Exklusiv für zoos.media – 17.04.2026. Autor: Philipp J. Kroiß
In einem Live-Interview mit ntv wurde Dr. Dörnath deutlich: Sie geht davon aus, dass der Buckelwal in der Ostsee bald ertrinken wird. Dazu nennt sie noch weitere Probleme und auch Irrtümer der „Rettungsaktion“.

Dr. Dörnath: Buckelwal „wird vermutlich ertrinken“
Die Bremer Walexpertin hofft, „dass vor Ort ein gnädiger Ausweg vorbereitet ist“. Sie betont: „Die Erlösung ist in diesem Fall kein Aufgeben, sondern der letzte Akt des Respekts vor dem Tier.“ Tierschutz sei eben Wissenschaft und keine Meinung. Bei diesem Wal liegen also massive Leiden, Schäden und Schmerzen vor. „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist diesem Tier nicht mehr zu helfen“, erklärt die walerfahrene Tierärztin.
„Egal, ob auf Hawaii, in Deutschland oder sonst wo auf der Welt: Wir Tierärzte folgen demselben ethischen Kompass. Unser höchstes Ziel ist es, Leid zu lindern. Dies bedeutet zu heilen. Wahre Verantwortung bedeutet aber eben auch zu erkennen, wann eine Erlösung der letzte gnädige Weg für ein Tier ist. Tierärzte sind weltweit derselben Ethik und Moral verpflichtet.“ – Dr. Kerstin Alexandra Dörnath
Minimalinvasiv? Fehlanzeige!
Immer wieder hört man von der angeblich minimalinvasiven „Rettung“. Warum aber passt das bei dem Buckelwal nicht? Ein tonnenschweres Wildtier zu bewegen, bedeute massiven physischen Druck auf Organe und Skelett sowie extremen psychischen Stress. Das sei das Gegenteil von ‚minimal‘, erklärt die Veterinärmedizinerin. Sie empfindet die Bezeichnung euphemistisch.
Die erfahrene Tierärztin stellt sich deutlich gegen solcherlei Beschönigung: „Eine solche Mobilisierung bedeutet für den Organismus massiven Stress und eine enorme physische Belastung, die mit einem kleinen Eingriff nichts zu tun hat.“ Mit dem Adjektiv bezeichnet man nämlich eigentlich Eingriffe die so wenig wie möglich eindringend oder verletztend sind. Danach sieht es beim Buckelwal nicht aus.
Atmen als Hoffnungsschimmer?
„Dass der Wal noch atmet, als Zeichen der Besserung zu deuten, verkennt die Physiologie dieser Tiere“, erläutert die erfahrene Tierärztin. „Wale sind bewusste Atmer; jeder Atemzug an Land ist eine massive, erschöpfende Kraftanstrengung gegen das eigene Körpergewicht. Ihn in dieser qualvollen Situation verharren zu lassen, ist kein Abwarten, sondern eine Verlängerung des Leidensweges.“
Dass ein gestrandeter Wal noch atmet, sei kein Beweis für Erholung oder Vitalität, sondern lediglich das Minimum an Lebenserhaltung, das das Tier unter extremem Stress gerade noch aufrechterhält. Trotzdem wird seitens des „Rettungsteams“ immer wieder das Gegenteil behauptet. Dieses war aber auch schon durch andere fragwürdige Behauptungen aufgefallen.
Trugschluss zur Bewegung des Tieres

„Eine heftige Drehung um 90° als Zeichen für Gesundheit zu deuten, ist ein fachlicher Irrtum“, erklärt die Walexpertin, denn „bei einem Tier dieser Größenordnung handelt es sich dabei nicht um Vitalität, sondern um eine massive Stressreaktion und den verzweifelten Kampf gegen die physische Belastung der Situation.“
Die Tierärztin hält es vielmehr für möglich, dass die Bewegung durch einen massiven Adrenalin-Ausstoß befeuert wird. Sie warnt, dass jede dieser heftigen Bewegungen dem Wal noch verbliebene Reserven raubt. Das verschlimmere die metabolische Azidose, die Übersäuerung der Muskeln. Für die Veterinärmedizinerin sei das „ein Überlebenskampf, kein ‚freudiges Herumtollen‘.“ Die Bewegungen verschlimmerten die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vorliegende metabolische Azidose, so die Tierärztin. Eine solche könne man nicht mittels Infusion beheben.
Der Wal kämpfte also vielmehr gegen die Schwerkraft, die an Land seine Organe zerquetscht, oder eben auch gegen die menschliche Manipulation. Heftige Bewegungen bei einem gestrandeten oder fixierten Wildtier seien in der Regel Fluchtreflexe oder Agonie. In der Biologie und Tiermedizin sei ein solches Bewegen in vergleichbaren Situationen kein Indikator für Wohlbefinden, sondern oft das Gegenteil.
Ertrinken wahrscheinlich

Der Buckelwal konnte keine Nahrung aufnehmen und der Osmotische Schock setzt ihm gewaltig zu. Das ist eine gefährliche Kombination. Gemeinsam führt es zu einem körperlichen Verfall, der fast immer irreversibel ist. Bei diesem Wal liegen also massive Leiden, Schäden und Schmerzen vor. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist diesem Tier nicht mehr zu helfen.
„Tierärzte sind die ‚Anwälte der Tiere‘. Bevor ich in Großbritannien praktizieren durfte, musste ich einen feierlichen Eid schwören, alles in meiner Macht Stehende zu tun, den Tieren zu helfen. Diesen Eid gibt es in Deutschland nicht, aber auch hier trage ich die Bedeutung dieser Worte in meinem Herzen.“ – Dr. Kerstin Alexandra Dörnath
Das einzig Gnädige für diesen gestrandeten Wal sei es es, ihn tierschutzkonform zu erlösen. Sie wird deutlich: „Ich sehe die ‚Rettungsaktionen‘ als Verlängerung und Intensivierung seines Leids an.“ Das Töten eines solchen Tieres sei sehr anspruchsvoll, so die Expertin. Der Goldstandard sei hier die Tötung durch mechanische Einwirkung auf das Zentralnervensystem. Eine medikamentöse Tötung komme primär aus Sicherheitsgründen für den Anwender und aus Gründen für das Ökosystem nicht in Frage.
Mitgefühl dürfe Tierschutz nicht im Weg stehen

„Majestätische Meeresgiganten wie Buckelwale werden von den Menschen bewundert“, weiß die Walexpertin. „Bei diesen Riesen der Meere fühlen Menschen eher mit als bei einer Ameise oder einem Hausschwein. Dass Menschen Tieren helfen wollen, finde ich als Tierarzt grundsätzlich richtig und wichtig. Allerdings muss erkannt werden, wann gut gemeinte Hilfe zur Qual für ein Tier wird.“
Die Tierschützerin beklagt: „Heutzutage hat jeder eine Meinung zu Tierschutz.“ Allerdings betont sie auch: „Tierschutz ist aber weder eine Meinung noch ein Wunschkonzert – Tierschutz ist eine Wissenschaft. Die naive Vorstellung, diesen Wal einfach wieder in die sogenannte Freiheit ‚zurückzuschieben‘ und dann sei alles ‚gut‘ ist nichts anderes als eine romantisierte Entfremdung von der Natur. Das, was dort gerade in der Ostsee geschieht, ist keine Disney-Produktion mit einem Happy End, sondern ein brutales Sterben vor den Augen der Öffentlichkeit.“
Naturentfremdung führte leider zu so bizarren Situationen, erläutert die Tierärztin, „dass Menschen bei uns vitale Wölfe töten wollen, aber einen moribunden, unrettbaren Wal ‚retten‘ wollen“. Das Sterben von Walen finde „zwar jährlich in tausendfacher Form anonym in unseren Weltmeeren statt, aber hier findet es unter den Augen von Experten statt, von denen bisher niemand den Mut hatte auszusprechen, dass das Tier von seinen Qualen erlöst werden muss“.
