Exklusiv für zoos.media – 18.04.2026. Autorin: Dr. Kerstin Alexandra Dörnath
Im dritten Teil ihrer Kolumne WildTierBlick hat Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath eine traurige Prognose: Wenn es so weitergeht wie bisher, wird der Buckelwal, der in der Ostsee immer wieder feststeckte, ertrinken.

Die schlimme Wahrheit: Der Buckelwal wird ertrinken
Die Natur kennt keine Moral, sie kennt nur Biologie. Während die „asozialen Medien“ mit ihren unzähligen Influenzern und den vielen Ratgebern – vom Wellensittichfarbberater bis hin zum Walflüsterer – sich in einem Rausch aus emotionalem Halbwissen und moralischer Selbstdarstellung verlieren und aus dem Wal längst eine Mischung von esoterischem Klimbim und totaler Vereinnahmung geworden ist, bleibt die wissenschaftliche Realität unerbittlich: Dieser Buckelwal ist moribund; er ist dem Tod geweiht, er wird sterben. Und zwar wird er aufgrund seines Verbringens in tiefe Gewässer einen Tod durch Ertrinken erleiden; er wird ertrinken, weil ihm die Kraft fehlt, an die Oberfläche zu kommen und zu atmen. Ertrinken ist wohl eine der grausamsten Arten des Sterbens.


Noch zu retten?

Es ist schmerzhaft, das auszusprechen, aber es ist die Wahrheit: Was wir derzeit erleben, ist kein wahrhafter Rettungsversuch, sondern eine Inszenierung von Laienrichtern, die Mitleid mit Sachverstand verwechseln – und das unter den Augen anwesender und beteiligter Veterinärmediziner.
Ein geschwächtes Reh bringt man nicht zurück in den Wald, damit es dort anonym stirbt. Es wird bei infauster Prognose tierschutzkonform erlöst oder kommt in eine Auffangstation. Ein Buckelwal kann aber in keiner Auffangstation gesund gepflegt werden. Es scheitert nicht nur an seiner Größe, sondern auch an seiner Art der Nahrungsaufnahme.
In einer Welt, in der jeder meint, eine fachliche Meinung zu komplexen biologischen und veterinärmedizinischen Prozessen haben zu müssen, wird die Expertise zur Last – und gleichzeitig zur einzigen Rettung für unsere Mitgeschöpfe. Ein Tier dieser Größe, das sich in die flache Ostsee mit ihrem niedrigen Salzgehalt verirrt hat, Verletzungen wohl durch Schiffschrauben hat, dem Netzteile aus dem Maul ragen und das keine Nahrung mehr aufnehmen kann, befindet sich in einem physiologischen Teufelskreis. Ihn mit unkoordinierten Aktionen „retten“ zu wollen, verlängert lediglich sein Leid unter dem Deckmantel der Tierliebe.
Widerwärtiges Spektakel

Wahre Expertise bedeutet, das Rückgrat zu haben, auch die unpopuläre Entscheidung zu treffen: die Entscheidung für ein gnädiges Ende, statt für ein qualvolles Hinauszögern vor laufenden Kameras für die Live-Berichterstattung.
Dieses Spektakel ist widerwärtig. Eine sterbende Kreatur wird hier ohne vernünftigen Grund gequält – mit politischer und behördlicher Duldung. Die Natur ist kein Disneyland. Ein gestrandeter Wal wird in der Regel gefressen – von Bären, von großen Felidae, von Wölfen, von Hyänen, vielleicht auch von Ratten, Möwen, Adlern …. im Känozoidum auch von Bärenhunden (Amphicyonidae) und von Terrorvögeln. Wenn also terrestrische Säuger (hier wohlmeinende Laien) an einem bewegungsunfähigen Meeressäuger herumfummeln, ist das Stress – Stress in der Erwartung, lebendig gefressen zu werden.
Rückgrat und Mut schaffen Respekt – den Respekt vor dem Leben und seinem Ende. Expertise schafft Freiheit – die Freiheit, sich nicht vom medialen Rauschen beugen zu lassen. Wir müssen aufhören, die Natur durch die Brille unserer eigenen Sentimentalität zu betrachten. Stattdessen müssen wir beginnen, der menschengemachten Zerstörung des Ökosystems Meer entgegenzuwirken. Dieser Wal braucht keine Laienrichter. Er braucht Fachleute, die den Mut zur Wahrheit besitzen und ihn gnädig erlösen.
