Der weiße Gorilla "Snowflake" lebte im Zoo von Barcelona. | Foto: Ettore Balocchi さん, Lizenz: CC BY 2.0

Zoo Barcelona: Zooverbände schicken Briefe

Exklusiv für zoos.media – 01.03.2019. Autor: Philipp J. Kroiß

Eine Welle der Unterstützung aus aller Welt erreicht den Zoo von Barcelona. Die großen Zooverbände weisen auf die Wichtigkeit der zoologischen Einrichtung in Briefen hin.

Zoo Barcelona: Zooverbände schicken Briefe

Barcelona ist im Begriff seinen eigenen Zoo zu zerstören. Immerhin haben nun EAZA und WAZA unterstützende Briefe verschickt. Die EAZA in EnglischKatalanisch und Spanisch und den englischen Brief der WAZA findet man hier.

Der Zoo von Barcelona ist wichtig

“[T]he rush to criticise the Barcelona Zoo and close it down for welfare concerns ignores an equally important contribution: Conservation. Already, zoos and aquariums are the third-largest funders of conservation in the world, and the role they play in battling extinction is considerable. Hundreds of critically endangered species have been saved through the captive breeding and reintroduction programmes of zoos and aquariums, and many more are in progress. […] In fact, more than 85% of the species housed at Barcelona Zoo are included in the IUCN Red List of Threatened Species, and over the last few years, nearly 30% of the animals born in the zoo were released into wild habitats. Since 2009, the Conservation and Research Programme (PRIC) and the Barcelona Zoo Foundation have made a direct investment in research and conservation of more than 1.5 million Euros, and more than half of those projects focused on local species.” – WAZA
[Übersetzung: Völlig überstürzt den Zoo von Barcelona zu kritisieren und aus Gründen der Tierschutzes zu schließen, ignoriert einen ebenso wichtigen Beitrag, den er leistet: Natur- und Artenschutz. Zoos und Aquarien sind bereits weltweit die drittgrößten Finanzierer von solchem Schutz, und sie spielen eine bedeutende Rolle im Kampf gegen das Aussterben. Hunderte von stark bedrohten Arten wurden durch die Zucht- und Wiederansiedlungsprogramme von Zoos und Aquarien in Menschenobhut gerettet, und viele weitere sind in Arbeit. […] Tatsächlich stehen mehr als 85% der im Zoo von Barcelona lebenden Arten auf der Rote Liste gefährdeter Arten der IUCN und in den letzten Jahren wurden fast 30% der im Zoo geborenen Tiere ausgewildert. Seit 2009 haben die Naturschutz- und Forschungsprogramme (PRIC) und die Stiftung Barcelona Zoo Foundation mehr als 1,5 Millionen Euro in Forschung sowie in Natur- und Artenschutz investiert, und mehr als die Hälfte dieser Projekte konzentrierten sich auf lokale Arten.”]

Alle wichtigen WAZA-Funktionäre appellierten also aus diesen und anderen Gründen an die Stadt Barcelona, den Zoo nicht in so einer wie der angedachten Form zu einem Großteil zu schließen.

Dem Antrag fehlt es ab Substanz

Myfanwy Griffith, EAZAs Executive Director, schrieb gleich eine ganze Abhandlung zum Thema und widerlegte einzelne Argumente wie etwa hier:

“The proposal asserts that Barcelona Zoo is not currently run on scientific criteria. EAZA rejects the claim that the zoo is not run on scientific grounds and can point to the internationally recognized qualifications of the staff across a range of scientific disciplines, as well as specific instances of scientifically valid actions carried out by them. EAZA questions whether the Municipal Council also recognizes these qualifications, and if not, requests the Council to demonstrate why they believe these qualifications to be invalid. Furthermore, EAZA notes that IC2017 (ZooXXI) does not credit any authors for its reports on Barcelona Zoo, and indeed, does not present any scientific credentials on any of its public outlets (website etc.). We therefore call on IC2017 to present their scientific credentials (at a higher educational, doctoral and post-doctoral level) for scrutiny in comparison to the scientific credentials of Barcelona Zoo staff.” – EAZA
[Übersetzung: Dem Antrag zufolge wird der Zoo von Barcelona derzeit nicht nach wissenschaftlichen Kriterien betrieben. Die EAZA weist die Behauptung zurück, dass der Zoo nicht gemäß wissenschaftlichen Kriterien betrieben wird und weist auf die international anerkannten Qualifikationen des Personals in einer Reihe wissenschaftlicher Disziplinen sowie auf konkrete Fälle wissenschaftlich gültiger Maßnahmen, die von ihnen ausgeführt wurden, hin. Die EAZA fragt, ob der Gemeinderat diese Qualifikationen auch anerkennt, und wenn nicht, fordert sie den Rat auf, nachzuweisen, warum diese Qualifikationen ihrer Ansicht nach ungültig sind. Darüber hinaus weist die EAZA darauf hin, dass der IC2017 (ZooXXI) in seinen Berichten über den Zoo von Barcelona keine Autoren nennt und in keiner der Veröffentlichungen (Website usw.) wissenschaftliche Nachweise vorlegt. Wir fordern IC2017 daher auf, ihre wissenschaftlichen Nachweise (auf höherer Bildungsstufe, Doktoranden- und Postdoktoratsstufe) zur Prüfung im Vergleich zu den wissenschaftlichen Nachweisen der Mitarbeiter des Zoo Barcelona vorzulegen.]

Zusammenfassend wird festgestellt, dass die EAZA dem Antrag attestiert, dass in ihm weder die Rolle von modernen Zoos verstanden werde, noch hinreichende wissenschaftliche Belege aufgeführt würden oder gar es einen Hinweis darauf gebe, dass die Mehrheit der Bürger von Barcelona so einen Antrag unterstützen würden. Deshalb solle die Stadt das noch mal überdenken, um eine Katastrophe für die Tiere, so wie ihren Schutz, abzuwenden.

Und nun?

Großer Tümmler im Zoo von Barcelona | Foto: Javi Guerra Hernando, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Dazu sprechen vereinzelt zoologische Einrichtungen dem Zoo von Barcelona Solidarität aus und es gibt sogar eine Online-Petition. Solche Petitionen sind wenig zielführend, weil sie in die eine oder andere Richtung manipulierbar sind und inwiefern das Schreiben von offenen Briefen wirklich hilft, ist auch fraglich. Wenn die Entscheider der Stadt so korrupt oder populistisch sind wie der Antrag den Anschein macht, bringt das wenig. Statt eine große Kampagne zu fahren, die den Populismus und die Lächerlichkeit dieses Antrags mit Fakten überrollt und gleichzeitig die Möglichkeit eröffnet die Wichtigkeit des modernen Zoos zu betonen, wodurch man letztlich auch allen Mitgliedszoos helfen würde, entscheidet man sich für kleine Zeichen, die ganz nett sind, aber am Schluss auch nicht viel mehr.

Noch immer scheint keinerlei Konsens dazu zu bestehen, dass dies nicht nur ein Angriff auf den Zoo von Barcelona ist, sondern auf die ganze Gemeinschaft moderner und akkreditierter Zoos und Aquarien. Selbst die faktische Zerstörung eines Mitgliedszoos weckt die schlafenden Riesen nicht aus dem Dornröschenschlaf – aber, dass die Tierrechtler den großen Zoovereinen seit Jahren auf der Nase herumtanzen, hat das ja auch nicht getan. Nun muss man aber WAZA und EAZA auch sicher zu Gute halten, dass sie sich überhaupt äußern – andere Zooverbände äußern sich ja gar nicht. Diesen geringen Zusammenhalt nutzen die Tierrechtler eiskalt aus – die arbeiten global sehr gut zusammen und zwar gegen den umfassenden Tier-, Arten- und Naturschutz.

Es ist ja nicht das erste Mal, dass Vergleichbares geschieht: Das Vancouver Aquarium stand auch fast alleine, als es um die Existenz des Aquariums in seiner alten Form samt Meeressäuger-Rettungsstation ging. Klar wurden auch Briefe geschrieben, aber wirklich was bewegen konnte von der Zoo-Seite kaum jemand. Das Vancouver Aquarium musste kapitulieren. Nun setzt man auf große Robben statt Wale. Freilich geht das nur bis die Aktivisten wieder dagegen erfolgreich gehetzt haben. Dann steht das VanAqua nämlich wieder fast alleine da und wird wieder verlieren. Natürlich ist das keine nachhaltige Strategie. SeaWorld stand im Shitstorm von Blackfish auch fast alleine und auf verlorenem Posten. Das kann sicher die falschen Entscheidungen, die von den beiden zoologischen Einrichtungen getroffen wurden, nicht entschuldigen, aber erklären – grundsätzlich falsch bleiben sie trotzdem.

Es gibt wenige Zoos und Aquarien, die offenbar wirklich verstanden haben, dass man proaktiv werden muss und auch, dass die Verbände schlagkräftiger aufgestellt werden müssen. Statt aber darüber zu sprechen, spricht man in vielen Zookonferenzen im Elfenbeinturm über Schutzprojekte, deren Erfolge ohnehin zu Nichte gemacht werden, wenn es die Zoos nicht mehr gibt, die sie ermöglichen. Was mit SeaWorld, dem Vancouver Aquarium oder jetzt dem Zoo de Barcelona passiert ist, passiert ja nicht über Nacht, sondern ist ein Prozess über Jahre und Jahrzehnte – man hatte also Zeit zu handeln, sich vorzubereiten oder anderweitig Vorkehrungen zu treffen. Es geschieht aber fast nichts und das seit Jahren. Die Attacken auf Zoos durch Tierrechtler sind doch vorhersehbar und es macht Sinn, sich genau darauf vorzubereiten, um schnell und präzise reagieren zu können, aber solche Attacken auch als einen Anlass zum agieren zu verwerten.

Das ist sehr hart und pointiert formuliert, aber wenn sich strukturell nicht bald etwas fundamental ändert, wird der Zoo in Barcelona nicht die letzte Einrichtung sein, der so etwas widerfährt, sondern eine von vielen, die noch kommen werden und man sollte sich nirgendwo der falschen Annahme hingeben, dass das in seinem “eigenen” Zoo nicht passieren könnte. Egal wie gut ein Zoo auch ist, die Tierrechtler wollen jeden einzelnen zerstören, weil sie gegen jede Form der Tierhaltung sind – gegen wirklich jede einzelne Form. Sie sprechen das ungerne direkt aus, aber auf den Trick darf man nicht hereinfallen. Jeder einzelne Zoo, jede einzelne Tierhaltung steht auf der Abschussliste, denn es ist Teil ihrer Agenda und Teil der Ideologie, die sie etablieren wollen. Es wird Zeit, dass die zoologische Gemeinschaft auch entsprechend handelt. Einen deutlicheren Weckruf wie das, was aktuell mit dem Zoo von Barcelona geschieht, wird es nicht geben.