Buckelwal an der Wasseroberfläche | Foto: Stanislav Stelmakhovich, Lizenz: CC0 1.0

Aktionismus statt Fachverstand: Wenn „Tierschutz“ zur Wal-Qual wird

Exklusiv für zoos.media – 28.04.2026. Von: Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath

Im elften Teil vom WildTierBlick schaut Dr. Dörnath auf die Idee, den „Timmy“ genannten Buckelwal quasi zu verladen und so aus der Ostsee in den Atlantik zu verfrachten.

zoos.media-Kolumne WildTierBlick vom Beiratsmitglied Dr. K. Alexandra Dörnath

Aktionismus statt Fachverstand: Wenn „Tierschutz“ für den Wal zur Qual wird

Was wir derzeit erleben, ist kein Tierschutz, es ist ein performativer Akt. Es geht nicht mehr um das Individuum, sondern um ein Medienspektakel, bei dem der Tierschutz hinter dem Drang zur Selbstdarstellung zurücksteht. Wenn dieser Aktionismus den Wal tatsächlich in eine Schute – diese werden im Wasserbau zum Transport von Baggergut eingesetzt – zwingt, wird Tierschutz zur reinen Qual und Arbeitsschutz zur Farce.

Massiver akustischer Stress

Buckelwal von vorne | Foto: Sylke Rohrlach, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Man plant wohl ernsthaft, diesen hochgradig gestressten, moribunden Wal in einen solchen Metallkasten – verniedlichend der Öffentlichkeit als „schwimmendes Aquarium“ verkauft – zu verbringen. Aber wie nur soll das geschehen? Ein geschwächtes, tonnenschweres Wildtier (dieser Wal hat in etwa die Körpermasse von vier Asiatischen Elefanten) in eine enge Metallkonstruktion zu hieven, ist ohne massive Sedierung kaum möglich – und eine Sedierung bei einem Wal, der ohnehin am Ende seiner Kräfte ist, gleicht oft einem Todesurteil, da hierbei die Atmung aussetzen kann.

Wenn er das Verbringen in die Schute also überlebt hat, soll er hierin bis in den Atlantik geschleppt werden. Irgendwie muss dieses Ding ja aber bewegt werden. Ein Motor unter Wasser in Kombination mit Metall (Schute, Bootsteile) ist für einen Wal, dessen Orientierung und Existenz auf Schall basiert, kein „Transportmittel“, sondern ein massiver akustischer Stressor, der den physiologischen Zusammenbruch gnadenlos beschleunigt.

Ich frage daher: Haben diese Amateure denn wirklich keine Vorstellung von der Akustik? Da man von modernen, lärmfreien Antriebskonzepten für dieses technologische Provisorium bisher nichts gehört hat, stellt sich die Frage: Werden hier etwa Galeerensklaven oder eine Truppe mythologischer Wikinger angeheuert, um „Timmy“ mit Schwimmkran und Schute lautlos in die „Freiheit“ zu rudern?

Gefährliches Halbwissen und potenzielle Unfälle

Die Realität ist weniger heroisch, aber weitaus gefährlicher für Tier und Mensch. Denn: Auch in diesem Zustand kann ein Wal möglicherweise ungeahnte Kräfte mobilisieren – das wäre dann kein rührender Filmmoment, sondern eine potenziell lebensgefährliche Situation für das unerfahrene „Wal-Retter-Laien-Team“ vor Ort, das hier mit gefährlichem Halbwissen agiert. Entweder ertrinkt das Tier durch den Stress sofort, oder es kommt zu Unfällen mit Menschen, die man mit echtem Fachverstand hätte voraussehen und verhindern müssen.

Simulierte Rettung verunmöglicht Nekropsie

Fluke eines Buckelwals in Costa Rica | Foto: Giles Laurent, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Einen sterbenden Buckelwal von seinem „Sterbebett“, der Sandbank, wegzuziehen, nur um eine Rettung für die Kameras vorzutäuschen, ist eine ethische Bankrotterklärung. Seine Rettung zu simulieren, ist keine Tierrettung, sondern es ist Grausamkeit gegenüber dem Mitgeschöpf.

Doch hinter diesem Aktionismus verbirgt sich ein dunkler Verdacht: „Aus den Augen, aus dem Sinn“ – das scheint das Motto des Wal-Ministers zu sein. Indem man das Tier auf hohe See schleppt, wo es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ertrinkt oder von Orcas ertränkt und gefressen wird, verunmöglicht man gezielt eine postmortale Nekropsie.

Weshalb wird hier so vehement verhindert, dass Wissenschaftler den Wal zu packen kriegen? Was genau soll hier eigentlich vertuscht werden? Ein toter Wal am Strand liefert Antworten, die für die Verantwortlichen unbequem sein könnten. Ein Wal, der im Ozean verschwindet, ermöglicht nur noch offene Fragen.

Stürmischer Nord-Atlantik

Dr. K. Alexandra Dörnath mit dem Grauwal J. J. in SeaWorld San Diego | Foto: Dr. Thomas Reidarson

Während Agitatoren versuchen, meine Expertise auf „Zoo und Zirkus“ einzugrenzen, entlarven sie sich durch ihre eigenen Vorschläge als Dilettanten. Dies ist ein amüsanter Versuch jener, die Tierschutz nur als Polit-Marketing verstehen und/ oder vom Sofa aus einschätzen. Neben vielen anderen Projekten weltweit führte mich mein Weg nämlich unter anderem in die schottischen Hebriden, um in Forschungsprojekten mit Walen im natürlichen Lebensraum des Nordatlantiks zu arbeiten. Zudem trug ich als verantwortliche Tierärztin in einem Delfinarium im europäischen Ausland die klinische Gesamtverantwortung für marine Säuger – eine Aufgabe, bei der es nicht um PR-Bilder, sondern um harte evidenzbasierte Medizin und das tägliche Management hochkomplexer aquatischer Patienten geht.

Ich war nie der Selfie-Typ. Vor 30 Jahren, als ich auf dem Mast eines Forschungsschiffes im eiskalten und äußerst stürmischen Nordatlantik stand, um Wale wissenschaftlich zu beobachten und zu untersuchen (Stichwort Blubber-Biopsien), gab es keine Influencer-Kultur. Da zählte der Wal, nicht das Foto. Wir haben gearbeitet, nicht für Follower posiert.

Dilettanten dürfen mich also gerne nennen, was sie wollen, aber das Wort „Inkompetenz“ reservieren wir hier doch lieber für jene, die Aktionismus mit Fachverstand verwechseln und glauben, ein komplexes Wildtier ließe sich durch guten Willen allein retten – will sagen: es ist passender für jene Haustierärzte und Akteure, die ohne Feldstudien und Fachwissen den Schutz eines Tieres für eine Inszenierung opfern und ihren Aktionismus über die empirische sowie die klinische Wahrheit stellen.

Keine diplomatischen Zwischentöne mehr

Bild der fragwürdigen „Rettungsaktion“ für den Buckelwal [18.04.2026] | Foto: Roy Zuo, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Expertise schafft Freiheit – auch die Freiheit, unbequeme Wahrheiten auszusprechen, wenn andere nur nach Applaus suchen. An diesem Punkt angekommen, gibt es keine diplomatischen Zwischentöne mehr: Wenn Ideologie die Biologie verdrängt, ist Gefahr im Verzug. Hier kann jetzt nur noch eine einstweilige Verfügung eines Gerichtes diesen gefährlichen Irrsinn in der Ostsee stoppen. Es geht um keine Meinungsverschiedenheit – es geht um geltendes Tierschutzrecht und um das Verhindern von Leiden, Schäden und Schmerzen bei einem Buckelwalindividuum. Und frei nach Karlos Ebenhög konstatiere ich: Eins ist gewiss. Klugheit kann jeder gebrauchen – doch selbst wenn man reich ist, sie lässt sich, auch mit Millionen, nicht kaufen.

Am Ende bleibt die bittere Bilanz: Erfahrung und Integrität als gelebter Tierschutz stehen hier politischem Kalkül und irrationaler Verblendung unter dem Deckmantel des Tierschutzes unversöhnlich gegenüber. Expertise schafft Freiheit, aber nur Rückgrat schafft den nötigen Respekt vor der Kreatur, die im Tierschutzgesetz richtigerweise „Mitgeschöpf“ genannt wird. Hoffen wir für den Buckelwal, dass er ablebt, bevor er in diese unsägliche Schute gezwungen wird und möglicherweise noch ein verheerender Unfall das bittere Ende markiert. Ein solches Szenario lässt sich dann nämlich nicht mit Kameras und PR-Phrasen bändigen.

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