Exklusiv für zoos.media – 09.04.2026. Autor: Philipp J. Kroiß
Sven Partheil-Böhnke (FDP), Bürgermeister der Gemeinde Timmendorfer Strand, äußerte sich ausführlich zum fragwürdigen Einsatz von Robert Marc Lehmann am Buckelwal Timmy, der in der Ostsee mehrfach strandete.
Ostsee-Wal Timmy: Bürgermeister zum „Einsatz“ von Robert Marc Lehmann
Schon bei der Nachfrage an das Ministerium zum Einsatz von Robert Marc Lehmann am Wal hatte man uns an den zuständigen Bürgermeister verwiesen. In einem Interview mit NEWS5 nimmt er nun umfassend Stellung zu seiner Sicht der Dinge.
Ihm ist am Anfang wichtig zu betonen, dass man den Wal, aus seiner Sicht, sehr wohl retten konnte, aber er leider vor der Insel Poel wieder strandete. Dort verbleibt er bis heute. Dann geht er auf Lehmann und dessen Einsatz ein.
Vielversprechender Anfang?

Anscheinend am 23.03.2026 rief Robert Marc Lehmann den Bürgermeister an. Der Buckelwal war zu diesem Zeitpunkt im Niendorfer Abschnitt des Timmendorfer Strands in der Lübecker Bucht auf einer Sandbank gestrandet. Lehmann habe sich „als Wal-Experte vorgestellt“ sowie als „Meeresbiologe“. Zu letzterer Selbstbezeichnung hat zoos.media bereits im letzten Jahr berichtet.
Anschließend war er, gemäß seiner Bitte, bei einer Video-Konferenz zur Lagebesprechung dabei. Daraufhin macht er sich auf den Weg. Zuerst war der Bürgermeister noch dankbar. „Dass sich dann Herr Lehmann nicht als der Experte herausgestellt hat, von dem ich erhofft hatte, dass er es sei, das war dann eine andere Sache“, erklärte Sven Partheil-Böhnke.
Zuerst hatte er keine schlechte Stimmung bemerkt. Aber schon bei der ersten Dienstbesprechung am nächsten Morgen, habe er „Unstimmung“ zwischen ITAW und Lehmann gespürt. „Da hab ich mir aber noch nichts dabei gedacht“, gab der Bürgermeister zu. „Ich musste dann leider relativ schnell feststellen, dass 90[%], nein, 100% aller Annahmen von Herrn Lehmann leider falsch waren.“
Erste Zweifel
Als Beispiel für dieses Urteil nannte der Bürgermeister anschließend Beispiele. So habe der YouTuber ihm gegenüber mit einer 0,1%-igen Chance gerechnet, „dass, wenn er an das Tier rangeht, das Tier überhaupt reagiert und die Augen aufmacht und so weiter“. Tatsächlich habe das Tier heftig reagiert. Ebenfalls mit 0,1% habe Lehmann die Chance taxiert, dass das Tier einen gebuddelten Kanal überhaupt nutzt. Das sei dann aber auch anders gewesen.
„Also wieder 100% Erfolg bei einer Wahrscheinlichkeitsprognose von Herrn Lehmann bei 0,1% und da habe ich dann schon gedacht, na ja, ob tatsächlich so ein großer Wal-Experte in der Person Lehmann drin steckt, […] war ich mir nicht sicher“, subsummiert Sven Partheil-Böhnke.
Er habe zudem viele Experten-Meinungen „weltweit“ eingeholt und festgestellt, dass „Experten oftmals eine andere Meinung hatten als Herr Lehmann dazu.“ Trotzdem sei er „für jede Meinung dankbar“ gewesen. Das galt auch für die von Lehmann, „auch, wenn sie sich im Nachhinein als falsch herausgestellt haben.“ Das sei ihm zu dem Zeitpunkt aber nicht bewusst gewesen.
Bruch des Vertrauens

Als man es dann geschafft habe, dass der Wal den Kanal nutzte, stand die Frage im Raum, wie es weitergehen sollte. Der Plan war, ihn mit Booten in die Nordsee zu geleiten. Dazu wurden eigene Boote genutzt und Polizeiboote. Das Tier sollte auf beiden Seiten beflankt werden. Ein weiteres Boot von hinten sollte Geräusche machen, um den Wal zur Bewegung nach vorne zu motivieren.
„Herr Lehmann hatte dann an Bord eines Polizeibootes die Entscheidung getroffen, es reicht, wenn wir auf einer Seite beflanken, also auf der Seite zum flachen Gewässer hin“, berichtet der zuständige Bürgermeister. Daraufhin sei der Wal über die nicht-beflankte Seite umgekehrt und wieder in die Lübecker Bucht geschwommen.
Daraufhin musste das Tier gesucht, das Geleit erneut aufgenommen und ein erneuter Versuch gestartet werden. Die anscheinende Fehlentscheidung kostete einen Dreivierteltag. Das Tier wäre dann noch geschwächter und gestresster gewesen, erklärte der Bürgermeister. Deshalb ordnete er auch an, dem Tier Ruhe zu geben. Er schätzt, dass, ohne das Ausbüxen, man zu dem Zeitpunkt schon 100 Kilometer weiter gewesen wäre. In der Ruhepause wäre der Wal aber nochmal ausgebüxt und in Richtung seines wohl letzten Aufenthaltsortes gelangt.
Bürgermeister spricht von eklatantem Fehler

„Aber ich glaube, das hätten wir vermeiden können, wenn dieser eklatante Fehler nicht passiert wäre, ihn nur auf einer Seite zu beflanken und das war auch gar nicht vorgesehen“, analysiert Sven Partheil-Böhnke. Damit spricht er die anscheinende Fehlentscheidung von Robert Marc Lehmann an. Das ITAW suchte dann das Gespräch mit dem Bürgermeister, der deren Schilderung mit den Worten zitierte: „Herr Lehmann maßt sich an, hier die Einsatzleitung zu haben“.
Sowas sei aber gar nicht möglich als Privatperson. Es habe aber wohl Missverständnisse gegeben, dass er sie trotzdem haben würde, weil er entsprechend aufgetreten sei. Daraufhin stellte Sven Partheil-Böhnke deutlich klar, dass Lehmann nicht die Einsatzleitung haben würde. Die habe ausdrücklich das ITAW. Er stellte also nur die Hierarchie klar.
Das war aber kein Ausschluss von Robert Marc Lehmann gewesen. Der Bürgermeister macht klar: „Ich hatte ihm irgendwelche Leitungsfunktionen, die er gar nicht hatte, entzogen, was ich gar nicht musste, weil er hatte sie von vornherein nicht.“ An Lehmanns theoretischen Meinung sei der Bürgermeister aber immer noch interessiert gewesen. „Ich war davon schon überzeugt, dass die theoretische Meinung doch nicht so gut war, wie er sich selber darstellte“, erläuterte er weiter, „aber trotzdem eine Meinung mehr ist besser als keine Meinung.“
Abreise nach Klarstellung
Daraufhin habe Lehmann sich „ausboten lassen vom Polizeischiff runter auf einen Schlauchboot“ und damit dann in den Hafen. Anschließend sei er „selbstständig abgereist“, erklärte der Bürgermeister. Er sei aber auch „nicht böse drum“ gewesen, dass Lehman weg war. Sven Partheil-Böhnke vertraute dem ITAW ohnehin mehr als dem YouTuber, den er als „vermeintlicher Experte“ bezeichnete.
Anhand dieser Schilderungen kann man den Eindruck bekommen, dass Lehmann vor allem abreiste, weil er nicht mehr die erste Geige spielte, die er sich wohl selbst zugedacht hatte. Wenn er doch, gemäß seiner Darstellung, so ein Wal-Experte sei, der mit so vielen anderen Experten in Verbindung stand, warum nutzte er dann nicht die Chance, seiner angeblich so relevanten Meinung weiter Gehör zu verschaffen? Das kann man wohl schwer nachvollziehen.
Lehmann gab an dieser Stelle durch den Bürgermeister garantierten Einfluss auf die Rettungsaktion auf. Das Einzige, das Lehmann quasi verloren hatte, war seine leitende Funktion. Die hatte er aber ohnehin nie gehabt. Somit hatte die Klarstellung des Bürgermeisters am status quo nichts verändert. Lehmann aber verkaufte das offenbar als „Ausschluss“. Den gab es anscheinend aber nie.
Lehmann am Wal

Lehmann war nicht der erste, der recht nah am Wal war: „Unsere Feuerwehr hatte das letzte verbliebene Netzteil von dem Tier abgemacht.“ Es sei noch Netz im Maul verblieben, aber immerhin etwas habe man so entfernen können. Dann kam Lehman als nächster nah ans Tier.
„Ich habe das ein bisschen als Selbstdarstellung wahrgenommen, mit einem Selfie-Stick dann vom Schlauchbrot runterzugehen, mit großer Pose auf das Tier zu, wo ich gesagt habe: ‚Warum? Du sollst dich doch nicht selbst in Szene setzen.‘ – ‚Nein, ich brauche das, ich will damit das Tier animieren und vielleicht auch ins Maul gucken.‘ So hatte ich das wahrgenommen“, berichtet Sven Partheil-Böhnke. Er hat dann zugestimmt, um vielleicht weitere Erkenntnisse zum Netz im Maul zu erhalten.
Beim Einsatz selbst, gewann der Bürgermeister den Eindruck, „da geht’s ein bisschen um Reportage machen“. Das wäre für sich genommen nicht verwerflich, aber: „Hätte ich das gewusst, hätte ich ihn gar nicht so lange oder so dicht an das Tier rangelassen, sondern dem Tier einfach mehr Ruhe gegönnt.“ Später habe er dann am Rande wahrgenommen, wie es um das Posting des Materials gegangen wäre. Das fand er sehr schade.
Bürgermeister spricht über „Selbstdarstellung“
„Ich hatte das Gefühl, da ging es nicht wirklich nur um das Tierwohl, sondern damit: ‚Ich brauche Klicks und damit verdiene ich mein Geld'“, berichtet Sven Partheil-Böhnke. Das könne er an für sich nachvollziehen, aber „das hatte mit Tierschutz nicht zu tun, sondern mit: ‚Ich brauche Klicks, ich will eine Reportage machen, ich will da eine Geschichte haben.'“
Dieser Eindruck, den er in dem Moment gewann, habe sich auch weiter verfestigt: „Auch nach vielen, vielen Gesprächen mit anderen ist dieser Eindruck bei mir so hängen geblieben, dass es eher tatsächlich eine Selbststellung war.“ Die anschließenden Äußerungen von Lehmann auf Social Media hätte er auch nicht nachvollziehen können. Man habe ja eben nicht, nichts gemacht, sondern alles, was möglich und tierverträglich war.
Wenn es tatsächlich Einladungen an Lehmann dann von Mecklenburg-Vorpommern aus gegeben habe und Lehmann diese nicht angenommen habe, würde dies, laut Sven Partheil-Böhnke, „nur meine Theorie unterstützen, dass es nicht zwangsläufig von Anfang an um das Tierwohl ging, sondern in erster Linie darum, Geschichte zu machen.“
Was bleibt vom „Tierretter“?

„Geschichte kann ich nicht mehr mit einem Tier machen, was eigentlich aufgegeben worden ist und von daher würde das eher unterstützen, dass es nie um das Tierwohl als solches ging, sondern eher: Kann ich mit meinem Selfie-Stick eine tolle Geschichte draus machen, mit der ich Geld verdiene?“, beschreibt der Bürgermeister seinen persönlichen Eindruck.
Dass Lehmann so sein Geld verdiene, wolle Sven Partheil-Böhnke nicht verurteilen, „aber dann soll man nicht vorher sagen: ‚Ich bin der große Tierretter'“. Das sei man schließlich bis zum letzten Moment des Tieres. Dann sei man eben da und helfe. Anschließend kommt er auf Widersprüche zu sprechen, die zoos.media sowie weitere Medien schon aufzeigten, in Bezug auf angebliche Walrettungen und das bereits erwähnte Thema der Selbstbezeichnung als Meeresbiologe.
Das könne er aber nicht selbst beurteilen, weil er selbst nicht nachgeforscht hätte. Er habe „eben auch den Eindruck, dass das Wissen über Wale nicht so riesig war, wie es dargestellt wurde.“ Das ist wohl keine neue Kritik an Robert Marc Lehmann. Ein ähnlicher Eindruck ist zum Beispiel schon früher möglich gewesen – zum Beispiel hier. So wird der angebliche Walrettungsversuch wohl immer mehr zum Desaster für Lehmann.
Backhaus kündigt „Nachspiel“ an
Die Kritik des Bürgermeister nahm auch Minister Till Backhaus (SPD) auf. Dabei ging es ihm besonders um die so entstandene Verzögerung der Rettung. Er erklärte, wie zum Beispiel die Frankfurter Rundschau berichtet, „Einmischung“ Lehmanns „sei dort ‚hinderlich‘ gewesen. Der Minister kündigte an: ‚Das wird noch ein Nachspiel haben.'“
Eine wesentliche Frage bleibt aber, warum Backhaus vor dem Hintergrund Lehmann trotzdem wieder einlud. Zudem bleibt die Frage offen, warum eine Euthanasie des Tieres, die seit Tagen möglich ist, noch immer nicht angeordnet wurde. Schließlich scheint klar, dass der Buckelwal leidet. Daraus gilt es Konsequenzen zu ziehen.
Ein solches Nachspiel für Lehmann könnte auf Basis von Verwaltungsrecht, Bundesnaturschutzgesetz und/oder Tierschutzgesetz juristisch möglich werden, sofern man ihm denn da Verfehlungen nachweisen könnte. Ob das gelingen kann, ist unklar. Ein solches Nachspiel müsste aber auch gar nicht juristisch sein. Man könnte Lehmann nun tatsächlich offiziell für die Zukunft von solchen Aktionen ausschließen. Dazu hätte Backhaus aber schon vor Tagen wohl genug Gelegenheit gehabt. Er hat dies aber eben nicht getan. Auch das ist Teil der ganzen Misere.
Lehmann auf Instagram abgetaucht
„Auf Nachfrage von Ippen.Media, wie sich die Dinge aus seiner Sicht darstellen, reagierte Lehmann bislang nicht“, liest man im gleichen Bericht der Frankfurter Rundschau. Sein Instagram-Account ist schon länger nicht mehr öffentlich. Laut Mission Erde, weil er sich „aktuell auf einer Mission, die seinen vollen Fokus benötigt“ befände. Seine Accounts auf Facebook & YouTube sind aber noch verfügbar. Das macht das Narrativ nicht unbedingt glaubwürdiger.
Nicole Diekmann kommentierte auf t-online dazu: „Wer eine solche absurde Begründung für den Rückzug von Social Media schluckt, der ist selbst von schlichtesten Sachverhalten überfordert und verlässt das Haus nur an ihm gnädigeren Tagen aus eigener Kraft vollständig bekleidet.“ Sie vermutet, dass die immer lauter werdende Kritik ein Grund für Lehmanns Rückzug sein könnte. Natürlich kann man durch so einen Rückzug nicht nur Fragen der Community entgehen, sondern auch etwaigen spontanen Un-Follows, derer, die nicht so happy sind mit der Performance ihres „Walflüsterers“.
