Exklusiv für zoos.media – 31.07.2027. Von: Philipp J. Kroiß
Robert Marc Lehmann in Estland: Echte Naturschutz-Mission oder fragwürdiger Werbe-Trip? Wie hilft man Gleithörnchen wirklich? Was bleibt für die Mission Erde?

Robert Marc Lehmann: Wenn eine Touristen-Tour zur „Mission“ wird
Der YouTuber bewirbt gerade eine „Suche nach einem der seltensten Säugetiere Europas“ als Teil seiner „Mission Estland“. Wer jetzt denkt, es ginge um die Mittelmeer-Mönchsrobbe oder Bayerische Kurzohrmaus hat weit gefehlt. Es geht um die von der IUCN nicht als bedroht gelisteten Sibirischen Flughörnchen (Pteromys volans). Die haben ein recht großes Verbreitungsgebiet. Die Art gilt als insgesamt gesichert.
Allerdings sind die Tiere besonders am westlichen Rand ihres Verbreitungsgebiets in Finnland und Estland regional unter Schutz gestellt worden. In Finnland gibt es noch einige tausende, in Estland geht man von einigen hunderten aus. Daher ist der im Deutschen oft genutzte Trivialname – Europäisches Gleithörnchen – recht irreführend. Der englische Trivialname, der übersetzt auch oben verwendet wurde, ist geographisch realistischer, weil er den Schwerpunkt der Verbreitung widerspiegelt.
Kooperation mit travel-to-nature
Am 10.07.2026 erschien auf dem Blog von travel-to-nature ein Artikel zu den Hörnchen. Im Rahmen dessen werden Naturreisen angepriesen. Zudem wird ein Partner in Estland erwähnt: NaTourEst. Das ist ein spezialisierter Tour-Veranstalter in Estland. Der bietet eine „Flying Squirrel Tour“ für mehrere hundert Euro an. Dort wird die Art als selten angepriesen.
Wie läuft so eine Tour ab? Zuerst schaut man sich das Habitat einfach nur an. Dann gibt es eine Pause. Anschließend hat man „eine relativ gute Chance, das Säugetier selbst zu sehen“, heißt es, da sie aktiv würden, wenn es dunkel wird. Geführt wird man dabei angeblich von einem nicht näher benannten Forscher, der Deutsch und Englisch spricht. Vermutlich handelt es sich dabei um Uudo Timm, der schon öfter medial in dieser Rolle – auch auf ARTE zum Beispiel – auftrat.
In seiner Ankündigung zur Premiere des Videos heute verlinkt Lehmann auf travel-to-nature. Das „Ziel der Mission“ wäre es, die Tiere zu dokumentieren. Also das Ziel, was jeder hat, der die Tour bucht. Er behauptet allerdings, es sei „völlig unklar“, ob man das Tier überhaupt sehen würde. Das könnte man wohlwollend als eine durchaus spannende Interpretation der Formulierung, die NaTourEst nutzt, bezeichnen.
Überflüssige Dokumentation?
Wenn man das Angebot von travel-to-nature beziehungsweise NaTourEst kennt, fragt man sich schon: Was ist der Sinn des Videos? Das Tier ist sehr gut dokumentiert, relativ gut zu sehen und auch letztendlich nicht schwer zu fotografieren mit entsprechend buchbarem Guide und erwerbbarem Equipment. Eine Mission zur Dokumentation der Art braucht es gar nicht. Zudem kann die ohnehin jeder machen, weil die Tour ist für jeden einfach buchbar. Um die Tiere überhaupt zu sehen, muss man nicht mal so weit reisen: Es gibt die Nominatform in über 10 europäischen Zoos, 5 davon in Deutschland.
Was natürlich entstehen kann ist ein Werbe-Effekt für die beteiligten Unternehmen, die solche Reisen für jeden ermöglichen. Das ist dann wohl eher eine Werbe-Mission. Ob für die Produktion wieder Mission Erde aufkommen musste? Der Verein wird ja oft zur Finanzierung der Produktion herangezogen, aber von der Vermarktung der Produktionen fließt anscheinend dann nichts wirklich nachvollziehbar zurück an den Verein. Das zumindest legte eine Analyse der Finanzen von Mission Erde nahe.
Im Prinzip schaut man Robert Marc Lehmann also am Ende wohl bei einem Touri-Erlebnis zu. Dabei wird dann so ein bisschen Spannung erzeugt. Die sich allerdings wohl nur ergibt, wenn man das Tour(i)-Angebot nicht kennt. Das kann natürlich unterhaltsam sein: Jemandem dabei zuzusehen, wenn er tut, als sei die Chance auf eine Sichtung nicht, wie vom Veranstalter erklärt, relativ gut, sondern eben völlig unklar.
Wird dadurch Wald geschützt?
Lehmann verlinkt auf eine Spenden-Sammlung von travel-to-nature. Dabei wird versprochen: „Wir leiten 100 % der Spende an unseren Partner NaTourEst in Estland weiter.“ Damit sollen dann „wertvolle alte Waldflächen“ erworben werden und so Lebensräume verbunden.
Auf der Seite von NaTourEst ist in dem Zusammenhang vom Alutaguse Bear Forest Project die Rede. Das soll allerdings ein junger Wald sein. Dort hat man zum Beispiel so genannte „Bear Hides“ von Klassik bis Luxus im Angebot. Darüber liest man zum Beispiel: „Es ist wie eine voll ausgestattete Hotelsuite inmitten der Natur und umgeben von Bären – mit einem großen Doppelbett, bequemen Sesseln, einem Tisch, Dusche, Kühlschrank, WC und weiteren Annehmlichkeiten für einen exklusiven Kurzurlaub.“
Man kann also auf die Idee kommen, dass NaTourEst das Land nicht irgendwie völlig uneigennützig erwirbt, sondern es auch einer touristischen Nutzung zugeführt werden könnte. Dazu wird der bereits erworbene Wald auch einbezogen, wenn man über die CO2-Kompensation des Unternehmens spricht. Es wird also wohl Wald auch zur unternehmerischen Nutzung erworben. Das ist an sich nicht verwerflich. Es ist nur bemerkenswert, das tarvel-to-nature das nicht auch so offen kommuniziert wie etwa NaTourEst.
Wie wird Wald schon jetzt geschützt?
Ein gezielter Korridorkauf scheitert in der Praxis ohnehin daran, dass dafür eine lückenlose Kette aus genau definierten Grundstücken nötig wäre, was aufgrund der Struktur von Privatbesitz mit potenziell verweigernden Eigentümern, staatlicher Waldflächen und der Konkurrenz durch die Holzindustrie in der Praxis kaum realistisch umsetzbar ist. Schöne alte Mischwälder sind auf dem estnischen Holzmarkt heiß begehrt. Auch ein Reiseveranstalter wird bei Auktionen rasch von kommerziellen Forstunternehmen überboten werden.
Allerdings gilt ohnehin: Sobald ein Vorkommen der Gleithörnchen von Experten nachgewiesen und offiziell registriert wird, sieht der gesetzliche Rahmen ein Eil-Verbot für Kahlschläge vor – völlig unabhängig davon, ob der Wald dem Staat oder einem Privaten gehört. Es wird dann – meist innerhalb von einigen Wochen – eine geschützte Kernzone ausgewiesen, wodurch die Holznutzung dort drastisch eingeschränkt oder komplett verboten wird.
Es ist zudem auch nicht so, dass es einen Platzproblem für Gleithörnchen in diesen geschützten Bereichen gibt, sodass man sie deshalb dringend erweitern müsste. Die Populationsdichte ist sehr gering. In den bereits ausgewiesenen Schutzgebieten und staatlichen Schutzzonen gibt es zahlreiche geeignete Altholz-Inseln für die Hörnchen mit alten Aspen und Spechthöhlen, die aktuell völlig unbesetzt sind. Die Tiere konkurrieren auch derzeit nicht um Territorien, weil schlicht nicht genug Hörnchen da sind, um die vorhandenen Habitat-Splitter zu besiedeln.
Löst das das Problem der Hörnchen?
Ob jetzt mehr Platz allein die Probleme der Population löst, darf somit auch stark bezweifelt werden. Der Lösungsansatz „mehr Wald“ ist etwas unterkomplex. Warum? Dank unter anderem dem Tallinn Zoo hat man die genetische Diversität dieser Population zum ersten Mal überhaupt untersuchen können. Die Ergebnisse zeigen, dass einfach nur mehr Wald nicht helfen wird.
In der estnischen Population des Hörnchens wurden Anzeichen von Inzucht und Heterozygoten-Mangel festgestellt. Im Vergleich zu den anderen Populationen ist diese Population signifikant genetisch weniger vielfältig. Pointiert gesagt: Inzucht löst man nicht durch Grundbesitz.
Das Damoklesschwert dieser Art ist also vor allem die genetische Verarmung und die löst sich auch nicht durch mehr Platz. Hier ist Populationsmanagement gefragt: Das bedeutet das Fangen und dann die Translokation genetisch passender Tiere aus den bestandsreicheren Vorkommen, um den Hörnchen in Estland aus dem genetischen Flaschenhals zu helfen. Hier wäre sicher auch entsprechende Reserve-Population hilfreich.
Bequemes PR-Narrativ?
Bei den Gleithörnchen ist es also deutlich komplexer. Man kann sich das so vorstellen: Wenn in einem Dorf mit 100 Häusern nur noch 5 Familien leben, die untereinander verwandt sind, löst man ihr Problem nicht dadurch, dass man 20 weitere Häuser baut. Man kann das Dorf dann auch zu zig anderen ebenso leeren Dörfern vernetzen, das Grundproblem der genetischen Verarmung löst sich nicht wirklich.
Jetzt könnte man noch auf die Idee kommen, man könnte die Tiere ja eventuell mit der finnischen oder russischen Population durch Korridore verbinden. Das ist praktisch auch unmöglich – durch geographische Barrieren in erster Linie, aber durchaus auch durch politische. Egal wie man es dreht und wendet: Es braucht einen sogenannten Genetic Rescue entweder durch Auswilderung von Tieren aus Menschenobhut oder anderen Gebieten. Das ist allerdings langwierig, aufwendig und teuer. Dadurch ist es wohl auch weniger populär.
So ein Rescue wird auf der Spenden-Seite allerdings nicht wirklich in Aussicht gestellt. Mehr Land zu kaufen, hilft natürlich aber Touristik-Unternehmen, die Touren zu seltenen Tieren verkaufen oder auch quasi Suiten in die Natur stellen möchten, denn dann haben sie einfach mehr Raum dafür. Solch ein Vorgehen lässt sich so natürlich bequem vermarkten. Das Problem der Hörnchen bleibt aber dadurch wohl ungelöst.
