Eisbär im Zoo Wuppertal | Foto: zoos.media

James Brückner und die Eisbären in Zoos

Exklusiv für zoos.media – 31.01.2018. Autor: Philipp J. Kroiß

James Brückner, Abteilungsleiter für Arten- und Naturschutz beim Deutschen Tierschutzbund, hat sich in einem Interview, unter anderem zum Thema Eisbären in Zoos, völlig disqualifiziert.

James Brückner und die Eisbären in Zoos

Angeblich soll James Brückner Abteilungsleiter für Arten- und Naturschutz beim Deutschen Tierschutzbund sein, aber das hält ihn nicht zurück sich zu Eisbärenhaltung in Zoos zu äußern. Direkt Anfang des Jahres gab er der Badischen Zeitung ein Interview.

Gefährliches Halbwissen

Eisbärennachwuchs in Schönbrunn (2004) | Foto: Zyance, Lizenz: CC BY-SA 2.5

Brückner, der an dieser Stelle für den Deutschen Tierschutzbund spricht, lehnt Eisbärenhaltung in dem Interview aufgrund der hohen Sterblichkeit der Jungtiere ab. Dabei lässt er sich zu einer Lüge hinreißen, um das zu belegen: „Die Sterblichkeit ist nicht niedriger als bei den Tieren in der freien Wildbahn – und das, obwohl die äußeren Gefahren in einem Zoo gar nicht bestehen.“

Schauen wir uns doch mal die wissenschaftlichen Fakten an: Laut VdZ beträgt die Aufzuchtrate der Tiere im internationalen Zuchtbuch 50% . In der Wildbahn werden von Forschern deutlich höhere Sterberaten gemessen: bis zu 85%. Auch das in Menschenobhut erreichte Alter ist deutlich höher; im Mittel werden sie sogar doppelt so alt (Zander & Kolter, 1995).
In welcher Welt sind 50% nicht niedriger als 85%?

Anschließend kommt er wieder auf das Lieblingsthema von Zoogegnern und Tierrechtlern zu sprechen: Verhaltensstörungen. Die Argumentation ist schlicht falsch und populistisch. Moderne Zoos haben Tiere, so auch Eisbären, aus nicht adäquaten Anlagen übernommen, wo sie diese Stereotypien entwickelten, die sie schlicht nicht abgelegt haben. Es gibt Stereotypien, die sind so manifestiert, dass man sie selbst durch Training und andere Umgebung nicht wieder „aus“ dem Tier bekommt. Den Zoos aber nun dies zum Vorwurf zu machen, ist schlicht sinnbefreit.

Allerdings muss auch gesagt werden, dass manche Stereotypien den Tieren auch angedichtet werden. Wir haben dazu ein Video veröffentlicht, das die Methoden demaskiert:

Somit muss man zu diesem Thema stark differenzieren. Einfach nur festzustellen, dass Tiere eine angebliche Verhaltensstörung haben, reicht nicht. Man muss eine solche Unterstellung mit Fakten füttern und die Geschichte des Tieres berücksichtigen, sowie Beobachtungen anstellen, die weit über ein Video von wenigen Sekunden hinausgehen.

Leugnung der Edukation in Zoos

„Den Bildungsgedanken, den Zoos für sich in Anspruch nehmen, können sie bei Eisbären, Delfinen, Giraffen, Löwen oder Menschenaffen gar nicht erfüllen.“ Das ist schlicht falsch. Zoos sind gerade bei diesen Arten sehr erfolgreich. Eisbären etwa werden in Zoos zu Botschaftern des Klimawandels und die Zoos klären über die Tiere, ihre Biologie und die Bedrohung ihrer Art in der Natur erfolgreich auf.

Bei Delfinen, beziehungsweise Walen insgesamt, hat der Zoo Duisburg ein ganz besonders erfolgreiches Bildungsprogramm, weil er entsprechend begabte Nachwuchsforscher durch die Kombination von Eindrücken aus der Natur und dem Delfinarium begeistert, motiviert und fördert. Dazu gibt es viele weitere auf verschiedene Alter zugeschnittene Edukationsprogramme, die ebenfalls erfolgreich sind. Der Tiergarten Nürnberg bereichert ebenso die Edukation zum Thema Delfine – auch hier gibt es weitere Edukationsprogramme zu diesem Thema, über die wir auch schon ausführlich berichtet haben. Bei den anderen erwähnten Arten, erleben wir ähnliches – wie etwa bei den Menschenaffen, wo Leipzig und Krefeld, um erneut zwei Beispiele zu nennen, eine großartige Arbeit leisten und im Bereich der Edukation von vielen Seiten die Tieren den Menschen näher bringen.

All diese erfolgreichen Programme zu leugnen, die jährlich tausende von Interessierten die Tiere durch die Vermittlung von Wissen durch Wissenschaft näher bringt, ist realitätsfremd. Diese Edukation und somit die Erfüllung des Bildungsauftrag trägt zudem die intendierten Früchte: einmal motiviert sie Menschen mit den Zoos Artenschutz zu betreiben und sie motiviert sogar manche mit den Zoos Forschung zu betreiben, weil eben diese Edukation sie motiviert hat, eine wissenschaftliche Berufslaufbahn zu wählen.

Kleinreden von Artenschutzerfolgen

Przewalski-Pferde im Zoo Köln: Modernen Zoos auf der ganzen Welt ist es zu verdanken, dass diese Art überlebt hat. | Foto: zoos.media

Es zeugt von großer Hybris die Artenschutzerfolge moderner Zoos kleinzureden, wenn man selbst keine hat. Dazu Brückner: „Wenn man sich aber vor Augen führt, wie viele Arten es insgesamt gibt, sind die Erfolge der Zoos nicht enorm groß. Ich darf an der Stelle Tierschutzpräsident Thomas Schröder zitieren, der anschaulich und treffend sagt, dass Zoos keine Arche Noah, sondern ein schlecht aufgepumptes Schlauchboot seien.“

Erstmal ist wichtig zu wissen: so etwas wie ein Tierschutzpräsident existiert nicht wirklich. Er meint damit den Präsident des Deutschen Tierschutzbundes Thomas Schröder. Der ist übrigens gelernter Buchhändler und Kommunikationswirt. Dieser Mensch hat eine Karriere fern des Artenschutz und der Biologie hinter sich. Der Kölner ist vielleicht Experte in Ego-Marketing, worüber er ein Buch veröffentlicht hat, aber hat nie Expertise im Bereich von Artenschutz nachgewiesen.
Wirkliche Experten würden diese Aussagen absolut nicht unterschreiben wie wir auch oft betont haben. Schon in diesem Artikel haben wir die Eisbären erwähnt, ebenso könnte man auch die Raubkatzen nennen. Die Liste ließe sich fortsetzen mit Experten für Meeressäuger, Primaten und viele andere Arten und Tiergruppen.

Der Schwarzfußiltis (Mustela nigripes) wurde auch durch die Arbeit von Zoos gerettet. | Foto: Kimberly Fraser / USFWS Mountain-Prairie, Lizenz: CC BY 2.0

Brückner selbst verfügt über keine praktische Erfahrung mit Zootieren. Er hat nie auch nur ein solches Projekt selbst aktiv mitgestaltet und auch keine nachgewiesene Expertise, deren Wirksamkeit zu beurteilen. Er verkennt auch völlig den Aufwand dieser Projekte, die Jahre intensive Arbeit benötigen, die Zoos, meist ohne jede finanzielle Kompensation, neben ihrer eigentlichen Arbeit, die Tiere artgemäß zu halten, erledigen. Alle Mitarbeiter von Yaqu Pacha e.V. zum Beispiel sind in Deutschland ehrenamtlich tätig wie es in vielen zoo-basierten NGOs der Fall ist, die meist auch nur existieren können, eben weil Zoos hier unkompliziert und kostenlos Know-How zur Verfügung stellen.
Ebenso ist der Zeitfaktor auch schon durch unveränderbare biologische Grundprinzipien gegeben: man kann nicht am Fließband Nachwuchs produzieren und ihn dann gleich wieder aus den Zoos werfen. Meist müssen ja erst Schutzgebiete für die geretteten Arten aufwändig eingerichtet werden, damit es ein lebenswertes Ökosystem gibt, in das sie ausgewildert werden können. Dann braucht es planvolle Zucht, harmonierende Gruppen müssen in Zoos zusammengestellt werden und dann gibt es ja noch die aufwändige Vorbereitung auf die Auswilderung.

Das bedenken die beiden Laien wohl nicht, was nicht verwunderlich ist, denn sie haben keine Erfahrung oder Expertise in diesem Bereich. Da wir gerade so schön beim Zitieren sind, könnte man an dieser Stelle einen ganz berühmten Satz von Dieter Nuhr zitieren: „Wenn man keine Ahnung hat: Einfach mal […]“. Oder lieber konstruktiver: Statt seine Unwissenheit selbstgefällig zur Schau zu tragen, könnte der Tierschutzbund doch einfach mal die Projekte unterstützen und konstruktiv mitmachen, statt an Zoos herumzumäkeln.

Konzept der Flagschiffarten

Der junge Panda Xiao Liwu im Alter von etwa einem Jahr Zoo von San Diego | Foto: Johann Balleis, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Der Laie will Zoos weitere Vorschriften machen: die Zoos setzten zu sehr auf „Flagschifftiere [sic!] wie Eisbären oder Pandas, um viele Besucher anzulocken“ – davon müssten Zoos weg. Achtung, jetzt kommt’s: Zoos setzen nicht auf „Flagschifftiere“. Das Konzept, das sie befolgen sind „Flaggschiffarten“. Der VdZ erklärt das eigentlich recht klar und simpel, was das bedeutet:

Eine Flaggschiffart ist eine Art, deren Schutz sich besonders lohnt, da durch die Schutzmassnahmen für diese Art auch andere Arten oder ganze Lebensräume profitieren. Oftmals sind es charismatische Arten, welche in der Bevölkerung beliebt sind. Diese Beliebtheit vereinfacht es auch, Mittel für die Schutzmassnahmen zu finden.

Er hat also das ganze Konzept nicht verstanden – und so jemand ist dann angeblich Abteilungsleiter für Arten- und Naturschutz beim Deutschen Tierschutzbund. Das ist eine Bankrotterklärung oder der absichtliche Versuch Zoos und deren Artenschutzarbeit zu schwächen. Er macht sogar noch weiter: „Starrummel mit niedlichen Tieren wie Eisbärbabys oder Pandas hilft nicht weiter.“ Das ist schlicht falsch. Wir haben jetzt bereits schon viel über Eisbären gesprochen, kommen wir nun mal zu den Pandas. Die Haltung Großer Pandas in Zoos bringt dem Schutzprojekt Millionen ein – und das pro Jahr. Knapp eine Million bezahlt allein der Berliner Zoo als „Miete“, um diese Tiere zu zeigen. Das hilft dem Pandaschutz enorm, weil es ganz direkt in dieses erfolgreiche Projekt fließt. Gerade das Panda-Projekt zeigt ja die Wichtigkeit der Arbeit moderner Zoos.

Spenden an den Tierschutzbund fördern Populismus gegen Zoos

Kalifornischer Kondor – dank Zoos hat diese Art überlebt | Foto: Chuck Szmurlo, Lizenz: CC BY 3.0

Warum kann so jemand wie James Brückner aus eigenem Unvermögen, Desinformationen und Lügen solch einen Populismus über Zoos verbreiten, der die wichtige Arbeit dieser Einrichtungen behindert? Die Antwort ist ganz einfach: Weil Menschen dem Deutschen Tierschutzbund spenden. Jeder Spender finanziert die Arbeit der Anti-Zoo-Populisten, die, wie hier deutlich wird, ohne jede Expertise gegen wichtige Artenschutz- und Bildungszentren Populismus verbreiten.

Schaut man demgegenüber zum erwähnten Yaqu Pacha oder auf andere zoo-basierte NGOs, erlebt man echte Experten mit Know-How und die Spenden bewirken etwas im Bereich des Arten- und Naturschutzes. Yaqu Pacha ist erfolgreich darin, viele Tierarten in Südamerika zu schützen, weil man eben gerade keinen Populismus verbreitet, sondern wissenschaftsbasierte Arbeit macht. Ein weiteres Beispiel ist die Loro Parque Fundación – von einer Spende gehen 100% in die Arbeit in den Arten- und Naturschutzprojekten, die ebenfalls erfolgreich sind, weil sie eben nicht auf Populismus, sondern auf wissenschaftlich bewiesenen Fakten basieren. Das sind nur zwei Beispiele, weitere haben wir oben genannt und noch mehr sind als Kooperationspartner von Zoos sehr leicht zu finden.

Wer also Tiere effektiv schützen will und seriöse, wissenschaftliche und faktenbasierte Arbeit unterstützen möchte, informiert sich über die Projekte. Der Deutsche Tierschutzbund hat sich einmal mehr disqualifiziert.