Exklusiv für zoos.media – 06.07.2026. Von: Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath
In der neuen Folge ihrer Kolumne WildTierBlick, schaut die Veterinärmedizinerin Dr. Dörnath kritisch auf die umstrittene Behörden-Aktion mit der fragwürdigen NGO AAP bei Carmen Zander.

Wenn der Zollstock über Tiger-Leben entscheidet: Ein amtstierärztlicher Skandal
Tierschutz ist eine Disziplin, die fachliche und wissenschaftliche Expertise, ein tiefes Verständnis für die Biologie der Tiere, aber auch Empathie erfordert. Doch das, was wir derzeit bei der Fortnahme und dem erzwungenen Transport der Tiger von Carmen Zander erleben, hat mit echtem Tierschutz wenig zu tun.
Es ist das Paradebeispiel für einen „Zollstock-Tierschutz“. Bei diesem reduzieren Bürokraten den Tierschutz auf die bloße Messung von Quadratmetern, während sie das Individuum – das Tier – völlig aus den Augen verlieren. Wie leider zu erwarten war, offenbart die visuelle Dokumentation des Transports der Tiger in engen Kisten über zwei Tage deutliche Anzeichen von Stress bei den Tieren. Die sind für ein hochsensibles Raubtier, wie den Tiger, gravierend.
Einschätzung versus Realität
Als spezialisierte Tierärztin für Exoten und Wildtiere muss ich konstatieren: Hier klafft eine fachliche Diskrepanz zwischen der offiziellen behördlichen Einschätzung und der Realität vor Ort. Die Tiger befanden sich bei ihrer behördlichen Fortnahme in einem exzellenten Allgemein-, Ernährungs-, Pflege- und Bemuskelungszustand. Überdies lagen weder Hinweise auf Verhaltensstörungen noch auf eine Vernachlässigung vor – ich weiß dies, denn ich nehme diese Tiger regelmäßig wildtierärztlich in Augenschein.
Von Vernachlässigung aber spricht die Behörde, deren Vertreter, meines Wissens, noch nie praktisch mit Tigern gearbeitet haben – und das, obwohl die Behördenvertreter mit mir einig waren, dass der Zustand der Tiger in Dölzig exzellent war. Wichtig hierbei: Tiere messen ihr Glück nicht mit dem Zollstock – Tiere fühlen. Und: Tiere sind der Spiegel ihrer eigenen Haltung. Wenn Tiere in einer exzellenten Verfassung sind, wie kann dann eine Haltung schlecht sein?
Weg nach Spanien
Der aktuelle, tierschutzrelevante Zustand der Tiger nach dem tierschutzwidrigen Ritt nach Spanien – hier das Attest – ist eine direkte Folge der behördlich ermöglichten Verbringung dorthin durch eine Tierrechtsorganisation, der die Behörde diese Tiger unmittelbar nach der Fortnahme überschrieb. So wurden Tatsachen geschaffen, noch ehe sich die Halterin dagegen wehren konnte.
Über 2.200 Kilometer wurden diese Tiere transportiert – eine zusätzliche Belastung zur Trennung des zuvor intakten Familienverbandes. Besonders perfide ist nämlich die Trennung der Tiger-Mutter Saphira von ihrem Nachwuchs und die Trennung des Nachwuchses untereinander. Sie werden von nun an nicht mehr miteinander spielen können, sich nicht mehr lecken können, nicht mehr miteinander vokalisieren können.
Wer die sozio-biologischen Bindungen dieser Tiere ignoriert und sie also unter dem Deckmantel der Quarantäne weiter separiert, handelt nicht zum Wohle der Tiere, sondern beweist eine erschreckende Unkenntnis ihrer Bedürfnisse. Hier wird ein intakter Familienverband systematisch gebrochen. Wenn Organisationen unter dem Deckmantel des Tierschutzes gesunde Tiere in die Verhaltensstörung treiben, wird ihre psychische Integrität aktiv zerstört. Interessant ist hierbei, dass die Personen, die jetzt laut Beifall klatschen, aus derselben Blase stammen, die gegen Circustier-Transporte hetzen. Kein deutscher Circus aber hätte jemals einem Tier so etwas auch nur im Entferntesten angetan.
Kriminalisierung von Sozialkontakten
Das hartnäckige Behörden-Narrativ in Nord-Sachsen – wohl abgekupfert bei PETA –, Tiger seien in der Natur ausschließlich solitär und jede Gruppenhaltung sei Tierquälerei, zeugt von einer erschreckenden Simplifizierung komplexer Ethologie. Wer Tiere nur nach Lehrbuch-Klischees beurteilt, übersieht, dass das soziale Miteinander – richtig moderiert und unter Berücksichtigung der individuellen Bedürfnisse – eine enorme Bereicherung für die Lebensqualität und das kognitive Wohlbefinden dieser Raubtiere darstellen kann.
Die pauschale Kriminalisierung von Sozialkontakten ist kein Tierschutz. Sie bedeutet Ignoranz gegenüber dem gelebten Sozialverhalten, das wir in exzellenten Tiger-Haltungen beobachten können. Hier betreiben Tiger nicht nur gegenseitige Körperpflege. Sie zeigen überdies auch entspanntes Kontaktliegen.
Säugetiergutachten

Überdies ist die behördliche Praxis, Orientierungshilfen – wie das sogenannte Säugetiergutachten – wie verbindliche Rechtsnormen anzuwenden, rechtlich und tierschutzfachlich äußerst fragwürdig. Eine Behörde darf Verwaltungshandeln nicht auf Empfehlungen stützen, wenn sie damit die eigentliche Zielsetzung des Tierschutzgesetzes gefährdet: das Wohl des individuellen Tieres.
Wenn ein Tier in einem vermeintlich „normgerechten“ Gehege vor Stress degeneriert, während es in einer fachkundigen Haltung stabil und gesund lebt, dann zeigt das, dass der Zollstock nicht das Wohl des Tieres schützt, sondern lediglich das Gewissen der Verwaltung beruhigt. Diese behördliche Praxis, das sogenannte Säugetiergutachten wie eine starre Rechtsnorm anzuwenden, entlarvt also die Hilflosigkeit der Bürokratie.
Wenn anscheinend tiger-unkundige Amtstierärzte den Tierschutz auf die bloße Messung von Quadratmetern reduzieren, während sie die körperliche Konstitution und das Ausdrucksverhalten des Tieres ignorieren, dann schützen sie nicht das Tier, sondern lediglich ihr eigenes verwaltungstechnisches Gewissen. „Gut gemeint“ ist also auch hier das Gegenteil von gut. Es ist grausam.
Applaus aus fragwürdiger Richtung
Dass sogenannte Tierrechtler diesen behördlichen Aktionismus jetzt feiern, entlarvt ihre fachliche Ignoranz. Leidtragende dieser rein politisch-ideologischen Entscheidung sind am Ende die Tiger. Es wird ein Exempel statuiert – nach dem Motto: Aus den Augen, aus dem Sinn – und dann auch wohl bald hin. Echter Tierschutz misst sich nicht an starren Zahlenkolonnen auf einem Blatt Papier, sondern an der körperlichen Konstitution, der psychischen Stabilität und dem Ausdrucksverhalten des Tieres.
Solche Entscheidungen stoßen in der Welt der professionellen Wildtierhaltung auf blankes Entsetzen. Was hier unter dem Deckmantel des Tierschutzes stattfindet, ist ein tiermedizinischer Skandal! Diese ideologisch motivierte Willkür muss juristisch geprüft werden. Es darf nicht sein, dass Ermessensfehler bei der Auslegung des Tierschutzgesetzes das Wohl des Einzeltieres systematisch gefährden. Doch bis die Mühlen der Justiz mahlen, dürfen wir nicht schweigen. Ich äußere mich laut, weil es meine Pflicht als Expertin, die diese Tiger kennt, ist.
Es ist Zeit für eine radikale Abkehr von diesem bürokratischen Dogmatismus mit seinem starren „Zollstock-Tierschutz“ hin zu einer fachlich fundierten, tierzentrierten Betrachtung. Wahre Expertise schafft Freiheit – Freiheit für das Tier, in einem stabilen Umfeld zu leben, fernab von politischem Aktionismus auf dem Rücken fühlender Lebewesen.
