Exklusiv für zoos.media – 05.08.2026. Von: Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath
Wildtierärztin Dr. Kerstin Alexandra Dörnath kritisiert in der neuen Folge ihrer Kolumne WildTierBlick die Beschlagnahmung von 6 Tigern von Carmen Zander in Dölzig und warnt vor schrecklichem Leid statt Tierschutz.

Anklage: Das Gegenteil von Rettung
Vor fünf Wochen, am 1. Juli 2026, passierte es: Sechs wunderschöne Tiger, die bis dato alle noch nie etwas Schlimmes in ihrem Leben erfahren hatten, wurden auf brutale Weise in Dölzig behördlich beschlagnahmt. Während sie per Teleinjektion mit Medikamenten für die Narkose von fremden Menschen traktiert wurden, schrien die Tiger laut vor bisher ungekannter Angst auf. Und der Öffentlichkeit wurde das Märchen von einer vermeintlich besseren Zukunft in Spanien nach ihrer Verfrachtung eben dorthin erzählt.
Ausgezeichneter Allgemeinzustand bis zur Beschlagnahmung

Als ihre betreuende Tierärztin weiß ich genau, in welch ausgezeichnetem Allgemeinzustand diese Tiger vorher waren. Ihr Pflegezustand war exzellent, ihr Ernährungszustand gut und ihre Bemuskelung sehr gut. Es lagen keine Hinweise auf Verhaltensstörungen vor, die Tiger waren ausgeglichen, sie waren gut miteinander sozialisiert, spielten täglich zusammen, zeigten Kontaktliegen.
Sie lebten behütet und waren in einer Weise von der Tiger-Fachfrau Carmen Zander versorgt, die ihren individuellen Bedürfnissen entsprach. Ihre tägliche Futteraufnahme war artgemäß und tiergerecht. Ihr Fell glänzte und es war sauber sowie gepflegt. Diese Tiger waren der Spiegel ihrer eigenen vorbildlichen tiergerechten und artgemäßen Haltung.
Doch was geschah dann?
Täglich erreichen mich seither E-Mails mit Verweisen auf aktuelle Videos und Fotos von jenen Tieren – erschütternde Aufnahmen, die ich mir als mitfühlender Mensch und als empathische Tierärztin, die diese Tiere persönlich kennt und sie hat aufwachsen sehen, schlicht kaum ansehen kann, ohne zu weinen.
Woher das Bildmaterial stammt? Niemand kommt wohl in diese Anlagen hinein; die Aufnahmen können im Grunde nur von der Nichtregierungsorganisation selbst stammen, die diese Tiere nun verwahrt und die im Übrigen im Lobby-Register des Deutschen Bundestages zu finden ist. Der Anblick dieser teilweise öffentlich zur Schau gestellten Bilder und Videos ist nicht erträglich, wenn man ein Herz für Tiere hat und insbesondere, wenn man diese Individuen vorher gekannt hat. Das Bildmaterial ist schlichtweg bis ins Mark erschütternd.
Verwahrlost statt behütet
Da ist die Tigerin Saphira: Ihr Fell ist schmutzig sowie auch struppig und – um es beim Namen zu nennen – sie ist verwahrlost statt behütet. Sie ist schmal geworden. Deutlich sind ihre Wirbel zu sehen. Sie sieht beinahe kachektisch aus. Ein völlig ungewöhnlicher Zustand für ein zuvor gesundes Tier. An einer Flanke hat sie eine Schramme.
Sie hechelt, obwohl sie kaum aktiv ist, gefangen in einer hitzigen Umgebung ohne sichtbare adäquate Wasserbecken. Statt eines naturnahen Bodens sind sterile, extrem harte und gefährlich glatte Flächen zu sehen. Kein Stroh, keine Holzhäcksel, die man problemlos sauber halten oder wechseln könnte. Keine Holzauflagen, keine Stämme zum Laufen, Klettern oder Krallenspitzen sind zu sehen, kein Spielzeug scheint vorhanden.
Noch vor fünf Wochen war Saphira eine kerngesunde Tigerin. Jetzt macht sie auf dem mir vorliegenden Bildmaterial einen schlechten Gesamteindruck. Was also ist hier geschehen? Auch in einer „Quarantäne“ muss ein Tier doch artgemäß untergebracht sein.
Saphira ist Schatten ihrer selbst
Auf dem mir vorgelegten Bildmaterial erkenne ich Saphira kaum wieder. Sie scheint ein Schatten ihrer selbst. Ist Saphira krank? Ist sie überstresst? Was nur ist mit der ehemals stolzen Raubkatze geschehen? Sie sieht gebrochen und überfordert aus.
Jeder, der Katzen kennt, weiß, dass sie sich aufgegeben haben, wenn sie keine Körperpflege mehr betreiben. Ich kann nur spekulieren, aber es scheinen hier nicht nur Rückzugsmöglichkeiten zu fehlen.
Sind Tiger doch sensible Mitgeschöpfe. Die ehemalige Bezugsperson ist über 2.200 Kilometer entfernt. Sie hat diese sechs Tiger mit Liebe, Geduld und Sachkunde großgezogen.
Bürokratisches Totalversagen
Nur weil irgendwo „Tierschutzorganisation“ draufsteht, ist da noch lange kein Tierschutz drin. Wenn sogenannte Tierrechtler Tiere unter dem Deckmantel des Tierschutzes „retten“, sie für ihre Ideologie missbrauchen und mit diesen für ihre Ziele Spenden erbetteln, tauschen sie immer wieder intakte, gesunde Haltungen gegen karge Gefängnisse ein. Ja, auch wenn ich mich immer gegen Anthropomorphismus wende, so muss ich hier von einem Gefängnis sprechen.
Wie kann eine zuständige Amtstierärztin so komplett fachlich versagen und solche Tiere in sehr gutem Allgemeinzustand an einen Standort in Spanien übergeben? Man muss sich angesichts solcher Bilder fragen: Ist das der versprochene Schutz oder erleben wir hier gerade die Zurschaustellung eines bürokratischen Totalversagens? Aus den Augen aus dem Sinn und dann bald „hin“?
Das Messen von Moral
Und wenn man sieht, wie diese zuvor majestätischen Tiere dort in sterilen Anlagen verkümmern, drängen sich unweigerlich noch dunklere Gedanken auf – etwa, was wohl hinter verschlossenen Türen geschieht. Eines steht fest: Mit echtem Tierschutz hat das absolut nichts zu tun.
Wer ist hier eigentlich verantwortlich, wenn diese Tiger das nicht überstehen? Die Amtstierärztin hatte sich ja wohl abgesichert – sie hat das Eigentum an diesen sechs Tigern ja umgehend überschrieben. Rechtlich ist sie möglicherweise nicht zu belangen, moralisch ist sie aber doch schon verantwortlich. Wer so handelt, während Tiere vor die Hunde gehen, muss sich doch wohl an seiner Moral messen lassen.
Man fragt sich unwillkürlich, ob der Tod sie nicht vor diesem Elend hätte bewahren müssen – jede Form von schnellem Ende wäre gnädiger gewesen als ihre Reise nach Spanien.
Auch hier in Spanien sind die Tiere Zeuge ihrer eigenen Haltung: Das Fell von Saphira und ihren Kindern Radscha, Bombay, Simba, Goliath und Davina glänzt nicht mehr. Und in Dölzig fehlt der verbliebenen Tigerin Imana seitdem der gewohnte Glanz in ihren Augen. Sie vermisst ihre Geschwister sowie ihre Mutter Saphira. Imana und auch Kiara suchen und rufen täglich hier in Dölzig nach den anderen Tigern. Insgesamt wurde also acht Tigern behördlich schweres Leid angetan.
Wir erleben hier das Gegenteil einer „Rettung“. Ich klage laut an und hoffe, dass sich viele Stimmen anschließen.
