Spektakuläre Sprünge sind Teil der edukativen Show im Loro Parque. | Foto: zoos.media

ITB 2019: Starkes Statement für moderne Zoos und Aquarien

Exklusiv für zoos.media – 13.03.2019. Autor: Philipp J. Kroiß

In einer Vortragsreihe auf der ITB 2019 in Berlin ging es um die Bedeutung des modernen Zoos in der heutigen Zeit im Hinblick auf den wichtigen Naturschutz.

ITB 2019: Starkes Statement für moderne Zoos und Aquarien

Der Loro Parque, der nach TripAdvisor beste Zoo der Welt ist, hatte bei der ITB zu einer Vortragsreihe geladen, die die Bedeutung von modernen, zertifizierten und akkreditierten zoologischen Einrichtungen hervorheben und belegen sollte. Dazu sprachen Dr. Michael Frenzel, Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) und Botschafter für Reisen und Tourismus des World Travel and Tourism Council (WTTC), Christoph Kiessling, Vizepräsident des Loro Parque und Präsident der Loro Parque Fundación, Prof. Dr. Boris Culik, von der F³: Foschung. Fakten. Fantasie Research and Project company, und Dr. Matthias Reinschmidt, Direktor des Zoo Karlsruhe. Moderiert wurde die Veranstaltung von dem Biologen Wolfgang Rades, dem Artenschutzbeauftragten des Loro Parque.

Botschafter der UNO und WTO für nachhaltigen Tourismus findet deutliche Worte

Großer Soldatenara in einer Gemeinschaftsvoliere in der Zuchtstation der Loro Parque Stiftung | Foto: zoos.media

Dr. Michael Frenzel bekleidet zahlreiche Funktionen und ist unter anderem auch Gründungspräsident des Wirtschaftsforums der SPD e. V. und darüber hinaus wurde er, was auch im Rahmen der ITB nochmal erneuert wurde, zum Botschafter für nachhaltigen Tourismus der UNO und WTO ernannt. Nicht nur deshalb ist für ihn der nachhaltige Tourismus ein großes Thema.

Der Tourismus wachse weiter und sorge so für Herausforderungen in der Zukunft. Die große Frage wäre, wie man das nachhaltig gestalte, also so, dass auch nachfolgende Generationen noch die Schönheit des Planeten erleben könnten. Dazu gehöre mit Sicherheit auch die Tierwelt. Er habe selbst erfahren, dass sich die Natur verändere und viele Tierarten aussterben und dankte Herrn Wolfgang Kiessling für das Engagement des Loro Parque im Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW). Er unterstütze die Arbeit des Loro Parque voll und bewunderte die Lebensleistung des Präsidenten.

Gleichzeitig sei er sich auch darüber bewusst, dass die Zoofrage bisweilen diskutiert werde, aber er erklärt auch, dass man Tiere nicht einfach auswildern könne, weil es kaum Überlebenschancen geben würde. Deshalb sei der moderne Zoo, wie etwa der Loro Parque einer ist, wichtig. Aus diesem Grund begrüße er auch diese Veranstaltung, weil die Message des Tier- und Artenschutzes immer wieder in den Köpfen der Menschen verfestigt werden müsse und so auch in die touristischen Märkte gebracht werden solle. Dementsprechend seien moderne Zoos und Aquarien ein großartiger Beitrag zum nachhaltigen Tourismus.

Moderne Zoo eine Antwort auf die Überbevölkerung

Christoph Kiessling spricht über Überbevölkerung und Urbanisierung. | Foto: zoos.media

Christoph Kiessling, der als Präsident der Loro Parque Stiftung, die schon neun Papageienarten vor dem Aussterben retten konnte, zu den weltweit führenden Artenschützern gehört, berichtete daraufhin über ein massives Problem: das rasante Bevölkerungswachstum und eine zeitgleich geschehende Urbanisierung der Bevölkerung. Die UN schätzt, dass, wenn das Wachstum der Bevölkerung zum Ende des Jahrhunderts endlich zum Erliegen kommt, etwa 10-11 Milliarden Menschen auf der Welt sein würden. Die brauchen natürlich enorm viel Platz und Ressourcen.

Die Antwort auf diese Probleme, erklärte er, wäre der moderne Zoo. Warum? Im modernen Zoo ist man eben nicht nur ein Fenster zur Natur für naturentfremdete Städter, sondern auch eine wichtige Einrichtung für Edukation, Forschung und Artenschutz. Zoos und Aquarien können so aktiv helfen, Antworten auf diese wichtigen Fragen zu finden und auch eine Arche Noah sein, die Zuchtprogramme für gefährdete Arten ermöglicht.

Zoo ist aber nicht gleich Zoo, und so wies er auf die Bedeutung von Akkreditierung und Zertifizierung hin. Dabei nahm er den Loro Parque als Beispiel und wies danach auf einen konkreten Fall hin, in dem man schon helfen konnte: Das Schwertwal-Weibchen Morgan war nur dank moderner Zoos gerettet worden und hat nun nicht nur eine neue Familie gefunden, sondern ist im Loro Parque auch Mutter geworden. Für Christoph Kiessling ist somit klar: “Die modernen Zoos sind die Stimme der Tiere.”

Wal-Experte gibt klares Statement ab

Die Orcadame Morgan auf der Waage im Orca Ocean des Loro Parque | Foto: zoos.media

Als Autor eines Basiswerks zu Cetaceen, gilt der Meeresbiologe Prof. Boris Culik als einer der bedeutendsten Walexperten weltweit. Für ihn sind zertifizierte Delfinarien und Walarien von großer Wichtigkeit. Seine Forschung zu Schweinswalen, die nur aufgrund der Haltung dieser Tiere in Menschenobhut überhaupt möglich war, hat dazu geführt, dass der Beifang von Schweinswalen in der westlichen Ostsee um rund 70% reduziert werden konnte – ein riesiger Erfolg für den Walschutz in Deutschland.

Er erforscht auch die Strandung der Wale und hat sich in diesem Zusammenhang intensiv mit dem Fall Morgan beschäftigt. Bei seinen Nachforschungen fand er heraus, dass massive Sprengungen im Rahmen von Marine-Operationen just über einen längeren Zeitraum in dem Bereich der Nordsee stattfanden, in dem der Orca Morgan im Juni 2010 alleine und vollkommen abgemagert im niederländischen Wattenmeer geborgen worden war. Diese seien auch wissenschaftlich von Benda-Beckmann et al. Beschrieben worden.

In weiteren Nachforschungen soll nun versucht werden, diese Hypothese zu begründen, aber sie gilt aktuell als die wahrscheinlichste. Ebenso wies der Experte exemplarisch für die große Bedrohung der Wale durch menschliche Eingriffe auf den Niedergang der Southern Resident Killer Whales hin. Man müsse nun handeln, erklärt er.

In diesem Zusammenhang wären zertifizierte Delfinarien sehr wichtig – gerade auch solche seriösen zoologischen Einrichtungen, die Orcas hielten. Als Beispiel für die tiergerechte Haltung dieser großen Delfinart beschrieb er den Loro Parque und zeigte am Beispiel eines Goldfischglases wie viel Platz die Tiere dort haben. Die im Glas winzig klein wirkenden Orcas zeigten anhand eines nachvollziehbaren Beispiels die Großzügigkeit der Anlage exzellent. Demgegenüber erklärte er aber, dass Netzkäfige, auch gerne sea pens oder bay pens genannt, keine bessere Alternative darstellten.

Beluga (Weißwal) in L’Oceanogràfic | Foto: Carquinyol, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Er hatte sich intensiv mit dem geplanten Netzkäfig-Projekt für Belugas in der Bucht einer isländischen Insel beschäftigt. In diesem Zusammenhang erwähnte er auch das Scheitern der Auswilderung vom des Schwertwals Keiko. Ebenso sah er den Transport der verbliebenen Großen Tümmler aus einem Delfinarium in Arizona, deren Artgenossen eventuell an valley fever gestorben sein könnten, wie er vermutete, in ein „Sanctuary“ kritisch. Er wies daraufhin, dass die Wasserqualität dort zweifelhaft wäre und es für Menschen zu 40% des Jahres Badeverbot geben würde.

Im Zusammenhang mit dem Netzkäfigprojekt für die Belugas, das in Zusammenarbeit mit der radikalen Delfinariengegnergruppierung WDC realisiert werden soll, wies der Experte darauf hin, dass Belugas in Island nicht heimisch sind, es dort aktive Vulkane gäbe, und eine massive Häufigkeit von Stürmen, die die Versorgung der Tiere und die Instandhaltung der Netzkäfige schon zu Zeiten Keikos gefährdet hatten. Auch befürchtet er eine Beeinträchtigung der Wasserqualität im Hinblick auf Kontamination und Infektionen.

Anschließend kam er auf das Vaquita-Projekt zu sprechen, bei dem er das Scheitern eines Wildfanges im Herbst 2017 ausdrücklich bedauerte. Dieses Artenschutzprojekt sei angesichts des sich lange abzeichnenden eklatanten Rückgangs der Vaquitas zu spät angefangen worden und so etwas dürfe nicht nochmal geschehen. Was ebenfalls nicht geschehen sollte, wäre ein Fangaktion, wie sie in Russland, die dazu geführt hatte, dass dort sehr viele Belugas und Orcas gefangen wurden. Bei der späteren Diskussion nach den Vorträgen erklärte auch der Loro Parque Gründer und Präsident Wolfgang Kiessling, dass so ein Fang völlig unnötig wäre, weil es ja in menschlicher Obhut bereits genügend Tiere zum Züchten geben würde.

Matthias Reinschmidt berichtet aus der Praxis

Dr. Matthias Reinschmidt erklärt wie Zoos und Aquarien im Artenschutz aktiv werden. | Foto: zoos.media

Der derzeit wohl aktuell bekannteste Zoodirektor Deutschlands, der Biologe Dr. Matthias Reinschmidt, zeigte am Beispiel des Zoo Karlsruhe konkret, wie ein moderner Zoo in Deutschland den wichtigen und notwendigen Tier-, Arten- und Naturschutz betreiben kann. Dazu stellte er erstmal zunächst die Welt-Zoo-Naturschutzstrategie, sowie wichtige Fachverbände der Zoowelt vor. Anhand einer großen Tropenhalle, die früher mal ein Schwimmbad gewesen ist, zeigte er auf, wie der moderne Zoo erforschbare Naturräume schaffen kann, die Besuchern die Möglichkeit eines authentischen Naturerlebnisses geben.

Als edukatives Konzept erklärte er, wie im Zoo Karlsruhe der Eisbär zum Klimabotschafter gemacht wird und es so möglich ist, die entsprechenden Lerninhalte auf verschiedene und besonders motivierende Weise an Besucher, zu denen besonders auch die Schulen gehören, zu vermitteln. Als Tierschutzprojekt stellte er die Karlsruher Altersresidenz für Asiatische Elefanten vor. Anhand eines Vorher-Nachher-Vergleichs zeigte er eindrucksvoll wie ein Tier in Karlsruhe, wo die Elefanten in freiem Kontakt gehalten werden, regelrecht aufgeblüht ist.

Anschließend ging es um die EEPs, die in Karlsruhe, aber auch in ganz Europa geführt werden, um so Back-Up-Populationen zu erschaffen. In Karlsruhe koordiniert man zum Beispiel die Zucht von Orang-Utans von denen es weltweit 1.063 Tiere in 227 teilnehmenden Institutionen gibt. Wie so eine Erhaltungszucht dem Artenschutz hilft, zeigte er auch an Beispielen verschiedener Arten aus seinem Zoo, wie etwa dem Przewalski-Pferd. Ebenso beschrieb er wie Karlsruher Säbelantilopen im Souss-Massa Nationalpark in Marokko ein neues Zuhause fanden.

Asiatischer Elefant im Zoo Karlsruhe (2009) | Foto: H. Zell, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Matthias Reinschmidt ist zudem ausgewiesener Experte für Papageien und konnte während seiner vorherigen Tätigkeit im Loro Parque besondere Erfolge bei der Zucht der blauen Aras feiern. Es ist nicht zuletzt ihm zu verdanken, dass es heute noch Spix-Aras gibt. Seite Seine Forschungsergebnisse und Erfahrungsberichte leisten einen wesentlichen Beitrag dazu, dass man diese Art überhaupt erfolgreich züchten kann. In dem Zusammenhang beschreibt Matthias Reinschmidt auch, wie er, gemeinsam mit dem bekannten Moderator Frank Elstner, ein Exemplar dieser Art nach Brasilien brachte.

Mit dem bekannten Fernseh-Moderator arbeitet er auch bei weiteren Projekten zusammen, um den Artenschutz in Deutschland, auch in Verbindung mit dem Karlsruher Zoo, bekannter zu machen. Er kam auf die Möglichkeiten und die Bedeutung moderner Zoos für den Artenschutz zu sprechen und schilderte, dass beispielsweise im Karlsruher Zoo nun Samen heimischer Wildblumen verteilt würden, damit sich die Besucher einen insektenfreundlichen Garten anlegen könnten. Zudem informiert der Zoo Karlsruhe auch über bereits ausgestorbene Arten, Weiterhin verbessert werden die Möglichkeiten des Karlsruher Zoos im Naturschutz auch durch die Einführung eines Artenschutzeuros, für dessen Zahlung sich die Besucher freiwillig entscheiden können. Die weitaus meisten Besucher spenden diesen Euro gerne. Mit diesem Artenschutz-Euro unterstützen die Besucher des Karlsruher Zoo dessen Artenschutz-Stiftung, auf deren Projekte er auch gesondert einging.

Lebhafte Diskussion am Ende

Junger Roter Ibis im Loro Parque | Foto: Loro Parque

Wie schon erwähnt, konnten die Gäste im Anschluss an die Vorträge in einer Diskussionsrunde Fragen stellen. Unter dem Eindruck aktueller Nachrichten war eben auch der massive Lebendfang von Belugas und Orcas in Russland ein Thema, den Wolfgang Kiessling, der Gründer und Präsident des Loro Parque, als völlig unnötig verurteilte und daraufhin wies, dass ein gutes Zuchtmanagement dieser Tiere in Menschenobhut solche Wildfänge völlig überflüssig machen könnte.

Die Zucht der Tiere war auch Gegenstand einer Nachfrage von Seiten der radikalen Tierrechtsorganisation World Animal Protection. Die Fragestellerin wollte nochmal erklärt haben, worin denn die Vorteile in der Haltung und Zucht von Meeressäugern, wie etwa von Delfinen, liegen würden. Christoph Kiessling und Prof. Culik machten erneut deutlich, wie groß die Bedeutung der Haltung dieser Tierarten in modernen Zoos und Delfinarien für den Erhalt dieser Arten ebenso wie für die naturschutzrelevante Grundlagenforschung und die Naturschutzsensibilisierung der Bevölkerung ist.

So zeigte sich auch im Verlauf der Diskussion, dass die wirklichen Experten eben nicht irgendwelche Aktivisten sind, sondern die Personen sind, die in oder mit den seriösen Zoos und Aquarien vertrauensvoll arbeiten. Die praxisnahe Arbeit dort, hat schon vielen Tieren und sogar ganzen Arten das Leben gerettet. Sie verstehen sich auf die tiergerechte Haltung von Wildtieren und engagieren sich im Bereich des Tierwohls auf der Grundlage ihrer wissenschaftlich geführten Arbeit.

Insgesamt wurde bei dieser Informationsveranstaltung des Loro Parque deutlich, warum moderne Zoos und Aquarien heutzutage so wichtig sind. Denn wenn es moderne, zertifizierte und akkreditierte Zoos, Aquarien und Delfinarien nicht bereits geben würde, dann müssten sie dringend erfunden werden, um die Aufgaben der Gegenwart und Zukunft bei der Bewahrung der Lebensgrundlagen unseres blauen Planeten zu bewältigen.

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