Großer Tümmler in SeaWorld Orlando (USA) | Foto: muffinman71xx, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Wie lang lebt eigentlich ein Delfin im Delfinarium und in der Natur?

Exklusiv für zoos.media – 02.05.2019. Autor: Philipp J. Kroiß

Eine neue, vergleichende Studie zur Lebenserwartung und zum Überleben von Delfinen in der Natur und in Menschenobhut bringt spannende Ergebnisse zu Tage.

Wie lang lebt eigentlich ein Delfin im Delfinarium und in der Natur?

Um die Langlebigkeit oder die Lebenserwartung von Delfinen ranken sich allerlei Mythen: von 100-jährigen Tiere ist die Rede. Dieses Märchen wurde inzwischen widerlegt, aber es hält sich hartnäckig – wie viele andere. Grund genug, einfach mal genauer nachzuschauen – und zwar mit wissenschaftlichen Methoden. Das hat man auch in der Vergangenheit schon getan, aber inzwischen gibt es wieder mehr Daten und deshalb muss man auch mal nachschauen, ob und wenn ja wie sich etwas verändert hat. Dr. Kelly Jaakkola vom Dolphin Research Center und Kevin Willis vom Minnesota Zoo haben das getan und dabei Daten aus der Natur mit dem von der US-Regierung angefertigten Marine Mammal Inventory Report (MMIR), der Tiere in den Delfinarien auflistet, verglichen.

Vergleichbarkeit ist wichtig

Großer Tümmler im Sea World an der Gold Coast von Australien | Foto: shebalso, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Zoogegner behaupten ja gerne, dass Delfine in Delfinarien nur wenige Jahre alt und somit kürzer leben würden als ihre wilden Artgenossen. In quasi allen Fällen kann man diese Argumentation sehr leicht aushebeln, denn die Aktivisten vergleichen keine vergleichbaren Größen oder Daten miteinander. So kann man sich dann irgendwie alles schön oder schlecht rechnen, denn diese Methoden könnten auch einfach Delfinarien benutzen und das Gleiche spiegelverkehrt machen und dann käme raus, dass es genau umgekehrt wäre. Das machen die seriösen Einrichtungen allerdings nicht, sondern nutzen dazu einwandfreie wissenschaftliche Methoden. So machen das auch die beiden Autoren der aktuellsten Studie zu dem Thema. Jeder kann nachrechnen, die Daten sind transparent und die Schlüsse nachvollziehbar.

Exakte Daten aus der Natur sind schwer zu bekommen, denn es wird immer eine gewisse Dunkelziffer geben. Das liegt daran, weil man – anders als im Delfinarium – die Tiere nicht jederzeit sieht, sie untersuchen oder engmaschig überwachen kann. Somit sind die Daten aus der Natur immer mit diesem Hintergrund zu interpretieren. Aber auch hier werden die Technologien immer versierter und die Beobachtungen immer präziser – das ist ein enormer Vorteil, um hier auch eine Vergleichbarkeit zu gewährleisten. Solche Dauerbeobachtungen sind enorm kostenintensiv, aber eben auch die einzige Möglichkeit, um belastbare Daten zu bekommen.

Dazu kommt, dass unterschiedliche Wildpopulationen auch in unterschiedlichen Situationen zum Zeitpunkt der Analyse waren. Die Studie beschäftigt sich ausschließlich mit Großen Tümmlern, die wohl bekannteste Delfinart der Welt. Die Population im Indian River ist bekannt dafür, dass sie gesundheitlich nicht wirklich in einer guten Verfassung ist – das eint sie mit vielen anderen Populationen. Die Population vom Mississippi Sound hatte eine Ölkatastrophe in ihrer jüngsten Geschichte, Daten danach wären nicht repräsentativ, deshalb bezieht man sich auf die Daten davor. Die Population von Sarasota Bay ist, wie die letztgenannte Population vor der Deepwater-Horizon-Katastrophe, in keinem guten Zustand.

Spannende Ergebnisse

Delfinanlage in Discovery Cove (Orlando, USA) | Foto: Michael Lowin (Mlowin), Lizenz: CC BY-SA 2.0 DE

Vergleicht man nun das Alter zum Zeitpunkt des Todes, so ergibt sich, dass die Tiere im Indian River im Durchschnitt im Alter von 8,3 Jahren starben, die Tiere in den US-Delfinarien, die alle im MMIR-Report erfasst werden, starben im Durchschnitt im Alter von 21,0 Jahren. Die Delfine vom Mississippi Sound starben im Durchschnitt im Alter von 9,0 Jahren, was uns zeigt, dass selbst gesunde Populationen, was ja zu dem Zeitpunkt der Analyse der Fall war, mehr als zehn Jahre kürzer Leben als Tiere in Menschenobhut – ein sehr deutliches Ergebnis. Das widerlegt natürlich klar alle Unkenrufe, in die Richtung, dass Delfine in Menschenobhut nur um die sechs Jahre alt würden. Die Daten des MMIR geben einen solchen Schluss nicht her. Allerdings ist das nicht die einzig interessante Größe.

Ebenfalls spannend ist die Mediane Lebenserwartung. Die liegt in Sarasota Bay bei 17,6 Jahren, in den US-Delfinarien aber bei 24,0 Jahren. Das betrifft allerdings die gesamte MMIR-Zeit. Schaut man in die letzten zehn Jahre und ermittelt so auf Basis einer so genannten Kaplan-Meier-Analyse einen aktuellen Wert, liegt der bei 29,2 Jahren. Die ist innerhalb der letzten Dekaden immer weiter angestiegen und verbessert sich stetig, erklären die Verfasser der Studie auf Basis der behördlich bestätigten Daten. Daten zum Überleben der Tiere werden im Allgemeinen als Indikator für das Wohlergehen angesehen. Den Tieren ergeht es also in Menschenobhut deutlich besser als in der Natur.

Die Lebenserwartung ist zweifelsohne ein wichtiger Puzzlestein, wenn es um das Wohlergehen der Tiere geht. Aber nicht nur das ist ja wissenschaftlich bewiesen: Moderne Delfinarien sind Orte des Tierwohls, denn in anerkannten Delfinarien sind die Tiere ja auch noch gesünder (Fair et al., 2017) und weniger gestresst (Monreal-Pawlowsky et al., 2017) als ihre wilden Artgenossen. Sie trainieren auch gerne und schütten dabei sogar Glückshormone aus (Clegg et al., 2018; Ridgway et al., 2014). Über 80 der weltweit renommiertesten Wissenschaftler auf diesem Gebiet unterstützen die Haltung von Meeressäugern in modernen Zoos und Aquarien und unterstreichen die enorme Bedeutung dieser Populationen für wichtige Schutzprojekte und die Wissenschaft.

Delfinkälber – ein schwieriges Thema

Delfinkalb Debbie im Zoo Duisburg putzmunter | Foto: zoos.media

Allerdings muss man im Hinterkopf halten, dass beide Größen, die wir hier genannt haben, die Kälber ausklammern. Warum ist das so? Die Kälbersterblichkeit der Wildpopulationen ist enorm schwer zu ermitteln. Man weiß, dass die Sterblichkeit von Jungtieren enorm hoch ist, je jünger sie sind, weil die Delfine ohne Immunsystem auf die Welt kommen. Ein Jungtier, was geboren wird und nur wenige Stunden lebt, sieht man im Delfinarium, aber in der Natur wahrscheinlich nicht. Bei einer Schlechtwetter-Periode kann man oft Tage nicht raus fahren, sieht die Tiere auch danach generell schwer und auch dann kann man Jungtiere, die zu der Zeit geboren wurden, nicht in der Statistik erfassen.

Das heißt, wir haben hier eine Dunkelziffer, die man nicht ignorieren kann, wenn man die Daten auswertet. In Sarasota Bay, also einer gesunden Delfin-Population, die selten geworden sind auf der Erde, liegt die Überlebensrate der Kälber mit Dunkelziffer bei 0,830 – ganz genau wie bei den Delfinen, die im MMIR geführt sind, allerdings eben ohne Dunkelziffer. Den Tod von Delfinkälbern kann man sicher nie 100% verhindern – auch in Menschenobhut nicht. Man kann die Babys nicht fangen und dann in eine Isolation stecken wie man es teils bei menschlichen Frühchen macht, um sie zu schützen. Das Kalb hat nämlich nicht nur kein Immunsystem, sondern kann quasi gar nichts, wenn es aus dem Mutterleib kommt. In den ersten Lebensminuten lernt das Kalb das Atmen und dann auch das Schwimmen, denn gut schwimmen muss es sofort. Hierbei hilft die Mutter und das ist für die Entwicklung des Kalb meist unverzichtbar.

Ein Thema bei Großen Tümmlern ist auch der Infantizid – den gibt es in der Natur, aber auch in Menschenobhut. Warum weiß niemand. Die Mutter scheint zu entscheiden, dass sie das Kind nicht möchte und tötet es, was für sie sehr leicht ist, weil es eben erstmal kaum etwas kann. Ein weiteres Thema bei Delfinkälbern, was es in der Natur und in Menschenobhut gibt, ist ein Phänomen, was wir auch von Menschen kennen: SIDS – das sudden infant death syndrome oder in Deutsch: der plötzliche Kindstod. Die eigentliche Ursache, warum Menschenbabys plötzlich sterben, ist bis heute unbekannt. Es gibt Erklärungsversuche und statistisch identifizierte Risikofaktoren, aber eine ursächliche Erklärung gibt es bis heute nicht. Sowas erlebt man auch bei Delfinen. Völlig gesunde Delfinbabys sterben einfach und niemand weiß warum.

Im Delfinarium kann man natürlich aber viel ausschließen, weshalb man wahrscheinlich jetzt schon eine niedrigere Verlustrate als in der Natur bei Wildpopulationen hat. Das werden aber zukünftige Daten noch weiter verifizieren können. Erstmal sagt die aktuelle Studie nur, dass die Überlebensrate der Neugeborenen in der wohl gesundesten Population in der Natur mit Dunkelziffer genauso hoch ist wie die in US-Delfinarien, wo es diese Dunkelziffer nicht gibt. Wer nun interessiert ist, kann sich die Studie hier noch mal ganz im Detail ansehen.

Podcast zum Thema

Dolphins Live How Long?

Frequent contributor to Zoo Logic, Dr. Kelly Jaakkola, Director of Research for the Dolphin Research Center discusses the new peer-reviewed study she coauthored and published in the Journal Marine Mammal Science that compared survival rates and life expectancies for bottlenose dolphins living in zoological facilities with comparable values published for wild populations. The main takeaway from the study is dolphins living in zoological facilities today live at least as long or longer than wild populations studied to date. These results stand in stark contrast to some zoo and aquarium critics that continue to promote the false claim that dolphins do not live as long in human care. Data analyzed in this new study come from a U.S. government source called the “Marine Mammal Inventory Report” (MMIR), which lists basic information (e.g. birth date, death date, transfers, etc.) for all dolphins in marine mammal facilities in the U.S over the past 40 years or so. A few complications with comparing current MMIR data with previous studies of wild populations are due to the inherent limited scope of observations found in most wild studies and the different methods of statistical analysis that have been used in each previous publication. To make comparisons valid, the new study used the same analysis on the MMIR data that was used for each wild population publication.The last scientific paper to analyze survival for dolphins in facilities before this latest study used data that are now more than 25 years old. Even back then, survival rate and life expectancy for dolphins living in zoos and aquariums in the US were increasing and this study shows continuing significant increases since then.The current median life expectancy of bottlenose dolphins living in human care in the U.S. is 29.2 years. This is based on the most robust method of analysis called the Kaplan-Meier Survival Analysis. While the K-M approach is the most accurate analysis because it uses information from ALL animals in the population (both dead and living) and does not assume equal probability of dying at all ages like some of the other methods used in previous publications require, no wild study has yet used the Kaplan-Meier method to analyze the life expectancy of the respective wild populations examined due to the lack of detailed information on the age of living animals and the age-at-death for dead animals.Also of interest was the finding that a direct comparison of calf survival rate between the decades-long field study of the Sarasota population of dolphins and modern MMIR data found no significant difference between populations. In other words, while dolphin calf (age less than 1 year) mortality is higher than for adults, as is the case for many species including humans, there is no significant difference in survival rate between dolphin calves born in human care and those born in the wild.K. Jaakkola/K. Willis: How long do dolphins live? Survival rates and life expectancies for bottlenose dolphins in zoological facilities vs. wild populations. Marine Mammal Science 2019; DOI: 10.1111/mms.12601. Available at: http://doi.wiley.com/10.1111/mms.12601http://zoologic.libsyn.com

Gepostet von Zoo Logic am Donnerstag, 2. Mai 2019

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