Exklusiv für zoos.media – 26.04.2026. Autor: Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath
Im achten Teil ihrer Kolumne WildTierBlick schaut die walerfahrene Tierärztin Dr. Dörnath vor dem Hintergrund der Idee einer Blutabnahme beim Buckelwal in der Ostsee darauf, was wichtig ist, wenn man bei Großwalen Blut abnehmen will.

Blutentnahme bei Großwalen: Zwischen medizinischem Unsinn und Harakiri
Wer mit Pferden oder anderen Nutztieren arbeitet, unterschätzt oft die schiere Wucht und die völlig andere Anatomie eines Buckelwals. Es ist eine klare fachliche Grenze zu ziehen: Wer noch nie bei einem Delfin Blut genommen hat, sollte von einem Großwal schlichtweg die Finger lassen.
Wie sinnvoll ist eine Blutabnahme überhaupt in dem Fall?
An die Fluke (Kaudalflosse) oder die Flipper (Brustflossen) zu gehen, ohne dass das Tier in einem speziellen Hebegeschirr oder durch massive logistische Unterstützung gesichert ist, grenzt bei einem lebenden Tier an ein Himmelfahrtskommando. Ein Reflexschlag der Flosse eines Buckelwals hat die Kraft, ein kleines Boot zu zertrümmern. Hier hilft keine allgemeine Großtier-Expertise – hier hilft nur das Wissen um die spezifische Cetaceen-Physiologie. Ohne Fixierung ist ein solcher Versuch für den Tierarzt schlichtweg Harakiri.
Viel entscheidender ist jedoch die Frage nach der Indikation. Eine Blutuntersuchung ist in diesem Fall medizinisch nicht indiziert. Denn: Was wäre die therapeutische Konsequenz? Eine zielführende Behandlung ist bei diesem Buckelwal unmöglich; aufgrund der chronischen Vorgeschichte wird er im Atlantik in jedem Fall verenden. Hier muss nach dem klinischen Bild entschieden werden. Der massive Stress einer Fixierung und Punktierung steht in keinem Verhältnis zum diagnostischen Erkenntnisgewinn.
Ein solcher Eingriff bei einem Wildtier dieser Größe ist definitiv nicht mehr „minimalinvasiv“ – eines der Lieblingsadjektive des Wal-Ministers. Zudem stellt sich die fachliche Frage: Verfügt das private Team überhaupt über validierte Referenzwerte für Buckelwale?
Material-Frage

Dass der Amateur-Rettungstrupp keine Probe gewinnen konnte, wundert mich fachlich nicht. Man muss drei Barrieren überwinden, die herkömmliches Blutentnahme-Besteck vor unlösbare Aufgaben stellen:
1. Die Epidermis: Überraschend fest, zäh und lederartig.
2. Der Blubber (Speckschicht): Dieser misst beim Buckelwal 10 bis 20 cm. Eine Standard-Pferdekanüle erreicht hier nicht einmal das Muskelgewebe, geschweige denn ein tief liegendes Gefäß.
3. Die Gefäßwand: Wal-Venen sind extrem dickwandig und rollen leicht weg.
Eine Standard-Injektionsnadel ist hier völlig unzureichend. Fachlich korrekt wären:
1. Spezialkanülen: Mindestens 15 bis 25 cm Länge (z. B. spinale Punktionsnadeln in Überlänge)
2. Adäquate Kanülen-Durchmesser: 14G oder 12G (bis zu 2,7 mm), da Wal-Blut hochviskos ist und bei Dehydration oder Schock – dem Regelfall bei Strandungen – sofort gerinnt.
3. Mandrin-Pflicht: Ohne Führungsstab verstopft die Nadel bereits beim Durchstechen der Speckschicht mit Gewebestanzen.
Pferde-Logik zum Scheitern verurteilt
Wer versucht, die Vena jugularis (Halsvene) nach „Pferde-Logik“ blind zu treffen, scheitert an der Anatomie. Ohne sonographische Ortung der Gefäße und adäquates Instrumentarium ist eine Blutentnahme reine Glückssache. Dass Laien hier scheitern, ist die logische Konsequenz fachlicher Selbstüberschätzung.
