Auge eines Amur-Tigers - fotografiert im Pittsburgh Zoo | Foto: (c)2007 Derek and Julie Ramsey (Ram-Man) edit by Chris_huh, Lizenz: public domain

Hat “Ein Herz für Tiere” kein Herz für Tiere?

Exklusiv für zoos.media – 20.04.2018. Autor: Philipp J. Kroiß

Heike Heel hat in der Mai-Ausgabe von “Ein Herz für Tiere” einen Haufen Desinformationen zusammengeschrieben, die in diesem Artikel in Auszügen besprochen und widerlegt werden.

Hat “Ein Herz für Tiere” kein Herz für Tiere?

Was Heike Heel für “Ein Herz für Tiere” in der Ausgabe für Mai 2018 veröffentlichte, ist nicht nur eine journalistische Bankrotterklärung von ihr, sondern auch eine solche für das Anliegen des Magazins, in dem es erschien.

Einstieg mit Platitüde

Panthera tigris altaica im Tierpark Berlin | Foto: Agadez, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Zu Beginn beruft sich Heel auf einen Lyriker, um den Zuschauer auf das angebliche Leid von Tieren im Zoo hinzuweisen. Es ist immer wieder spannend zu sehen, wie plötzlich Lyrikern eine Expertise in Zootierhaltung unterstellt bekommen und in dieses Fettnäpfchen tritt Heike Heel direkt am Anfang. Munter wird ins nächste gehüpft, denn natürlich spricht sie auch von “Gefangenschaft” und zeigt, dass die damit nicht auf der Höhe der aktuellen Wissenschaft ist, denn mit Gefangenschaft hat Zootierhaltung nichts zu tun, weshalb auch die Verwendung des Wortes abnimmt. Aber sie hört auch danach nicht auf, Unkenntnis schon in der Einleitung zu extrovertieren, denn anschließend ordnet sie Zoos auch noch in die Eventlandschaft ein, statt in die Kulturlandschaft – man merkt, es harpert bei Heike Heel bereits wohl an simplen Grundlagen. Um das Bingo der Ahnungslosigkeit schon in der Einleitung frühzeitig zu gewinnen, wird auch der veraltete Begriff “artgerecht” verwendet, der auch aus dem aktuellen Diskurs mehr und mehr verschwindet.

Lager formieren

Im nächsten Teil des Artikel will sie erstmal einen Kontrast aufbauen: “radikale Tierschützer” versus “wissenschaftlich arbeitende Zoos, Tierparks und Aquarien”. Dieser zeigt nun erneut ihre Unkenntnis von Grundlagen: sie verwechselt Tierschützer und Tierrechtler – was für ein peinlicher Fehler! Allein in der Tierrechtsideologie liegt eine Legitimation begründet, Tierhaltung abzulehnen. Wahre Tierschützer kooperieren mit Tierhaltungen – etwa Tierheimen, Zoos oder Aquarien mit tiergerechter Haltung – und arbeiten nicht gegen sie. Die Zoogegnerschaft ist eine Tierrechtsposition, keine Tierschutzposition.

Der Schwarzfußiltis (Mustela nigripes) wurde auch durch die Arbeit von Zoos gerettet. | Foto: Kimberly Fraser / USFWS Mountain-Prairie, Lizenz: CC BY 2.0

Anschließend muss man sich fragen, in welcher Realität Heike Heel lebt, wenn sie schreibt, dass Auswilderungsprojekte selten erfolgreich wären. Das ist dreist gelogen. Moderne Zoos und Aquarien haben viele Arten erfolgreich vor dem Aussterben gerettet. Dass sie das Gegenteil behauptet, spiegelt nicht die Realität wider, sondern offensichtlich mangelnde Recherche.

Ohne jede Kompetenz kanzelte sie anschließend die Gehege in modernen Zoos als nicht ausreichend ab, obgleich die der akrreditierten auf moderner Wissenschaft beruhen. Heike Heel meint es besser zu wissen – freilich ohne eigene Expertise. Nur eine Installation kommt bei ihr gut weg: die Kiwara-Savanne des Zoo Leipzig. Als Vorzug nennt sie dabei die Quadratmeterzahl – das Gondwanaland im gleichen Zoo hat sie in Bezug darauf generös übersehen genauso wie die vielen anderen Installationen in akkreditierten Zoos auf der ganzen Welt, die eine vergleichbar hohe Haltungsqualität bieten wie die genannte Savanne.

Der nächste Absatz beginnt dann mit etwas, das man wohlwollend als Küchenpsychologie bezeichnen könnte. Heike Heels Privattheorie: weil man Klimazonen nicht 1:1 nachempfinden könnte, würden sich auch die Tiere auch anders verhalten. In der Grundschule könnte man so etwas vielleicht noch als “gewollt, aber nicht gekonnt” weglächeln, aber bei einer erwachsenen Frau muss man sich schon fragen wie sie es geschafft hat, offenbar noch nie ein Fachbuch in Richtung Verhaltensbiologie in der Hand gehabt zu haben. Verhaltensbiologie fußt seit jeher auf zwei Grundpfeilern und das ist die Forschung in der Wildbahn und in modernen Zoos und Aquarien. So ist es auch klar, warum sie diese Privattheorie nicht belegt, weil sie kein seriöses Fachbuch finden wird, das sie stützt.

Heike Heel blamiert sich durch Unwissen

Den folgenden Punkt muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Auf seiner Webseite zitiert der VdZ das deutsche Gesetz und was es über Zoos sagt. Daraus konstruiert Heike Heel dann eine Art Offenbarung, dass es in Zoos ja vor allem um die Ausstellung von Tieren ging. Das ist völlig lächerlich – warum? Für alle VdZ-Zoos, in Deutschland, in Österreich, in der Schweiz und anderen Ländern gilt die Zoodirektive der EU. Diese Richtlinie 1999/22/EG des Rates über die Haltung von Wildtieren in Zoos legt unmissverständlich fest, dass kein Zoo in der EU eine Betriebserlaubnis bekommt, ohne Arten- und Naturschutz zu betreiben und stellt somit den Zoo als Artenschutzzentrum vor. Wenn sie sich also schon mit gesetzlichen Richtlinien beschäftigen will, muss sie auch die geltenden nennen. Das passt aber natürlich nicht in das nun spätestens offensichtliche Konzepts des Artikels, Zoos plump schlecht zu reden. Die akkreditierten und zertifizierten Zoos allerdings müssen auch über die Grenzen der EU immer entsprechende Schutzprojekte vorweisen.

Die Delfinlagune des Tiergarten Nürnberg: gut besucht bei einer der edukativen Vorstellungen | Foto: Jed, Lizenz: CC BY-SA 3.0 DE

Natürlich darf auch eine weitere Platitüde nicht fehlen: Delfinarien könnten niemals artgerecht sein (zu der Verwendung des Begriffs “artgerecht” s.o.), da sei man sich einig, behauptet Heel. Worin ist man sich denn tatsächlich einig ist, ist die Wichtigkeit von tiergerechten Delfinhaltungen in modernen Zoos und Aquarien: 80 der renommiertesten Wissenschaftler auf diesem Gebiet unterstützen die Haltung von Meeressäugern in zoologischen Einrichtungen.

Heike Heel fantasiert sich eine Einigkeit bezüglich des Gegenteils herbei und blamiert sich damit völlig. Die Wissenschaft hat nachwiesen, dass Delfine in modernen Delfinarien gesünder sind, weniger schädlich gestresst sind und länger leben als ihre wilden Artgenossen. Zudem wurde der Ausstoß von Glückshormonen beim Training nachgewiesen. Diese grundlegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht zu kennen und sich trotzdem berufen zu fühlen über Delfinarien zu schreiben, lädt den informierten Leser zum Fremdschämen ein. Leider gibt aber Heels Artikel dem uninformierten Leser keine echte Chance, sich wirklich zu informieren – das wirkt inzwischen wie eiskalte Absicht.

Skandale als verzweifelter Rettungsversuch

Wahrscheinlich um zumindest den Anschein zu erwecken, man habe Belege, werden Skandale aufgeführt. Auf wen verweist sie da als erstes: die “Tierschutzorganisation PETA”. Schauen wir uns doch mal an, was PETA-Funktionäre dazu sagen – etwa in Bezug auf einen Artikel von Micky Beisenherz:

Diesem Hund wurde von PETA die Chance auf ein neues Zuhause genommen. Zehntausenden Haustieren ging es ähnlich. | Foto von http://whypetakills.com (Nathan J. Winograd)

“Ich möchte dich wirklich nicht überfordern, aber wir machen gar keinen Tierschutz … Stille … Raunen in der Menge … Wir arbeiten für Tierrechte. Das ist was anderes, und da sind wir wieder beim Affen-Selfie: Tierschutz belässt das Tier als Objekt, Tierrechte machen das Tier zum Subjekt. Wir fordern nicht größere Käfige, sondern deren Abschaffung.”
– Hendrik Thiele, Leiter des Bereichs „Kreation & Großprojekte“ bei PETA Deutschland

Aber Heike Heel, das wissen wir, kann sich mehrmals in einem Absatz blamieren. Dreimal darf man nun raten, worauf sie sich mit der Erwähnung von PETA bezieht. Richtig, auf das Video über die Elefantenhaltung des Zoo Hannover. Diese Video wurde Manipulation bereits hinreichend nachgewiesen. Anschließend moniert sie dann Shows im Erlebnis-Zoo Hannover, die es längst nicht mehr gibt.

Die nächste bodenlose Frechheit folgt auf dem Fuße: Sie wirft dem Zoo Cincinnati die Tötung des Gorillas Harambe vor, zu der der Zoo gezwungen war, nachdem durch Verschulden der Besucher ein Kind ins Gehege gefallen war. Für so eine “journalistische Leistung” findet man dann wiederum nur schwer Worte. In diesem Zusammenhang stellt sie dann auch noch die Frage, ob ein Zoo zeitgemäß wäre, wenn er für Menschen gefährliche Tiere halte. Nun, wie man dank der Beissstatistik weiß, sind auch Hunde gefährlich für Menschen – sogar viel gefährlicher als Gorillas, wenn man sich die Zahl der tödlichen Unfälle in Bezug auf die gehaltenen Tiere anschaut.

Dann kommt wieder eine kühne Behauptung: Zoos würden im Entertainment-Sektor aufrüsten. Einen Beleg dafür, kann sie nicht nennen – sie wirft es einfach mal in den Raum. Sie versucht es zwar, die an Beispielen zu belegen, aber jedes Beispiel, das sie nennt, ist eine Installation, die für die Besucher attraktiv ist, um sie zu den edukativen Angeboten zu geleiten. Man merkt, dass sie die Installationen nicht kennt, sondern nur über sie schreibt als würde sie sie kennen.

“Zoo ohne Tiere”

In der edukativen Flugshow im Zoo Köln erleben die Besucher die Tiere hautnah und lernen etwas über sie. | Foto: zoos.media

Völlig ad absurdum führt sie ihre Entertainment-Theorie, wenn sie tierlose Attraktionen als Alternative zu Zoos beschreibt. Wer ernsthaft denkt, man könnte in und mit solchen Einrichtungen die dringend notwendige (Grundlagen-)Forschung, Edukation oder die Schutzprojekte realisieren, wie man es mit modernen Zoos kann, versteht nichts von umfassendem Tier-, Arten- und Naturschutz und unterschätzt massiv die Medienkompetenz ihrer Rezipienten – wir hatten darüber entsprechend berichtet.

Dies ernsthaft als Alternative zu sehen und auch noch als Zoo zu bezeichnen, zeigt das ganze Dilemma, das ihre offensichtliche mangelnde Recherche zu den Grundlagen moderner Zootierhaltung hervorbringt. Bei völliger Ahnungslosigkeit entstehen genau solche Artikel, die Heike Heel da fabriziert.

Scheinheilige Conclusio

Nachdem sie nun nach einer desolaten Einleitung eine völlig realitätsfremde “Argumentation” gebracht hat, kommt sie zur abschließenden Zusammenfassung. Erstmal gibt sie sich versöhnlich – welch ein gönnerhafter Schachzug, nachdem sie ihre Leser so dermaßen desinformiert hat. Durch Fragen versucht sie den Leser, den sie mit ihrem Populismus nun in eine bestimmte Richtung gelenkt hat, zu beeinflussen. Im letzten “Satz” enthüllt sie dann ihren Wunsch nach “Freiheit” für die Tiere.

Ein Tigerhai auf den Bahamas | Foto: Albert kok, Lizenz: CC BY-SA 3.0

So eineForderung bezeugt ein grausame Naivität und ein gefährliches Nichtwissen. Tiere sind in der Natur nicht frei, sondern kämpfen jeden Tag ums nackte Überleben – das hat mit Freiheit nichts zu tun. Es zeigt wie naturentfremdet Menschen wie Heike Heel sind und wie wenig Kenntnis sie zum Thema haben. Populationen verrecken elendig, weil Lebensraumzerstörung die Populationen verinselt und in die Inzucht treiben. Ihre Lebensgrundlage, die Nahrung, wir ihnen mehr und mehr genommen oder vergiftet. Die Kontamination hört aber nicht bei der Nahrung auf, sondern geht, etwa im Meer, beim gesamten Lebensraum weiter.

Zoogegner negieren das völlig und preisen diesen desolaten Zustand sogar als Freiheit – ganz klar: der Hai hat unglaublich viel Freude an der Freiheit, wenn er sich in einem Geisternetz verfängt und qualvoll verhungert. Genauso spaßig finden es dann die Raubtiere, die vom sterbenden Tier angelockt werden und etwas Nahrung abstauben wollen, weil sie nichts andere zu fressen kriegen. So verfangen sich dann nämlich immer noch mehr Tiere in diesen Geisternetzen und können gleich im Chor ein Loblied auf die Freiheit anstimmen.

Die Vermutzung der Meere schadet einem ganzen Ökosystem mit allen seinen Bewohnern. | Foto: epSos.de, Lizenz: CC BY 2.0

Man möge an dieser Stelle den Sarkasmus verzeihen, aber er war nötig, um mal klar zu machen wie völlig realitätsfremd es ist, die Natur als “Freiheit” zu glorifizieren. Menschen machen Tieren das Leben zur Hölle und die Zoos versuchen hier gegenzusteuern. Sie klären auf über die Lebensräume – von der Verschmutzung des Meeres bis zu Zerstörung des Regenwaldes und noch viel weiter – und tun ihr möglichstes sie zu schützen mit einem System, das nicht nur in seiner jetzigen Form schon erfolgreich ist, sondern mit Hilfe der Wissenschaft immer weiter optimiert wird.

“Journalisten” wie Heike Heel und die “Ein Herz für Tiere”-Redaktion, die das zur Veröffentlichung freigab, hingegen, wirken genau diesem funktionierenden und erfolgreichen Tier-, Arten- und Naturschutz entgegen, in dem sie Desinformationen breittreten. Wie vermessen es doch ist, dies vor dem Hintergrund des Namens “Ein Herz für Tiere” zu tun. Dieser Artikel ist ein Schlag ins Gesicht all jener, die wirklich ein Herz für Tiere haben.