Dörte schaut neugierig durch eine Scheibe im Delfinarium des Zoo Duisburg | Foto: zoos.media

Wie hoch ist die Überlebenschance von Delfinkälbern?

Exklusiv für zoos.media – 27.09.2017. Autor: Philipp J. Kroiß

Meist nach dem Tod eines Delfinjungtiers in einem Zoo kommt die Frage auf: Wie hoch ist die Überlebenschance von Delfinkälbern? Dieser Artikel klärt die Fakten.

Wie hoch ist die Überlebenschance von Delfinkälbern?

Es gibt Leute, die wundern sich über die hohe Jungtiersterblichkeit bei Delfinen in Menschenobhut. Andere nutzen Unkenntnis zu diesem Thema dann zur Desinformation und Manipulation. Aber was sind die tatsächlichen Fakten?

Schwierigkeiten in der Wildbahn

Wilde Orcas im Bereich South Georgia – man sieht gut Hautunreinheiten | Foto: Christopher P. Michel, Lizenz: CC BY 2.0

Anders als im Delfinarium sieht man in der Wildbahn nicht jede Geburt, weil man selbst bei engmaschige Beobachtung die gleichen Tiere meist nicht alle 365 Tage im Jahr sieht. In der Wildbahn sind die Zahlen, die erhoben werden in der Regel nur die Zahlen von Tieren, die man wirklich gesehen hat. Die Dunkelziffer ist also ein nicht zu unterschätzender Faktor, wenn wir die Zahl der Tiere betrachten, die innerhalb des ersten Lebensjahres verstarben, da die meisten dieser Tiere (Beispiel Große Tümmler: über 80%) in den ersten 30 Tagen versterben.

Besonders schwer ist die Beobachtung von Kälbersterblichkeit bei Orcas. Dazu erklart die renommierte Wissenschaftlerin Dr. Kelly Jaakoola:

In der Wildbahn findet Feldforschung nicht früher als sechs Monate nach der Kalbesaison statt, was bedeutet, dass, wenn man ein Kalb zuerst sieht, es bereits sechs Monate alt ist, was bedeutet, wenn ein in den ersten sechs Monaten stirbt, sieht man es nie„.

Trotz dieser Schwerigkeiten geht man von einer Kalb-Sterberate bei Schwertwalen von rund 43% aus – aber auch bei dieser Zahl haben wir eine enorm hohe Dunkelziffer. Das macht es gerade bei Schwertwalen schier unmöglich die Kälbersterblichkeit wirklich ordentlich zu vergleichen: Daten mit einer hohen und nicht einkalkulierten Dunkelziffer aus der Natur stehen aktuell völlig exakten Daten aus der Menschenobhut gegenüber.
Aber selbst bei den bekannten Großen Tümmlern ist das gar nicht so viel einfach. Da sie aber die häufigsten Tiere in Delfinarien sind, macht es Sinn, bei diesen wundervollen Tieren, mal genau den Fokus zu legen.

Kälbersterblichkeit bei Großen Tümmlern

Das aufgeweckte Delfinjunge Dörte aus dem Zoo Duisburg | Foto: zoos.media

Henderson et al. (2014) geben in einer aktuellen Studie an, dass von allen Kälbern rund 40% die ersten drei Jahre überleben. Bis Ende 2014, also vor rund drei Jahren, gab es in Duisburg 21 Lebendgeburten. (DU 27-31 lassen sich nicht in den Vergleich aufnehmen, da sie nicht mal theoretisch drei Jahre alt sein könnten.) Davon überlebten DUPHI II, DELPHI, DAISY, DOLLY, DONNA, DIEGO, DÖRTE und DARWIN die ersten drei Jahre. Wären jetzt die Zahlen der Wildbahn 1:1 übertragbar, wäre das genau eine Anzahl, die auch in der Wildbahn zu erwarten wäre. Niemand kann also ernsthaft aktuell von einer besonders hohen Sterblichkeitsrate reden.

Allerdings haben wir schon gelernt, dass über 80% der wilden Großen Tümmlern innerhalb des ersten Monats sterben und ebenso ist bekannt, dass man Tiere, die nur wenige Tage alt in der Wildbahn versterben, wahrscheinlich ohnehin nicht sieht. Deshalb sind die Zahlen, die nur das erste Jahr abdecken mit äußerster Vorsicht zu genießen und mit einer sehr hohen Dunkelziffer behaftet.

Mehr dazu auch hier in unserem Video:

Ein viel sinnvollerer Vergleich anderer Zahlen: 67% der beobachteten (Achtung: große Dunkelziffer) Großen Tümmler in der Henderson Studie überlebten das erste Lebensjahr, bekanntermaßen aber nur 40% dann bis zum dritten. Wir sprechen also von einer Verlustrate von 27% in der Zeit nach dem ersten bis hin zur Vollendung des dritten Lebensjahres. Diese Zahlen sind auch einigermaßen verlässlich, denn ein Jungtier wird selten ein Jahr lang übersehen. (Das heißt nicht, dass man das völlig ausschließen kann, aber die Dunkelziffer ist deutlich geringer.) Im Duisburger Delfinarium starb nur ein Tier in dem fraglichen Alter in über 50 Jahren Zucht: DUKE. In Prozent, äquivalent zur obigen Angabe, ausgedrückt, sprechen wir von weniger als 5% . Ein deutlicher Unterschied – hier sind die Überlebenschancen im Delfinarium deutlich höher.

Was stimmt denn jetzt?

Delfinbaby Ilse mit ihrer Mutter | Foto: Loro Parque

In modernen Delfinarien wie dem Zoo Duisburg, der dankenswerterweise mit seinen Zahlen sehr transparent umgeht, sterben nicht außergewöhnlich viele Kälber, sondern letztendlich, in den Bereichen, in denen man Zahlen wirklich sinnvoll vergleichen kann, sogar deutlich weniger als in der Wildbahn. Aber selbst wenn man die Zahlen aus der Wildbahn für bahre Münze nehmen würde, was man nicht so ohne Weiteres tun sollte, ist die Jungtiersterblichkeit überhaupt nicht besorgniserregend hoch.

In modernen Delfinarien haben Große Tümmler, aber auch andere Arten von Delfinen und Delfinartigen, eine höhere Lebenserwartung als in der Natur. Sie sind zudem gesünder, weniger gestresst und stoßen beim Training Glückshormone aus. In modernen Zoos und Aquarien sind sie wichtige Botschafter ihrer Art und ihres Lebensraumes und ermöglichen zudem wichtige Forschung. All dies dient auch wiederum den Schutz der Wildpopulationen und deren Ökosystemen.

Der Populismus, der Delfinhaltern heutzutage vor allem in der westlichen Welt entgegen schlägt, arbeitet mit dreisten Lügen und nutzt die Unwissenheit von Menschen, die sich mit diesem Thema nur am Rande beschäftigen, um deren Emotionen zu schüren und sie zu benutzen, ein Ende dieser wichtigen und unentbehrlichen Haltung herbei zu führen. Wenn die Tierrechtsindustrie allerdings mit dieser Forderung durchkommt, verlieren die Meere nicht nur einige ihrer wichtigsten Botschafter, sondern stehen weitere Arten auf der Agenda, denn die Global Player der Tierrechte, wie zum Beispiel PETA und HSUS, machen auch vor Haustieren nicht halt.
Moderne Zoos und Aquarien, sowie Delfinarien, gehören zu den bedeutendsten Einrichtungen gegen das Aussterben von Tieren. Dank ihnen konnten nicht nur zahlreiche Arten vor dem Aussterben bewahrt werden, sondern auch in diesem Moment, kämpfen Zoos für das Überleben von vielen wichtigen Arten und Ökosystemen. Aktuell versuchen moderne Walhalter unter anderem die Vaquitas vor ihrem endgültigen Aussterben zu bewahren.