Bengalisches Plumplori (Nycticebus bengalensis) mit sechs Wochen altem Nachwuchs auf dem Rücken | Foto: Helena Snyder, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die fragwürdige Angst vor der Überbevölkerung

Exklusiv für zoos.media – 20.10.2018. Autor: Philipp J. Kroiß

Zerstört das scheinbar grenzenlose Bevölkerungswachstum den Planeten? Nein, denn es ist gar nicht so grenzenlos wie viele denken. Dieser Artikel erklärt die Zusammenhänge, Daten und daraus folgenden Schlüsse.

Die fragwürdige Angst vor der grenzenlosen Überbevölkerung

Viele Menschen haben eine auf den ersten Blick total logisch wirkende Angst: Die Gesamtbevölkerung der Erde steigt und steigt. Die geschieht in einem sehr beeindruckenden Tempo und die Kurve schnellt nach oben als gebe es kein Halten. Man muss sich tatsächlich mal Vorstellen erst 1960 wurde die Marke von drei Milliarden Menschen auf der Erde geknackt. 1999 gab es dann aber schon drei Milliarden Menschen mehr auf dem Erdball. Die ersten drei Milliarden haben tausende von Jahren gedauert und die zweiten drei Milliarden nur wenige Jahrzehnte. Wenn das so weitergeht … nun, das wird es aber nicht tun. Das erklärte der Experte Hans G. Rosling, der Professor für Internationale Gesundheit am Karolinska Institutet, eine von Europas größten und angesehensten medizinischen Universitäten, war und im letzten Jahr verstarb.

Warum die Bevölkerung gerade so rasant steigt

Ganz einfach: Es gibt mehr Erwachsene. Der technologische Fortschritt hat dafür gesorgt, dass die Überlebensraten der Babys massiv verbessert wurden. Es ist weltgeschichtlich nicht sehr lange her, dass die Menschen viele Kinder haben musste, damit einige wirklich durchkamen. Das hat sich geändert – dank dem medizinischen Fortschritt. Daran passt sich die Gesellschaft, für die dieser Fortschritt immer zugänglicher wird, inzwischen an und bekommt auch gar nicht mehr so viel Kinder.

Durch die Weltgeschichte hindurch gab es eigentlich einen Durchschnitt von fünf Kindern pro Frau. In den 1960er Jahren sankt die sehr rapide ab und sinkt weiter. Aktuell bekommen die Frauen weniger als drei Kinder und es sinkt weiter in den nächsten Jahren wird man wahrscheinlich auf zwei oder sogar darunter kommen. Natürlich merkt man davon noch gar nichts. Der Beginn des Abfalls ist noch nicht mal 60 Jahre her. Die Lebenserwartung der Deutschen und der Durchschnitt weltweit liegt aktuell bei rund 80 Jahren. Es wird also noch einige Jahrzehnte dauern bis wir den Abfall, der in den 1960er Jahren geschehen ist, wirklich spüren, denn es gibt natürlich einen Überhang durch die gestiegene Lebenserwartung.

Warum sie schon bald nicht mehr rasant steigen wird

Schimpansenbaby im Loro Parque | Foto: zoos.media

Dieser Überhang ist der Grund, weshalb die Bevölkerung weiter steigt, obwohl wir bereits heute weniger Kinder geboren werden. Da diese Wandlung natürlich pro Region zu anderen Zeitpunkten stattfindet, dauert das ein paar Jahre bis wir die Auswirkungen merken. Prof. Rosling fasste das wie folgt zusammen:

“Today there are 7 billion people in the world. Out of those 7 billion, 2 billion are children aged 0-15 and 2 billion are young adults between 15-30 years. Adults between 30-45 years make up only 1 billion of the world population, and so do the adults between 45-60 years. Those above 60 years also count as about 1 billion. Assuming that life expectancy will remain the same and that the number of children will also not change, there will be a fill up of adults as generations pass. The children of today will become adults and have children. Considering that the number of children is not expected to grow, by the end of the century 3 billion more people will be added to the world population within the next generations.
That’s how the fast population growth ends. It’s expected to happen when the children of today reach the age group of 60 years or above.
If we consider the expected increase in life expectancy, one more billion people will be part of the world population, totalling 11 billion by the end of the century.”

“Heute gibt es 7 Milliarden Menschen auf der Welt. Von diesen 7 Milliarden sind 2 Milliarden Kinder zwischen 0 und 15 Jahren und 2 Milliarden junge Erwachsene zwischen 15 und 30 Jahren. Erwachsene zwischen 30 und 45 Jahren machen nur 1 Milliarde der Weltbevölkerung aus, ebenso Erwachsene zwischen 45 und 60 Jahren. Diejenigen über 60 Jahre zählen ebenfalls etwa 1 Milliarde. Unter der Annahme, dass die Lebenserwartung gleich bleiben wird und sich auch die Anzahl der Kinder nicht ändern wird, wird es im Laufe der Generationen ein Auffüllen der Erwachsenen geben. Die Kinder von heute werden Erwachsene und haben Kinder. Wenn man bedenkt, dass die Zahl der Kinder nicht wachsen wird, werden bis zum Ende des Jahrhunderts in der nächsten Generation 3 Milliarden mehr Menschen zur Weltbevölkerung kommen.
So endet das schnelle Bevölkerungswachstum. Es wird erwartet, dass die Kinder von heute die Altersgruppe von 60 Jahren oder älter erreichen.
Wenn wir die erwartete Zunahme der Lebenserwartung in Betracht ziehen, wird eine weitere Milliarde Menschen Teil der Weltbevölkerung sein, insgesamt 11 Milliarden bis zum Ende des Jahrhunderts.”

Das sind die Zahlen seriös aufbereitet. Also selbst, wenn die Anzahl der Kinder pro Frau nicht weiter sinken würde, was sie tut, und die Bevölkerung noch älter würde, was kaum noch möglich ist, wird dieses Wachstum abflachen und eine neue Balance erreichen. Also selbst im statistischen “worst case szenario” flacht das Bevölkerungswachstum ab. Erwartet wird das ungefähr, wenn die Kinder von heute sechzig Jahre alt werden. Das wird in dieser Grafik schön aufbereitet:

Verlauf des Bevölkerungswachstums | Free slides from www.gapminder.org, Lizenz: CC BY 4.0

Ende der Angst

Wer also denkt, wir werden immer mehr und immer mehr, sodass es niemals ein Ende nimmt, irrt sich. Diese Theorie ist allerdings kein Hirngespinst eines der renommiertesten Professoren auf diesem Gebiet, sondern entspricht auch den Vorhersagen der UN, die bisher immer recht zutreffend waren. Schon 1958 sagte man völlig korrekt voraus, dass im Jahre 2000 man ungefähr bei sechs Milliarden Menschen sein würde. Das wurde zwischendurch noch etwas hin und her korrigiert, aber man kam tatsächlich bei 6,1 Milliarden Menschen aus. Aktuellen Vorhersagend entsprechend werden wir 2.100 zwischen 10 und 11 Milliarden Menschen auskommen.

Auch das zeigt schon, dass der Scheitelpunkt des Wachstums im Prinzip überschritten ist und der Weg zur neuen Balance sich bereits mehr und mehr ebnet. Das ist noch nicht besonders merklich, wird es aber mit der Zeit mehr und mehr. Das Schreckgespenst eines grenzenloses Bevölkerungswachstums ist also völlig sinnbefreit. Das zeigt auch zum Beispiel diese Grafik:

Was im einzelnen ziemlich unübersichtlich wirkt zeigt uns aber insgesamt den Trend sehr, sehr gut. Die Stiftung, die Professor gegründet hat, stellt diese Information frei zur Verfügung. Jeder kann nachprüfen, nachrechnen und sich informieren. Es ist ein Projekt gegen die Angst, gegen den Populismus, aber vor allem für Menschen. Stimmen werden laut, antidemokratische Methoden zum Bremsen des Bevölkerungswachstums einzusetzen und auch humanitäre Hilfe zu stoppen, um so Bevölkerungswachstum zu verhindern, obwohl dies gar nicht nötig ist.

Die Angst vor einer Überbevölkerung aufzubauen, dient dazu ein Milieu der Angst zu implementieren und entspringt einer Ideologie, die den Menschen dämonisiert. Wer werden also nicht “zu viele” und den ganzen Planeten so zerstören. Die Forschung bringt immer wieder erstaunliche Ergebnisse hervor, die unseren Impact auf den Planeten verringern. Eine möglichst freie Forschung, die auch entsprechende Unterstützung erhält, kann sehr viel leisten.

Das beste Beispiel ist der Computer vor dem Sie vielleicht gerade sitzen oder das Smart Phone in das Sie gerade schauen. In wenigen Jahren sind diese leistungsfähiger und effizienter geworden. Alte Computer haben einen Haufen Strom verbraucht und hätten nicht mal diese Seite, auf der Sie gerade sind, laden und anzeigen können. Das Smartphone hat seinen Siegeszug erst vor etwas mehr als zehn Jahren angetreten. Das Internet selbst wurde erst in 1990er Jahren kommerzialisiert – das ist keine 30 Jahre her. Dieser technische Fortschritt geht weiter und dies in vielen Branchen.

Was heißt das jetzt?

Goriallanachwuchs im Zoo Duisburg | Foto: zoos media, Lizenz: Erlaubnis des Fotografen

Das alles heißt aber nicht, dass man jetzt Tiere, ihre Arten und ihre Lebensräume nicht mehr schützen muss – vielmehr gibt es Hoffnung. Tier-, Arten- und Naturschutz würde ja eben genau keinen Sinn mehr machen, wenn irgendwann alles zu ist mir Bevölkerung, denn dann gäbe es auch keine Lebensräume für Tiere mehr. Dass dieses Bevölkerungswachstum wieder abnehmen wird und in eine neue Balance, zeigt ja eben, dass es eben nicht alles hoffnungslos ist und dass da Raum für Natur bleiben wird.

Es lohnt sich also jetzt und heute für Schutzgebiete und deren Erhalt zu kämpfen. Diese Erkenntnis macht es umso wichtiger eben nicht zuzulassen, dass weitere Arten für immer von dieser Erde getilgt werden. Durch effiziente Wohnkonzepte ist es bereits heute möglich, Platz für eine Bevölkerung zu schaffen, die wachsen kann und darf. Diese werden ja auch schon vereinzelt umgesetzt und wenn sie sich bewehren, steckt darin eine massive Chance. Alles in allem ist es ja nicht so, als wären wir technologisch auf dem Holzweg.

Was passieren muss, ist eine massive Förderung der Forschung. Darin liegt die Zukunft von allem. Forschung entsteht zudem aus Bildung und auch hier muss man früher oder später ran, denn man kann Schüler auf eine so komplexe Welt nicht mehr vorbereiten wie man es noch vor einigen Jahrzehnten in einer deutlich weniger komplexen Welt getan hat. Wer die Wissenschaft stärkt, stärkt auch die Anzahl der Lösungen, die für wichtige Probleme unserer Zeit gefunden werden müssen. Stattdessen geschieht zu wenig Förderung und es werden auch noch Steine in den Weg gelegt.

Moderne Zoos und Aquarien spielen bei der Weiterentwicklung unserer Art zu leben hin zu einem umweltverträglichen Dasein, eine enorm wichtige Rolle. Sie erhalten nicht nur bedrohte Arten, sondern investieren viel in Projekte in den Lebensräumen direkt. Dazu sind sie wichtige Forschungsstandorte – hier können Wissenschaftler Fragen nachgehen, die sich nur in Menschenobhut beantworten lassen und wichtig sind, um eine konstruktive Zukunft zu gestalten. Ebenso sind sie enorm wichtige Bildungseinrichtungen und transportiert wichtige Lerninhalte. Gäbe es moderne zoologische Einrichtungen nicht schon, müsste man sie wahrlich erfinden.