Schopfmakake im Diergaarde Blijdorp | Foto: Sander van der Wel, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Was würde passieren, wenn Tierrechte deklariert werden?

Exklusiv für zoos.media – 06.10.2017. Autor: Philipp J. Kroiß

Viele Reden über Tierrechte, niemand aber realitätsnah über eine tatsächliche Umsetzung. Der Artikel fordert dazu auf und führt die Tierrechte so ad absurdum.

Was würde passieren, wenn Tierrechte deklariert werden?

Tierrechtler verfolgen die romantische Idee, als Menschen für Tiere Rechte zu deklarieren. Das bedeutet ein Ende jeder Tierhaltung und tiefgreifende Veränderungen für jeden. Abgesehen von den persönlichen Folgen (kein Frühstücksei, kein Haustier etc.), lohnt sich auch der Blick auf die großen Zusammenhänge – in diese soll dieser Artikel einen Einblick geben.

Wirtschaftliche Folgen

Veganer konsumieren keine tierischen Produkte – auch keine Milch. Quelle: Tim Reckmann/flickr CC BY-NC 2.0

Von einer Etablierung von Tierrechten stark betroffen wäre zum Beispiel die Landwirtschaft. Laut Bauernverband halten rund 70% der landwirtschaftlichen Betriebe Tiere. In Zahlen bedeutet das rund 12,4 Millionen Rinder, 28,7 Millionen Schweine, 177,3 Millionen Geflügel, 461.000 Pferde & Esel, 1,9 Millionen Schafe sowie 130.000 Ziegen – insgesamt also mehr als 219 Millionen Tiere in Deutschland. Wenn in Deutschland Tierrechte deklariert würden, könnten die Großkonzerne ihre Industrie einfach in andere Länder verlegen. Traditionsbetriebe und nicht so reiche Betriebe müssten ihre Viehhaltung einstellen und hätten eine unsichere Zukunft. Hart treffen würde dies also den Bauern um die Ecke, von dem man die vielzitierten regionalen Produkte kaufen will und soll. Ähnlich wird es im Bereich der verarbeitenden Industrie, die also die Produkte verarbeiten, die in Deutschland produziert werden. Für sie wird fraglich sein, ob sie den Standort halten dürfen oder ob noch Produkte, die gegen deklarierte Tierrechte verstoßen, weiterhin in Deutschland verarbeiten bzw. produzieren dürfen. Wenn wir vermuten, dass dem nicht so ist, werden zusätzlich zu arbeitslosen Bauern auch noch weitere Arbeitslose auf den Markt strömen. Zu diesen kommen dann auch noch weitere Arbeitslose aus dem Bereich des Verkaufs der Produkte. Berufe wie Fleischereifachverkäufer/in wären dann in Deutschland ja völlig überflüssig. Für den Arbeitsmarkt wäre die Umstellung also eine schwierige Aufgabe, um es zurückhaltend auszudrücken.

Riesige Massen Fisch werden auf dem Meer gefischt. (1997) | Foto: C. Ortiz Rojas (U.S. National Oceanic and Atmospheric Administration), Lizenz: public domain

Ähnlich verhält es sich im Fischerei-Sektor: Großkonzerne relokalisieren sich grenznah und machen weiter wie bisher. In diesem Sektor ergeht es den von der Fischerei abhängigen Betrieben natürlich ähnlich wie im Fleischsektor. Zudem löst das simple Verbot keine Probleme. Viel sinnvoller wäre es, wenn Deutschland zu einem Ort nachhaltiger Nutzung wird und entsprechende Konzept, etwa für nachhaltigen und Beifang-armen Fischfang, zu fördern, statt durch die Bank alles zu verbieten. Durch geschickte und sinnvolle Subventionierung könnte man so den Weg hin zu einer nachhaltigen Nutzung von Nahrungsressourcen ebnen. Tierrechte würden dies verhindern, weil jede Tötung der Tiere freilich verboten wäre – selbst, wenn diese nachhaltig geschieht. Zudem hätte ein Wegbleiben der Industrien auch für Ökosysteme unabsehbare und mitunter Folgen: Wohin mit den Tieren, die nicht mehr getötet werden?

Durch höhere Arbeitslosenzahlen stehen immer mehr Familien auch vor ernsten wirtschaftlichen Problemen. Tier-, Arten- und Naturschutz basiert aber darauf, dass Leute Geld haben, für die Projekte zu spenden. Allerdings schadet man durch die Deklarierung der Tierrechte genau jenen innovativen Investoren, denen Nachhaltigkeit und die Bewahrung der Ökosysteme auch ein Anliegen ist. Die Großkonzerne, die sich genau darum den sprichwörtlichen Dreck scheren, nimmt man nur einen recht überschaubaren Markt im großen Märktekonzert ihres Unternehmens.

Juristische Probleme

Schimpansenbaby im Loro Parque | Foto: zoos.media

Juristisch bedeutet eine Erklärung der Tierrechte, eine Abschaffung der Menschenrechte. Unser Rechtssystem basiert aktuell auf dem Konzept der Menschenrechte; es ist von Menschen für Menschen. Im Jargon der radikalen Tierrechtsaktivisten wird genau dies mit dem Kampfbegriff „Speziesismus“ bezeichnet.

Tierrechtler folgen einen eigenschaftstheoretischen Verständnis. Das bedeutet, dass die Zugehörigkeit zu einer Spezies irrelevant ist. Es gilt, bestimmte Eigenschaften zu haben, die bedingen, dass man dazu gehört. Bekannte und beliebte Konzepte sind das Schmerzempfinden und kognitive Fähigkeiten. Immer wieder gibt es bestimmte Gruppen von Tieren, aber auch von Menschen, die diese Eigenschaften dann, manchmal temporär, manchmal dauerhaft, nicht vorweisen können.

Ein weiteres großes Problem ist, dass Tiere ihre Rechte nicht selbst vertreten können. Das müssten Menschen für sie tun. Kein Mensch weiß, was ein Tier denkt und kann sich wirklich in einem Maße mit ihm unterhalten, das eine seriöse Rechtsvertretung möglich machen würde. Zudem: Wie sollen die Anwälte für die Tiere bezahlt werden? Fraglich ist zudem wie Richter ausgewählt werden sollen – ist es fair, wenn ein Orang-Utan wegen Lebensraumzerstörung einen Konzern verklagt und dann ein Mensch als Richter sitzt, der ein Urteil sprechen soll? Auch rein gerichtspraktische Vorgänge werden unmöglich: Wie will man einen Schimpansen als Zeugen verhören?

Löwe Simba kuschelt mit einem seiner Damen in der neuen Anlage im Loro Parque | Foto: Loro Parque

In der Natur missachten Tiere ganz häufig die Rechte anderer Tiere, sowohl anderer Tiere ihrer eigenen Art, als auch von anderen Arten. Mord, Vergewaltigung, Kriegszüge, Inzest, Vandalismus und Betrug sind genauso an der Tagesordnung wie eine ganze wie auch völlig verbrecherische Strategien wie etwa den Parasitismus. Wie ist dann rein rechtlich mit der Malaria-übertragenden Moskito-Frau umzugehen? Was passiert mit dem jagenden Löwen? Wie gehen wir mit der Schwebfliege um, die sich als Wespe ausgibt? Kann man die Hornisse nach einem Stich wegen Körperverletzung verklagen? Was ist mit dem Waschbär, dem im Müll wühlt? Wie geht man mit Wildwechsel auf Straßen um oder auch ganz generell tierischen „Verkehrsteilnehmern“?

Und wenn man das mit den Menschenrechten nicht so schlimm findet, eine unseriöse Rechtsvertretung akzeptiert und völlig naturverachtend die Straftaten definiert, wie geht man dann mit den Strafen um? Das betrifft einmal die Abwägung der Straftaten untereinander und dann auch die praktische Umsetzung. Wie soll man sich Sozialstunden bei einem Tiger vorstellen? Geht der dann durch den Stadtpark und fegt die Wege? Wer spätestens bei diesem Bild nicht versteht, dass Tierrechte eine putzige Idee sind, aber real einfach nicht umsetzbar sind, …

Sozialverträglichkeit

Kiringo im Zoo Duisburg | Foto: zoos.media

Wenn man nun von wirtschaftlichen und juristischen Folgen absieht, kann man auch den sozialen Sektor nicht vernachlässigen. Möchte man in einer Gesellschaft leben, die ihre Partizipation von Eigenschaften abhängig macht? Das bedeutet letztendlich, dass etwa ein ungeborener Mensch in einem bestimmten Stadium nicht dazu gehört, eine ausgewachsene Giraffe unter Umständen aber schon. Ein großes Thema wird sein, dass Menschen mit einer bestimmten Behinderung Eigenschaften eventuell nicht haben können. Wie viele das sind, wird von der exakten Definition abhängen. Im Alter wird zum Beispiel bei Alzheimer-Patienten ab einem gewissen Stadium die Frage aufkommen, ob er noch dazu gehört oder bereits die nötigen Eigenschaften verloren hat. Und was passiert dann mit diesen Menschen?

Die gezogenen Grenzen sind ein Stichwort, dass sich auch auf andere soziale Gegebenheiten auswirkt. Pilze sind Tieren ähnlicher als Pflanzen – wo werden sie dann rechtlich stehen? Eine weitere Grenzerfahrung wird der Umstand sein, dass Tiere Staatsgrenzen nicht akzeptieren. Wie geht man da mit Ein- und Ausreise um? Wie sind etwa invasive Arten zu betrachten, die in Ökosystemen leben, in die sie nicht gehören und heimische Tiere verdrängen.

Gruppe von Humboldt-Pinguinen in Loro Parque | Foto: zoos.media

Die Gesellschaft wird, wo auch immer man Grenzen zieht, aus Lebewesen mit identischen Rechten bestehen, die nicht mal die theoretische Möglichkeit haben, zu kommunizieren. So interessant es auch wäre: man kann sich mit Pinguinen nicht über Kleidungsstil oder weit wichtigere Themen unterhalten. Es findet zwischen rechtlich gleichgestellten Gruppen nicht nur kein Interessensaustausch statt, sondern es gibt nicht mal die Möglichkeit, dass er je stattfinden wird.

Wie wird mit Sozialprojekten umgegangen, die speziesistisch sind? UNICEF zum Beispiel kümmert sich nur um Menschenkinder. Wird dann auf Tiere erweitert und wenn ja wie wird dies dann praktisch aussehen? Muss sich die Welthungerhilfe zukünftig, im Rahmen der neuen Gleichberechtigung, auch um die Southern Resident Orcas kümmern, die sogar solchen Hunger leiden, dass sie ihren Nachwuchs nicht durchbekommen?

So grotesk?!

Goriallanachwuchs im Zoo Duisburg. | Foto: zoos media, Lizenz: Erlaubnis des Fotografen

All diese Fragen, die aufgeworfen werden, wirken heute grotesk, undenkbar und lächerlich. Es werden aber Fragen sein, die zu beantworten sind und zwar bevor man entsprechende Rechte deklariert. Jeder sieht aber bereits jetzt schon, dass es auch einige Fragen sind, die sich nicht beantworten lassen werden, weil es schlicht nicht geht. Der Tierrechtsgedanke lebt aktuell davon, nicht zu Ende gedacht, aber auch nicht in sich konsistent durchdacht worden zu sein.

Viel wichtiger als für ein nicht mögliches Umsetzen der Tierrechte zu kämpfen, wäre sich für den Schutz von Tieren, Arten und der Natur einzusetzen. Moderne Zoos spielen hierbei eine sehr wichtige Rolle, aber auch diese wichtigen Einrichtungen wären bei einer Erklärung der Tierrechte verboten – ein großer Verlust: nicht nur für die Kulturlandschaft, sondern auch für den Schutz von Tieren und ihrem Lebensraum.