Elefantin Maali in Manila spielend mit einem Enrichment | Foto: Taingvitou Mut, Eric M. Davis, ZooNation.Org

Moderne Elefantenhaltung: Ein Gespräch mit der European Elephant Group

Exklusiv für zoos.media – 25.04.2017. Autor: Philipp J. Kroiß

Elefantenhaltung in Zoos ist nach wie vor ein stark diskutiertes Thema: Unser Autor beleuchtet das Thema in Bezug auf ein Gespräch mit der European Elephant Group.

Moderne Elefantenhaltung
Ein Gespräch mit der European Elephant Group

Zoos.media hat die European Elephant Group (EEG) von Elefanten-Schutz Europa e.V., ein unabhängiger und renommierter Verein mit Expertise zur Elefantenhaltung, interviewt, um ihre Sichtweise moderner Elefantenhaltung kennen zu lernen und natürlich auch für unsere Leser verständlich zu machen. Unsere Interviewpartnerin war Julia Arndt, M.Sc. Biol., die bei der EEG zuständig für wissenschaftliche Anfragen und Medien ist.

Moderne Zoos leisten gute Arbeit und sind erfolgreich

Der Kölner Elefantenpark | Foto: zoos.media

Sie stellt ganz eindeutig klar: „Fortschrittliche Elefantenhalter in Europa können die Bedürfnisse der Tiere heutzutage grundsätzlich so umfassend erfüllen, dass nach Meinung von Elefanten-Schutz Europa e.V. beide Elefantenarten in Menschenobhut prinzipiell verhaltensgerecht (im Sinne von artgerecht) gepflegt werden können. Hierzu gehört auch Zucht und Jungtieraufzucht.“

Gerade in Bezug auf Letzteres wird festgestellt: „Zuchtprogramme zur Arterhaltung sind wichtig, vor allem im Hinblick auf die stark sinkenden Bestände und Wilderei-Problematik im Freiland. Elefanten-Schutz Europa setzt sich deshalb für den Aufbau selbsterhaltender Zoopopulationen ein. Unser Verein lehnt zukünftige Importe von Wildfängen eindeutig ab.“

Elefanten im Wuppertaler Zoo | Foto: zoos.media

Gegen die moderne Haltung diese Tiere spricht auch aus verhaltensbiologischer Sicht nichts: „Gut gehaltene Elefanten zeigen viel natürliches Verhalten. Sie können somit in fortschrittlichen Zoohaltungen aufgrund ihrer Popularität für das Publikum Botschafter ihrer Art (Flaggschiffart) und ihres Lebensraumes sowie der sie bedrohenden menschlichen Einflüsse sein. Einige Zoos in Europa haben im letzten Jahrzehnt ihre Elefantenhaltung verbessert. Mit Erfolg: Sichere Bullenhaltung sowie die Zusammenführung der Männchen mit jungen, für die Zucht geeigneten Elefantenkühen, führten in den letzten 10 Jahren zu über 100 Elefantengeburten.“

Freier oder geschützter Kontakt?

Elefanten sind Herdentiere. Quelle: Michael Jansen/Flickr CC BY-ND 2.0

Diese Frage beschäftigt die Zoowelt seit Langem – nach außen hin, aber auch intern. Die European Elephant Group sagt aber auch klar, dass es keine generelle Lösung gibt. Sie erklärt allerdings, dass für „die Mehrzahl aller Elefanten einschließlich Kühen und Kälbern Direkter/Freier Kontakt (DC) jedoch nicht geeignet“ sei. Und weiter: „Nur in Einzelfällen sind fähige Pfleger in der Lage, bei dafür geeigneten Elefanten-Individuen ohne regelmäßige Dominanzbekundungen auszukommen. In Einzelfällen (z.B. bei alten Tieren) kann die Haltung um DC jedoch tolerabel sein, wenn sie entsprechend elefantengerecht und an die Bedürfnisse der Tiere angepasst ist (Beispiel Cottbus). Entscheidend ist, dass die Zusammenarbeit in diesen Einzelfällen ohne Disziplinierungsmaßnahmen auskommt: Sobald ein Elefant zeigt, dass er die Vorrangstellung seiner Pfleger in Frage zu stellen beginnt, sodass Unterordnungsübungen nötig werden, ist DC für dieses Tier schon nicht mehr geeignet.“ Der Schluss daraus ist klar: „Haltung im geschützten Kontakt ist dem direkten Kontakt deshalb grundsätzlich zu bevorzugen, da dies zum einen sicherer für die Pfleger ist und zum anderen können die Tiere Ihr Verhalten weitestgehend ohne unmittelbare Beeinflussung durch den Menschen ausleben.“

Elefanten in Chester Zoo | Photograph by Mike Peel (www.mikepeel.net) ; Lizenz: CC BY-SA 4.0

Unabhängig davon gilt: Ob aber freier oder geschützter Kontakt für das jeweilige Tier besser ist, lässt sich von außen nicht entscheiden. Hier muss man die Tiere kennen und vor allem die Arbeit mit ihnen. Die meisten Zoos schauen deshalb auf ihre Erfahrungen und sprechen zudem mit ausgewiesenen Experten, um ihre Haltung zu optimieren, denn nicht jedes Elefantengehege eignet sich für den geschützten Kontakt. Hierzu müssen die Anlagen speziell gestaltet sein und bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Häufig sind dazu Umbaumaßnahmen notwendig.

Die EEG rät grundsätzlich auch zu einer Umstellung: „Im Sinne der Sicherheit und Verhaltensgerechtheit ist die Umstellung prinzipiell empfehlenswert, vor allem auch bei Neu-/Umbauten von Anlagen.“ Zudem motiviert die Gruppe Elefantenhalter den geschützten Kontakt vorzuziehen.

Allerdings ist direkte Elefantenhaltung längst nicht immer gleich und überhaupt grundsätzlich schlecht: „Es gibt bezüglich DC eine enorme Bandbreite, wie intensiv und mit wie starker Dominanzbekundung dieser praktiziert wird (Positivbeispiel: Cottbus). In absoluten Einzelfällen, wenn mit älteren Kühen DC seit Jahren ohne Dominanzbekundungen möglich ist, kann man auch überlegen, von einer Umstellung (für diese Einzeltiere) abzusehen.“

Eine Umstellung gut möglich

Elefant im Zoo Münster (2010) | Foto: Dirk Vorderstraße, Lizenz: CC BY 2.0

Eine Umstellung von freiem Kontakt auf geschützten Kontakt bedeutet immer auch eine Umstellung des Training und des Verhaltensrepertoires. Gewisse Interaktionen sind im geschützten Kontakt einfach nicht mehr möglich, aber „generelle Gründe, aus denen eine Umstellung auf PC abzulehnen wäre, gibt es nicht: Auch ältere hands-on-Kühe gewöhnen sich problemlos an die Umstellung, zumal Zuneigung der Pfleger auch durch Schutzgitter gezeigt werden kann. Auch ältere Elefanten lernen, im PC mitzuarbeiten, sodass Pflege und Behandlung weiter ohne Abstriche möglich sind.“

Die European Elephant Group kritisiert am freien bzw. direkten Kontakt unter anderem, dass Dominanzbekundung nötig sind, um die Stellung des Pflegers in der Gruppe zu behaupten.

Andere Halter allerdings geben zu bedenken, dass Dominanzbekundungen aber nichts automatisch Schlechtes für das Tier sein müssen, denn auch jeder Hundehalter muss seine Dominanz über sein Tier bekunden – das heißt auch noch lange nicht, dass man seinen Hund dadurch quält. Genauso ist es bei einem Pfleger, der gewisse Dominanz gegenüber einem Elefanten bekundet: er wird auch nicht dadurch zum Tierquäler.
Die European Elephant Group widerspricht dieser Darstellung und findet, dass ein Mensch in der Rangordnung von Wildtieren nichts zu suchen habe. Bei Hunden aber sei dies aufgrund der Domestizierung vertretbar.

Elefanten im Neunkircher Zoo | Foto: LoKiLeCh, Lizenz: CC BY-SA 1.0

Ebenfalls ein Kritikpunkt am direkten Kontakt ist, laut der EEG, die „mangelnde Verhaltensgerechtheit“. Der vom Menschen ausgehende Einfluss auf das Verhalten der Tiere ist im geschützten Kontakt freilich geringer, was manche Tierhalter als gut und andere als nicht so gut rezipieren.
Tierhalter mit anderer Meinung argumentieren, dass es eben manchmal man eben einen starken Einfluss auf das Tier bräuchte, um Leid zu verhindern – etwa bei Tieren, die sich nicht gut an den geschützten Kontakt gewöhnen, aber unter Umständen dauernde, intensive Pflege benötigen, die dann (generell oder in der Übergangszeit) unmöglich wird. Das könnte dann sogar tierschutzrechtliche Relevanz bekommen.

Es herrscht zudem, gerade in der medialen Diskussion leichte Verwirrung bezüglich der Bezeichnung „Hands-Off“, das häufig mit geschützem Kontakt gleichgesetzt wird. Das funktioniert so nicht, da, im Wortsinn, auch noch geschützter Kontakt „Hands-On“, also mit der Hand am Tier, erfolgt.

Medical Training auch im geschützten Kontakt möglich

Julia Arndt stellt klar, dass Pflege und Behandlung im geschützten Kontakt ohne Einschränkungen auf demselben Niveau wie in direktem Kontakt möglich sind. Dies kann auch jeder in dem modernen Zoo seiner Wahl beobachten. Für moderne Zoos ist dieses Medical Training essentiell wichtig und es kann in beiden Haltungsformen gut durchgeführt werden.

Allerdings gäbe es auch Haltungen ganz ohne Training („Hands-Off“): „Die Elefanten werden in ihrem Tagesablauf am wenigsten beeinflusst, lassen aber auch keine Pflege- oder Behandlungsmaßnahmen ohne Betäubung zu. Die geistige Herausforderung durch Lernen und Kooperation mit dem Menschen entfällt ebenfalls. Elefanten ohne medizinisches Training zu halten, ermöglicht guten Pflegezustand (Haut- und Fußzustand) unserer Einschätzung nach nur, wenn Anlagen in Dimensionen natürlicher momentaner Wohnräume und bei hervorragender Ausstattung vorhanden sind. Unserer Ansicht nach ist jedoch selbst in weiträumigen Anlagen ein PC-Training sinnvoller als No Training, um regelmäßige Gesundheitschecks zu ermöglichen und Pflege/Behandlung zumindest im Bedarfsfall vornehmen zu lassen.“

Streitpunkt: Elefantenhaken

Den Elefantenhaken findet die EEG als „als Führinstrument und Abstandhalter“ unnütz – der Haken besitze keine Sicherheitsrelevanz, was durch Analyse verschiedener Unfälle klar geworden wäre.

Elefantentrainerin vom Perth Zoo erklärt den stumpfen Elefantenhaken. | Foto: Belegscreenshot des Videos https://www.facebook.com/PerthZoo/videos/10154590046471715/

Unabhängig von den Ausführungen der EEG ist aber festzustellen, dass es auch einen modernen Einsatz des Elefantenhakens als Führinstrument gibt, der auch in nicht wenigen Zoos seine Anwendung findet: Der Ankus ähnelt vom Prinzip her einer Hundeleine, einem „Stick“ bei der Freiarbeit mit Pferden oder ähnlichen sog. „guides“. Hier gibt es im Tiertraining tatsächlich eine Diskussion darüber, ob man diese Führhilfen nicht weglassen kann. Manche Halter tun dies auch wie  Julia Arndt erklärt: „Zum Führen verwenden einfühlsame Pfleger Hand und Stimme, dazu ist der Haken also auch nicht grundsätzlich notwendig.“
Unabhängig davon ist festzustellen, dass es für das Tier selbst ist das keine relevante Diskussion, ob es jetzt mit einem stumpfen Ankus in modernem Einsatz oder einer Hand geführt wird: richtig eingesetzt erzielen beide Möglichkeiten die gleiche positive Wirkung.

Fazit

Dies alles macht die Diskussion natürlich nicht gerade einfacher, aber die Aussagen der Expertin schaffen wichtige Fakten. Welche Haltungsform die richtige ist, ist eine Einzelfallentscheidung, obwohl die Tendenz seit etwa 30 Jahren zur geschützten Haltung geht, was man in den modernen Zoos auch seit Jahren beobachten kann – diese Entwicklung unterstützt auch die EEG.

Tiergerechtes Elefantentraining im Zoo Wuppertal (2013) | Foto: zoos.media

Freier Kontakt ist aber nicht per se schlecht, sondern kann auch gute Gründe haben. Für Elefanten sind beide Haltungen vom Tierwohl her gleichberechtigt, wenn sie richtig eingesetzt werden. Die Entscheidung über diesen richtigen Einsatz kann aber nicht von außen getroffen werden, sondern nur von Menschen, die die jeweiligen Tiere und die Arbeit mit ihnen, gut kennen und beurteilen können. Es zeigt sich einmal mehr: Es gibt in der Tierhaltung keine einfachen Lösungen.

Eine Sache ließ sich aber generell feststellen: Die Arbeit moderner Zoos mit den Tieren ist gut und wichtig – für die Tiere selbst, aber auch für ihre Art und deren Schutz. Wir bedanken uns herzlich bei der European Elephant Group für ihre Hilfe.