Bleuga in SeaWorld San Antonio | Foto: Lars Plougmann, Lizenz: CC BY-SA 2.0

RTL berichtet von “Schutzbucht in Island”, die nicht existiert

Exklusiv für zoos.media – 28.10.2018. Autor: Philipp J. Kroiß

Wenn Journalisten alles völlig unhinterfragt übernehmen, was NGOs ihnen vorgekaut haben und dann auch noch mit schlechter Recherche ausschmücken, entstehen Artikel wie der über den diese Veröffentlichung aufklärt.

RTL berichtet von “Schutzbucht in Island”, die nicht existiert

Es dreistes Lügen oder schlechte Recherche zu nennen, was RTL in ihrem Artikel “Schutzbucht in Island: Besseres Leben für Wale aus Gefangenschaft” veröffentlicht hat, wäre vermutlich zu schwach formuliert. Weder hat der/die anonyme Autor/in richtig recherchiert, was das WDC über die “Bucht” sagt, was davon stimmt und was nicht, sowie was die tatsächlichen Fakten sind. Es ist so unglaublich falsche Berichterstattung, dass es bemerkenswert ist.

Schutzgebiet oder Schutzbucht?

Nachdem man undifferenziert über Wale in Menschenobhut, sowie über Tierschützer und Tierrechtler berichtet hat, kommt der Satz: “Aber jetzt gibt es Hoffnung für viele Wale in Gefangenschaft: In Island wird das erste geschlossene Schutzgebiet für sie eröffnet.” Das ist einfach falsch – nicht mal der WDC behauptet das. Was passiert tatsächlich? Zwei Belugas werden über etliche tausende Kilometer in eine Holding Facility in einer Isländischen Bucht gebracht. Mehr nicht. Das ist kein Schutzgebiet, sondern nur eine Haltungseinrichtung für Weißwale.

“Laut Naturschützern ist die Klettsvik-Bucht auf der Insel Heimaey der perfekte Ort für die Tiere.” Das behauptet der WDC durchaus, ex stimmt aber auch nicht. Diese zwei Tiere sind auf die tägliche Versorgung durch Menschen angewiesen. Aus Erfahrungen vergangener Jahre mit diesen Holding Facilities in der Bucht weiß man aber bereits, dass es, aufgrund der Wetterbedingungen, nicht möglich sein wird, die Tiere jeden Tag zu versorgen. Das dann als perfekten Ort zu beschreiben, ist abenteuerlich und letztendlich einfach falsch.

Dann zitiert man einen angeblichen Experten: “”Es ist wichtig, dass die Wale in einer möglichst natürlichen Umgebung gehalten werden, in einem Aquarium können wir diesen wirklich intelligenten Tieren nicht gerecht werden”, sagt Andy Bool, Leiter von Sea Life Trust.” Erstens stimmt das nicht: moderne und entsprechend akkreditierte Aquarien werden Belugas gerecht, halten sie erfolgreich und züchten sie. Nun muss man aber wissen, dass Island nicht die natürliche Umgebung von Belugas ist.

Verbreitungsgebiet der Belugas (blau) und Island (mit rotem Pfeil makiert) | Originalbild (ohne Markierung): made by Pcb21 after Vardion, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Das ist ein sehr einfach zu recherchierender Fakt, den RTL hier ignoriert und die Chance verpasst, seine Leser ordentlich zu informieren.

“300 Orcas leben derzeit in Gefangenschaft, so die Zahlen von “Sea Life Trust”, darunter auch “Little White” und “Little Grey”.”

Ja, dieser Satz steht tatsächlich im Artikel und zwar genau so. Um das zu beweisen, haben wir den Stand, auf den wir uns beziehen, entsprechend hier unabhängig speichern lassen. Also zuerst einmal leben keine 300 Orcas in Gefangenschaft – selbst das WDC spricht nur von 61 Schwertwalen, die in Menschenobhut leben würden. Die beiden Tiere, um die es beim Projekt geht, sind auch keine Orcas, sondern Weißwale, die auch Belugas genannt werden. Sie gehören zwar, wie Orcas und andere Delfine, zu den Delphinoidea, sind aber Gründelwale und eben keine Delfine, wie zum Beispiel Orcas, Grindwale oder Große Tümmler.

Danach spricht man dann auch wieder bei den Tieren von Belugas, behauptet aber wieder, sie würden “in die Schutzbucht vor Island umgesiedelt”. Es gibt aber keine “Schutzbucht”, sondern einzig und allein eine Holding Facility. Die ersten Visualisierungen zeigen einen Komplex in der Bucht bestehend aus Stegen, einem Boot und drei, wohl durch Netze begrenzte, beckenartige Gebilde. Auf diesem Bild sieht man, dass zumindest ein Teil davon auch schon umgesetzt ist:

Übersetzungsfehler deluxe

Der Artikel schließt mit diesem Zitat ab:

“”Mit dem Aufbau von Schutzgebieten haben wir die Möglichkeit, den Tieren eine natürliche Umgebung zu geben. Die Wale haben viel mehr Platz, können tiefer tauchen, und sie können machen, was auch immer sie wollen – vor allem keine Kunststücke für zahlende Besucher”, freut sich Theodora Iona, Sprecherin der Tierschutzorganisation Peta.”

Theordora Iona ist “Outreach Coordinator” von PETA, wird auch im Original-Zitat englisch gesprochen haben und entsprechend das Wort “sanctuary” benutzt haben. Das in diesem Zusammenhang mit “Schutzgebiet” zu übersetzen, zeigt die offensichtliche Ignoranz der Wahrheit des Übersetzers. Ein Sanctuary ist in diesem Zusammenhang eine Holding Facility – natürlich ist es lächerlich, dass Tierrechtler im Zusammenhang solcher Einrichtungen von einem Sanctuary sprechen, aber es geht ja darum, die Leser zu informieren und solche Bezeichnungen entsprechend seriös aufzubereiten.

Nun zum Inhalt des Zitates: Dass solche Holding Facilities mehr Platz bedeuten, ist auch falsch. Ein Teilnehmer des Keiko-Projekt, für das ebenfalls eine solche Holding Facility aufgebaut wurde, sprach von einer Größe, die ungefähr einem Showpool einer SeaWorld-Einrichtung entsprochen hätte. Also, das Argument “mehr Platz” greift schlicht nicht. Zudem wächst die Haltungsqualität ja nicht mit Quadratmetern.

Ebenso falsch ist die Aussage, dass die Tiere machen könnten, was sie wollten. Man kann nicht einfach Wale in ein Meeresgehege stecken, sie dann sich selbst überlassen und denken, das wäre gut. In der Natur bestimmt der harte und kompromisslose Überlebenskampf ihren Alltag, in Menschenobhut müssen sie diesen nicht mehr kämpfen und brauchen entsprechende Beschäftigung. Ob sie also nun Training für zahlende Besucher machen oder nicht – man muss die Tiere trainieren, wenn man sie ordentlich halten will. Einmal zum Enrichment, aber eben auch, um sie versorgen zu können.

Wir wissen von Belugas, dass sie während des Trainings Glückshormone ausschütten. Es ist also nicht abwegig zu behaupten, dass sie dieses Training auch täglich machen wollen. Wie will man das aber gewährleisten in einer Einrichtung in einer solchen Bucht von der man weiß, dass sie für die Pfleger teilweise, aufgrund des Wetters, nicht begehbar sein wird? Man kann es schlicht nicht und somit ist es völlig abwegig zu sagen, die Tiere könnten machen, was auch immer sie wollen.

Nun verpasst RTL ebenfalls in diesem Artikel klar zu stellen, das eine Bucht in Island eben nicht die natürliche Umgebung eines Belugas ist. Dort ist nicht das natürliche Verbreitungsgebiet von Belugas und Journalisten müssen das klar stellen, weil wohl nicht jeder weiß, dass es eine Lüge ist, wenn Tierrechtler sagen, die Tiere kämen “zurück nach Hause”.

Die Lüge vom Beluga-Refugium

Wie kommt so eine Berichterstattung zu Stande?

Erstmal, wie wir wohl hinreichend nachgewiesen haben, ist hier ein gehöriges Maß an Inkompetenz am Werk. Es wird einfach falsch berichtet. Natürlich hat das auch eine Basis, warum solche und ähnliche Artikel von mehr oder weniger schlimmerer Qualität entstehen: ein völlig unkritischer Umgang mit Pressemitteilungen von NGOs. Es scheint in vielen Redaktionen nach dem Motto verfahren zu werden, dass, wo irgendwas mit Schutz drauf stünde, schon auch irgendwie alles richtig wäre und selbst wenn nicht, sich schon niemand beschweren würde. Das passiert seit Jahren und lässt sich durchaus anhand eines gewissen Drucks herleiten, unter denen Redaktionen heute stehen.

Ständig muss Content produziert werden und Recherche, sowie Integrität gehen dabei dann meist flöten. Populisten nutzen so etwas dann, um von “Lügenpresse” zu schwadronieren, aber auch das ist falsch. Es gibt ja Journalisten bei denen es nicht so ist und auch RTL ist wegen diesem Artikel ja nicht insgesamt und grundsätzlich schlecht. Trotzdem ist es wichtig, dieses Vorgehenmassiv zu kritisieren, denn sie schadet dem Journalismus im Gesamten. Solche eigentlich fast schon sehr leicht als völlig lächerlich und realitätsfremd zu enttarnenden Artikel, richten einen großen Schaden an. Das muss aufhören.

Es ist nicht sehr schwer, den WDC und das Greenwashing dieses Projekts von Merlin Entertainments, die in ihrer Geschichte eben nicht gerade bewiesen haben, dass sie sich besondere Expertise aufgebaut haben, Meeressäuger modern und tiergerecht zu halten, kritisch zu begleiten. Hier wird Leuten vorgegaukelt, dass in Russland gefangene Tiere in Island “zurück nach Hause kämen” – das muss man sich mal vorstellen! Statt das Journalismus das abnickt und sogar durch solche Artikel noch an der Desinformationskampagne willentlich oder unwillentlich teilnimmt, hat man eine massive Option hier fundiert kritisch zu berichten.