Junger Buckelwal | Foto: Widewitt, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Torkelnder Riese: „Freischwimmen“ ist Gegenteil von Happy End

Exklusiv für zoos.media – 20.04.2026. Autor: Dr. Kerstin Alexandra Dörnath

Im fünften Teil ihrer Kolumne WildTierBlick berichtet die Tiermedizinerin Dr. Dörnath tagesaktuell über einen weiteren Irrtum, dem viele Laien anheim fielen, als der Buckelwal in der Ostsee plötzlich schwamm.

zoos.media-Kolumne WildTierBlick vom Beiratsmitglied Dr. K. Alexandra Dörnath

Der torkelnde Riese: Warum „Freischwimmen“ das Gegenteil eines Happy Ends ist

Die Schlagzeilen überschlugen sich kurzzeitig vor Optimismus: Der Buckelwal in der Ostsee habe sich „befreit“, er schwimme wieder. Doch die Realität holte die Euphorie innerhalb kürzester Zeit ein – das moribunde Tier steckt erneut fest. Wer mit dem geschulten Blick des Wildtierarztes – und hierbei handelt es sich nicht um einen flüchtigen Blick wie bei der Momentaufnahme durch Laien, sondern dieser erfahrene Blick erkennt die pathophysiologische Unausweichlichkeit – auf diesen Wal schaut, sieht in diesem Hin und Her kein Wunder der Natur, sondern ein hochgradiges Drama.

Was oberflächlich wie eine Chance auf Rettung inszeniert wurde, ist bei näherer Betrachtung nur der letzte, qualvolle Akt eines multiplen Organversagens – ein künstlich in die Länge gezogenes Sterben unter den Augen der Weltöffentlichkeit.

Wenn nun der zuständige Minister (seit wann eigentlich haben Buckelwale zuständige Minister?) öffentlichkeitswirksam verkündet, der Wal sei mit „mehreren Knoten“ durch die Bucht geschwommen, offenbart dies eine erschreckende Unkenntnis biologischer Abläufe. In der Politik mag Geschwindigkeit ein Gradmesser für Erfolg sein; in der Veterinärmedizin ist das mechanische Rudern eines orientierungslosen Riesen kein Zeichen von Vitalität, sondern das Symptom einer massiven neurologischen Störung. Ein Tier mit angeschlagenem Gleichgewichtssinn schwimmt nicht „zielgerichtet“, es torkelt durch die Wassersäule – völlig ungeachtet der Knoten-Zahl, die man politisch werbewirksam hier protokollieren möchte.

Wal in der Sackgasse

Insel Poel | Foto: GFreihalter, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Man darf nicht den Fehler machen, das Stranden eines solchen Tieres als isoliertes „biologisches Pech“ zu betrachten. Strandungen sind fast immer ein multifaktorielles Geschehen und erschreckend oft menschengemacht. Ob massiver Unterwasserschall durch Schifffahrt und Bohrungen, chemische Belastungen, die das Immunsystem schwächen, Müll, Traumata durch Schiffschrauben oder der Klimawandel, der Beutetiere in falsche Reviere treibt – der Mensch ist oft der unsichtbare Regisseur im Hintergrund.

Warum landet ein Buckelwal überhaupt in der Ostsee, dessen niedrige Salinität hochgradig schädigend für ihn ist? Bartenwale navigieren durch passive Akustik und das Erdmagnetfeld. Wenn nun in diesem geschwächten Zustand möglicherweise Parasiten das Innenohr befallen (wir können den Wal zur Diagnostik ja schlecht in ein CT schieben), verliert er endgültig den Gleichgewichtssinn und damit jedwede Orientierung. Ein Wal, der derart in der flachen Ostsee kreist, ist klinisch bereits ein Patient – oftmals mit massiven neurologischen Ausfällen.

Das „Festliegen“ im Flachwasser ist für einen Meeressäuger dieser Gewichtsklasse ein Todesurteil auf Raten. Das enorme Eigengewicht zerquetscht die eigene Muskulatur. Was folgt, ist eine gnadenlose pathophysiologische Kaskade aus Rhabdomyolyse, Niereninfarkt und hepatischer Enzephalopathie. Da der Patient bereits über einen fatal langen Zeitraum festlag, resultiert daraus unweigerlich ein Kreislaufversagen; das Herz kann gegen den massiven Gewebedruck und die metabolische Azidose schlichtweg nicht mehr anpumpen. Giftstoffe wie Ammoniak führen unweigerlich zum sogenannten Leberkoma, einer metabolischen Enzephalopathie.

Fachkenntnis braucht keine Fernreise

Zinksalbe – üblicherweise aus Zinkoxid & Wollwachsalkoholsalbe | Foto: Benff, Lizenz: CC BY 4.0

Für diese Erkenntnis braucht es keine Blutprobe und ganz sicher niemanden aus Übersee. Das ist pure klinische Erfahrung und heimische Fachkenntnis. Wenn jedoch klinische Evidenz hinter dem Wunsch nach positiven Schlagzeilen zurückstehen muss, gerät die tierärztliche Verantwortung ins Wanken. Dazu passt das Bild der mit Zinkoxid getränkten Tücher, die man auf den Wal legte: Wenn sich ein solches Tier dann „freischwimmt“, lösen sich diese großflächigen Auflagen unkontrolliert ab.

Sie verbleiben als physischer Müll und chemischer Schadstoff in einem ohnehin belasteten Ökosystem. Zinkoxid (zu Zinkoxid gibt es ein erschreckendes toxisches Datenblatt und Zinkoxid wird unter UV-Strahlung der Sonne sogar noch toxischer) hat in diesen Mengen in einem so empfindlichen Habitat absolut nichts zu suchen – ein Symbol für gut gemeinten, aber fachlich fragwürdigen Aktionismus.

Es stellt sich die bittere Frage, weshalb diesem Tier nicht die letzte Gnade gewährt wurde und spätestens jetzt wird. In der Veterinärmedizin ist die Euthanasie das letzte Mittel, um ein sinnloses und unaufhaltsames Leiden zu beenden. Wenn jedoch die Angst vor unpopulären Bildern oder der Druck einer fehlgeleiteten Öffentlichkeit dazu führen, dass man ein Tier lieber „der Natur“, also hier dann final wohl dem qualvollen Ertrinken, überlässt, als mutig die medizinische Konsequenz zu ziehen, dann ist das ein ethisches Versagen.

Empathische Fehlleitung

Wenn nun medial gefeiert wird, dass der Wal „noch einmal schwimmen durfte“, offenbart dies eine gefährliche Tendenz zur Vermenschlichung. Es ist eine Form von anthropozentrischer Arroganz zu glauben, dass ein Tier in diesem Zustand von einem „letzten Ausflug“ profitiert. Zu sagen, er habe wenigstens noch einmal schwimmen können, ist fachlich so absurd, als würde man ein Pferd mit gebrochenen Beinen auf die Trabrennbahn schicken und behaupten, es habe noch einmal ein paar Schritte „laufen“ dürfen.

Was für den Laien wie „Freiheit“ aussieht, ist für den Mediziner das mechanische Rudern eines Organismus, dessen Stoffwechsel bereits kollabiert ist. Den biologischen Verfallsprozess für das menschliche Bedürfnis nach einem „Happy End“ künstlich in die Länge zu ziehen, ist keine Empathie, sondern ein Mangel an Respekt vor dem Mitgeschöpf.

„Dead Man Walking“-Effekt

Buckelwal vor der Insel Moorea | Foto: Charles J. Sharp, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Wobei es sich hier nicht einmal um die „Natur“ handelt – lagen ja Geisternetzteile am respektive um Wal herum und liegen aktuell mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit auch ebensolche nicht nur im Maul, sondern auch im tieferen Bereich des Magen-Darm-Traktes. Auch sind Verletzungen vorhanden, wohl durch Schiffschrauben. Gnade bedeutet hier nicht, auf ein Wunder zu hoffen, sondern die Qual zu verkürzen. Diese ethisch-moralische Verantwortung tragen zumindest wir Tierärzte. Weshalb erkennen die vor Ort vermeidlich heldenhaft agierenden Tierärzte eben dies gerade nicht? Weshalb zieht der hier zuständige Amtstierarzt nicht die Reißleine? Ist auch er nur, wie zuvor ITAW und Meeresmuseum, lediglich ein Echoraum des Buckelwal-Ministers?

Nur, weil das Herz noch schlägt und die Fluken noch rudern, bedeutet das nicht, dass der Organismus noch zu retten ist. Die metabolischen Schäden (die Nierenwerte, der Muskelzerfall) haben zu diesem Zeitpunkt oft schon den Point-of-No-Return überschritten. Ein Wildtier im Überlebenskampf mobilisiert unter massivem Stresshormon-Einfluss letzte Reserven. Das sieht für den Laien nach „Wille“ aus, ist aber physiologisch betrachtet das letzte Aufbäumen eines kollabierenden Systems. Es handelt sich um Adrenalin und Reflexe.

Organschäden haben eine Latenz: Nierenversagen oder eine Sepsis töten nicht in Sekunden. Das Tier „lebt“ noch, während seine Organe bereits innerlich absterben. Diese optische Täuschung wird von der Politik genutzt, um Untätigkeit als „Hoffnung“ zu verkaufen. Zu sagen „er lebt ja noch“, ist in diesem Stadium eine fachliche Ignoranz gegenüber dem unaufhaltsamen Sterbeprozess.

Das bittere Ende der Arroganz und Unwissenheit

Fluke eines Buckelwals in Costa Rica | Foto: Giles Laurent, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Ein bekannter Sponsor dieses bizarren Happenings sagte jüngst: „Es stirbt sich nur einmal.“ Das mag stimmen. Aber die entscheidende Frage ist das „Wie“. Ertrinken ist kein schöner Tod – erst recht nicht, wenn man zuvor völlig orientierungslos mit Schäden und mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit unter massiven Schmerzen und mit sichtbarem Leiden durch die flachen Gewässer gejagt wurde.

Es gibt in meinem Beruf als Tierarzt kaum etwas Bedauerlicheres, als im Nachhinein Recht behalten zu müssen, wenn dieses ‚Rechtbehalten‘ mit unnötigem Leid erkauft wurde. Pathophysiologie lässt sich nicht durch Optimismus wegdiskutieren – sie ist ein gnadenloses Protokoll, das man hätte lesen müssen. Ich kann nur das wiederholen, was ich seit Anbeginn dieser Situation, die inzwischen zu einem handfesten Tierschutzskandal geworden ist, immer wieder feststelle: Wahre Expertise schafft die Freiheit, dieses Leiden rechtzeitig und würdevoll zu beenden.

Hier wird Überleben mit Heilen verwechselt. Daher frage ich ganz deutlich: Wozu haben wir in unserem Land eigentlich unser Tierschutzgesetz, wenn dieses nicht durchgesetzt wird? Sind hierfür in diesem Fall wirklich allein die gravierenden Fehleinschätzungen der Grund? Oder traut sich hier einfach niemand, die traurige Wahrheit auszusprechen? Ich bleibe dabei: Wahre Expertise erkennt das Ende, bevor der letzte Herzschlag erfolgt. Ich wünsche diesem Wal viel Glück. Er wird es brauchen.

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