Dunkle Wolken über der Wismarer Bucht | Foto: Thomas Woodtli, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Dr. Dörnath über letzte Stunden von Buckelwal Timmy

Exklusiv für zoos.media – 03.04.2026. Autorin: Dr. Kerstin Alexandra Dörnath

Mit deutlichen Worten geht die renommierte Tierärztin Dr. Kerstin Alexandra Dörnath mit Situation und Verantwortlichen ins Gericht. Sie positioniert sich klar in diesem ersten Teil ihrer Kolumne WildTierBlick.

zoos.media-Kolumne WildTierBlick vom Beiratsmitglied Dr. K. Alexandra Dörnath

Das Versagen vor der Wismarbucht:
Wie lange soll sich ein Wal vor den Augen Schaulustiger quälen?

Es ist ein unwürdiges Schauspiel, das sich vor unserer Küste abspielt: Wir erleben hier eine tiefe Entfremdung des Menschen von der Natur, bei der gut gemeinte menschliche Rituale über tatsächliche Bedürfnisse eines leidenden Wildtieres gestellt werden.

Empathie?

Buckelwal in der Dominikanischen Republik | Foto: Christopher Michel, Lizenz: CC BY 2.0

Während ein sterbender Meeressäuger – ein leidender Buckelwal mit Zivilisationsmüll in seinem Organismus – in einem Lebensraum festsitzt, der für ihn zur tödlichen Falle geworden ist, versammeln sich Menschen am Ufer. Und nun bilden diese – wohl aus Sicht des moribunden Buckelwals zu allem Überfluss – auch noch eine Menschenkette. Diese vermeintliche Geste der Empathie ist für einen Meeressäuger in unmittelbarer Nähe zu den Flachwasserzonen der Wismarer Bucht purer Stress. Die Menschen – so sie denn in Aktionismus verfallen müssen – täten hier sicher besser, still und leise Müll aufzulesen.

Das eigentliche Problem aber sind nicht nur die klassischen Gaffer mit ihren Smartphones. Viel schwerer wiegen das Schweigen und das Zögern derer, die es kraft ihres Amtes und ihrer Expertise besser wissen müssten.

Wissenschaftler und Experten beobachten, protokollieren und analysieren das Leiden bis ins kleinste Detail. Sie schwafeln von einem „würdevollen Tod“ in „Freiheit“. Doch was nützt alle akademische Expertise, wenn sie nicht in konsequentes, tierschutzgerechtes Handeln mündet? Wenn Tierärzte und Biologen lediglich daneben stehen und zusehen, wie ein Organismus über Tage hinweg qualvoll an Kreislaufversagen und Myopathien zugrunde geht, verlieren ihre Titel ihre ethische Grundlage. Tierschutz durch Unterlassung ist nämlich eine Farce.

Ungehinderte Inszenierung?

Junger Buckelwal | Foto: Widewitt, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Diese Situation verkommt mehr und mehr zu einem bizarren Happening: Da taucht ein „Wal-Flüsterer“ vor dem Kopf des Wales auf und tippt ihn an – ein völlig sinnfreier Zugriff durch den Menschen. Da zeigt sich ein Minister für Klimaschutz, Landwirtschaft, ländliche Räume und Umwelt medienwirksam auf einem Boot in unmittelbarer Nähe des Tieres. Und was tun die Experten? Nichts; gar nichts. Ein solches Agieren dient leider primär der Beruhigung des menschlichen Gewissens, nicht dem Wohle der Kreatur.

Jetzt ist Ostern. Sicher eröffnen an den Ostseestränden bald die Eiswagen, Fischbrötchenstände und Pommesbuden – so lässt sich dann das Elend besser konsumieren. Vielleicht gibt es dort auch Aufkleber: „Ich war dabei, als ein Wal namens ‚Timmy‘ sich quälte“.

Mir zuckt es in den Fingern, die Verantwortlichen wegen eklatanter Verstöße gegen das Tierschutzgesetz sowie das Bundesnaturschutzgesetz anzuzeigen. Wir erleben hier Behörden-, Politiker- und Expertenversagen auf ganzer Linie. Und natürlich patrouillieren auch Greenpeace und Co. – deren Begleitmusik darf hier ja schließlich nicht fehlen.

Rückgrat?

Wahre Wildtier-Kompetenz, wirkliche Expertise und echtes Rückgrat zeigen sich nicht im bloßen Dokumentieren von Qualen, sondern im Mut zur letzten, schweren Entscheidung. Ein Tier fachgerecht zu erlösen, ist keine Niederlage der Wissenschaft, sondern ein Akt des ultimativen Respekts vor dem Leben.

Es erfordert Mut, Verantwortung für das Ende zu übernehmen, anstatt das Mitgeschöpf „der Natur“ zu überlassen, wenn der Mensch bereits durch seine störende Präsenz und seinen Müll eingegriffen hat. Alles andere ist kein Tierschutz, sondern wissenschaftlich getarntes Gaffertum.

Möglicherweise aber wäre ein Buckelwal, dessen Schädel für eine tierschutzkonforme Tötung nicht unversehrt bliebe, schlichtweg nicht mehr attraktiv genug für die spätere Museumsvitrine.

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