Stark bedrohter Blaulatzara in der Zuchtstation La Vera der Loro Parque Fundación | Foto: zoos.media

Max-Planck-Institut & Loro Parque: Blaukehlaras ahmen Problemlösungen nach

Exklusiv für zoos.media – 05.11.2026. Von: Philipp J. Kroiß

Dank der wissenschaftlichen Forschung des Max-Planck-Instituts im Loro Parque gelangen wichtige Erkenntnisse über die vom Aussterben bedrohten Blaukehlaras.

Die Tür-Aufgabe: Bevor das Versuchstier selbst getestet wird, beobachtet es, wie der Demonstrator im Hintergrund die Tür mithilfe des Knaufs nach oben schiebt, um das Belohnungsfenster zu öffnen. Die natürliche Präferenz besteht darin, die Tür nach unten zu schieben. | Foto: Loro Parque

Max-Planck-Institut & Loro Parque: Blaukehlaras ahmen Problemlösungen nach

Die Forschung mit verschiedenen Papageien-Arten im Loro Parque ist weltberühmt. Schon viele spannende Erkenntnisse wurden dank der Kooperation mit dem Max-Planck-Institut möglich. Auch zoos.media hat schon oft darüber berichtet. Nun ist den Experten eine interessante neue Erkenntnis zu Blaukehlaras, die auch als Blaulatzaras bekannt sind, gelungen. Warum das auch die Bedeutung von zoologischen Gärten unterstreicht, erfahrt ihr im Artikel.

Die Stöpsel-Aufgabe: Bevor das Versuchstier selbst getestet wird, beobachtet es, wie der Demonstrator im Hintergrund den Stöpsel hineindrückt, um das Fenster zur Belohnung zu öffnen. Die natürliche Präferenz besteht jedoch darin, den Stöpsel herauszuziehen. | Foto: Loro Parque

Die Tür, der Stöpsel und die Aras

Eine in der Fachzeitschrift Royal Society Open Science veröffentlichte Studie von Forschern des Max-Planck-Instituts für biologische Intelligenz in Zusammenarbeit mit der Loro Parque Stiftung zeigt, dass Blaukehlaras in der Lage sind, neue Lösungswege für Probleme zu erlernen, indem sie andere Aras nachahmen. Dafür ist damit der wissenschaftliche Nachweis gelungen.

„Die Biologin Esha Haldar und ihr Team untersuchten 15 Blaukehlaras anhand von zwei bidirektionalen Problemlösungsaufgaben, für die jeweils zwei mögliche Lösungen zur Verfügung standen“, beschreibt der Loro Parque in seiner Pressemitteilung. „Fünf Vögel der Kontrollgruppe lösten die Aufgaben zunächst, ohne zuvor eine Demonstration gesehen zu haben. Alle bevorzugten es, die Tür nach unten zu bewegen und den Korken herauszuziehen. Anschließend beobachteten zehn adulte und subadulte Aras andere Individuen dabei, genau die weniger natürlichen Lösungen auszuführen: die Tür nach oben zu bewegen und den Korken hineinzudrücken.“

Dabei ergab sich, dass die Vögel, die die Lösungsstrategie durch Ansehen kannten, effektiver bei der Aufgabenlösung vorgingen. Sie hatten gelernt – sogar ein Verhalten, dass der natürlichen Präferenz entgegenlief. Das wirft ein Schlaglicht darauf, wie die Aras auch in der Natur lernen.

Soziales Lernen

„Die entscheidende Erkenntnis ist, dass die Aras nicht einfach nur gelernt haben, dass sich das Problem lösen lässt. Sie kopierten Details der demonstrierten Lösung, beispielsweise die Bewegungsrichtung und den Teil der Vorrichtung, der betätigt werden konnte. Diese Form des sozialen Lernens ermöglicht es Individuen, wirksame Techniken zur Nahrungsbeschaffung von erfahrenen Gruppenmitgliedern zu übernehmen, anstatt sie selbstständig entdecken zu müssen.“

Dr. Esha Haldar, Erstautorin der Studie (Haldar, Arun & von Bayern, 2026)


Man konnte so in Menschenobhut mit Tieren belegen, was man für Tiere in der Natur hätte vermuten können, aber nur unter kontrollierten Bedingungen wirklich nachweisen kann.

„Wenn Individuen die Details erfolgreicher Verhaltensweisen von anderen lernen können, können sich diese Verhaltensweisen innerhalb einer Gruppe verbreiten und über Generationen hinweg bestehen bleiben. Dies stellt einen wichtigen potenziellen Weg für die Entstehung von Verhaltenstraditionen dar.“

Dr. Auguste von Bayern, Seniorautorin der Studie (Haldar, Arun & von Bayern, 2026)

Spannender Forschungszweig

Es ist nicht das erste Mal, dass Blaukehlaras im Loro Parque Protagonisten in spannender Forschung waren. Diese Arbeit knüpft beispielweise an eine weitere wegweisende Erkenntnis desselben Teams an: Das konnte schon vorher zeigen, dass Blaukehlaras zur Nachahmung von Artgenossen fähig sind. Bis dahin war das ausschließlich bei Menschen so dokumentiert gewesen, erklärte der Loro Parque. Die neue Studie ging nun den entscheidenden Schritt weiter.

„Dass uns eine vom Aussterben bedrohte Art wie der Blaukehlara dabei hilft zu verstehen, wie Tierkultur entsteht, erfüllt das Team, das mit diesen Vögeln arbeitet, mit großem Stolz. Diese Papageien sind nicht einfach Individuen, die wir betreuen und schützen. Sie verfügen über ein außergewöhnliches Sozial- und Kognitionsleben, und je besser wir dieses verstehen, desto mehr verändert sich auch die Art und Weise, wie wir diese Tiere betrachten sollten. „Je besser wir verstehen, wie sie lernen und wie Wissen untereinander weitergegeben wird, desto gezielter können wir Schutzstrategien entwickeln, die ihr Sozialverhalten berücksichtigen – sowohl unter menschlicher Obhut als auch in der Natur. Die Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut zeigt, dass ein Zentrum wie Loro Parque zugleich ein Ort für Spitzenforschung sein kann.“

Rafael Zamora, Wissenschaftlicher Direktor der Loro Parque Stiftung


So weißt die Studie die Mechanismen nach, wie tradiertes Verhalten von Generation zu Generation weitergegeben werden kann. Dieser Forschungszweig ist auch deshalb so interessiert, weil die landläufige Meinung lange war und zum Teil auch noch ist, dass Tierverhalten sich durch genetisch fixierte Instinkte quasi vererbt. Solche Forschung zeigt aber, wie Verhalten auch anders weitergegeben werden kann.

18 Arten konnten dank dem Loro Parque und seiner Stiftung vor dem Aussterben bewahrt werden. | Foto: Loro Parque

Papageien-Schutz durch Papageien-Kenntnis

Jetzt könnte man meinen: „Ist ja schön, dass die Tiere so intelligent sind, aber was bringt so eine Forschung einer vom Aussterben bedrohten Art?“ Diese Frage ist an sich auch sehr wichtig für Menschen, die nicht auf den ersten Blick erkennen, warum solche wissenschaftliche Arbeit so unschätzbar wichtig ist. Wer Papageien effektiv schützen und vor dem Aussterben bewahren will, braucht Forschung, um die Tiere zu verstehen.

In stark geschrumpften Populationen geht oft nicht nur genetische Vielfalt verloren, sondern auch solche Verhaltenstraditionen. Für den praktischen Artenschutz bedeutet das: Es reicht nicht aus, „nur“ die Anzahl der Tiere im Habitat zu zählen. Es muss nach so einer Erkenntnis auch darum gehen, auf stabile Gruppenstrukturen zu achten, damit der Informationsfluss zwischen den Generationen erhalten bleibt. Hat man das mit im Blick, kann die Bedrohung viel besser eingeschätzt werden.

Die Forschung gibt aber auch wichtige Hinweise zur Optimierung von Schutz- und Auswilderungsinitiativen. Jetzt weiß man, dass es möglich sein könnte Artgenossen einzusetzen, die als eine Art Tutor auszuwildernden Vögeln die notwendigen Verhaltensbeibringen zum Überleben beibringen können. Man wird dies vermutlich also auch nicht jedem einzelnen Vogel vor der Auswilderung als Mensch selbst beibringen müssen. So eine Erkenntnis hilft also auf vielen Ebenen.

Tierversuche für Artenschutz unerlässlich

Ein Blaulatzara in der Zuchtstation La Vera (Loro Parque Stiftung) | Foto: zoos.media

Vielen Universitäten ist es nicht möglich, die Tiere so zu halten, wie ein zertifizierter zoologischer Garten das kann, und selbst wenn, ist es sehr teuer. An solchen finanziellen Mitteln mangelt es gerade in der Forschung ständig. Dazu werden Versuche mit Tieren besonders auch in Deutschland immer komplizierter, weil die Tierrechtsindustrie unter dem Deckmantel von angeblichem Tierschutz die Wissenschaft bekämpft.

In dem Zusammenhang werden selbst Tierversuche diskreditiert und verkompliziert, die den Tieren nicht mal ansatzweise schaden. Der Forschungsstandort Deutschland ist deshalb massiv geschwächt und wird auch weiter geschwächt werden, wenn sich die Politik fortgesetzt zum Erfüllungsgehilfen von NGOs aus dem Kreis und Umfeld der Tierrechtsindustrie macht.

Daher sind für Wissenschaftler moderne zoologische Gärten im In- & Ausland so wichtig. Sie ermöglichen ihnen tiergerechte Versuche mit Tieren aus hervorragender Haltung & Zucht. Oft macht dieser Einsatz, wie der der Loro Parque Stiftung, Forschungsarbeiten überhaupt erst möglich. Dazu gibt es eben auch Forschungsfragen, die sich nur unter Zuhilfenahme von Tieren aus Menschenobhut beantworten lassen. Ohne Zoos wäre also auch in der Forschung weniger los.

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