Changi spielt im Zoo Krefeld mit Laub. | Foto: zoos.media

Es gibt ein moralisches Argument für Menschenaffen in Zoos

Erschienen auf aeon am 17.02.2017. Autor: Dr. Richard Moore

Der Experte macht sich Gedanken über Moral und Menschenaffenhaltung in Zoos und nimmt eine andere ethische Position wie die Tierrechtler ein.

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Übersetzung:

Ich werde ängstlich, wenn jemand mich nach meinem Job fragt. Ich bin ein Philosoph, der an der Frage arbeitet, wie sich die Sprache entwickelt hat, antworte ich dann. Wenn sie weiter bohren, sage ich ihnen, dass ich mit den Menschenaffen im Leipziger Zoo arbeite. Aber einige Leute, wie ich entdeckt habe, haben große Probleme mit Zoos.

Viele Philosophen und Primatologen stimmen ihnen zu. Sogar die besten Zoos zwängen die Tiere, in engen Räumen zu leben, sagen sie, was bedeute, dass die Tiere sich gelangweilt und gestresst sein müssen, weil sie die ganze Zeit beobachtet würden. Andere Kritiker behaupten, dass Zoos falsch seien, auch wenn die Kreaturen nicht leiden würden, weil es ihrer Würde abträglich sei für die menschliche Unterhaltung gefangen gehalten zu werden. Solche Orte „sind für uns und nicht für Tiere“, hat der Philosoph Dale Jamieson geschrieben, und „sie tun wenig, um den Tieren zu helfen, die wir zum Aussterben bringen“.

Aber ich möchte den Wert der Zoos verteidigen. Ja, einige von ihnen sollten sicherlich geschlossen werden. Wir haben diese schrecklichen Videos von einsamen Affen oder Tigern gesehen, die trostlose Käfige in Einkaufszentren in Thailand oder China anstarren. Allerdings haben die Tiere in vielen Zoos eine gute Lebensqualität, und es gibt einen starken moralischen Fall, weshalb diese Institutionen existieren sollten. Ich bin nach der Arbeit mit Menschenaffen zu dieser Ansicht gekommen und es kann vielleicht nicht auf alle Spezies ausgewietet werden. Da aber Menschenaffen in ihrem Verhalten sowohl kognitiv anspruchsvoll als auch menschenähnlich sind, bieten sie einen starkes Fallbeispiel zur Bewertung der Moral der Zoos im Allgemeinen.

Die Forschung, die meine Kollegen und ich leiten, ist für die Tiere nicht schädlich, und wenn alles klappt, wird es uns helfen, einen besseren Einblick in die kognitiven Unterschiede zwischen Menschen und Affen zu bekommen. Zum Beispiel hatten wir eine Studie mit Pärchen von Orang-Utans, in der wir ihre Fähigkeit zu kommunizieren und zusammenzuarbeiten für eine Belohnungen getestet haben. Wir versteckten ein Bananenpellet, so dass ein Orang-Utan das Essen sehen konnte, aber es nicht erreichen konnte. Der andere Orang-Utan konnte eine Schiebetür freigeben und das Pellet zu seinem Partner schieben, war aber nicht in der Lage, es für sich selbst zu nehmen. Sie haben sich okay (aber nicht toll) beim Spielen mit mir geschlagen, und sie haben sich meistens ignoriert, wenn sie miteinander gespielt haben. Wir haben dann einen ähnlichen Versuch mit menschlichen Zweijährigen durchgeführt. Im Vergleich zu den Affen waren die Zweijährigen sehr gut darin, die Belohnung (Aufkleber) zu bekommen, wenn sie mit einem Erwachsenen spielten.

Zusammengenommen erzählen uns diese Studien etwas über die menschliche Evolution. Im Gegensatz zu Affen sind die Menschen gut darin, ihre Talente zu bündeln, um zu erreichen, was sie nicht alleine machen können. Es ist nicht so, dass die Affen sich nicht darum kümmern, das Essen zu bekommen – sie wurden nur untereinander frustriert, wenn es falsch gemacht wurde, und ein Orang-Utan im Besonderen den Rücken kehrte und schmollte. Im Gegensatz zu den Menschen scheinen sie aber nicht in der Lage zu sein, diese Frustration zu nutzen, um sich besser zu machen.

Der Wert der Forschung beiseite, gibt es ein Argument für Zoos aus Gründen des Tierwohls. In den besten Zoos, wie Leipzig, leben Menschenaffen in geräumigen Gehegen, die auf ihren natürlichen Lebensräumen basierend erbaut sind und sie werden von Zootierpflegern betreut, die sich um sie kümmern. Große Dschungelanlagen halten sie stimuliert und ohne sich zu langweilen; sie sind auch beschäftigt mit „Enrichment“-Rätsel, die sie mit den Werkzeugen lösen können, um Nahrung zu bekommen. Zoos, die von den beiden Hauptakkreditierungsstellen in Europa und den Vereinigten Staaten anerkannt wurden, werden streng geprüft und müssen an Bildungs- und Schutzprogrammen teilnehmen. Und es gibt keine sicheren Beweise dafür, dass Affen, die in gut gestalteten Gehegen leben, durch menschliche Beobachtung gestresst oder gestört werden.

Natürlich können Zoos ihre Tiere nicht mit Bedingungen wie in einem unberührten Wald versorgen. Aber für die großen Affen in Menschenobhut gibt es selten eine lebensfähige Alternative. Es wird geschätzt, dass mehr als 4.000 große Affen weltweit in Zoos leben. Die meisten Regionen, in denen sie in den Wildnis gefunden werden können – Orang-Utans in Indonesien, Schimpansen und Gorillas in Mittel- und Westafrika, Bonobos in der Demokratischen Republik Kongo (DRC) – werden durch Lebensraumverlust, Bürgerkrieg, Bejagung und Krankheit zerstört. Nur 880 Berggorillas überleben in zwei kleinen Gruppen im östlichen Reich der DRC, während die Lebensräume der Orang-Utans in den vergangenen 20 Jahren um 80 Prozent verringert wurden. Während einige Artenschützer davon träumen, Zoo-Affen in die Wildbahn zu bringen, bedeuten diese verschwindenden Wälder, dass es selten machbar ist. Die Orang-Utans sind in Leipzig sicherlich besser dran, als wenn sie versuchen würden, in den Wäldern zu überleben, die für Palmölplantagen Platz machen müssen.

Da Zoo Affen nicht in ihre natürlichen Umgebungen ausgewildert werden können, sind spezialisierte ’sanctuaries‘ eine weitere Option. Aber diese erfordern große Grundstücke, die sowohl sicher als auch unbewohnt von bestehenden Populationen sind, und solche Orte sind knapp. Wie die Dinge stehen, kämpfen die ’sanctuaries‘ schon ums Überleben, weil sie fast ausschließlich von Spenden getragen werden. Und die meisten von ihnen sind voll. In Afrika und Indonesien sind die Bewohner typischerweise Waisen, die vom Jäger oder Palmöl-Arbeiter aus dem Wald genommen wurden, die die größeren Affen töten und die Babys entführen, um sie zu verkaufen oder als Haustiere zu behalten. Ansonsten sind die ‚Sanctuaries‘ mit pensionierten Laboraffen oder geretteten Haustieren überfüllt. Diesen Institutionen fehlt die Fähigkeit, die Tausende von Affen, die derzeit in Zoos leben, aufzunehmen, geschweige denn das Geld, das nötig wäre, um sie zu unterstützen.

Angesichts der Hindernisse und der großen Kosten der Auswilderung von Affen, versuchen sehr wenige Orte, dies zu tun. Damian Aspinall von Howletts Wild Animal Park in England führt eines der wenigen Programme, die Gorillas wieder in die Wildnis gelassen, indem man sie in ein geschütztes Reservat in Gabun bringt. Seine Absichten sind heroisch und hoffentlich wird der Plan gelingen. Einige Gorillas haben sich gut in den neuen Lebensraum eingefunden. Aber die bisherigen Ergebnisse waren gemischt; Im Jahr 2014 wurden fünf Mitglieder einer 11-köpfigen Familie innerhalb eines Monats nach ihrer Auswilderung tot aufgefunden. Wir wissen auch nicht wirklich, ob zoogeborene Affen die Fähigkeiten besitzen, die sie brauchen, um zu überleben, einschließlich der Fähigkeit, verschiedene lokale Nahrungsmittel aufzufinden und das Wissen über essbare Pflanzen. Junge Affen lernen diese Fähigkeiten in der Wildnis, indem sie die sachkundigen Erwachsenen um sie herum beobachten – aber das ist eine Gelegenheit haben die Tiere in Menschenobhut einfach nicht.

Nun ist all dies nicht unbedingt ein ethisches Argument für die Fortsetzung der Zucht Affen in Zoos. Man könnte argumentieren, dass, wenn wir die Affen nicht schon in Menschenobhut hätten retten können, sollten wir zumindest Zuchtprogramme beenden und die vorhandenen Populationen aussterben lassen. Allerdings hilft die Zucht in Menschenobhut, die genetische Vielfalt gefährdeter Arten zu bewahren. Darüber hinaus zeigt die Forschung, dass der Besuch von Zoos durch die Menschen eher dazu beiträgt, Erhaltungsbemühungen zu unterstützen – ein Effekt, der durch mehr naturalistische Gehege verstärkt wird. So dienen direkte Begegnungen mit den unglaublichen und lebendigen Tiere in Zoos dazu, die Besucher zu motivieren, Geld für Naturschutzprogramme zu spenden.

Zu Erlauben, dass die Affenpopulationen in Zoos aussterben und – ohne Begründung – davon auszugehen, dass ihre gegenwärtigen Leben so schlecht seien, dass sie nicht lebenswert sein würden, droht auch Schaden anzurichten. Langeweile ist ein echtes Risiko für Zootiere, und es wird allgemein angenommen (wenn auch noch nicht wissenschaftlich begründet), dass die Anwesenheit von Säuglingen Interesse und Glück für die Familien bringt. Gemischte Gruppen schaffen kollektive Dynamik, die denen in der Wildnis stärker ähneln. Wenn wir uns um das Wohlergehen der gefangenen Affen kümmern, sollten wir ihnen erlauben – zumindest in kontrollierter Weise – zu züchten.

Eines Tages könnte die Aussicht darauf, die gefangenen Affen in ihre natürlichen Lebensräume zurückkehren zu lassen oder sie in gut finanzierten, geräumigen ’sanctuaries‘ zu beherbergen, realistisch sein. Derzeit ist sie es nicht. Anstatt die Zoos zu verurteilen, sollten wir uns unsere Bemühungen widmen, sie zu unterstützen: es vorantreiben, schlechte Zoos zu reformieren oder zu schließen, um mehr Forschung über das Wohlergehen der Tiere in Menschenobhut zu finanzieren und alle Zoos zu ermutigen, mehr für ihre Bewohner zu tun. Auf diese Weise muss ich mich nicht mehr scheuen, Fremden zu sagen, was ich tue.

Informationen zum Autor: Richard Moore ist Postdoktorand an der Berlin School of Mind and Brain. Seine Arbeiten wurden in Zeitschriften veröffentlicht, darunter Biology and Philosophy und Animal Cognition.

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