Waldelefantenkuh mit Kalb im Mbeli River (Nouabalé-Ndoki National Park, Kongo) | Foto: Thomas Breuer, Lizenz: CC BY 2.5

Wie frei ist die Wildbahn?

Exklusiv für zoos.media – 09.10.2018. Autor: Philipp J. Kroiß

Die freie Wildbahn ist in aller Munde, aber auch noch in der Realität vorhanden? Der Artikel erklärt, warum wir die Verwendung der Begrifflichkeit dringend überdenken müssen.

Wie frei ist die Wildbahn?

Sprache bestimmt Wahnehmung und steuert diese auch. Deshalb muss man sehr darauf achten wie man Worte verwendet, wenn man Menschen Dinge begreiflichen machen will, die sie nie erfahren haben, nicht erfahren und vielleicht auch nie erfahren werden. Eines dieser Dinge ist die Wildbahn. Das ist ohnehin ein sehr abstraktes Wort und eine nicht messbare Größe. Ursprünglich hieß es Wildbann und bezeichnete einen Forst, der dem Wild überlassen war. Der Begriff hat sich erweitert und bezeichnet einen der Natur überlassenen Flecken Erde. Meist mit dem Adjektv frei drapiert, steht das Wort letztendlich für einen Traum, eine Utopie, der bzw. die kaum noch in Erfüllung geht. Experte Dr. Grey Stafford erklärt dazu: “it’s time we recognize there is no more “wild” left on earth.

Die “freie Wildbahn” als Illusion

Junger Asiatischer Löwe im Gir-Wald | Foto: Sumeetmoghe, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Während sich der Begriff in der aktuellen Rezeption massiv romantisch verklärt hat, bleibt es wichtig ihn zuerst auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Macht man sich die wirklichen Verhältnisse in der Natur klar, merkt man schnell wie falsch es ist, sie als Freiheit zu begreifen und das selbst, wenn man den Menschen und seine Auswirkungen aus der Rechnung herausnimmt.

“Überlebenskampf” ist nämlich der eigentlich richtige Begriff. Dieser Überlebenskampf ist auch der Grund, warum es so etwas wie Evolution gibt, denn er ist der Selektionsfaktor schlechthin. Das wir heute so besonders spezialisierte Tiere sehen, ist das Ergebnis jahrhundertelanger Evolution, in der die am besten angepassten überlebt haben und alle anderen herausselektiert wurden. Das funktionierte aber nicht durch willentliche Steuerung, denn man darf nicht den Fehler machen, die Evolution als handelndes Subjekt zu personifizieren, sondern durch ökologische Mechanismen. Der Motor des ganzen ist die Reproduktion, die immer wieder neue Generationen hervorbringt, in denen dann wieder die nicht gut angepassten geringeren Erfolg haben als die am besten angespassten.

Elefant vor Zebraherde im Ngorongoro-Krater: In Tansania verschwindet das Wildleben immer mehr. | Foto: Schuyler S., bearbeitet von Daniel Schwen, Lizenz: CC BY-SA 2.5

Wer in der Natur überleben will, steht im ständigen Konkurrenzkampf und Nahrung, um Schutz, um Partner – es ist so ziemlich das Gegenteil, was wir unter Freiheit verstehen. Frei ist man nämlich, wenn man ohne Zwang sich für alles entscheiden kann, was man möchte. Das Tier im Überlebenskampf ist nicht frei, denn es hat keine Wahl – wenn es nicht an Futter kommt, stirbt es. Es kann sich nicht “frei” nehmen, sondern muss jeden Tag hart dafür arbeiten, um zu überleben. Kein Mensch würde bei einer solchen Lebenssituation eines Menschen von “Freiheit” sprechen.

Man merkt also, dass selbst im idealsten Zustand der Natur, das Leben in selbiger nichts mit Freiheit zu tun hat. Das sich diese romantische Vorstellung aber trotzdem manifestiert hat, liegt daran, dass der Mensch selbst, wenn er in der Natur ist, ein gewisses Maß an Freiheit empfindet. Die Natur ist die Antithese des menschlichen Arbeitsalltags also werden in sie bestimmte Attribute projeziert, die auf der eigenen Wahrnehmung basieren, nicht aber den tatsächlichen Zuständen.

Ein Southern Resident Orca des L-Pod jagt einem Lachs nach. | Foto: Kevin Nichols, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wer merkt bei einem Waldspaziergang, dass es um einen herum gerade um Leben oder Tod geht? Für den Spaziergänger wirkt der Wald friedlich, wenn sich etwa auf der Lichtung einige Rehe tummeln. Im Hinterkopf hat man in solchen Momenten nicht, dass sie nur hier sind, um Schutz vor Raubtieren zu suchen und die lebenswichtige Nahrung zu sich zu nehmen, weil sie sonst sterben würden. Darüber will man vielleicht in diesem Moment auch nicht nachdenken und vergisst dann leicht, dass, selbst, wenn man nicht dran denkt, es trotzdem Realität bleibt.

Häufig will man der Natur bzw. der Wildbahn diesen Überlebenskampf auch nicht ansehen, sondern romantisiert sie als Fluchtpunkt aus dem Alltag – ein Trend, der sicher durch die industrielle Revolution besonders an Fahrt aufgenommen hat, denn dabei wurde der Unterschied zwischen Stadt und Land durch die zunehmende Urbanisation noch immanenter. Natur wurde zum (fernen bzw. entfernten) Paradies. Ganz gut sieht man das am Beispiel Strand, der noch vor einigen Jahrhunderten als abstoßend empfunden wurde und den wir heute als Innbegriff des Urlaubs wahrnehmen – ein Foto vom Strand und sofort ist die (positive) Assoziation klar. Ähnlich verhält es sich mit Gebirgen, die früher unüberwindbare Schreckensorte waren – heute gelten sie als Erholungsgebiete und Orte für Sport in der Freizeit. Auch die Rezeption der See hat sich verändert. All das ist stark damit verbunden, die Natur bzw. die Wldbahn als Antihese des Alltags zu begreifen.

Schimpansenmutter und -Baby essen Kapfeigen im Kibale National Park. | Foto: Alain Houle (Harvard University) , Lizenz: CC BY 4.0

Diese veränderte Wahrnehmung der Natur führt in den letzten Jahrzehnten zu etwas, das wie ein Paradoxon erscheint: einerseits ist die Natur Sehnsuchtsort, aber gleichzeitig entfremdet man sich massiv von ihr. Eigentlich ist das aber nicht paradox, denn das eine bedingt das andere – man macht sich die Natur bzw. die Wildbahn ideologisch untertan: die romantische Vorstellung des Sehnsuchtsortes, verdrängt den sachlich-objektiven Zugang. Wir haben es also schlicht mit selektiver Wahrnehmung zu tun.

Die Leute etwa, die mit einem Whale-Watching-Boot sich auf einer Wanderrute von Walen querstellen, haben das Gefühl, dass die Tiere zu ihnen kommen, weil sie Botte so interessant fänden. Dass sie einfach nur ein stöhrendes Hinternis umschwimmen, merken sie nicht, weil sie es nicht merken wollen. Genau wie bei den Rehen auf der Lichtung im Wald. Ihr Fluchtreflex beim Herannahen ordnet man eher ins romantisierte Bild ein, statt zu reflektieren, dass man gerade als lebensbedrohliche Gefahr im ständigen Überlebenskampf wahrgenommen wurde.

Somit wird klar, dass die freie Wildbahn eine Illusion ist und wie sie zur Illusion wurde. Gleichzeitig ist diese Illusion aber zu einem kulturellen Mem geworden, der sich in und durch Sprache verfestigt hat, sodass selbst Experten sie benutzen, obgleich sie es besser wissen.

Sprachgebrauch verändern

Angola-Löwe Matadi im Zoo Leipzig (2013) | Foto: Appaloosa, Lizenz: CC BY 3.0

Es gibt zahlreiche solcher sprachlicher Illuionen, die, obgleich sie schon längst entzaubert sind, im Sprachegbrauch verbleiben. So etwa die so genannte “Höhle des/der Löwen”. Das Sprichwort führt man heute auf eine Fabel aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus zurück, was spannend ist, da der Höhlenlöwe schon vor 13.000 Jahren ausgestorben war und es fraglich ist, ob deren Existenz, als die Fabel entstand, überhaupt genau bekannt war. Heute kennt man den Löwen eher als “Wüstenkönig”, aber trotzdem hat sich dieses im Prinzip falsche Bild des gefährlichen Löwen in der Höhle gehalten.

Im Englischen überträgt sich das Sprichwort übrigens in “shark tank” – also Haibecken. Es wird auch beibehalten, obwohl hinreichend bewiesen wurde, dass man keine Angst davor haben muss, in ein Haibecken zu steigen, wenn man alle Verhaltensregeln beachtet. Es gibt zahlreiche ähnlicher Beispiele an falschen kulutrellen Memen, aber an dieser Stelle sollten diese beiden genügen.

Amerikanischer Mink in Swansea, Toronto | Foto: qmnonic, Lizenz: CC BY 2.0

Mit der “freien Wildbahn” haben wir jetzt aber ein massives Problem: es vermittelt den Menschen einen völlig falschen Eindruck von der Natur, der zu gar absurden Forderungen und Handlungen führt. Ein Tierrechtsaktivist zum Beispiel “befreite” tausende Minke und entließ sie in die “Freiheit”, also eine angebliche Wildbahn – tausende starben und ob überhaupt einer überlebte, ist nicht bekannt. Man erlebt völlig naturentfremdete Menschen, die sich über den Tod von Tieren glücklich zeigen, weil sie ja jetzt endlich “frei” wären. Man sieht also welche abstrusen Ideen, Sprache in die Köpfe von Menschen pflanzen kann.

Wer schreit: “Artgerecht ist nur die Freiheit!” müsste sich eingestehen, dass dann selbst die Natur nicht artgerecht ist, denn da ist kein Tier frei, sondern in einem ewigen Überlebenskampf gefangen an dessen Ende sein Versagen und somit sein Tod steht. Dieser eigentlich schon fast traurigen oder tragischen Realität stellen sich die Leute aber nicht – und schon gar nicht, solange noch jeder von “freier Wildbahn” spricht. Aber dieser Terminus schadet auch dem Artenschutz.

Berggorilla in Bwindi, Uganda | Foto: Rod Waddington, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Im Prinzip ist es sinnlos und falsch von “Berggorillas in freier Wildbahn” zu sprechen. Die Art ist auf zwei Gebiete zurückgedrängt und außerhalb dieser Nationalparks, also außerhalb von durch nicht natürlichen Maßnahmen geschützem Bereichen, gibt es diese Art nicht mehr. Der Berggorilla ist kein Einzelfall. Die Eindrücke, die wir von der “Wildbahn” in Afrika haben, sind maßgeblich durch Bilder aus Nationalparks geprägt und eben nicht aus einer Natur, in der jeder hingehen kann wo er will und trotzdem eine normale Überlebenschance hat. Zudem ist es ein offenes Geheimnis, das für Naturdokumentation auf Material zurückgegriffen wird, das in Zoos entstand.

Funktionierende Wildbahn, die ohne menschlichen Schutz funktioniert, gibt es nur an ganz wenigen Flecken dieser Erde noch und selbst diese Wildbahn ist noch liminiert, also begrenzt und somit nicht frei. Man versucht gerade die verbleibenden Nationalparks irgendwie zu halten, was ein harter Kampf ist – gerade wenn man auf das Beispiel Berggorillas schaut. Auf den Bildern wirken sie grenzenlos und frei, aber die Tatsache, dass wir keine Grenzen sehen, heißt ja nicht, dass dort keine sind – und schon sind wir wieder beim Thema von weiter oben: der selektiven Wahrnehmung. Dr. Stafford hat also völlig Recht.

Wenn man diese Utopie allerdings nun weiter pflegt und beispielsweise von “Berggorillas in freier Wildbahn” spricht, schafft man ein falsches Bild, das dem Artenschutz dann doch sehr deutlich schadet, weil dann gar nicht die Dringlichkeit bewusst gemacht wird, die wir bei dieser und vielen anderen Arten haben. Man muss also wohl oder übel an den eigenen Sprachgebrauch ran, obgleich dieser sich selbst bei Experten tief verwurzelt zeigt. So etwas wird sich nicht von heute auf morgen verändern, aber auch ein Marathon beginnt mit einem Schritt.

Moderne Zoos und Aquarien kämpfen darum, dass die Biodiversität der Natur erhalten bleibt. Dies ist kein Kampf um Freiheit, sondern ein Kampf ums Überleben – wie die Natur selbst. Zoologische Einrichtungen sind also nicht die Antithese einer freien Wildbahn, sondern wichtiger Ort, um die Natur zu bewahren.