Buckelwal zeigt seine eindrucksvollen Barten. | Foto: National Marine Sanctuaries, Lizenz: CC BY 2.0

„Rettung“ in der Ostsee: Timmy, der Buckelwal mit Zähnen?

Exklusiv für zoos.media – 17.04.2026. Autor: Philipp J. Kroiß

Obwohl Buckelwale gar keine Zähne haben, attestiert man ihm allerdings im Kontext der angeblichen Rettungsmission in Berufung auf „Experten“, „nur ein kleiner Rest vom Netz in den Zähnen“ zu haben.

Buckelwal vor der Insel Moorea | Foto: Charles J. Sharp, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Ostsee: Timmy, der Buckelwal mit Zähnen?

Immer, wenn man denkt, es könne nicht skurriler werden, dann setzen angebliche Experten rund um den Buckelwal Timmy noch mal eine Schippe drauf. Gestern war die fixe Idee eine Aktivistin einfliegen zu lassen. Noch am gleichen Tag wurde darüber auch in der BILD-Zeitung berichtet. Darin kam auch MediaMarkt-Gründer Walter Gunz zu Wort mit einem O-Ton, der wohl tiefer blicken lässt als beabsichtigt.

Welche Experten sagen sowas?

Junger Buckelwal | Foto: Widewitt, Lizenz: CC BY-SA 3.0

„Bei der Begutachtung wurden kleine Verletzungen festgestellt, aber nichts Ernstes. Es gibt einen Haken beim Maul, der muss noch entfernt werden. Die gute Nachricht: Offenbar ist nur ein kleiner Rest vom Netz in den Zähnen, das wird laut unseren Experten irgendwann von allein abfallen“, zitierte BILD Gunz. Dieses Zitat wird das Vertrauen in die „Experten“ schon sehr schädigen.

Warum? Es gibt in der Systematik der Wale zwei Unterordnungen: Die Bartenwale (Mysticeti) und die Zahnwale (Odontoceti). Die einen haben Zähne und die anderen keine. Allerdings zählen Buckelwale zu den Bartenwalen. Die haben keine Zähne. Barten sind auch fundamental anders. Das ist ein Unterschied wie von einem Küchensieb zu einem Steakmesser.

Es ist auch ein wichtiger Unterschied, ob ein Netzteil zwischen Zähnen hängt oder eben zwischen Barten. Warum? Zwischen Zähnen verfängt sich ein Netz meist einfach mechanisch. Das lässt sich meist sauber entfernen. Barten sind aber auf der Innenseite extrem fransig aufgefasert. Ein Netz – besonders feine Monofil-Netze aus Kunststoff- verhakt sich nicht nur, sondern es verfilzt mit den Keratinfransen. Die Fransen halten das Netz wie hunderte kleine Widerhaken fest.

Fehleinschätzungen häufen sich

Buckelwal in der Dominikanischen Republik | Foto: Christopher Michel, Lizenz: CC BY 2.0

Damit man solche Netzteile aus dem Maul von Bartenwalen entfernen kann, müssen oft Teile der Bartenplatten abgeschnitten werden, was natürlich dann deren Filtrationswirkung schadet. Wenn angebliche Experten also sagen, Timmy hätte Zähne und das Netz würde einfach so wieder rausfallen, darf man sehr berechtigte Zweifel haben, was die Qualifikation solcher Experten anbelangt. Im Prinzip kommt es einer Bankrotterklärung gleich.

Das ist nicht die erste Peinlichkeit der „Rettungsmission“. „Bereits im Vorfeld war geplant, dem Wal Antibiotika in die Schwanzflosse zu injizieren“, berichtete die Frankfurter Rundschau. Wirklich erfahrene Wal-Veterinäre wissen: Bei einem so schweren Wildtier kann man nicht einfach eine Spritze geben. Die Dosierung ist extrem schwierig, und ohne Blutwerte, die man bei einem gestrandeten, gestressten Tier kaum präzise bekommt, ist eine medikamentöse Therapie oft eher tödlich als hilfreich. Die Schwanzflosse ist zudem kein guter Ort dafür. Es gibt dort kaum Muskelmasse, die so große Mengen an Medikamenten aufnehmen und langsam in den Blutkreislauf abgeben könnte.

Gestern haben die „Retter“ wohl feuchte Tücher auf den Wal gelegt. Das Tier habe sehr positiv darauf reagiert. Was man genau damit meint, ist unklar. Wilde Wale reagieren nicht positiv auf Taucher, da sie sie als Bedrohung wahrnehmen. Davon abgesehen nutzt man die Tücher in warmen Gefilden. Sie sollen vor Sonnenbrand schützen und das Tier kalt halten. Der Einsatz ist bei Timmy also massiv fragwürdig.

Gefährliche Wal-„Deko“

Fluke eines Buckelwals in Costa Rica | Foto: Giles Laurent, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Berichten zufolge ist Timmys Haut durch den niedrigen Salzgehalt der Ostsee bereits massiv angegriffen. Von Blasenbildung und Ablösungen war die Rede. Die Haut ist auch sichtbar in außergewöhnlich schlechtem Zustand. Das sieht man sogar von Weitem schon sehr gut und auf den Fotos besonders. Was bewirken solche Tücher, besonders, wenn sie lange liegen, eventuell sogar über Nacht, in so einem Fall? Sie bewirken nichts Gutes.

Warum ist das so? Durch den Wind auf der Ostsee verdunstet das Wasser im Tuch. Das entzieht dem Körper Wärme. Was bei Hitze gut ist, kann bei einem bereits geschwächten, kranken Tier in der kalten Ostsee zur Unterkühlung führen. Zudem kann ein Tuch, das stundenlang auf rissiger Haut liegt, Bakterien förmlich einschließen oder durch Reibung – etwa durch bei Wellengang – die ohnehin schon abblätternde Haut noch schneller ablösen.

Gut gemeint, wenn dem denn wirklich so wäre, ist eben nicht immer gut gemacht. Walschutz kommt von Walkenntnis. An der scheint es dem Projekt zu mangeln. Das ist eine Gefahr für Timmy. Jenna Wallace, wäre sie denn wirklich so walverständig und erfahren, müsste das übrigens wissen. Ob sie das tatsächlich in die Wege geleitet hat, ist unklar. Allerdings sinnvoll war die Maßnahme wohl nicht. In jedem Fall werfen solche offensichtlichen Fehleinschätzungen kein gutes Bild auf die angebliche Rettungsmission.

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