Buckelwal in der Nelson Bay | Foto: Paul Balfe, Lizenz: CC BY 2.0

Wie freiwillig kam Buckelwal Timmy wirklich auf die Barge?

Exklusiv für zoos.media – 29.04.2026. Von: Philipp J. Kroiß

Kam Buckelwal Timmy wirklich „von ganz allein“ auf die Barge oder hat man ihn vielmehr hineingequält? Dieser Artikel wirft anhand der Bilder einen kritischen Blick auf die gestrigen Geschehnisse.

Buckelwal von vorne | Foto: Sylke Rohrlach, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Wie freiwillig schwamm Buckelwal Timmy auf die Barge?

Gestern war der Jubel groß. Fleißig wurde ein Video von der BILD-Zeitung geteilt und verbreitet. Angeblich schwamm der als Timmy bezeichnete Buckelwal „von ganz allein“ auf die Barge. An dieser Formulierung kann man berechtigte Zweifel haben. Warum? Das ist gar nicht so schwer zu verstehen.

Feuerwehrschläuche machen Probleme

Bild der fragwürdigen „Rettungsaktion“ für den Buckelwal [18.04.2026] | Foto: Roy Zuo, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Walhelfer nutzen breite, gepolsterte Spezialgurte, die den Druck verteilen. Allerdings wurde Timmy wohl mit Feuerwehrschläuchen wie eingeschirrt. Feuerwehrschläuche bestehen meist aus einem extrem robusten, gewebten Polyester- oder Nylonmaterial. Im nassen Zustand und unter massiver Zuglast wirkt dieses Gewebe wie ein sehr grobes Schleifmittel.

Damit werden nicht nur die ohnehin schon bestehenden Infektionspforten geöffnet. Das Zerren mit Schläuchen verursacht Schmerzen, die vergleichbar damit sind, wenn man einen Menschen an einem dünnen Drahtseil hochzieht. Durch den enormen punktuellen Druck der Schläuche werden die Blutgefäße in der Speckschicht des Wals und im darunterliegenden Muskelgewebe wahrscheinlich gequetscht. Es entstünden so massive innere Hämatome, die man von außen kaum sieht.

Um dem Schmerz der einschneidenden Schläuche zu entkommen, spannen sich die massiven Muskelpakete des Wals reflexartig an. Diese Kombination aus Schmerzreiz und maximaler körperlicher Anstrengung führt zur Freisetzung von Milchsäure und Myoglobin im Blut. Das Myoglobin verstopft die Nierenfilter. Oft wirkt ein Tier nach so einer Aktion „ruhig“. Diese Ruhe trügt meistens. Es wird dadurch nämlich ein stilles Organversagen möglich, das durch das traumatische Handling eingeleitet wurde.

Viele Schmerzen & eine Illusion

Buckelwal an der Wasseroberfläche | Foto: Stanislav Stelmakhovich, Lizenz: CC0 1.0

Wenn man weiß, was Feuerwehrschläuche also anrichten können und welche Schmerzen sie verursachen, dann braucht es nur noch etwas Wissen zum Training von Tieren. An Timmy wurde – das sah man im Livestream sehr gut – heftig gezerrt. Die Folge waren wohl massive Schmerzen. Wale sind durchaus schnell darin zu verstehen, dass auf Bewegung am Geschirr solche Schmerzen folgen.

Schmerz beziehungsweise die Erwartung dessen wird also zum Motor der Bewegung. Wale wollen immer weg vom Schmerz. Man hat also das Tier letztendlich mit sowas wie negativer Verstärkung trainiert. Ein gesunder Wal würde abtauchen oder sich mit einer massiven Schwanzbewegung befreien. Da der Wal geschwächt war, blieb ihm nur die Vorwärtsbewegung.

Im BILD-Video sieht man sehr gut, wie auch beim Schwimmen auf die Barge noch die Schläuche bewegt wurden. Zu dem Zeitpunkt war das Tier aber offenbar schon entsprechend negativ konditioniert, dass es zur Schmerzvermeidung auf die Barge schwamm, sobald sich das Geschirr bewegte – also nicht „von ganz alleine“. Ein bisschen Grundwissen im Bereich unbewusster Trainingsprozesse hätte diese Illusion entzaubert. Das Tier wurde wohl eher unter massiven negativen Einwirkungen auf die Barge gequält.

Solches „Training“ ist ein No-Go

Biss-Spuren eines Orcas an einem Buckelwal in Neufundland | Foto: Nilfanion, Lizenz: CC BY-SA 1.0

In der professionellen Tiermedizin und im modernen Training, etwa in Zoologischen Gärten, ist Training durch Schmerzreize kein Mittel der Wahl und schon gar kein Mittel im Umgang mit Walen. Es ist ethisch nur vertretbar, wenn es dem Überleben eines Tier dient. Die Illusion der „Rettung“, die sich manche Menschen machen, ist aber kein Dienst am Tier. Es ist ein Dienst am menschlichen Ego das unvermeidliche Ertrinken oder Verspeist werden, dass der Wal unter Qualen ertragen muss, sollte er den Transport überleben, zu leugnen.

Hier existiert also kein Grund im Sinne des Tieres so vorzugehen. Am Ende wurde der Wille des Tieres wohl durch Schmerzreize gebeugt, um den Verladeprozess zu erzwingen. Das könnte auch tierschutzrechtliche Relevanz haben. Wie vernünftig ist der Grund im Sinne von § 1 Tierschutzgesetz (TierSchG), einen Wal so zu verladen, nur, um dann später eine vermeintliche Rettung feiern zu können? Gab es einen Verstoß gegen das Verbot der Zufügung erheblicher Schmerzen gemäß § 17 Nr. 2 TierSchG? Ebenso kann man ein Fragezeichnen dahinter setzen, ob es hier einen Verstoß gegen § 3 Nr. 5 TierSchG gab.

Diese Fragen kann jeder Mensch stellen. Jeder Mensch könnte auch hier eine Strafanzeige stellen. Theoretisch wäre es auch verschiedenen selbstproklamierten Tierschutz-Organisationen möglich, dies zu tun. Die halten sich aber in der Frage zum Buckelwal schon lange bedeckt. Sonst ist man selbst bei eingebildeten Tierschutz-Verstößen ganz schnell mit einer Anzeige. Hier bleibt man still.

Serie der Fehleinschätzungen fortgesetzt?

Buckelwal vor der Insel Moorea | Foto: Charles J. Sharp, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Dass sich der Allgemeinzustand des Wales weiter verschlechtert haben soll, passt also ins Bild. Man merkt immer mehr, dass viele deutsche Medien der Berichterstattung über so ein Ereignis kaum gewachsen sind. Sie übernehmen und übernahmen offensichtlich ungeprüft meist die Narrative der „Retter“-Befürworter. So wurde behauptet, dass etwa der fragwürdige Einsatz der Zinksalbe angeblich zu einer Verbesserung der Haut geführt habe.

Allerdings war die angebliche Heilung durch Zinksalbe nichts weiter als – pointiert gesagt – eine kosmetische Maskerade. Man hat die Wunden überstrichen, um für die Kameras ein besseres Hautbild zu erzeugen. Letztendlich hat sich am kritischen Zustand der Haut nichts geändert. Sarkastisch könnte man sagen: Man hat das Sterben lediglich fotogener gemacht. Es fehlt für eine echte Heilung schlicht die Tiefenwirkung.

Auch die Bewegung des Wal hatten deutsche Medien, ganz gemäß der Narrative der „Retter“-Befürworter, als eine Art Lebenswillen des Tieres geframed. Der für sterbende Tiere typische „Dead Man Walking“-Effekt wurde ignoriert. Natürlich bewegt sich jedes sterbende Tier irgendwann, wenn man ihm nur nachhaltig genug auf die Nerven geht. Solche Narrative hielten immer eine Fassade aufrecht. Genauso ist es jetzt beim angeblichen „von ganz allein“ auf die Barge Schwimmen. Daher wird man auch weiter versuchen, dass die ach so schöne Fassade nicht bröckelt, ob wohl sie innerlich schon tief zerklüftet ist.

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