Silvesterfeuerwerk zum Jahreswechsel von 2015 auf 2016 im hessischen Wanfried | Foto: Christoph Braun, Lizenz: CC0 1.0

Jedes Jahr tote Mitgeschöpfe zu Neujahr – Zeit für ein Böllerverbot

Exklusiv für zoos.media – 17.07.2026. Von: Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath

In der 15 Folge ihrer Kolumne WildTierBlick erklärt Dr. Dörnath, warum sie persönlich ein rigoroses Böllerverbot für nötig und richtig hält.

zoos.media-Kolumne WildTierBlick vom Beiratsmitglied Dr. K. Alexandra Dörnath

Jedes Jahr tote Mitgeschöpfe zu Neujahr – Zeit für ein Böllerverbot

Wir haben Juli. Die Tage sind lang, die Nächte kurz, und die Grillsaison läuft auf Hochtouren. Warum also, um alles in der Welt, schreibe ich heute, im tiefsten Hochsommer, über Silvester? Weil wahrhafter Tierschutz und echter Artenschutz keinen Urlaub machen. Weil die Katastrophen, die sich in jeder Neujahrsnacht in unseren Wäldern, Parks und zoologischen Einrichtungen abspielen, eine monatelange gedankliche Vorbereitung brauchen, wenn wir endlich etwas ändern wollen. Wenn der Dezember erst da ist, die Prospekte der Discounter voll von bunten Raketen sind und die Lobbyverbände der Pyrotechnik ihre Phrasen dreschen, ist es zu spät. Wir müssen jetzt reden – über das unendliche, vermeidbare Leid der Tiere.

Die Illusion der Freiheit: Was Knallerei für wildlebende Tiere bedeutet

Wer mich kennt, weiß: Ich bin keine Freundin von pauschalen Verboten. Ich stehe für Eigenverantwortung, für wissenschaftlich fundierte Abwägungen und wehre mich vehement gegen eine überbordende Verbotskultur, die die Bürger bevormunden will. Doch wo die Freiheit des Einzelnen zur tödlichen Gefahr für Millionen wehrloser Kreaturen wird, endet jede Toleranz. Bei der privaten Silvesterknallerei gibt es für mich kein „Augenmaß“ mehr. Hier fordere ich als Tierärztin und Wissenschaftlerin ganz klar: Verbietet diesen Wahnsinn. Restlos.

In der freien Natur ist der Jahreswechsel kein Fest, sondern ein flächendeckender Kriegszustand. Das ist keine gefühlte Wahrheit, sondern harte Wissenschaft. Einschlägige GPS- und Radarstudien belegen unmissverständlich: Wildvögel geraten durch den plötzlichen Lärm und die Lichtblitze noch in vielen Kilometern Entfernung vom eigentlichen Knallort in nackte Panik. Sie fliegen in ihrer Todesangst in Höhen von mehreren Hundert Metern auf – Regionen, die sie im Winter niemals freiwillig ansteuern würden, weil dort eisige Winde herrschen und die Luft dünn ist. Sie verlieren völlig die Orientierung, flüchten ziellos kilometerweit und prallen im Dunkeln gegen Glasscheiben, Stromleitungen oder Gebäude.

Das eigentliche Drama passiert oft zeitversetzt: Um diese panischen Sturzflüge mitten in der Nacht zu überleben, verbrauchen die Tiere in wenigen Stunden gigantische Mengen ihrer mühsam angefressenen Energiereserven. Das lebenswichtige Winterfett, das sie eigentlich brauchen, um die eiskalten Januarnächte zu überstehen, wird in dieser einen Nacht komplett verfeuert. Für unzählige Wildtiere und Vögel ist Silvester daher kein lauter Spaß, sondern buchstäblich eine Nacht mit Todesfolge – sie verhungern oder erfrieren in den Tagen danach entkräftet. Größere Wildtiere wie Rehe flüchten blindlings aus den Wäldern und enden als Todesopfer auf unseren Autobahnen und Landstraßen.

Die unsichtbare Not

Nun könnte man argumentieren, dass Tiere in zoologischen Gärten oder geschützten Habitaten vor diesen Gefahren sicher sind. Schließlich stehen dort Pfleger bereit, und die Reviere sind gesichert. Das ist ein fataler, biologischer Irrtum. Zäune schützen weder vor Schallwellen noch vor psychischem Trauma. Für Zootiere ist die Silvesternacht oft ein noch größerer, konzentrierter Horror. Während ein Wildtier theoretisch kilometerweit flüchten kann, sind Zootiere in ihren Gehegen gefangen. Wenn die dumpfen Schläge und das grelle Pfeifen losbrechen, setzt der evolutionäre Fluchtinstinkt ungebremst ein. Die Tiere geraten in blinde, unkontrollierbare Angst.

Wenn Antilopen, Zebras oder Wildpferde in den Innenställen oder Außenanlagen in Panik geraten, rasen sie orientierungslos gegen die Absperrungen und Betonwände. Schwere Knochenbrüche, Schädel-Hirn-Traumata und tödliche Verletzungen durch Stürze sind in Zoos in der Neujahrsnacht traurige Realität. Besonders sensibel reagieren auch Primaten und Großvögel. Der extreme Stress, dem diese Exoten über Stunden schutzlos ausgeliefert sind, führt zu massiven physiologischen Schäden. Myokardinfarkte (Herzinfarkte) und stressbedingte Myopathien – ein Zustand, bei dem sich die Skelettmuskulatur durch die massive Überlastung mit Fluchthormonen regelrecht selbst zersetzt – enden für viele wertvolle Tiere Tage später tödlich. Ein Zoo ist ein Ort des Artenschutzes, der Bildung und der Erholung. Dass wir es als Gesellschaft zulassen, dass diese hochgradig bedrohten Kreaturen für ein paar Minuten privaten Amüsements zu Tode erschreckt werden, ist ein moralischer Offenbarungseid.

Schluss mit den Scheinkompromissen

Die Argumente der Befürworter sind Jahr für Jahr dieselben: „Das ist Tradition“, „Das gehört dazu“, „Man kann den Leuten nicht alles nehmen“. Doch Tradition endet da, wo systematisches Tierleid beginnt. Die Einführung von vermeintlichen „Schutzzonen“ um Zoos ist reine Kosmetik. Schall hält sich nicht an Schilder oder Straßenzüge. Wenn drei Straßen weiter die Batterien gezündet werden, ist der Lärmpegel im Gehege oder im angrenzenden Wald immer noch absolut traumatisch.

Wir brauchen kein feiges Herumlavieren mehr. Wir brauchen ein bundesweites, konsequentes Verbot des Verkaufs und des Abrennens von privatem, pyrotechnischem Feuerwerk. Wer Licht und Farbe am Himmel sehen möchte, kann dies über zentralisierte, professionelle und vor allem lautlose Drohnen- oder Lasershows der Kommunen tun. Das schont die Umwelt, verhindert Tausende von menschlichen Verletzungen in den Notaufnahmen und rettet vor allem Millionen Tierleben.

Ein Appell zur Besinnung – mitten im Sommer

Ich richte diesen Appell bewusst jetzt an Sie, liebe Leserinnen und Leser. Nutzen Sie die warmen Sommermonate, um in Ihren Gemeinden, in Ihren Familien und in Ihren Köpfen umzudenken. Sprechen Sie mit Ihren Lokalpolitikern, bevor der Winter da ist. Machen Sie mobil für die Tiere, die keine eigene Stimme haben, um gegen den nächtlichen Bombenterror zu protestieren.

Als Tierärztin sehe ich die Wunden, die die Knallerei schlägt. Als Artenschützerin sehe ich den Verlust. Es ist Zeit, das Rückgrat zu beweisen, das unserer Politik in dieser Frage so oft fehlt. Lassen Sie uns Silvester neu denken – für ein Fest, das das neue Jahr feiert, ohne das Leben um uns herum zu vernichten.

Die Verantwortung für das Wohl der Tiere ist längst keine bloße Privatangelegenheit mehr, sondern im Artikel 20a unseres Grundgesetzes als staatliches Ziel festgeschrieben. Wenn wir als Gesellschaft diesen Schutz ernst nehmen, müssen wir unser Handeln – und damit auch tradierte Bräuche wie die Silvester-Knallerei – konsequent an diesem Verfassungsauftrag messen lassen.

Jeder von uns trägt also eine Verantwortung für das Wohl der Tiere, die weit über den eigenen Garten hinausreicht: Schreiben Sie Ihren lokalen Bundestagsabgeordneten und unterstützen Sie gezielte Petitionen, um das Bewusstsein für die unnötige Belastung durch die Silvester-Knallerei zu schärfen. Schließen wir uns zudem Initiativen wie beispielsweise der der Polizei an, die längst erkannt hat, dass ein rücksichtsvollerer Umgang mit Pyrotechnik ein notwendiger Schritt für die öffentliche Sicherheit und den Tierschutz ist.

Wer den Neujahrsvorsatz hat, etwas Gutes für die Umwelt zu tun, kann in der Silvesternacht damit beginnen und Rücksicht auf Tiere und Menschen nehmen – und auf die archaische Knallerei verzichten. Expertise schafft Freiheit – die Freiheit von Angst und Stress. Fordern wir für den nächsten Jahreswechsel endlich Rücksicht. Nicht nur für uns, sondern für alle, die sich nicht wehren können.

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