Junger Rhesusaffe (Macaca mulatta) in Myanmar | Foto: Jakub Hałun, Lizenz: CC BY-SA 4.0

PETA: “Selbst wenn Forschung an Tieren zu einer Heilung von AIDS führen würde, wären wir dagegen”

Exklusiv für zoos.media – 01.12.2018. Autor: Philipp J. Kroiß

Zum Welt-AIDS-Tag erläutern wir den Standpunkt der radikalen Tierrechtsorganisation PETA und werfen einen Blick auf die Hintergründe und was diese Position für die Betroffenen, aber auch unsere Gesellschaft bedeutet.

Der Welt-AIDS-Tag & die radikale Tierrechtsorganisation PETA

Am 1. Dezember ist der Welt-AIDS-Tag. Er dient auch dazu, Verantwortliche in Politik, Medien, Wirtschaft und Gesellschaft daran zu erinnern, dass die HIV-/AIDS-Pandemie weiter besteht. Es ist unbestritten, dass nur Forschung das beste Mittel ist, um diese Krankheit langfristig wirksam zu bekämpfen. „Stop AIDS: Keep the Promise“ war jahrelang zentraler Leitspruch dieser Bewegung, die uns alle daran erinnert, womit auch immer wir uns so im Alltag beschäftigen, und uns das bewusst macht. Leider ist aber die Forschung bedroht – von einer Lobby, die auch den Zoos bekannt ist: die Tierrechtsindustrie.

Ingrid Newkirk findet klare Worte

Die PETA-Gründerin, die auch bei PETA Deutschland e.V. die erste Vorsitzende ist, fand dazu in der US Today ganz klare Worte: “Even if animal research resulted in a cure for AIDS, we’d be against it” – zu Deutsch: “Selbst wenn Forschung an Tieren zu einer Heilung von AIDS führen würde, wären wir dagegen”. Darin erkennt nicht nur der Grammatiker einen if clause Typ II, sondern jeder Mensch eine gefährliche Ideologie – für jeden von uns.

Es geht hier um die Heilung einer lebensgefährlichen Krankheit und legale medizinische Forschung, die abgeschafft werden soll, denn die Elimination jeder Tierhaltung ist ja ausgemachtes Ziel der radikalen Tierrechtsorganisation PETA. Das Leben von Tieren soll an dieser Stelle schwerer wiegen als das von Menschen, denn dass die Forschung an Tieren gerade bei dieser Krankheit sehr wichtig ist, zeigt schon ihre Herkunft: Im Mai 2005 gelang einem internationalen Forscherteam erstmals der Nachweis, dass der Ursprung von HIV beim Affen liegt und eine Übertragung auf dem Menschen wohl während oder nach der Jagd auf infizierte Tiere geschah.

HIV-Forschung braucht weiterhin Tierversuche

Dr. Christiane Stahl-Hennig, Leiterin der Abteilung Infektionsmodelle des Deutschen Primatenzentrums am Leibniz-Institut für Primatenforschung, sagt sehr deutlich: “Die HIV-Forschung kann auf Versuche an Tieren nicht verzichten. Das komplexe Zusammenspiel des Immunsystems lässt sich nicht komplett in Zellkulturen abbilden.” Dank der Forschung an Affen, war es möglich beispielsweise wichtige Erkenntnisse zur HIV-Prophylaxe gewinnen. „Das Zweifach-Präparat Truvada, das vor einer Infektion schützt, wurde zuvor an Affen getestet. Inzwischen wird das Präparat auch für den Menschen empfohlen“, erklärt die Expertin. Gleiches gilt für die Entwicklung des etablierten Medikaments Tenofovir, ein Virostatikum, das als Arzneistoff in der Behandlung von HIV-1-Infektionen und Hepatitis B verwendet wird.

“Tierversuche mit nicht-menschlichen Primaten haben von Beginn an eine wichtige Rolle bei der Erforschung von HIV gespielt. Zwar ließen sich auf Grund der Schwere der Krankheit immer relativ viele freiwillige Patienten zum Beispiel für Tests neuer Wirkstoffe finden, allerdings war parallel viel Grundlagenforschung zur Aufklärung der Pathogenese, des Infektionsverlaufs oder auch der Anpassungsfähigkeit des HI-Virus notwendig, für die Wissenschaftler auf Primatenmodelle zurückgreifen mussten. Im US-amerikanischen Centers for Disease Control (CDC) wurden zum Beispiel Anfang der 80er Jahre mit Hilfe infizierter Weißbüschelaffen (Callithrix jacchus) erste Erkenntnisse über den Krankheitsverlauf von AIDS gewonnen. Tierversuche mit Schimpansen waren beispielsweise Anfang der 90er Jahre nötig, um einen Bluttest zu entwickeln, mit dem eine HIV-Infektion eindeutig verifiziert werden kann.” – Deutsches Primatenzentrum (DPZ)

„Die größte Herausforderung liegt nach wie vor darin, dass das HI-Virus in das Genom der Wirtszelle eingebaut ist und sich durch eine unglaubliche Wandlungsfähigkeit auszeichnet“, erklärt Prof. Jürgen Rockstroh, der Träger des Bundesverdienstkreuzes ist. Er arbeitet als Oberarzt der Abteilung Infektiologie / HIV der Medizinischen Klinik und Politkinik I des Universitätsklinkums in Bonn und ist dort auch Leiter der Ambulanz für Infektiologie und Immunologie. Eine Möglichkeit, die fraglichen Zellen zu erreichen, bietet die CRISPR/Cas-Methode. „Aber auch diese Methode ist schwierig anzuwenden, da HIV nicht nur eine Zelle betrifft, sondern viele“, erklärt Rockstroh die Notwendigkeit, einen lebenden Organismus mit sich entwickelnden Zellen zur Forschung zur Verfügung zu haben. Prof. Rockstroh gilt als einer der international anerkanntesten deutschen Wissenschaftler auf dem Gebiet HIV und AIDS. Er hat sich seit mehr als 25 Jahren stets für die Verbesserung von HIV- und Hepatitis C-Therapien eingesetzt und das Thema HIV/AIDS in der Gesellschaft präsent gehalten.

Bernd Vielhaber, der seit vielen Jahren in der HIV/AIDS-Selbsthilfebewegung aktiv ist, sagt: „Studien zur Übertragbarkeit auf der molekularen Ebene – das heißt, wie findet die Übertragung statt, was passiert dabei immunologisch etc. – sind am lebenden Menschen nicht durchführbar. Nicht nur, dass sich niemand freiwillig mit HIV infizieren lassen würde, es würde keine Ethikkommission der Welt durchwinken. Aber schlussendlich ist es ein klassisches ethisches Dilemma.“ Er hat aber auch einen Vorschlag, die Zahl der Tierversuche zu reduzieren: „Denkbar wäre zum Beispiel ein internationales Vakzine-Konsortium, um die Zahl der Tierversuche weiter zu reduzieren.“

Primatenhaltung am Deutschen Primatenzentrum (DPZ)

Das DPZ ist nicht nur im Artenschutz aktiv, sondern auch in der wissenschaftlichen Forschung. Über die Haltung der Tiere und die Arten wird transparent informiert. Ende des letzten Jahres lebten 1.247 Affen aus sieben verschiedenen Arten vor Ort. Auf der Webseite sieht man Bilder der Tiere aus den verschiedenen Gehegetypen, wie etwa Freigehegen. Die Rhesusaffen haben mit rund 750 Tieren den größten Anteil der gehaltenen Arten. “Nur sehr wenige von ihnen wechseln pro Jahr in die Forschung. In zwei Forschungsbereichen des DPZ kommen Rhesusaffen zum Einsatz: Sie sind geeignete Tiermodelle für die Infektionsforschung und für die Neurowissenschaft.”

Aktuell sind sie auch im Zentrum der Forschung bezüglich HIV: “In der Sektion Infektionsforschung wurden Rhesusaffen zuletzt zum Beispiel für Untersuchungen über Viren wie beispielsweise HIV sowie über Prionen und das Chronic Wasting Disease eingesetzt. Chronic Wasting Disease ist eine Erkrankung bei Hirschen, die sehr der menschlichen Creutzfeldt-Jakob-Krankheit ähnelt. Im Bereich der Infektionsforschung ist es notwendig, wenn alle Alternativmethoden zur Überprüfung einer Forschungsfrage ausgereizt sind, den jeweiligen Ansatz zur Erforschung eines Virus oder Bakteriums am Tier zu testen, in dem eine geringe Anzahl Rhesusaffen infiziert wird. Die Tiere sind jederzeit unter tierärztlicher Betreuung und müssen nicht länger mit der Krankheit leben, als unbedingt notwendig. In der Regel steht am Ende des Versuchs die Einschläferung der Versuchstiere. Die Infektion von Rhesusaffen mit dem Affen-Immundefizienz-Virus SIV (engl.: simian immunodeficiency virus) stellt ein wichtiges Tiermodell für die HIV-Infektion des Menschen dar. Die beiden Viren weisen eine ähnliche Genomstruktur auf. Bei SIV-Infektionen von Rhesusaffen verlaufen wesentliche Aspekte der Krankheitsentstehung und des Krankheitsverlaufs analog mit der HIV-Infektion des Menschen. Erforscht werden sowohl Impfstoffe als auch Methoden der Prophylaxe, die vor der HIV-Infektion schützen sollen.”

Das kann man jetzt für sich persönlich gut oder schlecht finden und es entsprechend bewerten, denn das steht jedem persönlich frei.

Letztendlich die Entscheidung von jedem selbst

Um HIV zu heilen, ist eine möglichst freie Forschung notwendig, die umfassend agieren kann. Ob man auf die Forschung an Tieren zurückgreifen will, muss jeder für sich selbst entscheiden, aber diese Entscheidung kann und darf nicht zu einer werden, die andere für Betroffene treffen. Deshalb bedroht die Kampagne von Tierrechtsorganisationen gegen die medizinische Forschung die Entscheidungsfreiheit von jedem von uns in Bezug auf die Human-, aber auch der Tiermedizin.

Während es jedem erlaubt ist, seine eigene Position zu Tierversuchen zu finden, ist es nicht ethisch vertretbar, dass andere diese Freiheit auf welche Weise auch immer einschränken. Lebensbedrohliche und tödliche Krankheiten betreffen in erster Linie den oder die Betroffene(n) selbst. Die betroffene Person hat jede medizinisch nachweislich wirksame und mögliche Behandlung verdient und muss selbst entscheiden dürfen, welche sie davon für sich wählt. Menschen, die dem Tod nicht unmittelbar in die Augen blicken, haben leicht reden, was eine Respektlosigkeit gegenüber den tatsächlich betroffenen darstellt.

Schauspieler Dustin Hoffmann: „Für mich ist PETA eine radikale, faschistische Organisation… Sie braucht populäre Ziele, um sich von Spenden manipulierbarer Tierfreuden zu finanzieren.“ (Quelle: SZ, 26./27. Januar 2013) Das spiegelt sich auch in der Haltung zu der Forschung an Tieren wieder, denn “dagegen sein”, was Newkirk erwähnt, bedeutet bei PETA auch dagegen zu kämpfen. Tierversuche sind ein populäres Ziel und das nutzt die Organisation aus, um einer Kampagne den Weg zu bereiten, die Forschung zu verbieten, weil sie nicht in ihre Ideologie der Tierrchtler passt. Newkirks Kommentar bezeugt auch, dass PETAs Standpunkt von der Wirksamkeit der Forschung völlig losgelöst ist. Das ist eine gefährliche Ideologie, die das Leben von Menschen bedroht, denn der Ansatz zur Bekämpfung einer solchen Krankheit muss so umfassend wie möglich sein.

Was PETA ja auch im Zusammenhang mit modernen Zoos und Aquarien versucht, ist es Entscheidungsoptionen zu eliminieren. Jeder hat das Recht gegen Tierversuche oder sogar gegen alle Tierhaltungen generell zu sein. Keiner darf aber das Recht haben mit seiner Meinung andere in ihrer Freiheit zu beschränken – ganz besonders nicht, wenn es um das Retten von Leben geht. Von Seiten PETAs erklärt man ganz klar: “Wir setzen uns nicht für ein „Recht auf Leben“ für Tiere ein” und: “Eine Ratte ist ein Schwein ist ein Hund ist ein Junge. Sie sind alle Tiere.” Wenn sie sich nur nicht dafür einsetzen würden, wäre es nur eine fragwürdige Position, aber sie setzen sich ja aktiv dagegen ein und wollen somit das Recht der eigenen Entscheidung in ethischen Fragen massiv beschneiden.

Betroffene müssen diese Entscheidung selbst treffen können und man darf nicht in den Köpfen oder im Gesetz mit Desinformationen einen Riegel vor einen Forschungszweig schieben, der durch seriöse Forschung schon viel für Kranke getan hat und aktuell primär an einem Impfstoff arbeitet, damit diese furchtbare Krankheit in Zukunft der Vergangenheit angehört. Es spricht nichts dagegen, Forschung an Tieren kritisch zu begleiten, aber sehr wohl sie von vornherein durch Lügen, Fehl- und Desinformationen zu tabuisieren, diffamieren oder gar sie generell verbieten zu wollen, wenn es darum geht das Leben von Betroffenen zu retten, die das Recht haben sollten, selbst die ethischen Entscheidungen für sich zu treffen.