Exklusiv für zoos.media – 25.04.2026. Autor: Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath
Im siebten Teil der Kolumne WildTierBlick schaut die walerfahrene Veterinärmedizinerin Dr. Dörnath auf die Gabe von Wasser für den Buckelwal in der Ostsee.

Symbolpolitik am Spülsaum: Die Gießkannen-Rehydratation
Wenn fachliche Statements zur Rettung von Großsäugern die Runde machen, sollte man klinische Substanz erwarten dürfen. Doch was uns jüngst als Rettungsmaßnahme für einen 12-Tonnen-Wal präsentiert wurde, hält keiner physikalischen und auch keiner (wildtier)medizinischen Prüfung stand. Die Behauptung, man könne ein Tier dieser Dimension mittels einer Gießkanne (meist sind dies 10-Liter Gießkannen) und eines Schlauchs rehydrieren, ist keine Medizin – es ist „Homöopathie“ im Giganten-Maßstab.
Mathematik des Scheiterns
Werfen wir einen Blick auf die nackten Zahlen: Bei einer Körpermasse von 12 Tonnen entsprechen 10 Liter Wasser einem Verhältnis von gerade einmal 0,83 ml pro Kilogramm Körpermasse. Um die Lächerlichkeit dieser Dosis zu verdeutlichen: Auf einen durchschnittlichen Menschen von 80 kg übertragen, entspräche dies einer Flüssigkeitsmenge von ca. 66 ml – das sind etwa vier Esslöffel oder das Volumen eines kleinen Espressos.
Jedem Mediziner ist klar: Eine wirksame Rehydratation bei einem Wal müsste sich im Bereich von hunderten Litern bewegen, um physiologisch überhaupt messbar zu sein und eine mögliche therapeutische Wirkung zu entfalten.
Physik schlägt guten Willen

Hinzu kommt ein massives technisches Problem: Ein Standard-Gartenschlauch (1/2 Zoll) schluckt etwa 0,13 Liter pro laufendem Meter. Bei einer Schlauchlänge von vielleicht 10 Metern befinden sich bereits 1,3 Liter als nutzloses Totvolumen im System. Damit erreichen über 13 % der ohnehin irrelevanten „Dosis“ das Tier niemals.
Da eine Gießkanne keinen hydrostatischen Druck aufbauen kann, wie er für eine echte Infusion zwingend erforderlich wäre, bleibt der Versuch wirkungslos. Es sei denn, man hätte die Gießkanne zur Erzeugung des nötigen Gefälles aus einem Helikopter oder von einer (auf dem schwankenden Boot ohnehin unpraktikablen) Leiter aus bedient – doch selbst dann bliebe die Physik der limitierende Faktor. Ohne entsprechende Pumpkraft passiert hier aber rein gar nichts.
Es sei denn, man hätte die Gießkanne zur Erzeugung des nötigen Gefälles aus einem Helikopter oder von einer (auf dem schwankenden Boot ohnehin unpraktikablen) Leiter aus bedient – doch selbst dann bliebe die Physik der limitierende Faktor.
Stress frisst Flüssigkeit
Zudem muss man die physiologische Belastung berücksichtigen: Allein der durch diese hanebüchene Aktion verursachte Stress führt über die massive Ausschüttung von Cortisol und die damit verbundene Steigerung der Atemfrequenz zu einem Flüssigkeitsverlust, der die zugeführten 10 Liter sofort wieder egalisiert. Man therapiert hier nicht, man erhöht lediglich die metabolische Last des Tieres für ein paar medienwirksame Bilder.
Einen 12-Tonnen-Wal mit einer Gießkanne retten zu wollen, ist in etwa so effektiv, wie einen Waldbrand mit einer Wasserpistole zu bekämpfen. Es mag für heroische Pressefotos und ebensolche Statements reichen und den Anschein von Aktivität erwecken, doch mit ernsthafter Tiermedizin hat das absolut nichts zu tun.
