Portrait eines männlichen Walrosses | Foto: Hickey Bill (USFWS), Lizenz: public domain

Netflix & David Attenborough in der Kritik

Exklusiv für zoos.media – 22.04.2019. Autor: Philipp J. Kroiß

Walrosse, die von Felsen stürzen, wurden als Opfer des Klimawandels verkauft, was sie wohl gar nicht waren. Der Artikel spricht über die Hintergründe und den gefährlichen Klima-Alarmismus.

Netflix & David Attenborough in der Kritik

Dass Tierfilmer mal etwas kreativ mit der Wahrheit umgehen, ist eigentlich ganz normal. Was viele verwechseln: Tierfilme sind eben Unterhaltung und keine bebilderten wissenschaftlichen Vorträge. Problematisch wird es nur, wenn dann von Seiten des Unterhaltungsproduktes so getan wird, als wäre dem nicht so und man selbst im Besitz einer schier umfassenden Weisheit. Der in letzter Zeit vermehrt klima-alarmistisch auftretende David Attenborough, der immer wieder in die Schlagzeilen damit kommt, quasi nichts weniger als die Apokalypse zu versprechen, ist auch auf Netflix vertreten. Da gab es eine Szene, in der es mal wieder um den Klimawandel ging. Darauf aufmerksam machen ist gut, Sachen zu erfinden ist ein Bärendienst an der Sache.

Walrosse, die von Felsen stürzen

Es ist zweifelsohne ein emotionales Bild, wenn Walrosse von hohen Klippen stürzen. Die sympathischen und adipös-anmutenden Meeressäuger genießen beim Publikum sehr viel Rückhalt und werden gemocht. Somit ist es ein mächtiges Bild, was Attenborough in “Our Planet” den Zuschauern vorführte. Der Grund war auch angeblich schon gefunden. Sophie Lanfear, Produzentin von Silverback Films, erklärte dazu: “Fundamentally, the reason walrus used this haul out location is because of a lack of sea ice in the region, meaning they are coming ashore more frequently than they did in the past. Especially mothers with their pups. And at this particular site, once the beach below the cliffs was full, they spread out and up the cliffs and were unable to find their way safely down, with tragic consequences.” [Deutsch: Grundsätzlich ist die Ursache, warum die Walrosse diesen Ort aufsuchten, auf einen Mangel an Meereis in der Region zurückzuführen, was bedeutet, dass sie häufiger an Land gehen als in der Vergangenheit. Besonders Mütter mit ihr Nachwuchs. Und an diesem besonderen Ort, sobald der Strand unterhalb der Klippen voll war, breiteten sie sich über die Klippen aus und konnten dann keinen sicheren Weg mehr hinab finden – mit tragischen Konsequenzen.]

Nun ist es so, dass man dort nicht alltäglich Meeressäugern von den Klippen purzeln sehen kann und so ein Verhalten wie es die zuständige Produzentin hier beschreibt gar nicht wissenschaftlich beschrieben ist. Sehr wohl sind aber Walrosse, die von Felsen stürzen, wissenschaftlich dokumentiert – nur in einem völlig anderen Zusammenhang. Den nennt auch Dr. Susan Crockford von der University of Victoria in Kanada: “This powerful story is fiction and emotional manipulation at its worst. The walruses shown in this Netflix film were almost certainly driven over the cliff by polar bears during a well-publicised incident in 2017, not because they were confused by a combination of shrinking ice cover and their own poor eyesight. Even if the footage shown by Attenborough was not the 2017 incident in Ryrkaypiy, we know that walruses reach the top of cliffs in some locations and might fall if startled by polar bears, people or aircraft overhead, not because they are confused by shrinking sea ice cover.” [Deutsch: Diese starke Geschichte ist Fiktion und emotionale Manipulation der schlimmsten Sorte. Die Walrosse, die in diesem Netflix-Film gezeigt werden, wurden fast sicher während eines wissenschaftlich gut dokumentierten Vorfalls im Jahr 2017 von Eisbären über die Klippe getrieben, nicht weil sie durch eine Kombination aus schrumpfender Eisdecke und ihrer eigenen Sehschwäche verwirrt wurden. Selbst wenn das Material, das Attenborough gezeigt hat, nicht den Vorfall von 2017 in Ryrkaypiy zeigt, wissen wir, dass Walrosse an einigen Stellen die Spitzen der Klippen erreichen und von Eisbären, Menschen oder Flugzeugen über den Abgrund gedrängt werden könnten, nicht weil sie durch schrumpfendes Meereis verwirrt sind.]

Faule Früchte des Alarmismus

Eisbären in Hellabrunn. Quelle: Tambako The Jaguar/Flickr CC BY-ND 2.0

In den deutschen Medien kommt Dr. Crockford kaum zu Wort. Die “brutale Szene” aber ist in aller Munde und der Netflix-Marketing-Sprech von Lanfear wird ungeprüft übernommen, die zudem herzzerreißend schildert wie schlimm das doch auch für sie war, die Bilder zu sehen. Auch für die Zuschauer sei die Szene traumatisierend und sie sei so gar noch brutaler als Game Of Thrones. Das dient natürlich alles der Vermarktung der Szene und dem Transport Attenboroughs klima-alarmistischer Botschaft. Damit droht er nun, seinen eigentlich sehr guten Ruf zu zerstören, denn solche Märchen bringen ja niemanden weiter – außer vielleicht Netflix, weil sich nun ein paar mehr Leute das fragwürdige Machwerk angeschaut haben, aber auch wohl nur aus purem Voyeurismus. All das schürt Angst: laut einer Umfrage, die man sicher gesondert kritisch hinterfragen muss, ist der Klimawandel die größte Angst der Menschen aktuell.

Angst aber war und ist nie ein guter Ratgeber: Angst ist immer das Milieu, in dem der Populismus gut gedeiht. Das Nutzen von großen, undefinierbaren Mächten, die angeblich unsere Existenz bedrohen, hat in verschiedenen menschlichen Kulturen eine Kontinuität. Damit lässt sich ja auch gut Geld verdienen – das verstehen Religionen sehr gut, aber eben auch Politiker, NGOs und auch Unternehmen jeder Art und Ausrichtung. Irgendwie scheint es für solche Geschichten eine Faszination zu geben. Wortwörtlich untergehen sollen zum Beispiel Tuvalu und Kiribati – das wusste schon Claas Relotius. Das Versinken der Inselstaaten gehört dementsprechend auch in die Welt der Märchen und ist wissenschaftlich längst widerlegt. Das heißt nicht, dass man den Inselstaaten nicht mehr helfen soll, aber die wahren Probleme der Inseln sind eben Überbevölkerung und Wassermangel – mit speziellen Dämmen könnte man hier vor Ort helfen.

Das Problem an der Walross-Geschichte, den versinkenden Südseeinseln und anderen Spukgeschichten, die durch die Medien geistern, ist, dass dieser Quatsch die Sicht auf die Fakten verdreht und das eigentlich ja positive Interesse der Menschen an der Problematik missbraucht. Das gibt den echten Klimaleugnern zudem wieder Munition für ihre Schrotflinten des blinden Populismus. So kann die Diskussion dann ewig weitergehen – die Extremisten beschießen sich gegenseitig und letztendlich kommt nichts dabei rum. Jede Seite feiert ihre Scheinerfolge, die dann aber ungefähr so sinnvoll sind, wie nun am Fuß der Klippen Trampoline aufzustellen, damit die Walrösser nicht so hart auf dem Boden aufkommen.

Es muss sich was ändern

Hungernder Eisbär in der Natur – moderne Zoos schützen die Art und ihren Lebensraum. | Foto: Andreas Weith, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Differenzierte Meinungen zum Klimawandel werden diffamiert – einmal von den jeweiligen Extremisten, aber auch von der Politik. Das Problem in der Klimafrage ist doch aktuell, dass die Öffentlichkeit zwar Extremen konsumiert, uns die aber noch nie weitergebracht haben. Wenn sich bei der Windkraft nicht fundamental etwas ändert, stehen wir da – dank falscher Förderung unausgereifter Anlagen – in einer Sackgasse. Gleichzeitig scheint aber eine ideologisch aufgezwungene Zensur in der Öffentlichkeit jede Debatte mit einer Ergebnisoffenheit unmöglich zu machen. Es muss sich etwas fundamental ändern – das steht fest.

Warum beschäftigt man sich nicht mal mit der Wissenschaft, statt der Ideologie? Moderne Zoos und Aquarien machen es vor – etwa beim Schutz der Eisbären. Aktuell finanziert der Erlebnis-Zoo Hannover eine enorm wichtige Datensammlung zu Eisbären. Das macht Sinn! Daten führen zu Forschung, Forschung führt zu Wissen und nur mit Wissen kann man sinnvollen Tier-, Arten- und Naturschutz betreiben. Niemand kann die Welt oder das Klima retten, ob er sich jetzt zum Beispiel vegan ernährt oder nicht, aber das muss auch niemand einzeln können. Jeder kann aber etwas tun, was erwiesenermaßen hilft. Wenn mal wieder ein hungernder Eisbär durch die Medien streift, einfach mal keine Krokodilstränen weinen, sondern ein entsprechendes, seriöses Projekt unterstützen und nicht jeden Blödsinn glauben, der dem Tier angedichtet wird.

Sich um einzelne Arten oder Fragestellungen zu kümmern und auch entsprechend darauf langfristig zu konzentrieren, hilft: Moderne Zoos und Aquarien haben bereits etliche Arten vor dem Aussterben retten können. Und womit? Nicht mit rührseligen Märchen, sondern mit Wissenschaft. Sicher ist Wissenschaft nicht so tragisch-romantisch, aber sie bewirkt was und wenn man als Journalist etwas Interesse am Thema mitbringt, kann man sogar spannende Geschichten über oder rund um diese Forschung erzählen. Natürlich ist das aber nicht so einfach wie auf den Alarmisten-Zug zu springen und den Weltuntergang zu verkünden, was verlockend ist, weil Menschen solche Geschichten gerne konsumieren und in ihrem Angesicht instrumentalisiert werden können. So rast man weiter zwischen der falschen Weiche, die man genommen hat, und der Sackgasse hin und her, weil man nicht weiterkommt, aber auch nicht wagt in der öffentlichen Diskussion so weit hinter die Weiche zu fahren, dass man sie umlegen und in die richtige Richtung aufbrechen kann.

Diesen Beitrag teilen