Wilder Delfin mit tiefen Narben und Hautläsionen in Cromarty Firth (Scotland) | Foto: Rene, Lizenz: public domain

Wie schnell schwimmen Delfine wirklich?

Exklusiv für zoos.media – 29.06.2018. Autor: Philipp

Über Delfine und ihre Fähigkeiten gibt es viele Desinformationen. Dieser Artikel wirft ein Schlaglicht auf die wissenschaftlichen Fakten und was diese bedeuten.

Wie schnell schwimmen Delfine wirklich?

Sowohl über die Geschwindigkeit als auch die Strecke pro Tag, die wilde Delfine erreichen bzw. zurücklegen, wird massiv von der Tierrechtsindustrie absichtlich und von vielen Medien unabsichtlich desinformiert. Angeblich über 50 km/h würden die Delfine erreichen und 150 Kilometer am Tag zurücklegen. Das geht an der Realität vorbei, weil schon die Präsentation völlig desinformativ ist.

Die Familie der Delfine umfasst rund 40 Arten verschiedenster Größe. Die einzelnen Arten beinhalten dann noch teils völlig verschieden lebende Formen und Ökotypen, die jeweils ganz anders leben. Somit ist es völlig sinnlos, das so generell klären zu wollen. Wir müssen differenziert an die Sache herangehen.

Anwendung der Spitzengeschwindigkeiten bei Delfinen

Dörte schaut neugierig durch eine Scheibe im Delfinarium des Zoo Duisburg | Foto: zoos.media

Das WDSF rief vor Jahren mal den Privatdozenten Dr. Christian Schulze von der Ruhr-Universität Bochum auf den Plan. Der hatte zwar nie mit Delfinen in Menschenobhut gearbeitet und keinerlei Erfahrung mit der Haltung dieser Tiere, war aber anscheinend bereit völlig realitätsfremden Forderungen der Tierrechtsindustrie in pseudo-wissenschaftliches Gewand zu kleiden. Anhand der Maximalgeschwindigkeit der Tiere wurden völlig realitätsfremde Forderungen abgeleitet.

Nun hat die Ruhr-Universität Bochum aber tatsächlich einen Delfinexperten: Prof. Dr. Onur Güntürkün. Der erklärte in Bezugnahme auf die Forderung:

“Das Hauptproblem der Argumentation von Dr. Schulze ist, dass er davon ausgeht, dass Delfine für ihr Wohlergehen ab und zu eine Minute sehr schnell geradeaus schwimmen müssen. Das tun sie aber (wie alle anderen oben angeführten Arten) nur, wenn sie ein Beutetier jagen oder selbst gejagt werden. Ansonsten bewegen sich alle Tiere (incl. dem Menschen) wesentlich langsamer als ihre Maximalgeschwindigkeit.”

Zügeldelfin mit, vermutlich durch menschliche Einwirkung, verletzter Finne. | Foto: Martina Nolte, Lizenz: Creative Commons by-sa-3.0 de

Das gibt uns schon wichtige Hinweise darauf, wann und warum die verschiedenen Delfinarten ihre jeweilige Spitzengeschwindigkeit erreichen. Das sind nämlich Fragen, die man tatsächlich artübergreifend verhaltensbiologisch klären kann. Einen weiteren wichtigen Hinweis zur Anwendung der Maximalgeschwindigkeit gibt Prof. Dr. Vincent Janik von der Universität St. Andrews, der auch Bezug auf Schulze nimmt:

Im Antrag werden einige Parameter aufgelistet, die ein Herr Schulze aufgestellt hat. Es wird hier gefordert, dass ein Tier für eine willkürlich gesetzte Zeit von 30 Sekunden mit der möglichen Höchstgeschwindigkeit schwimmen können sollte. Solche kurzen Sprints finden wir in freier Wildbahn eigentlich nur, wenn Delphine gejagt werden, ein Kontext den man in einer ethisch vertretbaren Haltung nicht simulieren sollte, oder auf sehr kurzen Strecken bei der Beutejagd. Ich selbst habe auch in freier Wildbahn noch nie einen Delphin beobachtet der eine solche Geschwindigkeit für 30 Sekunden oder mehr aufrecht erhielt. Die normale, andauernde Schwimmgeschwindigkeit liegt in freier Wildbahn zwischen 1,4 und 3 Metern pro Sekunde (Costa & Williams 1999).”

Im Loro Parque freut man sich über Nachwuchs. Quelle: Loro Parque

Dass Delfine nur selten in Ausnahmesituationen und für kurze Zeit schnell schwimmen, liegt an einem physikalischen Phänomen, dass die Forscher des Technion-Israel Institute of Technology im israelischen Haifa nachweisen konnten. Das gleiche Phänomen macht nämlich auch der Schifffahrt zu schaffen.

Bei schneller Fortbewegung durchs Wasser im Bereich der jeweiligen Höchstgeschwindigkeiten der unterschiedlichen Delfine entstehen Unterdruckzonen, in denen sich kleine Dampfblasen bilden. Diese setzen beim Zerplatzen solche Kräfte frei, denen sogar das Metall von Schiffsschrauben auf Dauer nicht standhält. Das gleiche passiert auch bei Delfinen und für sie sind die platzenden Dampfblasen wohl wie Nadelstiche in die Haut, weil sich die Dampfblasen genau in Regionen bilden, wo sich auch die Nervenenden der Tiere befinden. Tiere bei denen die Positionierung der Nervenenden anders ist, können auch deutlich schneller schwimmen als Delfine, wie etwa der Thunfisch oder der blaue Marlin. Delfine könnten, so errechneten die Wissenschaftler, theoretisch noch schneller schwimmen, als sie es tun, aber die so genannte Kavitation hält sie davon ab.

Bei den Delfinen haben wir also eine Situation, dass sie ihre Spitzengeschwindigkeiten aufgrund ihrer Biologie nur kurz in Ausnahmesituationen erreichen. Das ist sehr wichtig, um die Zahlen richtig interpretieren zu können.

Messungen schwierig

Ein Navy-Delfin – Sobald Wale eine bestimmte Zeit in Menschenobhut sind, kann man sie nicht mehr auswildern. | Foto: Ste Elmore, Lizenz: CC BY 2.0

Das Problem bei der Ermittlung dieser Geschwindigkeiten, ist die Messung. Die meisten Geschwindigkeitsdaten, die man aktuell hat, stammen aus Messungen vom Boot aus. Das Problem: Die Delfine werden mehr oder weniger gejagt, die Messungen sind eventuell wegen der Messunschärfe des Tachos ungenau und man hat nicht wirklich eine verlässliche Geschwindigkeitsangabe für das normale Leben der Delfine. Das U.S. Navy Marine Mammal Program in San Diego (Kalifornien) ist wissenschaftlicher vorgegangen und man sammelte Werte von trainierten Tieren, die im Meer untersucht wurden, und auch wilden Tieren, die im Meer lebten.

Eine solche Studie war bisher nur für den Großen Tümmler möglich, aber sie lieferte seriöse Zahlen. Die Maximalgeschwindigkeit der Großen Tümmler beträgt 29 Kilometer pro Stunde, allerdings brachte die Studie auch zu Tage, dass die Tiere im Durchschnitt – also außerhalb einer Situation, die so eine Geschwindigkeit unbedingt erfordert – 6 Kilometer pro Stunde zurücklegen.

Für andere Delfinarten fehlen vergleichbare Studien bislang, weil es kein vergleichbares Programm mit anderen Delfinarten gibt. Da kann man sich nur auf die zweifelhaften Ergebnisse der Boote verlassen, allerdings ist ja hinlänglich bekannt, dass gerade solche Boote die Delfine unter Stress setzen und deshalb sind die Ergebnisse kaum verwertbar. Um dem ganzen aber trotzdem einen groben Richtwert zu geben, nimmt man zum Beispiel für Orcas eine maximale Sprintgeschwindigkeit von 48 km/h an.

Nun könnten ja manche davon ausgehen, dass durch den vorhanden Platz die Fähigkeit zum Schnellschwimmen bei Delfinariumsdelfinen verloren ginge. Auch damit hat man sich schon wissenschaftlich beschäftigt. Rohr et al. (1998) konnten nachweisen, dass in 2.000 Messungen keine Daten entstanden, die nahegelegt hätten, dass die Tiere in Menschenobhut quasi verlernen könnten, schnell zu schwimmen – Delfinariumsdelfine können genauso gut schnell schwimmen wie ihre wilden Artgenossen.

Strecke am Tag

Ein Trainer küsst Skyla im Orca Ocean (Loro Parque) – man sieht Liebe und Respekt zwischen Mensch und Tier | Foto: zoos.media

Die durchschnittliche Reisegeschwindigkeit ist viel einfacher und für die Tiere stressfreier zu messen. Bei Großen Tümmler liegt die bei 6 km/h und bei Orcas sprechen wir von einem Bereich von 3-10 km/h. Große Tümmler hätten also gar nicht die theoretische Möglichkeit, 150 km pro Tag zu schwimmen, selbst, wenn sie es Tag und Nacht durchschwämmen.

Im Zusammenhang mit dieser Geschwindigkeit kommt nun aber die Rolle der Ökotypen sehr stark zum Tragen. Transiente Ökotypen der Arten, reisen ihrer Nahrung hinterher und können tatsächlich viele Kilometer am Tag schwimmen. Dazu sind sie aber auch gezwungen, da sie sonst nicht überleben würden. In modernen Zoos und Aquarien hält man diese Ökotypen allerdings nicht. In ihrer Obhut findet man nur Tiere, die phänotypisch resident sind.

Deshalb darf man jetzt nicht Äpfel mit Birnen vergleichen und entsprechend nicht nicht vergleichbare Ökotypen gegeneinander ausspielen. So ein Vergleich muss seriös von statt gehen wie beim renommierten Experten Prof. Vincent Janik von der Universität von St. Andrews:

Delfinvorstellung in der Lagune des Tiergartens in Nürnberg | Foto: Jed, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

Grosse Tümmler aus dem Fanggebiet der in Deutschland gehaltenen Tiere schwimmen pro Tag maximal 55 km, halten sich aber oft auch tagelang in sehr kleinen Gebieten auf, die nur 1-2 km2 gross sind (Connor et al. 2000). Generell kann man sagen, dass die Tiere diese Strecken zur Nahrungssuche zurücklegen, aber bei gutem Futterangebot ihre Schwimmdistanzen stark verringern.”

Maximal 55 Kilometer pro Tag sind nun deutlich unter den behaupteten 150 Kilometern. Aber auch das ist ein Spitzenwert. Durchschnittswerte sind nochmal geringer. Irvine et al. (1981) sprechen von bis zu 30 Kilometer am Tag für die Großen Tümmler von Sarasota Bay und Tanaka (1987) von etwas mehr als 33 Kilometer pro Tag für Tiere in Japan. Mate et al. (1995) haben im Tampa Bay eine durchschnittliche Geschwindigkeit von rund 24 Kilometern pro Tag für residente Große Tümmler gemessen.

Für residente Orcas beschreiben Williams & Noren (2009) für eine residente Population eine durchschnittliche Schwimmgeschwindigkeit von unter 6 km/h. Auch sie könnte bei 24 Stunden durchschwimmen nicht auf 150 km/d kommen. Genau wie bei Großen Tümmlern schwimmt aber auch kein residenter Orca normalerweise rund um die Uhr pausenlos durch. Antarktis Orcas vom Typ B legent rund 57 km/d zurück, der fischfressende Typ C im Schnitt allerdings nur 11–30 km/d.

Probleme bei der Haltung?

Die entscheidende Frage ist nun, wie man diese Zahlen in Bezug auf die Haltung interpretiert. Im Artikel haben wir uns auf die Maximalgeschwindigkeit und die insgesamte Bewegung am Tag konzentriert und keine Zahlen gefunden, die einen in Delfinarien vor irgendwelche Problem stellen würde.

Es ist bekannt, dass sich in Menschenobhut der benötigte Aktionsraum von Säugetieren verringert. Der Tümmler oder Orca muss die Fische nicht mehr suchen, sondern kann sich darauf verlassen an einem Ort immer verlässlich genug Futter zu bekommen. Würde man das bei einem wilden Tier tun, würde das auch nicht mehr Energie verschwenden und großartige Strecken zurücklegen – warum sollte es auch?

Ebenfalls muss man bei den Zahlen aus der Wildbahn in Betracht ziehen, wie überfischt die Meere schon sind und wie fragmentiert die Lebensräume der Fischbestände – hier müssen die Delfine dann natürlich auch deswegen größere Strecken zurücklegen. Man darf sich nicht der falschen Annahme hingeben, die Tiere würden aus Spaß an der Freude so viele Kilometer zurücklegen. Sehr gut fasst das Dr. Kerstin Ternes in diesem Interview zusammen:

Wichtig ist also, die Zahlen im richtigen Kontext zu interpretieren und zu verstehen, warum ein Delfin eine bestimmte Anzahl an Kilometer schwimmt. Dann versteht man schnell, dass diese Zahlen keine Problematik für die Haltung dieser Tiere evozieren, solange eben diese Haltung auf wissenschaftlichen Grundlagen fußt, was sie in modernen Zoos und Aquarien tut.

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