Exklusiv für zoos.media – 20.05.2026. Von: Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath
Tiger Sandokan erschossen: Der „Angriff“, der keiner war. Wie Bürokratie und Ideologie den Tod des Tieres provozierten, erklärt Dr. Dörnath im 14. Teil ihrer Kolumne WildTierBlick.

Zum Tod von Sandokan
Ein Sonntagnachmittag im Mai. Die Eilmeldungen überschlagen sich: Ein Tiger ist im nordsächsischen Dölzig aus seiner Anlage entwichen, nachdem er zuvor einen Helfer verletzt hatte. Bei diesem Tiger handelt es sich um den majestätischen Sandokan in der absoluten Blüte seines Lebens. Sandokan wird wenig später von der Polizei nahe einer Kleingartenanlage mittels einer Langwaffe niedergestreckt, ohne, dass seine Halterin, eine international renommierte Tierlehrerin, zuvor die Chance hatte, diese tragische Situation auflösen zu dürfen. Sie, die Tiger Queen Carmen Zander, hätte dieses Tier, auch in dieser Ausnahmesituation, wohl wieder ins Gehege führen können – denn Sandokan vertraute ihr zutiefst.
Kaum ist das majestätische Tier tot – sein Körper ist noch warm – rückt bereits die sensationsgierige Boulevardpresse an, um die ersten schamlosen Fotos zu machen und die Tragödie medial auszuschlachten. Für die breite Öffentlichkeit und die Schlagzeilenjäger der reißerischen Berichterstattung steht das Narrativ sofort fest: Eine „Bestie“ sei ausgebrochen, die Behörden hätten zur Abwehr einer Katastrophe die einzig richtige, finale Entscheidung getroffen.
Und die sogenannten Tierrechtler? Diese nutzen diesen tragischen Einzelfall, um erneut gegen die Haltung von Tieren zu hetzen: gegen Tierhaltung im Allgemeinen und gegen Tigerhaltung im Speziellen. Peta brüllt mal wieder wie ein zahnloser Tiger und von den Vier Pfoten stehen eine Hand voll Hansels vor dem Gehege mit Schildern in der Hand. Dabei offenbaren sie einmal mehr ihre fundamentale Inkompetenz: Statt die biologischen Fakten zu analysieren, instrumentalisieren sie den Tod eines ehrfurchtgebietenden Tieres für ihre ideologische Agenda und fordern pauschale Verbote, die weder dem Artenschutz noch dem Tierschutz noch diesem Einzelfall gerecht werden. Fragt man hingegen den Fachverstand und die Verhaltensbiologie, zeichnet sich ein völlig anderes, zutiefst tragisches Bild.
Fakten statt Schlagzeilen: Der „Angriff“, der keiner war
Betrachten wir die nackten, biologischen Tatsachen. Sandokan ist ein neunjähriger, ausgewachsener Tigerkater. Ein majestätisches Kraftpaket von circa 300 Kilogramm. Wenn ein Raubtier dieser Größenordnung einen Menschen in echter Tötungs- oder Jagdabsicht angreift, dann überlebt dieser Mensch den Aufenthalt im Gehege in der Regel nicht. Dass der Helfer das Gehege lebend verlassen konnte, ist für jeden Großkatzen-Experten der eindeutige Beweis: Hier fand kein gezielter Angriff statt. Es waren Prankenhiebe, ein Erschrecken, ein unglückliches Abwehren oder ein Sichern des Reviers. Eine unbedachte Bewegung zur falschen Zeit, abgefangen mit der enormen physischen Urgewalt einer Großkatze – aber eben ohne jede wirkliche Schädigungsabsicht.
Dies festzustellen hat absolut nichts mit einer Verharmlosung der Situation zu tun. Ein unkontrolliertes Raubtier außerhalb seines Geheges stellt zweifellos eine akute und hochgefährliche Lage dar, die ein professionelles Krisenmanagement erfordert. Doch eine sachliche und ehrliche Aufarbeitung ist nur möglich, wenn man die Biologie des Tieres versteht: Sandokan war kein menschenfressendes Monster. Er war ein Tiger, der aufgrund einer Verkettung unglücklicher Umstände schlichtweg so reagiert hat, wie es seiner Biologie und seinem individuellen Verhalten entsprach. Es ist hochgradig wahrscheinlich, dass selbst der verletzte Helfer, der diese Tiere aus tiefer Berufung, Liebe und Zuneigung pflegt, im Krankenhaus liegend um Sandokan trauert und diesen Abschuss zutiefst verurteilt.
Finaler Rettungsschuss als bürokratische Standardlösung
Nach dem Entweichen befand sich der Kater am Rande einer nahegelegenen Kleingartenanlage, nicht weit von seinem Gehege entfernt. Natürlich greift in diesem Moment das juristische Protokoll der unmittelbaren Gefahrenabwehr durch die Polizei. Der Schutz von Menschenleben steht über allem. Das ist und bleibt unbestritten. Doch die Art und Weise, wie diese „Gefahrenabwehr“ in Deutschland standardmäßig exekutiert wird, offenbart ein fundamentales, strukturelles Defizit: den akuten Mangel an Wildtier-Kompetenz bei den zuständigen Behörden.
Warum wurde Carmen Zander, eine extrem erfahrene Tierlehrerin, vor Ort nicht die Chance gegeben, beruhigend auf ihr Tier, das ihr vertraute, einzuwirken? Auf ihren geliebten Schützling nämlich, den sie seit neun Jahren in- und auswendig kennt? Wer, wenn nicht eine Fachfrau von ihrem Kaliber, die ihr ganzes Leben dem tiefen Verständnis und dem respektvollen Umgang mit Tigern gewidmet hat, hätte die psychische Verfassung des Katers in diesem Moment richtig einschätzen und lenken können? Warum schaltet die Einsatzleitung sofort auf eine rein mechanische, finale Schablone um, anstatt auf diese fundierte Expertise sowie auf weitere Fachleute, wie zum Beispiel auch auf ihre Wildtierärztin, die Verfasserin dieser Kolumne, zurückzugreifen?
Gerne wird in solchen Momenten vorgeschoben, eine Narkose per Distanzimmobilisation dauere zu lange oder sei zu unberechenbar. Das ist jedoch nur die halbe Wahrheit. Die ganze Wahrheit ist: Dem normalen Streifendienst fehlt es schlichtweg an den passenden Betäubungsgewehren, der logistischen Vorbereitung und der tiermedizinischen Expertise vor Ort, um eine solche Situation unaufgeregt, fachmännisch und gewaltfrei zu lösen. Aus Angst vor der eigenen Haftung und aus purer Ohnmacht vor der Biologie des Tieres wird der finale Rettungsschuss zur bürokratischen Standardlösung erhoben.
Die Schutzbehauptungen der Kritiker: Ideologie statt Krisenmanagement

Wenn die emotionale Debatte hochkocht, flüchten sich Haltungsgegner, Kommunalpolitiker und Behördenvertreter reflexartig in populistische Forderungen, hypothetische Schreckensszenarien und diese zwei Scheinfragen: „Muss man solche Tiere überhaupt halten?“ und „Wie sollen Einsatzkräfte vor Ort denn eine Exoten-Expertise resp. Wildtier-Expertise besitzen?“. Doch diese Einwände greifen völlig ins Leere. Die Frage der privaten Wildtierhaltung ist im Hier und Jetzt keine ideologische Wunschdebatte, sondern eine administrative Realität. Die Tiere sind legal da, und ein pauschales Verbot löst im akuten Krisenmoment kein einziges Problem – es kriminalisiert lediglich funktionierende Strukturen. Und die Schulung von Einsatzkräften zu Exoten findet statt – nur leider eben nicht flächendeckend. Ich unterrichte beispielsweise als Gastdozentin an der Hochschule für Öffentliche Verwaltung/ Fortbildungsinstitut für die Polizei im Lande Bremen unsere Einsatzkräfte regelmäßig zu exotischen Tieren.
Wenn etwa der Dölziger Ortsvorsteher Thomas Druskat unmittelbar nach dem Vorfall reflexartig fordert, das Gehege müsse weg, die Überführung der Tiere in andere Haltungsformen verlangt und mit Sätzen wie „Man darf gar nicht daran denken, wenn noch andere Menschen zu Schaden gekommen wären“ emotionale Politik betreibt, dann zeigt dies nur eines: Hier wird eine administrative Realität völlig verkannt. Er kapituliert vor den tatsächlichen Gegebenheiten und verlässt den Boden jeder rationalen Verhältnismäßigkeit.
Nach dieser populistischen Verbotslogik, die bei jedem tragischen, isolierten Vorfall sofort nach der „Abschaffung von Gehegen“ schreit, müsste man konsequent unser gesamtes gesellschaftliches Leben zusammenbrechen lassen: Wir müssten folgerichtig auch das Rauchen, das Konsumieren von Alkohol und Zucker, das Motorradfahren, das Autofahren und das Flugzeugfliegen verbieten – denn durch diese alltäglichen Risiken sterben jährlich nachweislich Tausende Menschen, während die statistische Wahrscheinlichkeit, in Deutschland durch einen legal gehaltenen Tiger zu Schaden zu kommen, gegen Null geht. Nach dieser absurden Logik dürften selbst Karussellfahrten auf Jahrmärkten oder Hochseilakte im Zirkus nicht mehr stattfinden. Wer im akuten Krisenmoment aus reiner Symbolpolitik Haltungsverbote fordert, weil ein Restrisiko der Biologie existiert, der lenkt lediglich von der eigenen Verantwortung ab, heizt die Debatte unnötig an und müsste den Bürgern am Ende konsequent auch das Atmen verbieten. Echte Sicherheit entsteht nicht durch populistische Verbote, sondern durch professionelles Risikomanagement und geprüfte Fachkompetenz.
Und wo zieht man eigentlich die Grenze bei der vermeintlich „harmlosen“ Tierhaltung? In meiner jahrzehntelangen Berufspraxis als Tierärztin habe ich bittere Tragödien erlebt: Kollegen von mir sind durch den unglücklichen Tritt eines Pferdes bei Lahmheitsuntersuchungen tödlich verunglückt. Doch niemand fordert deshalb ein pauschales Verbot der Pferdehaltung, die Schließung aller Pferdekliniken oder Reiterhöfe. Ein Restrisiko existiert überall, wo Biologie und Leben aufeinandertreffen. Wer jegliches Risiko durch bürokratische Verbote gegen Null senken will, der muss den Menschen am Ende nicht nur das Atmen, sondern auch das Leben insgesamt untersagen.
Ebenso haltlos ist die Ausrede der mangelnden behördlichen Expertise vor Ort. Niemand verlangt von einem normalen Streifenpolizisten, ein ausgebildeter Großkatzen-Verhaltensbiologe zu sein. Bei einer Bombenentschärfung greift die Einsatzleitung wie selbstverständlich auf den Kampfmittelräumdienst zurück, bei Cyberkriminalität auf IT-Spezialisten. Das Prinzip der Amtshilfe verpflichtet Behörden dazu, im Rahmen der Gefahrenabwehr die bestmögliche Fachkompetenz heranzuziehen. Wenn eine international anerkannte Tierlehrerin direkt am Absperrzaun stehen muss anstatt zu ihrem Tiger zu dürfen und ihn zurück ins Gehege zu lenken, dann ist es kein logistisches Problem, sondern behördliche Arroganz und pure Ohnmacht, diese fundamentale Expertise zu ignorieren, anstatt sie als wertvollstes Werkzeug zur gewaltfreien Deeskalation zu nutzen.
Übrigens: Nach dem Ausbruch von Sandokan hat der Verband der Zoologischen Gärten (VdZ) Forderungen nach einem generellen Haltungsverbot für Wildtiere in Privathand erneut zurückgewiesen. Auch die Einführung einer Positivliste sei nicht sinnvoll, erklärte dieser Verband. Solche Maßnahmen stünden dem gesellschaftlichen Auftrag zum Arterhalt und privaten Initiativen konträr gegenüber.
Mutterkühe im Verteidigungsmodus

Die Absurdität dieser emotionalisierten Verbotsdebatte wird besonders deutlich, wenn man den Blick auf die Realität vor unserer eigenen Haustür richtet. Gerade nämlich meldet die dpa einen tragischen Vorfall aus Österreich: Eine 67-jährige Wanderin wurde auf einer Weide von einer zweistelligen Zahl an Kühen attackiert und tödlich verletzt. Mutterkühe im Verteidigungsmodus entwickeln eine unkontrollierbare Eigendynamik – das ist verhaltensbiologischer Fakt. Wanderer werden regelmäßig auf Almwiesen von Mutterkühen attackiert, teils mit tödlichem Ausgang. Doch fordert nun irgendjemand ernsthaft ein pauschales Verbot der traditionellen Weidewirtschaft, der Kuh- oder der Rinderhaltung oder sogar die großflächige Abschaffung von Almwiesen? Natürlich nicht.
Bei Tigern oder anderen Exoten aber wird bei jedem noch so isolierten Vorfall sofort nach dem Gesetzgeber gerufen, um Haltungserlaubnisse einzustampfen und professionelle Expertise zu kriminalisieren. Dass das Risiko im Alltag durch vermeintlich „friedliche“ Nutztiere statistisch um ein Vielfaches höher ist, wird ideologisch komplett ausgeblendet. Das zeigt drastisch: Es geht hier längst nicht mehr um echte Sicherheit oder fundierten Tierschutz, sondern um reine Symbolpolitik auf dem Rücken der Halter.
Leben bedeutet immer ein Restrisiko: Die Illusion einer klinischen Null-Risiko-Gesellschaft

Wer eine ehrliche und sachliche Debatte über die Haltung von Wildtieren in Privathand und in Zoos oder anderer professioneller Obhut führen will, muss sich von der Illusion einer klinischen Null-Risiko-Gesellschaft verabschieden. Wo lebendige Biologie gemanagt wird, können – trotz modernster Technik, lückenloser Sicherheitsbarrieren und strengster behördlicher Auflagen – unvorhersehbare Zwischenfälle passieren. Das zeigt der Blick über die Grenzen: Ob der Ausbruch einer Königskobra aus einem skandinavischen Zoo oder das Entweichen von Tieren in weltweiten Spitzen-Institutionen – eine absolute Garantie gibt es in der Natur des Lebens nicht. Nicht weit von der Tragödie um Sandokan brachen übrigens vor zehn Jahren zwei Löwen in einem großen deutschen Zoo aus. Risiko ist also kein Privileg von Privathaltungen, sondern es ist eine Konstante des Lebens mit Tieren.
Diese unbestechliche Realität gilt für Wildtiere ebenso wie für unsere vertrauten Haustiere. Jedes Jahr ereignen sich im privaten Raum tragische, auch tödliche, Unfälle mit Haushunden. Doch kein vernünftiger Mensch würde deshalb die flächendeckende Abschaffung der Hundehaltung fordern oder die Kompetenz aller Hundehalter kriminalisieren. Unfälle sind kein strukturelles Versagen einer Haltungsform, sondern das inhärente Risiko im Umgang mit Lebewesen. Professionelle Zootierhaltung und das Management von Exoten wild lebender Art zeichnen sich nicht dadurch aus, dass sie ein biologisch unmögliches Null-Risiko versprechen, sondern dass sie über die höchste wissenschaftliche Expertise verfügen, um dieses Risiko auf ein absolutes Minimum zu reduzieren und im Ernstfall besonnen zu agieren. Wer stattdessen bei jedem Unfall mit pauschalen Verboten reagiert, kapituliert vor der Biologie und zerstört die Institutionen, die heute den wichtigsten Beitrag zur Mensch-Tier-Begegnung, zum Artenschutz und zur veterinärmedizinischen Forschung leisten.
Der tödliche Sektkorken und die Illusion einer risikofreien Welt

Das Leben lässt sich nun mal nicht in Watte packen – von der Biene bis zur Haushaltsleiter birgt jede Facette unseres Alltags ein inhärentes Risiko. Wer die populistische Verbotslogik der Haltungsgegner konsequent zu Ende denkt, müsste folgerichtig unser gesamtes gesellschaftliches Leben augenblicklich stilllegen. Nach dieser verqueren Prämisse müssten wir das Betreten von Wäldern und die gesamte Forstwirtschaft verbieten, weil jedes Jahr Menschen durch umstürzende Bäume oder unglückliche Jagdunfälle verunglücken. Wir müssten das Erklimmen von schlichten Haushaltsleitern beim Fensterputzen oder Glühbirnenwechseln unter Strafe stellen, da statistisch gesehen genau dort die meisten schweren Unfälle im eigenen Heim passieren. Selbst das Spazierengehen bei Bewölkung müsste mit einem behördlichen Ausgehverbot belegt werden, um das Risiko eines Blitzschlags gegen null zu senken.
Und was ist mit der Nahrung? Weltweit ersticken jährlich Tausende Menschen qualvoll an einem unglücklich verschluckten Stück Fleisch – folgerichtig müsste der Gesetzgeber feste Nahrung komplett verbieten und eine staatlich verordnete Breikost einführen. Nach derselben Logik müsste auch die Haushundehaltung – vom Schäferhund bis zum Dackel – lückenlos abgeschafft werden, da es im privaten Raum immer wieder zu tragischen Beißunfällen kommt (siehe oben). Sogar unsere Freizeitgestaltung stünde vor dem Aus: Ob Wintersport auf der Piste oder das sommerliche Abkühlen im Badesee – Lawinen, Stürze und Ertrinken fordern jährlich Hunderte Todesopfer. Konsequenterweise müssten wir also alle Skipisten betonieren und jeden See in Deutschland lückenlos einzäunen.

Wenn man diese Realitäten vor Augen hat, wird erst spürbar, wie lächerlich die reflexartigen Verbotsforderungen bei Exoten eigentlich sind. Wo Leben und Biologie gemanagt werden, gibt es keine absolute Null-Risiko-Garantie, weder in der Natur noch in der Kultur. Das zeigt schon der klassische Wespenstich im Sommer, an dessen allergischen Folgen in Deutschland jedes Jahr rund 20 bis 30 Menschen sterben. Müsste man deshalb den Aufenthalt im Freien oder das Halten von Blumenkästen auf dem Balkon verbieten? Wenn wir jedes Lebensrisiko staatlich wegregulieren wollten, müsste die Behörde auch das Betreten von Badezimmern ohne rutschfeste Spezialschuhe untersagen, da Stürze auf nassem Untergrund jährlich Tausende Todesopfer fordern.
Noch absurder wird es beim Blick auf den tödlichen Sektkorken: Weltweit sterben statistisch gesehen mehr Menschen durch umherfliegende Sektkorken, die bei unvorsichtigem Öffnen die Schläfe oder das Auge treffen, als durch Angriffe von Tigern in professioneller Haltung. Dennoch fordert niemand ein staatliches Verbot für Schaumweine mit Naturkorken oder den erzwungenen Umstieg auf Drehverschlüsse.
Selbst der Urlaub oder ein herbstlicher Spaziergang bergen Gefahren: Während man in den Tropen Gefahr läuft, von einer herabfallenden Kokosnuss erschlagen zu werden, reicht in Deutschland ein heftiger Herbststurm, bei dem lose Dachziegel oder herabfallende Äste im Park zu tödlichen Unfällen führen. Die logische Konsequenz einer reinen Verbotskultur wäre ein generelles Verbot, bei Windgeschwindigkeiten über Stärke 3 das Haus zu verlassen, kombiniert mit einer flächendeckenden Abholzung aller Parkanlagen. Und von Bananenschalen will ich hier erst gar nicht reden. Kurzum: Wer jegliches biologisches Restrisiko durch bürokratische Verbote eliminieren will, der muss den Menschen am Ende konsequent das Leben selbst untersagen.
Verzerrte Risikowahrnehmung in der Gesellschaft und der Politik
Wenn wir die populistische Verbotslogik des Dölziger Ortsvorstehers, nach einem tragischen und isolierten Zwischenfall sofort die Abschaffung ganzer Gehegeformen zu fordern, konsequent zu Ende denken, bricht unsere gesamte Gesellschaft zusammen. Wer jedes Lebensrisiko durch bürokratische Verbote eliminieren will, der muss nämlich folgerichtig reihenweise auch traditionsreiche Berufe auflösen. Wir müssten Dachdecker und Schornsteinfeger verbieten – denn trotz modernster Sicherungen kommt es auf Deutschlands Dächern immer wieder zu schweren Stürzen. Wir müssten Fensterputzer in schwindelerregenden Höhen, Waldarbeiter beim Baumfällen und am besten den gesamten Flug-, Bahn- und Schiffsverkehr verbieten, um menschliches oder technisches Versagen im Keim zu ersticken.
Wenn wir jede Berufsgruppe verbieten, bei der ein inhärentes Risiko besteht, müssen wir konsequent auch das Amt des Politikers und Ortsvorstehers abschaffen. Schließlich erleben wir in jüngster Zeit immer wieder erschreckende und verabscheuungswürdige Attacken und Übergriffe auf politische Amtsträger im Dienst – nach dieser Logik dürfte folglich niemand mehr ein Rathaus betreten. Doch die Realität des Lebens und Arbeitens lässt sich nicht in Watte packen. Unfälle sind kein strukturelles Versagen einer Branche, sondern das inhärente Risiko im Umgang mit der Biologie und dem Alltag.
Risikobewertung: Ergänzung zur politischen Doppelmoral
Es offenbart eine fast schon absurde Heuchelei in der aktuellen Debattenkultur: Wenn eine administrative Kette versagt und ein Wildtier entweicht, wird reflexartig das Ende einer ganzen Haltungsform gefordert. Doch während die Politik bei realen, statistisch messbaren Gefahren im öffentlichen Raum – wie der besorgniserregenden Zunahme von Messerattacken auf Marktplätzen und öffentlichen Festen – oft mit Hilflosigkeit und bürokratischen Scheinlösungen reagiert, wird hier bei einem biologischen Restrisiko sofort die Verbotskeule geschwungen.
Wer Bürger schützen will, muss sich den realen Gefahren des Alltags widmen, anstatt medienwirksame Symbolpolitik auf dem Rücken von Tierhaltern zu betreiben. Während beim Ausbruch eines Wildtieres nämlich sofort nach generellen Verboten und der Abschaffung ganzer Haltungsformen geschrien wird, verharmlost oder verwaltet man reale, menschengemachte Gefahren im öffentlichen Raum oft jahrelang mit bürokratischen Phrasen. Die statistische Wahrscheinlichkeit, in Deutschland auf einem öffentlichen Platz oder eben einem Weihnachtsmarkt Opfer einer Gewalttat zu werden, ist real und messbar – die Wahrscheinlichkeit, von einem legal gehaltenen Tiger angegriffen zu werden, geht mathematisch gegen Null.
Zum Schluss: auch die Medizin verbieten
Auch jede Narkose, jede Operation, jeder medizinische Eingriff – egal ob am Tier oder am Menschen – birgt ein inhärentes Risiko. Es gibt unvorhersehbare allergische Reaktionen, plötzliche Kreislaufstillstände oder anatomische Besonderheiten. Wenn man das Risiko eines tragischen Ausgangs per Gesetz auf null senken wollte, müsste man die gesamte Medizin verbieten. Die Konsequenz wäre fatal: Niemand würde mehr an einem Eingriff sterben, aber Millionen würden sterben, weil ihnen nicht geholfen wird.
Aber: Echte Professionalität – egal ob im Cockpit, auf dem Dach, im Rathaus, im Operationssaal oder im Raubtiergehege – zeichnet sich nicht durch ein illusionäres Null-Risiko aus, sondern durch das meisterhafte Management dieses Risikos durch geprüfte Expertise. Und genau hier müssen wir den Blick wieder schärfen und dorthin zurückkehren, wo echte Fachkompetenz zu Hause ist: Zu Carmen Zander und ihrem Tiger. Ein solcher Ausnahmezustand ist kein Anlass für medienwirksame Symbolpolitik, sondern verlangt nach einer besonnenen, verhaltensbiologischen Analyse auf dem Fundament der Wissenschaft.
Die „Tiger Queen“: Höchste Expertise und tiefe Empathie
Inmitten dieser oft so unbarmherzigen und theoretischen Debatten wird eine entscheidende Konstante völlig übersehen: die außergewöhnliche Fachkompetenz und das Herzblut der Halterin: Carmen Zander, die in der Fachwelt völlig zu Recht als „Tiger Queen“ Anerkennung findet, ist eine der erfahrensten und profiliertesten Tierlehrerinnen im Umgang mit Tigern, die es international gibt. Ihre Arbeit zeichnet sich seit jeher durch ein Höchstmaß an Gewissenhaftigkeit, tiefe verhaltensbiologische Empathie und einen zutiefst liebevollen, respektvollen Umgang mit ihren Schützlingen aus. Wer sie mit ihren Tieren erlebt, sieht keine bloße Zähmung, sondern eine harmonische, auf tiefem Vertrauen basierende Partnerschaft, die weit über das gewöhnliche Maß hinausreicht. Zwischen Carmen Zander und ihren Tigern braucht es keine lauten Kommandos. Ein Blick genügt. Gerade Sandokan war ein wunderbares Beispiel dafür, wie fein, sensibel und klug diese großen Raubkatzen kommunizieren, wenn man ihre Sprache mit fachlicher Expertise und Herz versteht. Es steht völlig außer Frage: Carmen Zander trifft an dieser Tragödie absolut keine Schuld.
Fazit: Expertise schafft Freiheit, Angst schafft Tragödien

Der Tod von Sandokan ist eine Tragödie, die zeigt, was passiert, wenn staatliche Exekutivgewalt nach Schema F vorgeht und gleichzeitig mangelnde Fachkompetenz von einer sensationsgierigen Medienlandschaft befeuert wird. Solange Behörden und Einsatzkräfte im Umgang mit Großkatzen und anderen Exoten im sprichwörtlichen Nebel stochern und verhaltensbiologische Fakten in Sekundenschnelle gegen populistische Sicherheitsängste eingetauscht werden, zahlen die Tiere den höchsten Preis.
Wir brauchen in diesem Land keine hysterischen Schlagzeilen über „Ausbrecher-Bestien“. Was wir dringend brauchen, ist ein verlässliches, professionelles Netzwerk aus Behörden und echten Exoten-Experten, das in Krisenmomenten mit kühlem Kopf, klarem Rückgrat und biologischem Sachverstand agiert. Damit Majestäten wie Sandokan eine faire Chance bekommen – und nicht sterben müssen, nur weil die Bürokratie vor der Biologie kapituliert.
Als betreuende Wildtierärztin trauere ich zutiefst um einen geschätzten und geliebten Patienten. Sandokan war ein Tier, das in Gegenwart seiner vertrauten Halterin stets absolut zugänglich, kooperativ und für mich medizinisch sicher zu händeln war. Sein gewaltsamer Tod hinterlässt eine Lücke, die durch nichts zu füllen ist.
