Exklusiv für zoos.media – 08.09.2026. Von: Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath
Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath begibt sich in ihrer Kolumne WildTierBlick auf die Spur des Xoloitzcuintle. Dabei schämt sie sich für die deutsche Regulierungswut.

Im Zeichen des Xoloitzcuintle: Der heilige Hund
Wie Mexiko sein nationales Erbe feiert – und warum ich mich als geladene Tierärztin und als Ehrengast für deutsche Regulierungswut schäme.
Robustes, vitales, gesundes Kulturerbe
Es gibt Geschöpfe, deren Existenz tief in die Mythologie und das Überleben ganzer Kulturen eingewoben ist. Der Xoloitzcuintle ist ein solches Wesen – seit Jahrtausenden auf dieser Welt: robust, vital und gesund, ausgestattet mit einer evolutionären Stärke, die ihn bis heute auszeichnet. Schon die Mayas und Azteken hielten diesen außergewöhnlichen Hund an ihrer Seite.
Der Name selbst offenbart seine ihm zugedachte göttliche Abstammung: Er setzt sich zusammen aus „Xolotl“, dem aztekischen Gott des Blitzes, des Donners und der Unterwelt, und „itzcuintli“, dem Wort für Hund. In einer seiner beiden Varietäten zeigt er faszinierende Behaarungs- und Gebissbesonderheiten, die seine Einzigartigkeit unterstreichen. Er ist ein Hund, der dank seiner Natur sogar als Streuner überleben kann – ein echtes Sinnbild des Lebens.
Tiefe Verwurzelung in mexikanischer Identität

Um zu begreifen, welche herausragende Bedeutung dieses Tier für die Menschen Mesoamerikas hatte und hat, muss man wissen: Dieser besondere Hund war bei den alten mesoamerikanischen Kulturen nicht nur der geliebte, treue Begleiter, sondern er war eben auch ganz tief in ihrem spirituellen System verankert.
Der Glaube besagt, dass der Xoloitzcuintle als Abgesandter des Xolotl die Verstorbenen sicher ins Jenseits geleitet. In diesem sakralen Kontext schloss dies nicht nur seine Rolle als Begleithund ins Jenseits, sondern auch als Opferhund ein. Neben seiner spirituellen Bestimmung als Seelenbegleiter, als Heiler von Krankheiten und als wärmender Gefährte diente der Xoloitzcuintle in der aztekischen Kultur eben zeitweise auch als rituelles Speisetier.
Auch heute noch lieben und ehren die Mexikaner den Xoloitzcuintle zutiefst, aber anders: Schon lange wird er nicht mehr geopfert. Noch immer ist der Xoloitzcuintle traditionell eine lebende Wärmflasche und ihm werden heilende Kräfte bei verschiedenen Krankheiten und auch bei der Schmerzlinderung zugeschrieben. Der Glaube an ihn als Wächter über den Tod existiert auch heute noch.
Kulturelles Erbe und Symbol
Seit einem Jahrzehnt ist der Xoloitzcuintle ein offizielles Symbol für Mexiko-Stadt. Im Jahre 2016 wurde er durch den damaligen Bürgermeister der Hauptstadt offiziell zum „kulturellen Erbe und Symbol“ dieser Stadt erklärt. Das unterstreicht noch einmal eindrucksvoll, welch hohen Stellenwert dieser Hund dort genießt.
Seine herausragende Bedeutung zeigt sich heute auch darin, dass er in Mexiko-Stadt sogar als Polizeihund im Einsatz ist. Und in Tijuana ist der Xoloitzcuintle nicht nur das offizielle Maskottchen, sondern auch der Namensgeber eines bekannten professionellen Fußballvereins: Der Club Tijuana heißt offiziell „Club Tijuana Xoloitzcuintles de Caliente“. Sein Team wird von allen immer „Los Xolos“ genannt.

Kurz vor dem Aussterben
Doch beinahe wäre dieses unschätzbare kulturelle Erbe für immer durch Europäer ausgelöscht worden. Infolge der Ankunft der Konquistadoren im Zuge des historischen Kolonialismus stand der Xoloitzcuintle in Mexiko kurz vor dem Aussterben. Dass er uns heute in seiner ganzen Pracht erhalten geblieben ist, verdankt er nicht zuletzt Künstlergrößen wie Frida Kahlo und Diego Rivera, die ihn zu ihren Lebzeiten aus dem Schatten der sogenannten dunklen Jahrhunderte holten und schützten.
Diese Jahrhunderte nach der Kolonialisierung, in denen indigene Kultur, Riten und eben auch der Xoloitzcuintle als vermeintlich „heidnisch“ oder minderwertig verdrängt und bekämpft wurden, werden in der Geschichtsschreibung und Kulturhistorie Mexikos völlig zu Recht als eine dunkle Epoche beschrieben. Wenn Frida Kahlo und Diego Rivera ihn in den Fokus rückten und in ihrer Kunst sowie ihrem Leben feierten, holten sie diesen heiligen Hund tatsächlich aus diesem historischen Schatten ins helle Licht der modernen mexikanischen Identität, der „Mexicanidad“ oder „Mexicahidad“.
Mexicanidad
Mexicanidad oder Mexicahidad bezeichnet das kulturelle, historische und philosophische Bewusstsein für das mexikanische Erbe – insbesondere mit einem starken Fokus auf die präkolumbianischen Wurzeln (wie die Azteken bzw. Mexica, Maya und andere alte Hochkulturen).
Es ist weit mehr als nur Nationalstolz: Es steht für die bewusste Rückbesinnung auf die indigene Identität, die eigene Geschichte, Mythen, Kunst und Lebensweisen, die durch die spanische Kolonialisierung jahrhundertelang unterdrückt oder marginalisiert wurden. Wenn man im modernen Mexiko von Mexicanidad oder Mexicahidad spricht, meint man die tiefe, stolze Verbindung zum indigenen Erbe des Landes – genau das, was der Xoloitzcuintle als lebendiges Kulturgut verkörpert. Wer sich gegen den Xoloitcuintle wendet, wendet sich auch gegen die Mexicanidad.
Krönung: Día Nacional del Xoloitzcuintle
Nun erfährt diese ehrwürdige historische Rasse ihre längst überfällige, offizielle Krönung: Auf Initiative der Abgeordneten des mexikanischen Parlaments Diputada Ana Erika Santana González wurde ein eigener nationaler Gedenktag für diesen heiligen Hund ins Leben gerufen: der Día Nacional del Xoloitzcuintle.
Dieser Tag wurde im Jahre 2026 im Bundesparlament (Cámara de Diputados) über alle Fraktionen hinweg einstimmig angenommen und findet nun jedes Jahr am 27. Oktober statt. Durch seine Einstimmigkeit ist dies ein bisher einmaliger Vorgang und somit ein herausragender Beschluss des mexikanischen Parlaments.

Einwöchige Feierlichkeiten
Die einwöchigen Feierlichkeiten zum Xoloitzcuintle in Mexiko-Stadt markieren einen historischen Meilenstein für den Schutz und die Wertschätzung des nationalen Erbes. Das dazugehörige offizielle Forum in Mexiko-Stadt entfaltet ein umfassendes, hochkarätiges Programm, das die biologischen, wissenschaftlichen, historischen, politischen und kulturellen Facetten dieser einzigartigen Hunderasse in den Mittelpunkt stellt. Und der Blick geht noch weiter nach vorn: In Mexiko wird bereits der nächste große Schritt geplant, um diesem nationalen Erbe den ultimativen Status zu verleihen – ganz nach dem Vorbild Perus, wo der Viringo, auch Heiliger Inka-Hund oder Inka-Orchidee genannt, sogar als zu schützendes Tier fest in der Verfassung verankert ist.
Bitte um Verzeihung
Auf persönliche Einladung von Diputada Ana Erika Santana González – jener Parlamentarierin, die mit ihrer wegweisenden Initiative den offiziellen Weg für den nationalen Gedenktag des Xoloitzcuintle geebnet hat –, führte mich mein Weg nach Mexiko-Stadt, um im Rahmen der Veranstaltung als Rednerin, Podiumsdiskutantin und Ehrengast vor Ort meinen Beitrag zu leisten. Bei diesem historischen Ereignis hatte ich die Ehre, mit politischen Entscheidungsträgern, Kynologen und weiteren Wissenschaftlern in der Auftaktrunde – der Mesa 1 – einen maßgeblichen Beitrag zu dieser ehrwürdigen Veranstaltung beisteuern zu dürfen.
Dort, auf internationalem Parkett, mischte sich allerdings unter die tiefe Dankbarkeit auch eine unverkennbare Bitterkeit und Scham. Während man in Mexiko das authentische Fundament dieser robusten Hunde feiert, habe ich dort auf dem Podium als geladene Tierärztin aus Deutschland um Verzeihung für die gegenwärtige Situation gebeten: Unter dem Deckmantel des Tierschutzes geschieht nämlich gegenwärtig in Deutschland von Behördenseite und der Politik Unfassbares, weshalb ich das Ganze als zutiefst kolonialistisch ansehe und mich dafür demütig entschuldigte. In Deutschland wird von bestimmter Seite behauptet, der Xoloitzcuintle leide aufgrund seiner Behaarungs- und Gebissbesonderheiten.
Bereits 2024 hatte ich als Einzelsachverständige anlässlich der geplanten Novelle des Tierschutzgesetzes vor dem Ausschuss für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz des Deutschen Bundestages gestanden und eindringlich darauf verwiesen, dass dies nicht so ist. Jetzt wie damals, dort und hier vertrete ich felsenfest die fachliche, auf Fakten basierende Überzeugung, dass weder der Xoloitzcuintle noch seine Verwandten wie der Viringo oder der Chinese Crested Dog jemals als Tiere im Sinne des Paragrafen 11b des deutschen Tierschutzgesetzes eingestuft werden dürfen – es ist und wäre eine sachfremde Einordnung, die angesichts der Robustheit, der Vitalität und der Gesundheit dieser Rassen völlig absurd ist.
Diese Hunde sind das vollkommene Gegenteil von dem, was man hierzulande durch verquere behördliche Vorgaben, weltfremde Leitlinien und ideologisch verwaschene Merkblätter zu bekämpfen versucht: Sie sind vital, robust und gesund. Kastrationsanordnungen für Individuen, die zu einer der ältesten Hunderassen gehören, sind absonderlich, töricht, aberwitzig; und diese von Amtstierärzten, die meist nicht einmal das Wort „Xoloitzcuintle“ schreiben, geschweige denn aussprechen können. In Deutschland wird das Gehirn von Behörden und Politik systematisch gewaschen, um künstliche Probleme zu konstruieren, während echte Vitalität unterdrückt wird.
Schutz vor Neokolonialismus

Der Xoloitzcuintle und der Umgang mit ihm in Mexiko zeigen uns, wie wahrhaftiges Überleben und Respekt vor der Kreatur, ja vor der Natur aussehen – weit entfernt von deutscher Paragrafenreiterei. Und so schließt sich in trauriger Kontinuität ein moderner, neokolonialer Kreis: Damals waren es die europäischen Konquistadoren, die dieses kulturelle und biologische Erbe fast vernichteten – und heute versuchen es die Europäer, dieses Mal ausgehend von deutschen Amtsstuben mit ihrem bürokratischen, ausufernden Regulierungswahn und eurozentrischem Dogmatismus, erneut.
Schützen wir diesen besonderen Hund vor diesem modernen Kolonialismus! Hoffentlich werden die existierenden Fehlinformationen zum Xoloitzcuintle auf höchster diplomatischer Ebene beseitigt und die haltlosen „Merkblätter“ gelangen dorthin, wo sie hingehören: Auf den Müllhaufen der Geschichte. Nicht noch einmal darf es eine dunkle Zeit für Mexiko, ausgelöst durch Europäer, geben.
In der Ciudad de México konnte ich glücklicherweise den wissenschaftlichen und tierschutzfachlichen Schulterschluss vertiefen und Kultur und Tierschutz respektvoll voranbringen.
