Buckelwal von oben gesehen | Foto: Sylke Rohrlach, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Zu Tode gerettet: Das Märchen von der Buckelwal-Rettung

Exklusiv für zoos.media – 17.05.2026. Von: Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath

Timmy ist tot. Was bleibt von seiner „Rettung“? Tiermedizinerin und Tierschutzexpertin Dr. Dörnath rechnet in ihrer Kolumne WildTierBlick mit der Aktion und ihrem Umfeld in deutlichen Worten ab.

zoos.media-Kolumne WildTierBlick vom Beiratsmitglied Dr. K. Alexandra Dörnath

Zu Tode gerettet: Das Märchen von der Buckelwal-Rettung

Als ich vor knapp drei Wochen an dieser Stelle das letzte Mal an Sie schrieb, lief das mediale Spektakel im seichten Küstengewässer der Kirchsee noch auf Hochtouren. Heute ist das Drama um den „Timmy“ genannten Buckelwal beendet – und genau deshalb ist es jetzt an der Zeit, dass ich mich unmissverständlich und noch deutlicher als je zuvor zu Wort melde. Die schonungslose Aufarbeitung dieses kolossalen Versagens muss spätestens jetzt beginnen.

Ein Tierschutzskandal und ein Politikskandal in mehreren Akten

Was von Behörden und Aktivisten wie ein tragisches Naturereignis inszeniert wird, ist in Wahrheit die Chronik eines angekündigten Verendens. Es ist ein tiermedizinischer Offenbarungseid, getrieben von falschem Mitleid, Feigheit und Inkompetenz. Der Wal namens „Timmy“ wurde nicht gerettet, sondern über Wochen hinweg vor den Augen der Öffentlichkeit zu Tode gequält – zunächst durch Nichtstun, dann durch blödsinnigen Aktionismus–, weil niemand in den verantwortlichen Gremien den Mut aufbrachte, wissenschaftliche Fakten über emotionale Befindlichkeiten zu stellen. Statt diesem wehrlosen Wildtier einen medienwirksamen Namen zu geben, hätte man es von der ersten Sekunde an – wie von mir gefordert – tierschutzkonform erlösen müssen. Stattdessen wurden ein Tierschutzskandal und ein Politikskandal in mehreren Akten aufgeführt. Auch der artenschutzrechtliche Verstoß muss noch aufgearbeitet werden.

Meine ignorierte Expertise: Die bittere Bilanz des Wegsehens

Dr. K. Alexandra Dörnath mit dem Grauwal J. J. in SeaWorld San Diego | Foto: Dr. Thomas Reidarson

Ich hasse es zutiefst, sagen zu müssen: „Ich habe es doch gleich gesagt.“ Es geht mir hier nicht um ein nachträgliches, eitles Rechtbehalten – dafür ist die Situation viel zu tragisch. Es geht mir um eine dokumentierte, bittere Bilanz. Ich habe von der ersten Stunde an eine klare, evidenzbasierte Sprache gesprochen und die sofortige, schmerzfreie Euthanasie dieses sichtlich leidenden Meeresgiganten gefordert. Von Anbeginn habe ich in Interviews im ZDF, im MDR, bei ntv, bei t-online sowie auch andernorts, aber insbesondere bei zoos.media, unmissverständlich dargelegt und begründet, warum dieses Tier in diesem Habitat klinisch absolut nicht zu retten ist und erlöst werden muss.

Mehr noch: Als die verantwortliche Laientruppe (mehr geben diese zerstrittenen Amateure nicht her) im Vorfeld bei mir anfragte, um dieses vermeintliche Rettungsprojekt tiermedizinisch zu begleiten, habe ich das Mandat aus tiefer tiermedizinischer und ethischer Überzeugung abgelehnt. Ich erhielt nämlich weder eine Antwort auf meine Frage nach einer Exit-Strategie für das Tier noch nach der Struktur und Hierarchie des Teams. Als Tierärzte haben wir eine Garantenfunktion für den Tierschutz inne, daher ist so ein grober und hanebüchener Unfug aus ethischen Gründen abzulehnen.

Dass meine fundierten Warnungen und medienöffentlichen Mahnungen ignoriert wurden, entlarvt das gesamte Drama. Man wollte keine Wissenschaft; man suchte lediglich nach einem tiermedizinischen Alibi für ein emotionalisiertes Medienspektakel, nämlich eine Millionenshow. Es war die völlige Entkopplung von der fachlichen Realität zugunsten einer hochemotionalisierten Masseninszenierung, die einer Massenpsychose gleichkam. Wer aber Fachwissen bewusst ausschlägt, um stattdessen ein wochenlanges, qualvolles Dahinsiechen als „Rettungsversuch“ unter dem Deckmantel des Tierschutzes zu inszenieren, nimmt den grausamen Tod eines Wildtieres billigend in Kauf.

Das Schweigen meiner Zunft: Gerades Rückgrat versus nackte Feigheit

Es wirft für mich ein verheerendes Licht auf den aktuellen Zustand der Tiermedizin in Deutschland, dass meine Stimme bundesweit eine einsame geblieben ist. Während die harten klinischen Fakten auf dem Tisch lagen, schwiegen alle anderen fachkundigen Kollegen betreten. Aus nackter Feigheit vor unpopulären Bildern, aus Angst vor dem unberechtigten Unmut einer emotionalisierten Öffentlichkeit oder aus Sorge um die eigene Komfortzone wurde weggeschaut. Wenn das Einstehen für die tiermedizinische Wahrheit und den echten Tierschutz im eigenen Berufsstand zur Ausnahme wird, haben wir ein strukturelles Problem. Wahre Expertise zeigt sich nicht im stillen Kämmerlein, sondern dann, wenn sie öffentlich Rückgrat verlangt.

Die Angst vor unpopulären Bildern: politisches Versagen auf Chefebene

Dr. Dörnath betont die Wissenschaftlichkeit, die Tierschutz unbedingt haben muss, auch in Fachvorträgen. | Foto: T. Franz

In dieses Bild passt das eklatante Versagen auf politischer Chefebene. Wenn politisches Taktieren und die nackte Angst vor einem medialen Shitstorm wichtiger werden als das in unserem Grundgesetz in Artikel 20a verankerte Staatsziel Tierschutz, dann hat das System ein massives Glaubwürdigkeitsproblem. Die zuständigen Behörden haben sich wochenlang hinter der feigen Argumentation versteckt, es handele sich um einen „natürlichen Prozess“, nur um sich nicht die Finger schmutzig zu machen. Vom zuständigen Amtstierarzt hörte man nicht ein einziges Wort – vermutlich aufgrund eines Maulkorbs seitens des Ministers.

Ein qualvolles, wochenlanges Verhungern, Zerdrücken der inneren Organe und Ersticken eines mit Treibnetzteilen gestrandeten Meeresgiganten, bei dem man auch von anthropogenen Fremdkörpern im Magendarmtrakt und von Parasiten im Innenohr ausgehen muss, in seichtem Gewässer ist kein schützenswerter Naturprozess – es ist ein grauenhaftes Verenden. Wenn die politische Führung des Ministeriums die Verantwortung so offensichtlich wegschiebt, um unpopuläre Bilder einer fachgerechten Euthanasie zu vermeiden, ist das ein moralischer Bankrott. Bereits vor etwa vier Wochen habe ich daher vollkommen zu Recht öffentlich den Rücktritt von Minister Backhaus gefordert. Dieser Minister hat eine seltsame Rolle in der gesamten buckligen Geschichte gespielt. Er war genauso orientierungslos wie sein Opfer, der Wal. Ein Minister, der dieses strukturelle Versagen seiner Behörden über Wochen hinweg deckt oder anordnet und die Situation um den Wal vollkommen falsch einschätzt (O-Ton: „Timmy ruht sich aus“), ist für sein Amt schlichtweg untragbar. Hier ist der Rücktritt die einzig logische und ehrliche Konsequenz.

Kompetenzüberschreitung statt Fachwissen: Die tiermedizinische Farce im Detail

Buckelwal von vorne | Foto: Sylke Rohrlach, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Es ist ein ethisches und fachliches Dilemma innerhalb unserer tierärztlichen Zunft, wenn der Wunsch zu helfen die Grenzen der eigenen Qualifikation komplett überschreitet. Wildtiermedizin – und insbesondere die Medizin mariner Großsäuger – ist ein hochspezialisierter Wissenschaftszweig. Es ist keine erweiterte Haustiermedizin. Wer einen Wal mit den diagnostischen und therapeutischen Denkweisen einer Kleintierpraxis, der klassischen Nutztierhaltung oder der Pferdemedizin beurteilt, landet unweigerlich in der medizinischen Absurdität und faktischen Tierquälerei. Wie sonst lassen sich die hilflosen und fachfremden Aktionen erklären, die diesem Tier zugemutet wurden? Es grenzt an Realsatire, einem tonnenschweren Bartenwal einzelne Makrelen vorzuwerfen oder zu glauben, man könne diesem 12-Tonnen-Tier mit dem Einflößen von 10 Litern Wasser therapeutisch helfen. Wenn dann noch versucht wird, mit einer völlig inadäquaten Pferdenadel bei diesem Meeresgiganten Blut abzunehmen, Zinksalbe auf seine Hautläsionen geschmiert wird oder gar „Physiotherapie“ an diesem massiv gestressten Wildtier praktiziert wird, ist die Grenze zur Tierquälerei überschritten. Nur ein absoluter Laie kann ernsthaft von „Kuschelstunden mit Timmy“ sprechen.

Dieses perakute Defizit an Wildtier-Kompetenz führte zu einer gefährlichen Kompetenzüberschreitung. Wo klinische Fakten und die sofortige, tierschutzkonforme Erlösung das einzig gebotene tiermedizinische Handeln gewesen wären, wurde das Leiden durch diese fachfremden und unwissenschaftlichen Experimente nur künstlich und grausam in die Länge gezogen. Tierschutz aber ist eine Wissenschaft und keine Meinung.

Der absolute Höhepunkt dieses klinischen Unsinns war jedoch der anschließende Transport dieses moribunden, sterbenskranken, zu keinem Zeitpunkt transportfähigen Tieres. Nie zeigte dieser nämlich deutlich sichtbare Flucht- oder Abwehrreflexe – und dies nicht, weil er die Nähe dieser Laien so genoss, sondern weil er hochgradig geschwächt war. Ihn dennoch in eine stählerne Baggergut-Schute zu pferchen und unter massivem akustischem und physischem Stress abzuschleppen, war ein zutiefst tierschutzwidriger Akt.

Euroscheine | Foto: Berthgmn, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Finanziert wurde diese logistische Farce als absurde „Millionenshow“ von zwei vermögenden Geldgebern. Besonders pikant: Eine der treibenden Kräfte hinter dieser Finanzspritze ist eine Frau aus dem Trabrennsport. Ausgerechnet der Trabrennsport – die wohl größtmögliche und rücksichtsloseste Form der Tierquälerei im modernen Leistungssport mit Tieren, wo Kreaturen systematisch für Profit und Prestige verschlissen werden.

Man fragt sich unwillkürlich, ob hier mit viel Geld versucht wurde, das eigene ramponierte Karma auf dem Rücken eines sterbenden Meeresgiganten freizukaufen.

Gekrönt wurde dieses millionenschwere Medienspektakel schließlich durch rein performativen Aktionismus: Da wurde eine vermeintliche Tierschützerin extra aus Hawaii eingeflogen – nur um nach drei Tagen unverrichteter Dinge wieder in die Kleintierpraxis, in der sie angestellt ist, zurückzufliegen. Auch ihre Einschätzung war grundlegend falsch. Das Ganze hatte zwar keinen fachlichen Nährwert, dafür aber maximale PR.

Machen wir uns doch nichts vor: Das war keine Rettung. Das war der qualvolle Transport durch eine völlig ahnungslose Laientruppe mit dem einzigen Ziel einer feigen Verklappung auf hoher See, um den unschönen Tod des Tieres aus den Augen der Öffentlichkeit zu schaffen. Für die der Psychose verfallene Öffentlichkeit „Bambi at its best“.

Maximaler Dilettantismus: Die Profiteure des Elends

Hinter diesem maximalen Dilettantismus aller aktiv Beteiligten – zu denen ich schmerzhaft eben auch Teile meines eigenen Berufsstandes zählen muss – verbirgt sich eine noch viel hässlichere Wahrheit: Jeder verfolgte in diesem makabren Schauspiel skrupellos seine ganz eigenen Interessen. Und ich stehe mit dieser harten Analyse nicht allein. Ein erfahrener Pathologe, mit dem ich in den letzten zehn Jahren zahlreiche Großwildsektionen wie die von Elefanten und Giraffen durchgeführt habe, bestätigte mir nach meinen Presse-Beiträgen genau dieses erschreckende Bild: Das Tierwohl steht völlig hintenan, wenn persönliche Agenden bedient werden.

Nie ging es hier primär um das Tier. Es ging darum, das nächste Buch zu verkaufen, billige Klicks auf Social Media zu sammeln, am Ende ein spektakuläres Skelett für die eigene Sammlung präparieren zu können oder politisch die nächste Wahl (mithilfe des Wals) zu gewinnen. Aus Sicht der erfahrenen, echten Wildtiermedizin war der Fall von Sekunde eins an klar: Dieses Tier gehörte erlöst – im Zweifelsfall durch eine fachgerechte Detonation, um ihm das wochenlange Martyrium zu ersparen. Doch bei all diesem egoistischen Kalkül der Beteiligten gilt das oberste Gebot: Niemand will am Ende verantwortlich sein. Die Schuld wird wie eine heiße Kartoffel herumgereicht; verantwortlich ist immer nur der andere. Und wer als approbierter Tierarzt bei dieser tierschutzwidrigen und evidenzbefreiten Farce auch noch aktiv Hand angelegt hat, der hat das ethische Gebot unserer Zunft verraten. Wer die tiermedizinische Wissenschaft so schamlos für die Interessen von Laien opfert, sollte ganz tief in den Spiegel schauen und sich fragen, ob er die eigene Approbation überhaupt noch erhobenen Hauptes vertreten kann. Wenn das Sterben eines Meeresgiganten zur Plattform für persönliche Profilierung und fachliche Feigheit verkommt, ist der moralische Nullpunkt erreicht.

Das laute Schweigen der „Speerspitze“

Doch das Versagen greift noch tiefer. Wo eigentlich die lautstarke, fachliche Stimme derjenigen zu hören sein müsste, die sich sonst bei jeder Gelegenheit als die „Speerspitze des internationalen Artenschutzes“ wie auch des Tierschutzes plakatieren, herrschte diesmal ohrenbetäubendes Schweigen. Die großen zoologischen Institutionen Deutschlands, die stets betonen, über die logistische, wissenschaftliche und veterinärmedizinische Expertise im Umgang mit Wildtieren, auch mit marinen Säugern, zu verfügen, glänzten durch ein bequemes und feiges Wegducken.

Wer den Artenschutz und die Wissenschaft nur dann feiert, wenn sie sich für Hochglanzbroschüren und positive PR eignen, verliert jede Legitimität, sobald es ungemütlich wird. Dieses kollektive Schweigen der Institutionen hat die Bühne frei gemacht für das tödliche Rettungsmärchen der Laien. Das erzeugte Kompetenz-Vakuum wurde durch nämlich genau diese Laien gefüllt, die wiederum vom Wal-Minister geduldet wurden.

Was bleibt?

In Ihren Fachvorträgen zu Tierschutz warnt Expertin Dr. Dörnath vor Disneyfizierung. | Foto: T. Franz

„Timmy“ hat diesen Mangel an Rückgrat mit langem unnötigem Leiden bezahlt. Auf dem Weg in die Nordsee hat er mitnichten voller Inbrunst gesungen, wie es die Aktivisten behaupteten, sondern seine Vokalisationen spiegelten seine unerträglichen Qualen wider. Nach dem Verklappen auf hoher See ist er dann auch nicht gen Sonnenaufgang geschwommen, sondern wohl elendig ertrunken.

Es bleibt der Appell an die Zukunft: Wir brauchen keine neuen Arbeitskreise, sondern Rückgrat und Expertise, wenn der nächste Wal vor unserer Haustür strandet. Und auch dies ist sicher: „Timmy“ braucht keine bronzene Statue. Was Deutschland aber dringend braucht ist ein Protokoll, welches in Kraft tritt, wenn Wale stranden. Wäre dieser Wal in Dänemark oder in den Niederlanden gestrandet, dann wären die dort geltenden Protokolle in Kraft getreten und ihm wäre dieses aktivistische Gezerre erspart geblieben. Er wäre liegen gelassen worden und hätte in Ruhe sterben dürfen (Dänemark) oder er wäre tierschutzkonform getötet worden (Niederlande). Hoffentlich wissen das seine Verwandten besser und meiden zukünftig Deutschland.

Weil „Timmy“ nicht umsonst gestorben sein soll, hätten wir jetzt ein entsprechendes ballistisches Zielmedium. Wir werden aber wohl nie die Erlaubnis erhalten, den Einsatz einer großkalibrigen Waffe postmortal wissenschaftlich an ihm zu testen. Eher erhalten im „good old Disneyland Germany“ Amateure die Duldung an einem lebenden Großwal „aus Tierliebe“ zu experimentieren.

Die juristische, politische, moralische und fachliche Aufarbeitung hat gerade erst begonnen.

Quo vadis, Tierschutz?

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