Schimpansenbaby im Loro Parque | Foto: zoos.media

Die Heuchelei des Deutschen Tierschutzbundes

Exklusiv für zoos.media – 01.12.2017. Autor: Philipp J. Kroiß

In einem dpa-Bericht durften Tierrechtler mal wieder Desinformationen über Zoos unwidersprochen verbreiten. Diesmal: der Deutsche Tierschutzbund.

 

Die Heuchelei des Deutschen Tierschutzbundes

Was sich Zoos heute von Anti-Zoo-Lobbyisten anhören müssen, ist schon allerhand. Ob es nun die radikalen Tierrechtler von PETA sind oder vorgebliche Experten des Deutschen Tierschutzbundes, der sich wohl besser in Deutscher Tierrechtsbund umbenennen sollte, für solch dreistes Desinformieren, findet man zuweilen schwer Worte.

Eigentlich war der Tierschutzbund im 19. Jahrhundert als Dachorganisation der Tierschutzvereine und Tierheime in Deutschland gegründet worden – also eigentlich eine gute Sache, und Wurzeln zu denen er sich zurückbesinnen sollte. Was die Expertin für Artenschutz beim Deutschen Tierschutzbund, Denise Ade, von sich gibt, hat nämlich weder mit einer sachgerechten Tierschutz-, noch mit einer ordentlichen Artenschutzposition etwas zu tun.

Populismus über verschiedene Haltungen

Zuerst geht es um Raubkatzenhaltung: Hier werden beheizbare Liegeflächen und fehlende Rückzugsorte kritisiert. In modernen Anlagen wird bereits seit Jahres beides geboten – Möglichkeiten für die Tiere sich zurückzuziehen und Möglichkeiten, Wärme von unten zu genießen. Die Raubkatzen können hier wählen.

Eisbärin Flocke im Oktober 2008 | Foto: On a highway to hell, Lizenz: CC BY 3.0

Völliger Unsinn ist dann dieser Satz: „Eisbären etwa haben in der Natur riesige Reviere und lange Wanderstrecken, Delfine tauchen mehrere hundert Meter tief – das kann man ihnen in Gefangenschaft niemals bieten.“ Schon bei PETA hatten wir Beispiele wie mit falschen Prämissen scheinbar logisch erscheinende Schlüsse zu einem Zerrbild der Realität führen. Das gleiche findet sich hier, denn schon die Prämisse ist falsch: dass Zoos die Natur 1:1 nachbauen müssen, damit es den Tieren gut geht.

Eisbären haben in der Natur große Reviere, die allerdings durch den Rückzug des Eises auch stark vergrößert sind. Im Zoo zieht sich das Eis nicht zurück, das Futter muss nicht mühsam in der kargen Eiswüste oder im Wasser einzeln erjagt werden – das sind nur zwei Beispiele, weshalb sich der benötigte Aktionsraum für Eisbären in Menschenobhut im Vergleich zur Natur drastisch verringert. In Zoos werden die Eisbären älter und die Jungtiere haben eine höhere Überlebenschance – sicher nicht, weil sie so schlecht gehalten werden.

Später sagt sie noch über Eisbären: „Das ist eine Art, bei der Zoos immer groß den Artenschutz betonen, aber am Ende werden keine Eisbären ausgewildert.“ Wohin sollen die Eisbären denn ausgewildert werden, wenn der Lebensraum für sie immer kleiner und mehr und mehr zerstört wird? Es macht doch keinen Sinn, aktuell auszuwildern und so sogar noch den Konkurrenzdruck für die in der Natur verlieben Eisbären zu erhöhen, die ohnehin schon Probleme haben mit dem immer geringer werdenden Lebensraum- und Futterangebot über die Runden zu kommen.
Deshalb wildern Zoos Eisbären nicht aus, sondern dienen in anderer Weise dem Artenschutz, indem sie die Tiere als Botschafter ihrer Art und ihres Lebensraumes zeigen.

Delfinkalb Debbie im Zoo Duisburg putzmunter | Foto: zoos.media

Es gibt durchaus Delfine, die hundert Meter tief tauchen. Aber keiner dieser Delfine wird in modernen Zoos gehalten. In Deutschland werden resident und inshore lebende Große Tümmler gehalten, die in der Wildbahn Lebensräume bis maximal 20 Meter Tiefe bewohnen – da muss man kein Spitzenmathematiker sein, um die Unmöglichkeit eines hundert Meter tiefen Tauchgangs zu errechnen.

„Tauchtiefen sind bei Tieren in Küstengegenden meist durch die Wassertiefe begrenzt. Auch hier ist das Verhalten meist von der Nahrungssuche geprägt. Das von den Grossen Tümmlern in der residenten Population von Sarasota in Florida genutzte Habitat ist grösstenteils unter 4 m tief mit einer Maximumtiefe von 10 m in Teilbereichen (Wells et al. 1987).“ – Prof. Vincent M. Janick, School of Biology – Director of the Scottish Oceans Institute (SOI)

Dass die wilden Artgenossen des Flussdelfins, der in Deutschland im Zoo Duisburg lebt, ebenfalls in der Natur keine Habitate bewohnt, der eine Tauchgang von einhundert Metern erlaubt, dürfte allein aufgrund des Namens klar sein.

Man merkt also wie populistisch und realitätsfremd diese Aussage über Delfine ist. Selbst die viel größeren residenten Orcas (Tauchrekord eines trainierten Tieres 260 Meter), die auch im VdZ-Raum auch gehalten werden, verbringen in der Wildbahn rund 70% ihrer Zeit in Tiefen von 10 Metern oder weniger. Weitere 10% in Tiefen von 10-20 Metern (Baird et al., 2005). Tiefer tauchen sie nur, wenn sie durch das Nahrungsangebot oder andere Faktoren dazu gezwungen werden. Somit reichen Mehrbeckensysteme von bis zu 12 Metern Tiefe völlig aus, zumal sie ihr Futter ausschließlich an der Wasseroberfläche bekommen und keinen Grund haben, Tauchrekorde anzustreben.

Artenschutz & Edukation in Zoos

Einem Eisbär eine Freude machen: Zoopädagogik im Tiergarten Nürnberg bringt Tiere, Menschen auf vielen Ebenen nahe. | Foto: Nicola Ohnemus

Anhand Beobachtungen in einem Zoo im Münchener Raum, postuliert Ade, dass die Besucher, ihrem Eindruck nach, den Artenschutz nicht so wahrnehmen würden, „wie es sein sollte“. Auch das ist typisches Vorgehen von Zoogegnern, persönliche Beobachtungen werden zur Beantwortung allgemein gestellter Fragen genutzt, um einen bestimmten, so intendierten Eindruck zu vermitteln. Sie erklärt hier nicht, dass sie die Rezeption von Artenschutz-Informationen in Zoos gar nicht beurteilen kann, weil sie dazu keine hinreichenden Datensätze hat, wie es anscheinend der Fall ist, sondern sie schwadroniert persönliche Erfahrungen.

Dass Sie wenig Erfahrung mit modernen Zoos gesammelt hat, legt ihre nächste Vermutung dar: „Ich habe den Eindruck, dass sich Zoos immer mehr zu Freizeitparks entwickeln. Dabei sollte mehr Wert auf Bildung gelegt werden, um Besucher etwa über den Schutz von Lebensräumen aufzuklären.“ Dieser persönliche Eindruck ist falsch – Zoos investieren immer mehr in Artenschutz und Bildung. Der Artenschutz ist wirkungsvoll und die Edukation funktioniert, was man auf Basis einer in diesem Jahr erschienen Studie sogar wissenschaftlich belegen kann. Da sie ja in Bayern unterwegs zu sein scheint, kann sie das zum Beispiel im Tiergarten Nürnberg beobachten, worüber wir berichtet haben . Freilich findet man aber natürlich in vielen anderen modernen Zoos in ganz Deutschland Bildungsprogramme – und das sogar ziemlich einfach.

Zukunft der Zoos

Denise Ade findet, dass Zoos generell heimische Arten statt Exoten halten sollten. Auch wieder so eine Aussage, wo man sich fragt, ob die angebliche Expertin ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat: Die Haltung heimischer Arten findet man vordergründig in Wildgehegen und Wildparks. Das ist die richtige Adresse für ihr Anliegen und es gibt tolle Einrichtungen in ganz Deutschland, die das erfolgreich tun – aber das sind eben keine klassischen Zoos, sondern eben Wildgehege oder Wildparks.

Vorher war der Deutsche Tierschutzbund von dpa wie folgt eingeführt worden: „Der Tierschutzbund lehnt Zoos aber nicht generell ab – im Gegensatz zu anderen Tierrechtlern.“ Nun muss man sich fragen, ob die Autorin oder der Autor das eigene Interview nicht verstanden hat. Wer sagt, dass er möchte, dass Zoos zu Wildparks werden sollen, verpackt seine Zoogegnerschaft nur ganz putzig, bleibt aber trotzdem Zoogegner. Wenn man sagt, man sei nicht gegen Fußball, aber möchte, dass der Ball kleiner sein soll und, völlig anderen Regeln folgend, mit der Hand gespielt solle, sagt in beispielhaften, blümeranten Worten, dass er Handball durch Fußball ersetzen will.

Auf der eigenen Webseite findet man ähnliche Heuchelei des Deutschen Tierschutzbundes. Dort steht: „Der Deutsche Tierschutzbund lehnt die Haltung von Tieren in zoologischen Einrichtungen nicht generell ab.“ Als Positivbeispiel, in Abgrenzung zu Zoos, nennt man dann einen Wildpark – also etwas völlig anderes. Ein Wildpark ist nun mal kein Zoo und wer will, dass alle Zoos zu Wildparks werden, will zweifelsohne Zoos abschaffen und hat nur offensichtlich Skrupel, dies offen zu kommunizieren. Wildparks sind wunderbar und es ist gut, dass es sie gibt, aber sie sind nun mal keine Zoos. Aktuell können beide Formen von Einrichtungen wunderbar koexistieren, sie nun gegeneinander auszuspielen, ist völlig daneben.

Lächerliche Abstimmung

Unter diesem, wie leider schon gewohnt einseitigen, Bericht der dpa, in denen Tierrechtslobbyisten immer mal wieder unwidersprochen Desinformationen breittreten dürfen, setzt dann schwaebische.de eine Abstimmung über Zoos. Wie soll sich bitte jemand ein ordentliches Bild über Zoos machen können, der so einseitig und schlicht falsch informiert wird? Solche Abstimmungen haben mit Seriosität nichts zu tun, sondern sind zum Clickbait geworden: Zoogegner und Zoofreunde sollen sich batteln, dass auch ja die eigene Seite „gewinnt“. Der einzige der bei solchen völlig nichtssagenden und irrelevanten Abstimmungen gewinnt, sind die, die sich über Klicks freuen, damit sich die Anzeigen besser verkaufen. Solcher „Journalismus“ hat aber nicht einen Klick verdient.