Die Seelöwen-Show im Loro Parque | Foto: zoos.media

Zoos – aktiv gegen Naturentfremdung

Exklusiv für zoos.media – 05.08.2017. Autor: Philipp J. Kroiß

Können neue Medien Zoos ersetzen? Nein! Kein Naturfilm, Sachbuch oder TV-Beitrag kann einen Zoobesuch ersetzen – und das ist auch gut so. Man muss die Stärken vieler Quellen bündeln, um Naturentfremdung entgegenzuwirken.

Zoos – aktiv gegen Naturentfremdung

„Wer braucht heute noch Zoos? Es gibt doch Fernsehen!“, schallt es von den populistischen Zoogegnern und sie belegen dadurch fast perfekt, warum es Zoos trotzdem weiterhin geben muss. Denn wer ernsthaft denkt, ein Dokumentarfilm könnte ein Live-Erlebnis ersetzen, zeigt vor allem wie naturentfremdet er selbst ist.

Realität und Virtualität

Bolivianische Totenkopfaffe (Saimiri boliviensis) im Zoo London | Foto: Katie Chan, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Es ist ein modernder Topos unreflektierter Kultur-Rezeption, dass Aufnahmemedien ein Live-Erlebnis ersetzen könnten. Gleiches hört man auch von Konzerten: CD, DVD und Online-Video wären ja ernsthafte Konkurrenz zum Live-Erlebnis. Die Hallen sind dann trotzdem voll, weil die Menschen offenbar einen Mehrwert im Live-Erlebnis finden.
Das Live-Erlebnis spricht, im Gegensatz zum durch Medien vermittelten Erlebnis, alle Sinne an und bringt das Bewusstsein mit sich, dass es wirklich passiert. Die meisten Menschen wissen, dass ein Tier in einer Dokumentation, nicht hinter der Mattscheibe lebt, sondern ein vor längerer Zeit aufgenommener Moment abgespielt wird – genauso wie der Film-Rezipient weiß, dass es keine Vampire gibt, obgleich sie im so real scheinen und der reflektierte Computerspieler bei Battlefield-Spielen sich völlig darüber im Klaren ist, dass er auf seinem Stuhl sitzt und sich nicht in einer Weltkriegsschlacht befindet – denn wer würde gerade dort schon sein wollen, wenn es wirklich real ist?

So unvermittelt medial-vermittelte Kommunikation manchmal auch erscheint, so sehr ist man sich bei reflektierter Rezeption auch der tatsächlichen Entfernung bewusst. Wer heute telefoniert, weiß, dass die Person einem nicht so nahe ist, wie sie sich anhört, weil man reflektiert mit dem Medium umgeht, während zur Anfangszeit viele Menschen mit Unverständnis auf das Medium reagierten, weil sie es schlicht nicht reflektiert rezipieren konnten. Ähnlich ist es beim Fernsehen oder Online-Video – man ist sich bei einer Tierdokumentation absolut darüber bewusst, dass man nicht Tiere beobachtet, sondern die Aufnahmen eines Tierfilmers sieht.

700 Millionen Zoobesucher pro Jahr

Der junge Panda Xiao Liwu im Alter von etwa einem Jahr Zoo von San Diego | Foto: Johann Balleis, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Obgleich süße Tierbabys meist nur einen Klick entfernt sind und man auch erwachsene Tiere spielend leicht auf Bildmaterial zu sehen bekommt, besuchen so viele Menschen Zoos – und das ist völlig nachvollziehbar und richtig. Reflektierte Medienrezeption bedeutet auch zu wissen, dass das reale Erleben nochmal etwas völlig anderes ist. Man beobachtet in Zoos, dass erst nachdem eine Geburt oder ein Transport durch Medien vermittelt wurde, man die Tiere also schon gesehen hat, die Leute in die Zoos kommen, um das Tier „wirklich“ zu sehen. Erst das wahrhaftige Erlebnis des Tiere ist für diese Menschen wahrlich von Bedeutung und durch nichts zu ersetzen.

Ein Zoobesuch bedeutet, die Tiere nicht nur zu sehen und zu hören, sondern sie (in) echt zu erleben. Egal wie scharf ein Fernsehbild auch immer in der Zukunft sein wird, wie viele Dimensionen es auch immer zu bieten haben wird und wie sourround der Ton noch werden mag: es wird niemals mehr sein als eine virtuelle Realität. Vor einem Gehege mit echten Tieren wahrhaftig zu stehen oder es in der Natur zu beobachten, sorgt erst für das wahrhaftige Erlebnis.

Es muss beides geben – und noch mehr

Amurleopard im Colchester Zoo | Foto: Keven Law, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Umfassende Edukation ist niemals eingleisig. Naturdokumentationen haben ihre Stärken und Zoos haben ihre Stärken und man muss beide ausspielen, um Menschen für die Natur zu begeistern und eine Entfremdung entgegenzuwirken. Auch noch andere Medien müssen dazu herangezogen werden – wie zum Beispiel Sachbücher. Es ist also kein „entweder, oder“, sondern vielmehr ein „sowohl, als auch“.

Bildgebende Medien, wie Naturfilm oder Fotos, haben zum Beispiel die Stärke, die Tiere scheinbar von ganz nah zu beobachten. So nah, wie ein ein Kamerabild durch Zoom scheinbar ermöglicht, kommen die meisten keinem wilden Raubtier ohne zu sterben. Der Zoo kann das Live-Erlebnis mit der Edukation sehr unmittelbar verbinden. Das Sachbuch ist ein schnelles Nachschlagewerk. In umfassender Edukation ist alles unersetzbar.

Im modernen Zoo bekommen Menschen die Möglichkeit artgemäß gehaltene Tiere sehr unmittelbar zu erleben. Das ist wichtig, um der Naturentfremdung entgegen zu wirken. Immer mehr Menschen wohnen in Städten – einem Lebensraum, in dem ungestörte Natur kaum stattfinden kann. Im Zoo können Menschen diese Natur und ihre Lebendigkeit wahrlich erfahren. Diese Erfahrung ist eine wichtig Basis, um Menschen die Notwendigkeit zum Schutz dieser Tiere nahe zu bringen.