Dörte schaut neugierig durch eine Scheibe im Delfinarium des Zoo Duisburg | Foto: zoos.media

Interview mit einem der ersten Delfintrainer Deutschlands

Exklusiv für zoos.media – 31.03.2017. Autor: Philipp J. Kroiß

Hans-Jürgen Klinckert ist einer der ersten Delfintrainer Deutschlands und kam 1966 nach Duisburg, um dort an der Pionierarbeit zu partizipieren.

Interview mit einem der ersten Delfintrainer Deutschlands

Wie kamen Sie nach Duisburg und zu den Delfinen?
Hans-Jürgen Klinckert: „Als ich nach Duisburg kam, war Dr. Tienemann gerade und überraschend gestorben. Die vorübergehende Leitung des Zoos übernahm der damalige kaufmännische Direktor, bei dem ich auch mein Vorstellungsgespräch hatte. Noch eine Zeit lang arbeitete ich mit dem ersten Delfintrainer, Hans-Georg Tienemann Junior, dem ersten Delfintrainer, zusammen. Von ihm habe und konnte ich nicht viel lernen, denn die Delfinhaltung war ja völliges Neuland. Als engagierter Tierpfleger habe ich mich natürlich voll reingehangen, weshalb dann auch darauf verzichtet wurde, sich eventuell nach einem Trainer aus den USA umzusehen. Als dann Dr. Wolfgang Gewalt der neue Direktor wurde, verließ Tienemann den Zoo.“

Wie gestaltete sich Ihre Zeit erste Zeit bei den Delfinen – also quasi im Neuland?
Hans-Jürgen Klinckert: „Mir war nichts bekannt über Trainingsmethoden und ich habe mehr oder weniger aus dem Bauch heraus (learning by doing) erfolgreich mit den Tieren gearbeitet. Mit Dr. Gewalt hatte ich ein sehr gutes Verhältnis. Sicher ist bekannt, dass zu dieser Zeit der berühmte Beluga „Moby Dick“ im Rhein auftauchte, den Gewalt gerne für das Delfinarium gefangen hätte. Bei den Fangversuchen war ich nur einmal beteiligt, denn ich musste mich ja um die Delfine und um die Vorstellungen kümmern. Wie man sicher weißt, war die Beckenanlage in einer sogenannten Aeroformhalle (Traglufthalle) gebaut und eigentlich ein Provisorium. Das zweite richtige Delfinarium entstand 1968. In den alten Becken wurden dann ja später Belugas und Commerson-Delfine gehalten. Schon die erste Anlage hatte eine vorzügliche Wasseraufbereitungsanlage. Die Duisburger Firma welche die Filteranlage gebaut hatte, erhielt deshalb auch den Auftrag beim zweiten Duisburger Delfinarium und beim Nürnberger Delfinarium.“

Wie war Ihre erste Begegnung mit den Duisburger Delfinen?
Hans-Jürgen Klinckert: „Als ich die Duisburger Delfine kennen lernte, war das ja meine erste Begegnung mit diesen Tieren überhaupt. Ich war sehr erstaunt, wie zahm sie waren, kein Vergleich mit anderen Wildtieren, zumal es sich ja um Wildfänge handelte. Das erstaunliche Kontaktbedürfnis dem Menschen gegenüber, das Neugierde-Verhalten, ihre Spiellust und ihr Lernvermögen waren außergewöhnlich. Für mich war es auch verblüffend, dass den Delfinen ganz offensichtlich das Training „Spaß“ machte und sie ohne jeglichen Zwang freiwillig mitmachten. Für mich war dieses Verhalten eine ganz besondere Freude. Bei der Pflege und Gesunderhaltung der Tiere musste man aber in dieser Anfangszeit erst Erfahrungen sammeln. Darum kam es leider unvermeidlich, auch zu Todesfällen durch Infektionskrankheiten.“

Wie haben Sie und Ihre Kollegen Probleme aus der Anfangszeit gelöst bzw. die Haltung weiter optimiert?
Hans-Jürgen Klinckert: „Über die Ernährung der Meeressäuger war am Anfang wenig bekannt – außer dass sie hohe Anforderungen an die Fischqualität stellen. Wegen der langen Transportwege von den Fanggründen bis weit ins Binnenland nach Duisburg, war eine wirklich „frische“ und gleichbleibende Qualität anfangs nicht immer gewährleistet. Zudem waren vor 1970 alle Delfine stark von Innenparasiten befallen, die durch die Futterfische übertragen wurden. Aus diesen Gründen werden seitdem bis heute ausschließlich bereits am Fangort tiefgefrorene und erst im Delfinarium nach Bedarf aufgetaute Fische gefüttert.
Auch die Art und Weise wie gefüttert wurde hat sich grundlegend geändert. In Duisburg war es eine Selbstverständlichkeit, den Tieren kein Futter zu entziehen. Zwar bekamen sie tagsüber beim Training und in den Vorstellungen als Belohnung lediglich kleine Fische oder Fischstücke und erhielten ihre ausgiebige „Hauptmahlzeit“ vor Dienstschluss. Dabei wurden sie ausgefüttert, natürlich auch dann, wenn sie einmal nicht so gut gearbeitet hatten. Eine einmalige Fütterung täglich ist bei vielen Tieren üblich und auch sinnvoll. Wir glaubten auch, dass Delfine sicher keine Lust mehr haben mit zumachen, wenn sie schon morgens, wie es heute üblich ist, ein paar Kilo Futter zu sich nehmen. Wir lernten aber, dass das Gegenteil der Fall war: Besonders Delphine machen immer gerne mit und dazu reicht der ganz normale Appetit. Wissenschaftliche Studien haben sogar gezeigt, dass – vor die Wahl gestellt – die Tiere freiwillig für ihre Nahrung arbeiten wollen, sogar dann, wenn dasselbe Futter frei verfügbar angeboten wird. Wirklich hungrige Tiere zeigen gegenüber ihren Artgenossen einen gesteigerten Futterneid was sich beim Training sehr negativ auswirkt.
Auch beim Training selbst wurden aus Unkenntnis zunächst Fehler gemacht. So wurde derjenige Delfin bei der Trainingsarbeit belohnt, der gerade bei seiner Übung erfolgreich war. Als Herdentiere mit ausgeprägter Rangordnung ist es, für die anderen Delphine aber nicht akzeptabel, zu warten bis sie an der Reihe sind – besonders für die Ranghöheren, die eigentlich am liebsten alles selbst machen wollen, und auch jede Belohnung beanspruchen. Ohne Konflikte geht es auf Dauer nur, wenn auch alle anderen Tiere belohnt werden, wenn ein bestimmter Delphin beim Training belohnt wird. Also wenn der Trainer einem Delfin ein Handzeichen für eine Übung gibt, haben die Anderen eine kurze Pause müssen also etwas warten und dürfen nicht stören. Für die kurze Pause gibt es ebenfalls ein Handzeichen. Die Pause ist eine sehr wichtige und belohnungswürdige Dressurübung.“

Was war Ihr schönstes Erlebnis mit den Tieren?
Hans-Jürgen Klinckert: „Das ist nicht leicht zu beantworten. Beruflich, für mich, als noch sehr junger Tierpfleger, sicher jener Moment, als mir die Stelle es Revierleiters und Cheftrainers angeboten wurde und ich frisch verheiratet in die Dienstwohnung des neuerbauten zweiten Delphinariums einziehen durfte. Mit den Delfinen in Duisburg war das schönste Erlebnis meine erste Begegnung mit ihnen unter Wasser. Die Tiere suchten tatsächlich Körperkontakt und waren dabei sehr vorsichtig, so als ob ihnen bewusst wäre, wie verletzlich und doch eigentlich behindert man selbst war.“

Irgendwann haben Sie ja dann Deutschland verlassen. Wie kam es dazu?
Hans-Jürgen Klinckert: „Warum ich 1969 nach Schweden ging hatte folgenden Grund: Es wurden in dieser Zeit viele Delfinarien gebaut und reisende Delfinshows hatten Konjunktur. Kein Wunder also, dass man versuchte mich abzuwerben. Bei nicht wenigen, handelte es sich dabei aber um Projekte, die ausschließlich auf kommerziellen Gewinn abzielten und bei denen sich die Betreiber wenig Gedanken über Naturschutz, wissenschaftliche Forschung oder Schaffung eines Problembewusstseins in der Bevölkerung machen. Auch wenn einige Angebote sehr verlockend waren, konnte ich mir nur schwer vorstellen dort zu arbeiten. Als “Zoo-Mensch“, nahm ich die wichtigen Aufgaben und Ziele zoologischer Einrichtungen schon damals sehr ernst.
Kolmardens Djurpark in Schweden hatte jedenfalls ein anderes Selbstverständnis. Der Zoo war zwar noch sehr jung, aber lag in der Tradition der großen europäischen Zoos. Die großen Gehege z.B. wurden nach Nürnberger Vorbild gestaltet. Auch das geplante Delfinarium war allein schon von der Größe her, für diese Zeit außergewöhnlich. Interessant für mich natürlich auch, dass ich beim Fang der Delphine im Golf von Mexiko und beim Transport nach Schweden dabei sein konnte. Bei meiner Entscheidung nach Kolmarden zu gehen, spielten aber auch die positiven politisch-sozialen Verhältnisse in Schweden eine Rolle.
Dr. Gewalt war darüber übrigens gar nicht begeistert, wir verstanden uns ja sehr gut und er hatte mit mir schon geplant, Belugas aus Kanada nach Duisburg zu hohlen. Obwohl er enttäuscht war, sind wir immer freundschaftlich verbunden geblieben.“

Wie war der Zoo in Schweden und weshalb sind Sie dann nach Nürnberg gegangen?
Hans-Jürgen Klinckert: „In Schweden hat es uns fast ausnahmslos sehr gut gefallen und wir wären auch endgültig dorthin ausgewandert und schwedische Staatsbürger geworden. Auch der Tierpark selbst war sehr schön angelegt und überwiegend auch zeitgemäß und vorbildlich. Leider führte der damalige Direktor Ulf Svensson (ein zoologischer Laie) den Betrieb wie ein kleiner Napoleon. Es gab zwar auch einen zoologischen Leiter, aber als der Zoo fertiggestellt war, hatte der nichts mehr zu sagen. Das galt auch für die Tierpfleger, die man aus anderen Zoos abgeworben hatte. Nachdem diese ihr Know-how eingebracht hatten, galt das, was man ihnen alles versprochen hatte nicht mehr. Eigentlich ist so ein Führungsstil in Schweden nicht üblich. Im Betrieb verstand auch keiner diese Art und Weise und die unfachmännischen und oft seltsamen Entscheidungen. Offene Kritik gab es dennoch wenig, wohl weil die gesamte Kommune Kolmarden vom Tierpark abhängig war. Früher wurde in Kolmarden „Grüner Marmor“ abgebaut und vielfältig verarbeitet. Fast alle hatten eine Beschäftigung. Dann war der Marmor erschöpft und es gab somit viele Arbeitslose. Als dann der Tierpark gebaut wurde, gab es wieder Arbeit für die verschiedensten Branchen und Berufe. Obwohl das Tierparkprojekt ursprünglich gar nicht seine eigene Idee war, hat der Direktor sie in der Öffentlichkeit als seine eigene verkauft. Uns war sehr bald klar, dass wir unseren Vertrag unter diesen Umständen nicht verlängern würden, obwohl wir gerne in Schweden geblieben wären. Innerhalb Schwedens zu wechseln war nicht möglich, es gab ja nur dieses eine Delfinarium. Ich habe dann Bewerbungen an verschiedene Zoos geschrieben darunter auch an den Nürnberger Tiergarten.
Von keinem einzigen Zoo bekam ich eine Antwort. Erst nach längerer Zeit erfuhr ich den Grund dafür und zwar vertraulich von der Sekretärin des Direktors. Svensson hatte die Antwortbriefe einfach unterschlagen um zu verhindern, dass ich so bald schon dem Park wieder den Rücken kehre, denn das hätte wohl unangenehme Fragen aufkommen lassen. Die Bewerbungen habe ich dann sofort noch einmal verschickt und die Antworten kamen dann an meine eigentliche private Adresse. Unter anderem auch die Zusage aus Nürnberg.“