Phantom-Daten im Skagerrak: Experten zur Besenderung von Buckelwal Timmy
Exklusiv für zoos.media – 05.05.2026. Von: Philipp J. Kroiß
10.000 € für Datenschrott? Was sagen Experten zur Besenderung vom Timmy genannten Buckelwal? Zudem: Intransparente Daten und fehlende Genehmigungen werfen Fragen auf.
Buckelwal vor der Insel Moorea | Foto: Charles J. Sharp, Lizenz: CC BY-SA 4.0
Phantom-Daten im Skagerrak: Experten zur Besenderung von Buckelwal Timmy
In Deutschland wird über den Gesundheitszustand vom inzwischen unter fragwürdigen Bedingungen abgeladenen, als Timmy bezeichneten Buckelwal spekuliert. Während die Projektverantwortlichen von angeblichen Vitaldaten sprechen, aber keine Standorte liefern können, mehren sich die Zweifel an der technischen Darstellung. Wir haben bei führenden Experten nachgefragt – die Antworten zeichnen ein klares Bild.
In unseren jüngsten Facebook-Beiträgen (hier, hier und hier) haben wir bereits die physikalischen Grenzen der Satelliten-Besenderung thematisiert. Das Kernproblem: Wie soll ein angeblicher 10.000-Euro-Sender zwar komplexe Tauchprofile schicken, aber an der Positionsbestimmung scheitern? Die Erklärungen der Retter halten einem kritischen Hinterfragen kaum stand.
Märchen von den Live-Vitaldaten?
Ein zentrales Versprechen der Wal-Retter ist die Übermittlung von Vitaldaten, die belegen sollen, dass es dem Tier gut ginge.
„Der Begriff ‚Vitaldaten‘ kann eine Reihe von Messungen abdecken, und es ist nicht ganz klar, worauf sich in diesem speziellen Fall bezogen wird. […] Verhaltensdaten wie Bewegungsmuster oder Tauchprofile können indirekte Hinweise geben […], aber sie vermitteln für sich genommen kein vollständiges Bild der Gesundheit.“
Andreas Fahlmann, Ph.D., Universität Linköping
Andreas Fahlmann betont zudem, dass wirklich tiefgreifende Daten, wie die Herzfrequenz, meist nur mit Kurzzeit-Loggern und nicht über Langzeit-Satellitensender erhoben werden. Was von Unterstützern der „Rettung“ als Gesundheitszeugnis verkauft wird, ist also lediglich ein mechanisches Bewegungsprofil.
Standort-Paradoxon: Daten ja, Position nein?
Die spannendste Frage bleibt die nach dem Standort. Die Projektleitung behauptet, Daten zu empfangen, aber keine Position bestimmen zu können. Prof. Dr. Boris M. Culik von F³ erklärt dazu: Selbst wenn der GPS-Empfänger im Gerät ausgefallen wäre, müsste das System dennoch Daten liefern.
„Der ARGOS-Sender gibt aber ebenfalls die Position an, wenngleich auch ungenauer und nur ein paar Mal am Tag.“
Prof. Dr. Boris M. Culik, F³
Anhand dieser Einschätzung kann man schlussfolgern: Ein reiner GPS-Defekt reicht als Erklärung nicht aus. Damit das Argos-System gar keine Position, auch nicht per Doppler-Effekt, bestimmt, müsste der Wal theoretisch immer genau dann abtauchen, wenn die Satelliten-Verbindung für eine Ortung stabil genug wäre, aber gleichzeitig lang genug oben bleiben, um Datenpakete zu feuern. Ein höchst unwahrscheinliches Timing-Szenario für einen Buckelwal.
Fehlprogrammierung oder Absicht?
Könnte ein einfacher Fehler bei der Einstellung der Sendeintervalle vorliegen?
„Bei Industriestandard-Tags sind Konfigurationseinstellungen […] normalerweise gut getestet, und die Hersteller haben beträchtliche Erfahrung in der Entwicklung von Systemen, die unter schwierigen Bedingungen zuverlässig funktionieren.“
Andreas Fahlmann, Ph.D., Universität Linköping
Auch die Hoffnung auf eine nachträgliche Korrektur dämpft der Experte: Die meisten Sender arbeiten mit einer festen Programmierung, um Batterie zu sparen. Einmal im Wasser, bleibt der Fehler – wenn es denn einer war – bestehen. Diese Einschätzung unterstützt auch Prof. Culik: „In keinem Fall sind mir Geräte bekannt, die bidirektional arbeiten und umprogrammiert werden können.“
Gerät weiterhin unbekannt
Buckelwal an der Wasseroberfläche | Foto: Stanislav Stelmakhovich, Lizenz: CC0 1.0
Dr. Austin Allen, früher an der Duke University, aktuell bei Dolphin Quest, den zoos.media auch um eine Einschätzung bat, erklärte, dass ohne die Preisgabe des genauen Tag-Typs und der Programmierung jede Interpretation schwierig bleibt. Auch die anderen Experten betonen die Schwierigkeit, dass das genaue Gerät, das eingesetzt worden sein soll, nie benannt wurde. Diese Transparenz verweigern die Verantwortlichen bisher.
Wie wir bereits in unserer Facebook-Serie dargelegt haben, erinnert der Fall Timmy an frühere Projekte unter ähnlicher Leitung. Oft versiegten die präzisen Standortdaten oder sonstige Belege genau dann, wenn der wissenschaftliche Erfolg der Aktion hätte belegt werden müssen. Daher gelten so viele in Medien gefeierte, angebliche Wal-Rettungen auch nicht als erfolgreich. Es fehlen einfach Daten und Belege.
Ähnliches bahnt sich nun auch im Fall von Timmy an. Irgendwelche Laien sprechen von einem Erfolg. Echten Experten fehlen die Daten. Dann gilt Hitchens‘ Rasiermesser: „Was ohne Nachweis behauptet werden kann, kann auch ohne Nachweis verworfen werden.“ Damit die angeblichen Senderdaten, die bisher nicht mal unabhängig verifiziert sind, als Nachweis dienen könnten, müssten sie wissenschaftlich nutzbar sein.
Daten wissenschaftlich nicht verwertbar
Buckelwal von vorne | Foto: Sylke Rohrlach, Lizenz: CC BY-SA 2.0
Laut NDR unter Berufung auf Aussagen von Karin Walter-Mommert wurde der Sender ohne vorliegende Genehmigung angebracht. Wissenschaftlich produziert der Sender damit ohnehin nur Datenschrott. Warum ist das so? In der modernen Biologie ist die Genehmigung durch eine Ethikkommission oder eine Naturschutzbehörde nicht bloß eine Formsache.
Eine ordentliche Genehmigung ist die Voraussetzung dafür, dass Daten überhaupt in wissenschaftlichen Journalen veröffentlicht werden dürfen. Nahezu alle seriösen wissenschaftlichen Fachzeitschriften lehnen Manuskripte ab, wenn die Daten unter Verletzung geltenden Rechts oder ohne ethische Freigabe erhoben wurden. Selbst wenn der Sender perfekte GPS-Daten geliefert hätte, dürften Forscher diese wohl nicht für offizielle Publikationen nutzen.
Wissenschaftliche Datenerhebung erfordert ein genehmigtes Protokoll. Ohne entsprechend behördliche Aufsicht fehlt die hinreichende Kontrolle darüber, wer den Sender angebracht hat, wie er angebracht und welches Gerät exakt wie verwendet wurde. Ohne diese verifizierten Rahmenbedingungen kann kein externer Forscher die Qualität der Daten prüfen. Damit werden diese Daten wohl nie auch nur irgendwas zweifelsfrei belegen können.
Viel Geld für Nichts
Euroscheine | Foto: Berthgmn, Lizenz: CC BY-SA 4.0
Nun haben also die Geldgeber am Ende vermutlich weit mehr als die bereits genannten 1,5 Millionen Euro dafür ausgegeben, um diese „Rettung“ zu bewerkstelligen. Am Ende stehen sie mit leeren Händen da. Angeblich 10.000 Euro sollen für den Sender ausgegeben worden sein. Der funktioniert nun nicht nur nicht richtig oder glaubwürdig, sondern er liefern keine wirklich verwertbaren Daten.
Dazu könnte man sagen, dass der Preis fast so astronomisch hoch für so ein Gerät sei, wie die Satelliten, über die er arbeitet, fliegen. Marktgängige Satelliten-Tags kosten in der Regel nur einen Bruchteil dieser Summe. Wenn hier tatsächlich fünfstellige Beträge flossen, stellt sich die Frage: Wofür und für wen eigentlich? Für das Tier war die Anbringung wohl auch kein Zuckerschlecken. Generell hatte Prof. Peter T. Madsen von der Universität Aarhus darauf hingewiesen, dass man mit all dem Geld für die angebliche Rettung wohl „tatsächlich eine gesamte andere Art“ hätte „retten können, etwa eine Vogel- oder Mäuseart.“
Vielleicht ist eine Lehre auch aus der Sender-Misere, dass man wohl nicht unbedingt angeblichen Experten vertrauen sollte, die einem mit einer in Aussicht gestellten Rettung eines moribunden Wals letztendlich das Blaue vom Himmel versprechen. Genug Experten haben eine Partizipation an diesem Himmelfahrtskommando gar nicht erst in Betracht gezogen oder entsprechend abgesagt. Sie taten wohl gut daran, ihren Namen nicht mit einer Aktion zu verbinden, die am Ende wohl mit leeren Händen dasteht, wenn es um einen brauchbaren Beleg ihres Erfolgs geht.