Exklusiv für zoos.media – 20.04.2026. Autor: Dr. Kerstin Alexandra Dörnath
Warum der Einsatz von Zinksalbe für den in der Ostsee gestrandeten Buckelwal keine gute Idee war, sondern sogar gefährlich ist, erklärt Veterinärmedizinerin Dr. med. vet. K. Alexandra Dörnath in der vierten Folge ihrer Kolumne WildTierBlick.

Expertise contra Aktionismus: Warum Zinkoxid einem gestrandeten Buckelwal mit generalisierten Hautschäden mehr schadet als nützt
Ein geschwächtes Tier braucht keine „Heilsalbe“, die seine physiologischen Probleme verschlimmert.
Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath
Was sagen internationale Experten?

Der Goldstandard in der internationalen Walrettung, wie er etwa durch die Wetter- und Ozeanografiebehörde der USA, die NOAA (National Oceanic and Atmospheric Administration), oder die National Marine Mammal Foundation (NMMF), die aus einem Team der besten Tierärzte, Biologen und Forscher für Marine Säuger besteht, definiert wird, sieht bei Strandungen vor, eine intakte Haut durch das Auflegen heller Tücher feucht zu halten, die jedoch zwingend ununterbrochen mit Wasser besprenkelt werden müssen. Der Einsatz okklusiver Pasten wie Zinksalbe gehört ausdrücklich nicht zu diesen medizinischen Protokollen.
Insbesondere die NMMF ist im Zusammenhang mit Strandungen von Meeressäugern weltweit sehr wichtig, denn sie haben mit ihren Pionieren der Medizin viele der heute weltweit gültigen Standards für die Versorgung von Delfinen und Walen entwickelt. Die NMMF arbeitet eng mit der US Navy und der NOAA zusammen. Wenn es um die Physiologie und das Wohlbefinden von Meeressäugern geht, ist ihre Forschung aufgrund ihrer wissenschaftlichen Autorität das Maß aller Dinge. In Krisenfällen, wie Strandungen oder Ölkatastrophen, werden ihre Spezialisten in einem Experten-Netzwerk oft weltweit zur Beratung hinzugezogen.
Wunsch versus Wirklichkeit

In der aktuellen Debatte um die Versorgung des in der Ostsee gestrandeten Buckelwals erleben wir einen klassischen Konflikt: Auf der einen Seite steht der verständliche Wunsch der Öffentlichkeit nach schneller, sichtbarer Hilfe, auf der anderen Seite die medizinische Realität. Als Leiterin des Exoten-Kompetenz-Centrums sehe ich mich in der Pflicht, hier eine klare fachliche Grenze zu ziehen. Die Anwendung von Zinkoxid auf der Haut eines geschwächten Buckelwals in Brackwasser ist kein Tierschutz, sondern medizinisch kontraproduktiv.
Das Hauptargument der Befürworter stützt sich vermutlich auf Praktiken aus der Zoo- und Aquarienmedizin. Tatsächlich werden bei Transporten gesunder Delfine und anderer Wale (Cetaceen) – etwa in Flugzeugen oder auf Spezial-Lkw – zwischen Einrichtungen Schutzpräparate eingesetzt, um die Haut feucht zu halten. Routinemäßig greift man hierbei jedoch primär auf Dexpanthenol oder Lanolin zurück. Zinkoxid spielt in diesen Protokollen allenfalls eine untergeordnete Rolle als punktueller Lichtschutz.
Doch hier liegt der fundamentale Unterschied: Beim Transport eines gesunden Wales oder Delfins dienen diese Substanzen als rein mechanische Barriere gegen Austrocknung, indem sie die Evaporation (Verdunstung) der Hautfeuchtigkeit an der Luft verhindern, und schützen vor UV-Strahlung, während das Tier für Stunden außerhalb seines Elements ist. Da grundsätzlich gesunde Tiere transportiert werden, ist das betreffende Tier physiologisch stabil, seine Hautbarriere intakt; die Präparate werden unmittelbar nach der Ankunft vor dem Einsetzen in das Zielbecken akribisch wieder entfernt.
Pökel-Gefahr

Ein Buckelwal, der in die Ostsee gerät und dort über längere Zeit verweilt, befindet sich in einer völlig anderen, und zwar lebensbedrohlichen Situation. Bei einem derart geschwächten Wal, der unter generalisierten Hautschäden und massivem osmotischem Stress leidet, verkehrt sich diese Schutzwirkung ins Gegenteil:
1. Osmotischer Stress: Die Haut eines Buckelwals ist für den hohen Salzgehalt der Ozeane geschaffen. Im Brackwasser der Ostsee kommt es zu einem osmotischen Ungleichgewicht. Wasser dringt in die Hautschichten ein, die Zellen quellen auf, die natürliche Schutzbarriere zerfällt flächendeckend. Das Tier leidet unter einem massiven physiologischen Stresszustand, der das gesamte Immunsystem schwächt.
2. Die Gefahr der Okklusion und der „Pökel-Effekt“: Wenn wir auf diese bereits geschädigte, „offene“ Haut entweder eine dicke Schicht Zinkoxid oder in Zinkoxid getränkte Tücher auftragen, erzeugen wir einen Okklusionseffekt. Unter der Paste staut sich Wärme und Feuchtigkeit. Was beim gesunden Transporttier ein Schutz ist, wird hier zur Brutstätte für pathogene Keime. Bakterien und Pilze, gegen die das geschwächte Tier kaum noch Abwehrkräfte besitzt, finden unter dem Zinkpanzer ideale Bedingungen vor.
Das ist noch nicht alles

Besonders fatal: Trocknen mit Wasser getränkte Tücher durch Wind und Sonne an, steigt die Salzkonzentration im Gewebe der Tücher massiv an. Gemeinsam mit dem Zinkoxid, welches eine massive adstringierende Wirkung hat, entzieht dieses hochkonzentrierte Salz der Haut aktiv Feuchtigkeit – das Gewebe wird regelrecht „gepökelt“ und die Zerstörung der Hautzellen beschleunigt. Deshalb ist es essenziell, dass diese Tücher, die einen mechanischen UV-Schutz darstellen, kontinuierlich besprenkelt werden und frei von Zinkoxid sind.
3. Verhinderung der Selbstreinigung: Die Haut von Walen stößt kontinuierlich Zellen ab, um Parasiten und Beläge loszuwerden. Eine Zinkschicht unterbindet diesen natürlichen Prozess der Exfoliation. Anstatt die Heilung zu fördern, wird der Haut die Fähigkeit genommen, sich selbst zu regenerieren.
Zinkoxid ist zudem hochtoxisch für das maritime Ökosystem – eine Substanz, die auch daher in keiner Weise in die Wunden eines Tieres gehört, das sich in einem sensiblen Lebensraum wie der Ostsee befindet.
Grenzen der Intervention kennen
Rückgrat bedeutet, die Grenzen der Intervention zu kennen. Expertise schafft die Freiheit, auch einmal festzustellen, dass weniger mehr ist. Ein Wildtier, das unter extremem Stress steht, mit chemischen Substanzen zu bedecken, die hier aus medizinischen und ökologischen Gründen kontraindiziert sind, ist fachlich nicht haltbar.
Echter Tierschutz erfordert das Rückgrat, Symbolhandlungen abzulehnen. Wir müssen die Biologie des Tieres respektieren, auch wenn das bedeutet, auszuhalten, dass wir mit menschlichen Mitteln an Grenzen stoßen. Ein geschwächtes Tier braucht keine „Heilsalbe“, die seine physiologischen Probleme verschlimmert.
