Javaneraffe im Zoo Basel | Foto: Jamin, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wilde Theorie: Sind Zoobesucher willensschwach?

Exklusiv für zoos.media – 29.06.2026. Von: Philipp J. Kroiß

Markus Wild von der Universität Basel unterstellt Zoobesuchern Willensschwäche. Man kann sich aber auch Fragen, ob die vorgeblichen Analyse des Besucherverhaltens nicht eher eine gewisse Methodenschwäche offenbart.

Banggai-Kardinalbarsch im Zoo Basel | Foto: Amada44, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wilde Theorie: Sind Zoobesucher willensschwach?

Immer wieder tritt Prof. Dr. Markus Wild von der Uni Basel mit der Theorie auf, Zoobesucher seien willensschwach. Die Argumentation basiert auf einem Artikel aus dem Jahr 2014, den er geschrieben hat. Der wird von Zoogegnern auch hin und wieder hervorgekramt. Darin beruft er sich auf bestimmte philosophische Methoden.

Überlegungsgleichgewicht geht schief

Wild argumentiert, „dass die Methode des Überlegungsgleichgewichts ein vielversprechender
Ansatz für die Schlichtung solcher Meinungsverschiedenheiten“ sei. Gemeint ist wohl das Überlegungsgleichgewicht (reflective equilibrium) nach John Rawls (1921-2002) und Nelson Goodman (1906-1998). Das verlangt, vereinfacht gesagt, dass man moralische Intuitionen und theoretische Prinzipien so lange gegeneinander abwägt und anpasst, bis ein widerspruchsfreies Gesamtsystem entsteht.

In dem genannten Artikel schleicht sich wohl allerdings ein methodischer Fehler ein: Wenn Menschen trotz zookritischer Argumente weiterhin in den Zoo gehen, müsste im Sinne der Methode geschlussfolgert werden, dass das Überlegungsgleichgewicht der Menschen zu einem anderen rationalen Ergebnis kommt als eben die in dem Artikel vertretende Meinung.

Stattdessen wird im Artikel allerdings genau an der Stelle die Methodik abgebrochen. Es wird Zoobesuchern einfach Willensschwäche unterstellt. Das ist ein Zirkelschluss. Er definiert letztendlich die eigene zookritische Position als das einzig wahre Gleichgewicht und erklärt jede Abweichung davon zu einem rationalen oder moralischen Versagen des Individuums. Das kann man durchaus als methodisch unzulässig bezeichnen.

Fehlkonstruktion des moralischen Konflikts

Störche im Zoo Basel | Foto: Jamin, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Es geht aber noch weiter. Damit überhaupt Willensschwäche vorliegen könnte, müsste ein Zoobesucher die Absicht haben, nicht in den Zoo zu gehen, und diese Absicht dann aus mangelnder Selbstbeherrschung brechen. Allerdings ist der von Wild ausgemachte Konflikt kein Zeichen von Willensschwäche, sondern Ausdruck eines pluralistischen Güterkonflikts.

Ein rationaler Akteur wägt ab: Das angebliche Individualinteresse des Tieres auf uneingeschränkte Freiheit – die es allerdings in der Natur gar nicht gibt – versus das kollektive Interesse am Erhalt der gesamten Art sowie dem Bildungsauftrag. Wenn sich der Besucher für den Zoo entscheidet, überwiegt in seinem rationalen Gleichgewicht das Kollektivgut. Es liegt also kein intentionales Defizit vor, sondern eine schlüssige, wertorientierte Priorisierung.

Letztendlich verwechselt der Artikel einfach das Abwägen von Gütern mit dem Einknicken vor Trieben. Auch hier sieht man methodisches Scheitern. An dieser Stelle hat man dann noch nicht mal auf die Prämissen geschaut, muss es aber auch schon gar nicht mehr.

Perspektive entscheidend

Die Elefanten-Installation Tembea im Zoo von Basel | Foto: Léodras, Lizenz: CC BY-SA 4.0

In der Philosophie unterscheidet man zwischen dem engen und dem weiten Überlegungsgleichgewicht. Das enge schaut im Prinzip nur auf Intuitionen und Prinzipen. Das weite hingegen bezieht auch fundierte Hintergrundtheorien mit ein. Im gegenständlichen Artikel könnte man ein Versäumnis sehen, die relevanten wissenschaftlichen Hintergrundtheorien korrekt zu gewichten.

Zu den notwendigen Hintergrundtheorien gehören die empirische Naturschutzbiologie und die moderne Verhaltensbiologie. Ganz zentral ist hier zum Beispiel aktuell der One Plan Approach der Weltnaturschutzunion (IUCN). Wer zoologische Einrichtungen als Überlebensbrücken und Forschungsstätten begreift, integriert diese wissenschaftlichen Fakten in sein weites Überlegungsgleichgewicht.

Der Zoobesuch ist somit das Resultat einer höheren epistemischen Rationalität, nicht einer Willensschwäche. Das zeigt ironischerweise die philosophische Methode, mit der Wild offenbar versucht, Zoobesucher als willensschwach darzustellen. Tatsächlich ist der Zoobesuch mit weitem Überlegungsgleichgewicht absolut rational und ethisch konsistent zu begründen. Moderne Ethik schaut üblicherweise genau darauf und bewertet Handlungen nicht dogmatisch.

Ergebnis?

Der Zoo Basel sorgt durch Erhaltungszucht für den Fortbestand der in der Natur bedrohten Afrikanischen Wildhunde. | Foto: Michael Gäbler, Lizenz: CC BY 3.0

Pointiert könnte man sagen: Der Vorwurf einer Willensschwäche ist kein philosophisches Ergebnis seines Modells, sondern ein Dogma, mit dem man das Scheitern der eigenen Prämisse kaschiert. Nicht der Zoobesucher leidet an Willensschwäche, sondern die Argumentation leidet an einer Methodenschwäche – sie hält der offenen, ergebnisunabhängigen Anwendung des Überlegungsgleichgewichts nicht stand.

Das Überlegungsgleichgewicht ist aber keine rein akademische Denksportaufgabe. Wer behauptet, ein stabiles ethisches Gleichgewicht gefunden zu haben, postuliert damit eine Handlungsmaxime. Wenn der Besuch von Zoos ein Akt der Willensschwäche, also ein moralisches Defizit wäre, dann würde das im weiten Überlegungsgleichgewicht auch eine Pflicht zur institutionellen Distanzierung bedeuten.

Die Universität Basel und der Zoo Basel sind durch wissenschaftliche Kooperationen, gemeinsame Forschungsprojekte und eine lange historische Nachbarschaft tief miteinander verwoben. Ist Wilds eigenes Überlegungsgleichgewicht in dem Sinne unvollständig, weil er institutionelle Verflechtungen und deren moralische Außenwirkung schlichtweg ausblendet, oder handelt Wild etwa nach seinen eigenen Maßstäben selbst eventuell „willensschwach“, wie er es anderen vorwirft, indem er die Privilegien einer Professur an einer Institution genießt, die mit dem von ihm kritisierten System kooperiert? Das ist wohl die viel spannendere Frage.

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