Buckelwal vor der Insel Moorea | Foto: Charles J. Sharp, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Robert Marc Lehmann: Blutiges Buckelwal-Drama in der Ostsee

Exklusiv für zoos.media – 24.04.2026. Autor: Philipp J. Kroiß

Ein NDR-Beitrag zeigt Robert Marc Lehmann beim Bagger-Einsatz. Buckelwal Timmy bekommt die Schaufel in die Seite, dann fließt Blut. Hier die ganze Analyse!

Buckelwal in der Nelson Bay | Foto: Paul Balfe, Lizenz: CC BY 2.0

Robert Marc Lehmann: Blutiges Buckelwal-Drama in der Ostsee

Schaut man sich die Sicht der Dinge auf dem Kanal von Mission Erde an, hat einer ganz bestimmt keine Fehler gemacht: Robert Marc Lehmann. Er ist der heroische Aktivist in diesem Rührstück über seinen „Einsatz“ für den Buckelwal in der Ostsee. Dass diese Sicht der Dinge doch ein kreativer Umgang mit der Realität waren, konnte man schon anhand der Schilderungen vom zuständigen Bürgermeister Sven Partheil-Böhnke (FDP) ermessen.

Einen doch sehr wichtigen Moment sieht man aber im Rahmen dieser „Verteidigungsmission“, in deren Kontext man dieses Video stellen könnte, nicht. Dafür hat ihn der NDR eingefangen und zumindest in Ausschnitten in seiner Nordreportage „Gestrandet: Ein Wal in der Ostsee“ gezeigt.

Bagger & Blut

Ostsee-Strand bei Niendorf | Foto: Ştefan Jurcă, Lizenz: CC BY 2.0

Wir starten beim Timecode 11:30: Es geht anscheinend um den 26. März 2026. Die Sonne war schon untergegangen. Es ist dunkel. Die Szene wird von Scheinwerfern beleuchtet. Im Wasser liegt Timmy. Seine Haut ist in einem schlechten Zustand. Der Osmotische Schock durch das viel zu salzarme Wasser hat das Tier gezeichnet.

Die Haut ist nicht mehr glatt und fest, sondern aufgedunsen. Sie verliert ihre Elastizität. Paradoxerweise führt das Aufschwemmen dazu, dass die tieferen Schichten bei Kontakt extrem leicht reißen. Die Haut ist nicht mehr reißfest, sondern verhält sich eher wie mürber Stoff. Zusätzlich wird das Gewebe durch das Eigengewicht des Tieres belastet.

Links von Timmy steht Robert Marc Lehmann auf einer Plattform. Er hat eine Jacke über den Neopren-Anzug gezogen, mit dem er an dem Tag auf zahlreichen Fotos zu sehen gewesen war. Er gestikuliert, dirigiert anscheinend die riesige Baggerschaufel. Die bewegt sich immer mehr auf den Buckelwal zu. Schließlich berührt sie das Tier, schiebt es nach rechts. Vom NDR erfährt man, das Tier hätte sich so „einige Meter“ bewegen lassen. Dann sieht man eine Blut-Lache an der Wasseroberfläche.

Was bedeutet Blut im Wasser?

Buckelwal in der Dominikanischen Republik | Foto: Christopher Michel, Lizenz: CC BY 2.0

Blut hat eine geringfügig höhere Dichte als das Wasser der Ostsee. Blut würde also eher absinken als dass es steigen würde. Dass man also überhaupt Blut an der Wasseroberfläche sieht, ist alarmierend. Man sieht auf den NDR-Bilder gut, dass die Schaufel gänzlich eingetaucht ist. Die Druckstelle, die die empfindliche Haut wohl zum Reißen brachte, liegt also wahrscheinlich nicht direkt an der Wasseroberfläche.

Wasser ist ein extrem starkes Lösungsmittel. Damit Blut an der Oberfläche noch als rot oder blutig erkennbar ist, muss die Konzentration an der Austrittsstelle enorm hoch sein. Das Blut verteilt sich kugelförmig in alle Richtungen. Der Großteil vermischt sich sofort mit dem riesigen Wasserkörper und wird unsichtbar. Nur der kleinste Teil erreicht die Oberfläche. Wenn dort bereits eine deutliche Färbung sichtbar ist, spricht das für eine aktive, heftige Blutung.

Dass man das Blut überhaupt sieht, liegt an den Verwirbelungen, die die schiebende Wasserschaufel im Wasser erzeugt. Wale haben ein extrem hohes relatives Blutvolumen, das weit über dem der meisten Landsäugetiere liegt. Das ausgeprägte Blut- und Sauerstoffspeichersystem der Wale ermöglicht ihnen nämlich die extremen Tauchleistungen. Aufgrund ihrer enormen Körpermasse besitzen Wale zudem eine gigantische absolute Blutmenge. Dazu kommt ein erhöhter Blutdruck durch einen Zustand extremem physiologischen Stresses. Jede durch den Bagger verursachte Läsion ist dann ist wie ein Leck in einer Hochdruckleitung. Das führt zu weit schweren Auswirkungen als unter normalen Umständen. Was man oben sieht, ist sowas wie die Spitze des Eisbergs.

Blutige Verletzung verheerend

Junger Buckelwal | Foto: Widewitt, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Buckelwal-Haut ist an sich eigentlich ziemlich dick. Sichtbares Blut im Wasser lässt vermuten, dass nicht nur die Oberhaut abgeschürft wurde, sondern die darunterliegende, stark durchblutete Lederhaut oder gar das Fettgewebe aufgerissen ist. Der Druck der Baggerschaufel könnte das Gewebe regelrecht zerfetzt haben.

Buckelwale haben ein komplexes System aus Blutgefäßen direkt unter der Haut zur Thermoregulation. Dass Blut an der Oberfläche sichtbar ist, spricht für eine aktive Blutung aus größeren Kapillaren oder Venen. Über die blutende Wunde verliert so ein Tier noch schneller wichtige Körpersalze an das salzarme Außenwasser.

Blut ist ein guter Nährboden für Bakterien. In der schmutzigen Bucht können Keime direkt in die Blutbahn eindringen. Da der Wal im Brackwasser ohnehin mit der Osmose kämpft, ist eine offene Wunde wie ein Leck in einem sinkenden Schiff. Ein Riss in der Dermis löst eine massive Ausschüttung von Stresshormonen aus. Alarmierend ist auch, dass diese Wunde all den angeblichen Rettungsexperten, die immer die angebliche Gesundheit des Tieres betont haben, nicht aufgefallen zu sein scheint.

Expertin: Bagger-Einsatz generell mehr als fragwürdig

Dr. K. Alexandra Dörnath mit dem Grauwal J. J. in SeaWorld San Diego | Foto: Dr. Thomas Reidarson

Walexpertin und Tierärztin Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath erklärt, so ein Bagger-Einsatz sei generell „absolut nicht üblich und fachlich extrem problematisch. In der modernen Tierrettung gilt der Einsatz von schweren Baumaschinen direkt am Tier als gefährlich und meist kontraproduktiv.“ Sie warnt vor dem Verletzungsrisiko: „Eine Baggerschaufel kann schwere Quetschungen, Knochenbrüche oder tiefe Fleischwunden verursachen.“ Die Haut von Walen sei zwar dick, „aber extrem empfindlich gegenüber punktuellem Druck und scharfen Kanten.“

Aber nicht nur das sei problematisch: Der Lärm und die Vibrationen eines Baggers würden für die intelligenten und sich stark durch Akustik orientierenden Tiere einen Stress, Schock und „hochgradige Angstzustände“ bedeuten. Auch das Schieben mit einer Baggerschaufel sieht sie als problematisch an, denn das könne Organe quetschen. Normalerweise würden ganz andere Gerätschaften genutzt, um Tiere in Strandungssituationen zu bewegen.

„Bagger werden höchstens eingesetzt, um Kanäle im Sand zu graben“, erklärt die walerfahrene Veterinärmedizinerin, „oder um schwere Ausrüstung zu transportieren – aber nicht, um direkten Kontakt mit dem Wal herzustellen. Gerade in der professionellen Beratung für Tierschutz achte ich strikt darauf, dass solche rabiaten Methoden unterbleiben, um das Rückgrat und die Unversehrtheit des Tieres zu schützen.“ Hier wäre noch zu klären, wer diesen Schaufel-Einsatz überhaupt genehmigte. Tierärzte erkennt man nicht auf den NDR-Aufnahmen.

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