut funktionieren – ein Know-How, das man ohne die Zoos nicht hätte. In der Wildbahn darf man sich ja keine Fehlversuche leisten, denn schlechte Erfahrungen (wie etwa ein Abstürzen, Unwohlsein o.ä.) würden wilde Orang-Utans demotivieren solche Seile zu benutzen und deshalb muss quasi alles von Anfang an stimmen.

Erneut zeigt sich also wie wichtig es ist, diese Tiere zu halten: man sammelt Erfahrungen auf ganz vielen Ebenen, die dazu dienen können, diese Art zu retten. Dieses Projekt zeigt mal wieder, dass Zootierhaltung Tierleben retten kann. Diese neue Chance für isolierte Orang-Utan-Populationen hat man modernen Zoos, die ihre Tiere artgemäß halten. Es ist dem Chester Zoo zu verdanken, dass dieses Know-How nun in einem erfolgreichen Projekt angewendet werden konnte.