Afrikanischer Elefant im Okavango Delta | Foto: Birdman 1~commonswiki, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Hatte René Casselly seinen „Timothée Chalamet“-Moment?

Exklusiv für zoos.media – 29.05.2026. Von: Philipp J. Kroiß

„Da will heutzutage keiner mehr sehen“, behauptete René Casselly in einem Talk, von dem ein Clip von Flic Flac auf Social Media verbreitet wird.

Elefanten in einem Zirkus | Foto: Usien, Lizenz: CC BY-SA 1.0

Hatte René Casselly seinen „Timothée Chalamet“-Moment?

Vor einigen Monaten sorgte der Filmschauspieler Timothée Chalamet für Aufsehen, als er behauptete, dass Oper und Ballett niemanden mehr interessieren würden. Dafür gab es einen deutlichen Backlash. Es stimmt schlicht nicht, dass sich sich niemand für Oper und Ballett interessiert.

Bei „Bembel & Gebabbel“ behauptete nun René Casselly: „Tiere im Circus ist so ne, so ne Sache, die aus der Zeit gefallen ist. Das will heutzutage keiner mehr sehen.“ Dieses Problem hätten nicht nur „wir“, erklärte Casselly weiter, sondern auch andere Circusse. (Die ganze Folge 116 ist zum Beispiel als Audio hier zu finden. Die fraglichen Aussagen hört man ab 54:21 Minuten.) Das wirkt fraglich, denn der richtige Circus ist weiterhin gefragt. Circus Krone etwa legte gestern mit Tieren eine umjubelte Premiere in Bad Kreuznach hin.

Gäste wollen Tiere im Circus sehen

Elefanten sind der Grundstein der Popularitär von René Casselly. Der 10. Magdeburger Weihnachtscircus vom Circus Paul Busch triumphierte mit Elefanten von Elvis Errani und weiteren Tiernummern. Das Jubiläumsjahr konnte sich nicht über zu wenige Zuschauer beschweren.

Viele weitere Circusse setzen erfolgreich auf Tiernummern. Der 11. Augsburger Weihnachtscircus präsentierte als Highlight die Raubkatzen von Robano Kübler. Circus Charles Knie setzt zum Beispiel auf die Papageien von Laura Urunova. Solche Nummern werden auf nicht nur vom Publikum goutiert, sondern auch auf Festivals ausgezeichnet.

Die Idee, dass das keiner mehr sehen wollen würde, löst sich schlicht nicht ein. Zudem gehört es auch dazu: Der Circus wird gebildet aus dem Dreiklang von Artisten, Clowns und Tierlehrern. Fehlt ein Aspekt, ist es kein Dreiklang und daher kein Circus. Das Leute generell Tiernummern goutieren, zeigte Casselly selbst, indem er zirkushafte Tiernummern hochlud und damit Millionen Clicks generiere.

Illusion vom „tierfreien“ Circus

Dresdner Weihnachts-Circus (2024) | Foto: Derbrauni, Lizenz: CC BY 4.0

Es gibt keinen Circus ohne Tiere. Trotzdem versuchen sich Veranstalter mit dem Circus-Sujet zu schmücken, aber trotzdem das Geld zu sparen, das sie für die tiergerechte Haltung ausgeben müssten. Dabei setzen sie auf eine Tradition, die ohne Tiere nicht denkbar ist. Das Circus-Theater Roncalli wäre heute nicht das, was es ist, ohne seine Circus-Vergangenheit mit Tieren. Gleiches könnte man für weitere Unternehmen sagen, die heute mit Tier-Abstinenz werben wollen, aber dabei trotzdem auf ihre Vergangenheit mit Tieren setzen.

So gibt es am Ende keinen „tierfreien“ Circus. Tierlose Show können nie Circus sein. Clownlose und artistenlose Shows könnten es genauso wenig. Also bedient man sich Ersatzbezeichnungen: Flic Flac in Kassel vermarktet sich als „Festival der Artisten“. Casselly zeichnet sich für das 17. verantwortlich. Das 16. lockte zum letzten Jahreswechsel in etwa 60 Shows rund 68.000 Besucher an. Der Dresdner Weihnachts-Circus hatte mit Tieren bei seinen 44 Vorführungen über 100.000 Gäste. Flic Flac Bielefeld freute sich im letzten Jahr über mehr als 1.000 Besucher bei der Premiere. Bei der Premieren von Circus Krone jubeln rund doppelt bis dreimal so viele Menschen zum Beispiel den Löwen & Tigern der Familie Lacey zu.

Auch an solchen Beispiel sieht man: Echter Circus ist nach wie vor ein Magnet. Das will nicht nur nicht keiner sehen, sondern es wollen sogar teils auch deutlich mehr Leute sehen als die Shows, die nur den Circus zitieren ohne einer zu sein. Schaut man sich den Dresdner Weihnachts-Circus mit seinen über 100.000 Gästen oder den Heilbronner Weihnachtscircus mit über 80.000 Gästen an, wird das klar.

Fragwürdiges Verhalten von Flic Flac

Der Account von Flic Flac in Kassel fasst den Auftritt Cassellys wie folgt zusammen: „René Casselly sprach im Talk bei der Kult-Talkshow Bembel & Gebabbel offen über den Wandel der Zirkuswelt: Klassische Tiernummern in der Manage seien heute nicht mehr zeitgemäß.“ Eigentlich war man in der Circus-Welt wohl davon ausgegangen, dass man prima neben solchen Shows in einer friedlichen Koexistenz verweilen könnte. Dass solche Shows nun von einem Wandel sprechen, der den echten Circus quasi ausschließt, ist bemerkenswert. Zumal die Zuschauerzahlen das gar nicht einlösen.

Man darf sich daher schon fragen, was das soll. Zudem kann man auch überlegen, wie andere Mitglieder der großen Circus-Familie Kaselowsky, zu der auch René Casselly gehört, einen solchen Auftritt sehen. Der Circus Pfiffikus von Familie Kaselowsky hat sein Gastspiel in Ottendorf, wegen der riesigen Begeisterung vor Ort, mit seinen Tieren vor ein paar Tagen noch verlängert. Giovanni und Angela Kaselowsky waren nicht nur mit ihrer Tiershow zu Gast im Weihnachtscircus Karlsruhe, der auch eine positive Bilanz ziehen konnte, sondern werden auch in diesem Jahr wieder auf Tour gehen. Angela Kaselowsky betonte in dem Zusammenhang: „Ein Zirkus ohne Tiere ist kein Zirkus.“

Neue Rolle für den Kimba Elephant Park?

So steht die Meinung, dass klassische Tiernummern nicht mehr zeitgemäß wären, am Ende nicht nur jenseits von Fakten, sondern auch recht isoliert da. Daher hinkt auch Cassellys Argumentation, dass man deshalb mit dem Kimba Elephant Park eine „Auffangstation für regenerierende [sic!] Zirkustiere“ geschaffen habe. Den Park bewirbt man auf der Webseite mit den Worten: „Zoobesuch, Unterhaltung Tiershows und Vergnügungspark“, wie man hier nachvollziehen kann. Dazu gehört auch eine Elefanten-Show.

Interessant ist, dass man hier klassische Tiernummern sieht und Leute, die sie sehen wollen. Man könnte so vielleicht auf die Idee kommen, dass in Deutschland anders geredet als in Ungarn gehandelt wird. Zudem fragt man sich von was sich die Tiere regenerieren sollen. Sie standen viele Jahre mit der Familie gemeinsam in der Manege.

Außerdem passt nicht ganz in die Erzählung, dass man dann zwei Elefanten gemeinsam mit je zwei weiteren Tieren aus dem Circus Voyage und dem Circus Berolina am 28.02.2024 per Flugzeug-Transport von Leipzig nach Indien gebracht hat, wie man im EleWiki nachlesen kann. Warum konnten die beiden Tieren dann nicht in der proklamierten Auffangstation in Ungarn bleiben? Warum konnten die vier anderen Tiere nicht auch im Kimba Elephant Park aufgenommen werden? Stattdessen ging es für sie nach Vantara in Indien, wo ein Tier aus dem Kimba Elephant Park – Bamby – recht schnell danach starb.

Warum eigentlich?

So bleibt am Ende doch recht wenig von den Aussagen, mit denen Flic Flac wohl Werbung machen wollte. Sie widerlegen sich quasi von selbst. Die Frage ist natürlich: Warum musst man sich so die Blöße geben? Letztendlich hat man durch so eine Provokation am Ende noch nur einen Anlass geliefert, widerlegt zu werden. Man hätte eigentlich auch selbst ausrechnen können, wie einfach es sein würde das zu tun.

Echten Circus mit Artisten, Clowns und Tierlehrern wollen immer noch sehr viele Menschen sehen. Es ist zeitgemäß und wird vom Publikum stark frequentiert. Von einem Wandel zu sprechen, wirkt auch deplatziert. Wenn Unternehmen aufhören, ein Circus zu sein, ändert das die Circus-Welt nicht. Die Unternehmen haben entschieden nicht mehr Teil dieser Welt sein zu wollen. Das ist legitim. Dann aber so zu tun, als könne man doch noch irgendwie ein Teil davon sein, könnte man als so unentschlossen wie unbeholfen rezipieren.

Die Alternative zur Konfrontation wäre doch viel besser für alle: Man könnte auch prima nebeneinander her existieren. Das geht. Man muss nicht anderen absprechen, zeitgemäß zu sein, um erfolgreich zu sein. Zudem zeigt das Publikum, das beides zeitgemäß ist. Wenn man aber behauptet, dass Veranstaltungen mit mehr Besuchern als man selbst nicht mehr zeitgemäß wären, wie will man dann belegen, dass man es selbst ist? Das funktioniert schlicht nicht.

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