Exklusiv für zoos.media – 22.04.2026. Autor: Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath
In der sechsten Folge ihrer Kolumne WildTierBlick spricht Dr. Dörnath über die nächste fragwürdige Aktion des Rettungsteams: Die Fütterung des Buckelwals mit Heringen.

Wenn der Minister den Wal zum Hering zwingt – die amtliche Legitimation des fachlichen Unsinns
Den in der Ostsee stattfindenden Irrsinn kann man sich nicht mehr ausdenken. Es ist inzwischen so absurd, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Wir erleben gerade eine jener Situationen, in denen die Realität jede Satire mit Lichtgeschwindigkeit überholt. Da ist dieser moribunde Wal, ein sterbender Riese, zu dem der ministerielle Kommentar einfach lautet: „Timmy ruht sich aus.“
Laientruppe, Walflüsterer & ein Wal-Minister
Die aktuelle politische „Rettungsstrategie“ liest sich wie ein Drehbuch für eine schlechte Komödie – nur, dass die Hauptdarsteller hier leider die Entscheidungsträger sind. Erst wird das kranke Tier von einer Laientruppe quer durch die Bucht gejagt, und kaum ist es wieder gestrandet, folgt die nächste Glanzleistung durch die vom Minister geduldeten „Walflüsterer“. Diese privaten Flüsterer treten an das Ministerium heran – und der Walminister gibt grünes Licht für die „Zwangsernährung“.
Man serviert dem prominenten Patienten ein Menü wohl aus Hering, Makrele und Shrimps. Klingt lecker? Vielleicht für einen Seehund oder den Minister beim Abendessen. Das Problem ist nur ein klitzekleines, fachliches Detail: Der Buckelwal ist ein Bartenwal und somit ein Filtrierer.
Zwar ist er als opportunistischer Fresser nicht ganz so spezialisiert wie ein Blauwal, der fast ausschließlich Krill siebt, doch sein gesamter Apparat ist dennoch darauf ausgelegt, Nahrung als Masse aus dem Wasser zu filtern. Er ist kein Jäger, der einzelne Fische „snackt“, sondern ein Gigant, der Schwärme einsaugt. Ihm einzelne Fische vorzulegen, ist in etwa so effektiv und sinnvoll, als würde man versuchen, einen Industriestaubsauger von einem Teelöffel zu füttern.
Schnelle Entscheidung – und der Tierschutz?

Laut Presse habe das Ministerium die Entscheidung für diese Fütterung in nur 20 Minuten gefällt – eine Bankrotterklärung gegenüber jeder wissenschaftlichen Sorgfalt. In dieser Zeit schafft man es kaum, die Anatomie eines Buckelwals im Lexikon nachzuschlagen, geschweige denn eine Risikoabwägung für ein sterbendes Wildtier zu erstellen. Zwischen Kaffee und dem nächsten Termin wurde hier mal eben die Evolution per Dekret korrigiert. Es ist die amtliche Legitimation des fachlichen Unsinns. Dabei schreibt unser Tierschutzgesetz in Paragraf 2 zwingend eine artgemäße Ernährung vor.
Wer auf die Idee kommt, einem Buckelwal einzelne Makrelen zu kredenzen, hält ihn vermutlich für einen Zahnwal – oder einen Hund, dem man ein Leckerli zuwirft. In der Natur filtriert ein Wal Nahrung als weiche Masse; sie ihm einzeln „einzugeben“, ignoriert seine gesamte Physiologie. Es drohen schmerzhafte Entzündungen am Bartenansatz, ein lebensgefährlicher Verdauungsschock durch falschen Fettgehalt und massiver Stress durch physische Manipulation.
Was aber sind fünf Heringe auf 15 Tonnen Wal? Ein adulter Buckelwal braucht bis zu 1,5 Tonnen Nahrung am Tag. Ihn einzeln füttern zu wollen, ist logistischer Irrsinn – es ist der Versuch, ein komplexes maritimes Ökosystem-Problem mit der Logik einer Entenmast zu lösen.
Hilft nur noch ein Eilantrag?

Man möchte diesen Helfern inklusive des „Wal-Ministers“ fast wünschen, sie würden – wie einst Jona – im Bauch dieses Tieres landen. Nicht um sie zu strafen, sondern damit sie in der Stille und Dunkelheit endlich zur Besinnung kommen, bevor er sie dann wieder ausspuckt. Damit sie verstehen, dass ein Buckelwal kein Haustier ist, das man zwangsfüttern kann, sondern ein Geschöpf, das seinen eigenen Weg gehen darf – ohne die gut gemeinte, aber fachlich inkompetente Hand des Menschen.
Doch Halt: Da fällt mir ein – ich habe hier noch eine Dose Sprotten. Die könnte ich dem Ministerium für seinen Wal spenden… Aber Spaß beiseite: Hier hilft nur noch eine gerichtliche Entscheidung über einen Eilantrag, um diesen Wahnsinn in der Ostsee zu stoppen und endlich im Sinne dieses Wildtieres zu handeln. Denn eines ist sicher: Timmy ruht sich nicht aus, wie der Wal-Minister die Situation einschätzt. Man muss sich die anatomische Ignoranz erst einmal leisten können: Ein Buckelwal unter Stress macht seine Speiseröhre so verdammt eng, dass man da nicht mal mehr eine einzelne Makrele durchgeprügelt bekommt, geschweige denn eine vernünftige Ration – sein System schaltet bei Panik einfach auf totale Blockade.
Das aber sollte man wissen, wenn man mit Walen rumhantiert. Ein sterbender Riese braucht auch keine ministerielle Erlaubnis zum Fressen, sondern die fachliche Kompetenz, die ihn entweder in Ruhe lässt oder – und das ist meine dringende wildtierärztliche Empfehlung – ihm als letzte Gnade endlich die tierschutzkonforme Erlösung ermöglicht. Ein Weg, der gegangen werden muss, und zwar ohne fachfremden Aktionismus der Politik. Expertise schafft Freiheit, aber Ignoranz schafft nur Leid.
