Beluga-Mutter mit Baby im Vancouver Aquarium | Foto: Iwona Kellie, Lizenz: CC BY 2.0

Kanada erlässt Gesetz gegen Tier- und Artenschutz

Exklusiv für zoos.media – 10.06.2019. Autor: Philipp J. Kroiß

Die Bill S-203 macht Walhaltung unmöglich: ein Genickschlag für den umfassenden Schutz von Walen in Kanada. Wie kam die katastrophale Fehlentscheidung zu Stande?

Kanada erlässt Gesetz gegen Tier- und Artenschutz

Die Bill S-203, über die wir in schon häufig berichtet haben, hat in Kanada die letzte Hürde genommen und ist nun Gesetz:

Die Tierrechtler haben mit Populismus und Schmierenkampagnen nun auch diese Schlacht gewinnen können. Die Zoowelt wird jetzt entschlossener und vereinter handeln müssen, um den Fake News über Walhaltungen zu begegnen. Nichts weniger als das Überleben dieser Tiere steht auf dem Spiel.

Umfassende Forschung nun unmöglich

Forschung ist die Basis von Walschutz. Wale stehen am Ende der Nahrungskette und gehören zu den Tieren, die am stärksten von der Kontamination des Meeres betroffen sind, da sie Umweltgifte nicht nur direkt aus der Umwelt aufnehmen, sondern auch über die Nahrung. Persistente Giftstoffe reichern sich zudem im Fettgewebe und in Organen an und werden über die Muttermilch auch an die Kälber weitergegeben. Verschiedene Populationen werden unfruchtbar und können sich dann nicht mehr fortpflanzen – schließlich sterben sie aus. Dazu kommt eine Fragmentierung von Lebensräumen: dadurch werden Populationen zerteilt und versprenkelt, die dann aufgrund genetischer Armut nicht mehr zukunftsfähig sind. Das sind nur zwei Probleme und die Liste ließe sich fortsetzen.

Es braucht also Forschung – besonders im Bereich der Reproduktion. Kanada hat das nun verboten. Das ist ein schwerer Schlag und macht umfassende Forschung dort unmöglich. In Kanada gibt es seit vielen Jahren eine spannende Koalition von Tierrechtlern und Whale Watchern. Die Whale Watcher, die mehr Schaden als Nutzen für die Wildpopulationen bedeuten, hatten die zoologischen Einrichtungen wohl als Konkurrenten wahrgenommen. So entstand eine starke Lobby, der kaum etwas entgegenzusetzen war, weil die beiden betroffenen Kanadischen Zoos und Aquarien von der zoologischen Gemeinschaft – bis auf wenige Ausnahmen – allein gelassen wurden.

Politiker interessierten sich mehr für Populismus als für Fakten

Beluga Priscilla wird im Marineland Ontario (Kanada) gefüttert (2007). | Foto: Fabiano Rebeque, Lizenz: public domain

Es gab durchaus private Initiativen, die faktenbasiert über die Fakten aufklärten, währen viele Zooverbände sich weder interessierten, noch zuständig fühlten. Viele Politiker reagierten gar nicht auf die Fakten, andere zeigten in ihren Antworten, dass sie gar nicht mit dem Thema vertraut waren. So erklärte ein Unterstützer der Bill zum Beispiel, dass man sich unter anderem China und Italien damit anschließen wolle. Keines dieser Länder hat ein solches Gesetz. China setzt viel mehr auf einen Ausbau der Walhaltung. Daran sieht man wie uninformiert die Politiker waren und dann ist es kein Wunder, wenn solche Ignoranz auf Populismus trifft, dass so ein Gesetz durch gewunken wird.

Was die Politiker wohl auch nicht wissen: Es gibt keinerlei tiergerechte Option, einen Zuchtstopp zu implementieren. Um dem Gesetz 100% zu entsprechen und eine sichere Empfängnisverhütung zu implementieren müsste man dauerhaft männliche und weibliche Tiere trennen. Es gibt zwar bei manchen Walen Junggesellen-Gruppen, aber keine Junggesellinnen-Gruppen. Die dauerhafte Haltung einer reinen Weibchen-Gruppe ist also unnatürlich, verhindert normale soziale Interaktionen und ist somit tierschutzwidrig. Die beiden Medikamente, die aktuell zur Verhütung bei Meeressäuger genutzt werden, sind nur auf eine kurzzeitige Applikation ausgerichtet – für langfristige Gabe sind sie weder geeignet, noch sinnvoll aufgrund ihrer Nebenwirkungen. Außerdem gibt es bei den Medikamente keine hundertprozentige Sicherheit.

Das Gesetz ist also schrecklich undurchdacht und ein Armutzeugnis für die Politiker, die zugestimmt haben, weil sie dadurch bewiesen haben, dass sie sich nicht nur nicht für die Tiere interessieren, sondern auch gar keine Ahnung von der Materie haben. Das ist alarmierend. Den Politiker scheint es wichtiger zu sein, nun etwas Beifall von den Tierrechtlern zu bekommen, statt das Richtige für die Tiere und ihren Schutz zu entscheiden. Über 80 Experten hatten sich für die Fortführung der Haltung ausgesprochen. Ihnen standen nur wenige, radikale Tierrechtler gegenüber.

Zoos und Aquarien werden an wichtiger Arbeit gehindert

Belugas genießen die Interaktion mit den Trainerinnen im Vancouver Aquarium (2006) | Foto: pelican, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Wale brauchen Schutz auf vielen Ebenen – manche Tiere brauchen aber auch Rettung. Obgleich nach einer Inobhutnahme der Tiere auf das große Ziel der Auswilderung hingearbeitet wird, schaffen es nicht alle Tiere, das zu erreichen: einige sterben an ihren Verletzungen oder Krankheiten mit denen man sie fand, andere mussten zu lange in Menschenobhut bleiben, um auswilderungsfähig zu sein. Letztere Gruppe kann nun aber nicht mehr versorgt werden, denn man kann ihnen kein artgemäßes und tiergerechtes Leben mehr bieten aufgrund des Zuchtstopps. Damit beendet dieses Gesetz auch die seriöse Walrettung.

Das Problem: Wer mit Populismus und Schmierenkampagnen, die Haltung einer Art verbieten kann, kann dies auch mit anderen Arten. Solche Kampagnen sind reproduzierbar – sowohl in anderen Ländern, als auch für andere Arten. Wenn die zoologische Gemeinschaft nicht langsam den Kampf aufnimmt, wird es weitere solcher Entscheidungen geben. Die Untätigkeit weiter Teile von Zoos, Aquarien und Verbänden macht die Zoogegner offensichtlich sehr stark. Es kann nicht sein, dass zoologische Einrichtungen einerseits für sich in Anspruch nehmen, sich dem Natur-, Tier- und Artenschutz verschreiben und andererseits untätig bleiben, wenn dieser in einem Land in massiver Gefahr ist.

Einige wenige haben sich massiv und lobenswert in die Debatte eingebracht – natürlich auch aus der zoologischen Gemeinschaft. Die meisten Teile blieben aber untätig oder interessierten sich nicht. Das ist nun die Quittung. Der umfassende Walschutz ist in Kanada nun vorbei. Es wird Zeit, dass die zoologische Gemeinschaft solche katastrophalen Entscheidungen als Weckruf wahrnimmt und nicht als Anlass, weiter den schlafenden Riesen zu geben. Teile der zoologischen Gemeinschaft machen ja vor wie es anders geht, aber in dieser Frage müssen die Zoos und Aquarien geschlossen auftreten, sonst wird es auch weiter Gesetz geben, die sie an ihrer wichtigen Arbeit hindern. Zudem sind ihre Walhaltungen dazu verdammt, Endlager für viele Tiere zu werden. Jedem echten Tierfreund bricht das das Herz.

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