Portrait eines Berggorilla (Gorilla beringei beringei) aus der Titus Gruppe Ruanda | Foto: Charles J Sharp, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Was uns die Augen von Menschenaffen über sie sagen können … und was nicht

Exklusiv für zoos.media – 20.04.2019. Autor: Philipp J. Kroiß

Der Blick in die Augen von Tieren regt manchen Menschen zu kuriosen Schlussfolgerungen an – bei Menschenaffen, ist das besonders. Wie sinnvoll ist das aber?

Was uns die Augen von Menschenaffen über sie sagen können … und was nicht

Augen werden als “das Fenster zur Seele” bezeichnet und tatsächlich kann man mit ihnen auch kommunizieren. Allerdings die Idee, dass man mit dem Betrachten der Augen automatisch auf das Seelenleben schließen könnte, ist falsch – letztendlich bei allen Tieren. Bei Affen – und besonders bei den uns nah verwandten Menschenaffen-Spezies – aber ist es ganz besonders, weil die in sie projizierte Ähnlichkeit zum Menschen, die bei genauerem Betrachten nur sehr limitiert überhaupt gegeben ist, Menschen zu den kühnsten Theorien anstiftet. Die sagen aber meist mehr über die Menschen selbst aus, als über die Tiere, deren Gedanken sie quasi gelesen haben wollen.

Das Missverständnis

Bonobo im Zoo. | Foto: Psych USD, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Bis heute verdienen Leute viel Geld damit, den Menschen vorzugaukeln, es gäbe durch bestimmte Gesten, die man nur lesen müsse, eine Art Wörterbuch wie “Körpersprache – Deutsch, Deutsch – Körpersprache”. Das ist völliger Blödsinn und wissenschaftlich seit langer Zeit widerlegt. Aktuell geht die Wissenschaft vielmehr davon aus, dass die Interpretation von Körpersprache besonders vor dem Hintergrund der Situation, aber auch vor dem Hintergrund von der Person im Laufe ihres Lebens erlernter Gesten geschehen muss, die unterschiedliche Bedeutungen haben können. Die These, dass man eine Geste immer mit der gleichen Selbstoffenbarung übersetzen könne, gilt als widerlegt. Es ist also sehr kompliziert. Weil sich damit aber kein Geldverdienen lässt, gibt es bestimmte Leute, die das Thema Körpersprache pseudo-wissenschaftlich massiv simplifizieren.

Den Verhaltensforscher überrascht das nicht. Nicht nur, weil er die wissenschaftliche Literatur kennt, sondern auch, weil er sich mit Verhalten live und konkret beschäftigt. So gibt es grobe Richtungen wie bestimmtes Verhalten etwa von Tieren zu sehen ist, aber der gute Forscher prüft seine Thesen immer wieder. Klassisches Beispiel: Gähnen. Lange dachte man, dass Gähnen immer ein Ausdruck von Müdigkeit wäre und man assoziierte das mit Langeweile. Falsch! Menschen gähnen aus verschiedenen Gründen. Müdigkeit und Langeweile gehören genauso dazu wie Hunger oder Stress. Sehr häufig wird aber auch aus sozialen Gründen gegähnt – einfach weil es andere auch tun.

Das Weiße der Augen

Junger Östlicher Flachlandgorilla (Gorilla beringei graueri) bzw. Grauergorilla im Kahuzi-Biega National Park | Foto: Joe McKenna, Lizenz: CC BY 2.0

Beim lauter Reinprojizieren in die Affen, fällt den meisten etwas nicht auf: das mangelnde Augenweiß. Der Mensch kommuniziert viel über seine Blickrichtung. Selbst aus vergleichsweise großer Entfernung kann man noch sehen, wohin ein Mensch blickt. Bei Menschenaffen außerhalb der Art Homo sapiens ist das nicht so. Ist Ihnen das schon aufgefallen? Oft sind Menschen so damit beschäftigt den Menschen im Tier zu sehen, dass sie das schlicht übersehen. Forscher des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig haben diesen eigentlich augenfälligen Unterschied erforscht. “Unser Auge hat sich so entwickelt, damit wir uns besser miteinander verständigen können“, sagte die Leipziger Biologin Juliane Bräuer dem Tagesspiegel. Menschen reagieren auch sehr stark auf menschliche Augen.

Wir teilen also mit unseren Augen sehr viel mit – das ist in zwischenmenschlicher Kommunikation ein Vorteil. In der Natur mit all den Konkurrenzsituationen nicht. Die Affen konkurrieren ständig um Futter und Sex – da ist es kein Vorteil, sich in die Karten schauen zu lassen. Die Konkurrenz spiegelt sich auch im Verhalten, wissen die Forscher: Schon junge Affen zeigen signifikant weniger Kooperationsbereitschaft als Kleinkinder. Die Tiere kommunizieren auch weniger über Augenkontakt, sondern achten mehr auf die Richtung, in die der Kopf des Anderen zeigt. Das offenbart wie unterschiedlich man dann doch kommuniziert. Man kann sich das, sehr grob und plakativ vereinfacht, so vorstellen wie in einer Gruppe mit Menschen, die undurchsichtige Sonnenbrillen tragen. Dann merkt man wie viel das in der Kommunikation bei Menschen verändert, wenn wir die Augen nicht sehen können.

Das Augenweiß ist uns Menschen sehr wichtig. Ein helles Weiß unterstreicht etwa die Gesundheit, die wir beim Gegenüber annehmen, was bei der Partnerwahl nicht unwichtig ist. Deshalb wird dieser Kontrast auch gerne mit Wimperntusche und Kajalstift verstärkt. Die berühmten Smokey Eyes zum Beispiel lassen die Augen kontrastreicher wirken. Das verstärkt die Kommunikation und signalisiert unterbewusst Gesundheit. Bereits Neanderthaler nutzten eine Art schwarze Schminke zu Fruchtbarkeitsritualen. Ein sehr spannendes Detail, was zeigt, wie sehr ein eigentlich ja kleiner, oft übersehener Unterschied, Kommunikation fundamental verändern kann. Spannend ist da sicherlich, dass es aber durchaus zu beobachten ist, dass bei vereinzelten Tieren aus der Familie der Menschenaffen eine weiße Lederhaut zu sehen ist.

Tiere verhalten sich und kommunizieren anders

Schimpanse im Zoo Augsburg | Foto: Rufus46, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Daran sieht man wie vermessen es ist, einfach eine menschliche Schablone auf tierisches Verhalten zu legen und sich einzubilden, etwa an den Augen erkennen zu können wie es einem Tier gerade geht. Selbst unsere nächsten Verwandten kommunizieren körpersprachlich bereits komplett anders als wir. Man muss also die menschliche Brille ablegen – auch im Zoo. Da kann man einem Tier nicht einfach ansehen, wie es ihm geht, weil es vielleicht im Vergleich zum Menschen “traurig guckt”. Wie anders Menschenaffen zum Beispiel Frustration zeigen hat die Evolutionspsychologin Bridget Waller von der University of Portsmouth erforscht. Bei Menschenkindern gibt es mit der Schmollippe und einem bestimmten Blick in einer bestimmten Situation der Enttäuschung und somit eine klare nonverbale Kommunikation der Enttäuschung. Erwachsene Schimpansen hingegen zeigten quasi keine Regung in der gleichen Situation der Enttäuschung.

Das hat auch damit zu tun, dass Schimpansen zwar durchaus kooperieren, tendenziell aber deutlich egoistischere Züge zeigen als Menschen. Das macht für sie sehr viel Sinn und sollte man nicht negativ sehen, denn während wir Egoismus mit Missgunst assoziieren und negativ bewerten, sehen wir das bei Schimpansen nicht. Ohne eigenen Nutzen etwas für andere Schimpansen zu tun, ist den Tieren doch recht fremd. Das wissen wir sehr genau dank dem Max Planck Institut und auch dank Forschungen mit Schimpansen im Zoo. Hier ist seit Jahren das Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig gemeinsam mit den dortigen Zoo führend.

Solche Erkenntnisse über die Unterschiede zwischen Mensch und Tier sind meist nur Nebenprodukte, denn gerade bei Versuchen, die auf Kooperation abzielen, geht es darum, die Mechanismen der Jagd detailliert zu verstehen, weshalb man den Prozess sehr detailliert aufdröselt und erforschen will. Dabei geht es zum Beispiel um ein “Problem kollektiven Handelns”, wenn etwa Trittbrettfahrer nur nutznießen ohne wirklich so viel getan zu haben wie die Aktivsten der Gruppe von der sie nutznießen, woran Michael Tomasello forscht. Eine weitere spannende Erkenntnis ist, dass die Tiere Ungerechtigkeit praktisch kalt lässt, was Forscherin Katrin Riedl beobachten konnte.

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Vermenschlichung muss aufhören

Ein prächtiger Tapanuli-Orang-Utan (Pongo tapanuliensis) im Batang Toru Forest
auf Sumatra | Foto: Tim Laman, Lizenz: CC BY 4.0

Tiere ernst zu nehmen, bedeutet sie nicht als Menschen mit Fell misszuverstehen. Sie brauchen keine Rechte, sie brauchen keine Gleichstellung wie der Mensch, sondern sie brauchen Schutz und der funktioniert nur auf Basis von Forschung. Es müssen wissenschaftliche Daten sein, woran wir ermessen können, ob es Tieren gut geht oder nicht. Wohlbefinden lässt sich ja quantifizieren: einmal an der Individualgesundheit des Tieres betrachtet vor dem Horizont seines Lebens und natürlich auch an seinem Leben in der Gruppe. Das erfährt man nicht, indem man den Tieren in die Augen schaut, sondern, indem man Daten erhebt. Die Augen der verschiedenen Menschenaffen-Spezies sind ein perfektes Beispiel dafür, warum Tiere so anders sind als wir – und das ist ja nicht schlimm. Ein Tier muss uns nicht ähnlich sein, um faszinierend oder schützenswert zu sein – jedes Tier ist auf seine Art faszinierend und auch allein aufgrund seines Existenz schützenswert.

Tiere zu vermenschlichen, wie es etwas die Tierrechtler tun, indem sie ihnen Rechte geben wollen, die sie nicht verstehen, geschweige denn nutzen, können, hilft niemandem außer ihnen selbst und ihrer Agenda. Obgleich das tatsächlich sehr egoistisch ist, ist das eben kein Beleg für unsere Ähnlichkeit und nahe Verwandtschaft. Ja, wir sind auch zu den Hominidae zu zählen und sind damit biologisch in der gleichen Familie, aber wir sehen ja in der Natur wie unterschiedlich Familien auch sein können – Delfine sind dafür ein tolles Beispiel. Jeder kennt den Großen Tümmler, aber Grindwale und Jacobitas gehören auch dazu und da merkt man schon deutlich wie groß die Unterschiede sein können.

Auf Basis des Wunsches nicht allein zu sein, mag diese Vermenschlichung nachvollziehbar erscheinen, aber sie ist grundlegend falsch. Wir sind die einzige Spezies, von der verschiedene Mitglieder den Planeten massiv und maßlos schädigen, wir sind aber auch die einzige Spezies, die den Planeten schützen und auch zu einem Teil wiederherstellen können, was andere vernichtet haben. In dem Sinne sind wir allein und das wird auch kein Schimpanse für uns machen, auch wenn wir ihn rechtlich mit uns auf eine Stufe heben würden. Wir sollten also gerade nicht darüber diskutieren wie ähnlich wir doch den Tieren wären – es gibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede, was keine große Sache ist – sondern wie wir diesen bedrohten Tieren helfen. Der Mensch ist die einzige nicht bedrohte Art der Familie der Menschenaffen – das sollte uns alarmieren und nicht, ob der Orang-Utan auf dem Foto jetzt traurig guckt oder nicht.

Unsere YouTube-Playlist: Menschenaffen in Zoos

Viel Spaß beim Anschauen!

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