Schimpanse im Safaripark Beekse Bergen | Foto: Tim Strater, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Schickte AAP die Schimpansin Marria in den Tod?

Exklusiv für zoos.media – 16.10.2026. Von: Philipp J. Kroiß

Von AAP nach Beekse Bergen: Von diesem Transport von Marria versprach man sich wohl viel. Nun ist die Schimpansin tot. Der Fall wirft wichtige Fragen auf.

Schimpansen-Haltung der Stiftung AAP (2004) | Foto: GerardM at Dutch Wikipedia, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Schickte AAP die Schimpansin Marria in den Tod?

Vor einigen Wochen haben wir über die Outplacement-Listen von AAP und die fragwürdigen Verstrickungen mit unter anderem dem Schimpansen-EEP berichtet. Vermutlich so wurde auch für die Schimpansin Marria ein Platz im Safaripark Beekse Bergen gefunden. Inzwischen ist die Schimpansin tot. Wie konnte es soweit kommen? Hat AAP den Zustand der Schimpansin etwa nicht richtig eingeschätzt?

Uns machte eine treue Followerin auf diese besondere Geschichte aufmerksam. Die kritischen Stimmen zu AAP nehmen in den letzten Monaten allerdings nicht nur in den Diskussionsspalten auf Seiten von zoos.media merklich zu. Wir schätzen uns glücklich so aufmerksame Follower zu haben.

Fairytale Gone Bad?

Schimpanse in Uganda | Foto: Rod Waddington, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Marria wuchs angeblich in Portugal auf – komplett geprägt auf den Menschen und gewöhnt an ein Leben im menschlichen Umfeld. Dort lebte sie 13 Jahre. Dann wurde sie 2017 von AAP und Behörden „gerettet“. In der Darstellung von AAP zum Fall Marria in den niederländischen Medien – zum Beispiel hier – sei sie dadurch auf den Schimpansen Patrick getroffen: „Patrick verstand sie und korrigierte sie, wenn sie sich danebenbenahm, aber ohne ihr weh zu tun.“

„Wir hatten gehofft, sie wäre bereit dafür“, ließ AAP medial verlauten. Anscheinend vermittelt man Tiere dort also nach dem Prinzip Hoffnung. Man sei sich einem Risiko bewusst gewesen. Bei so auf den Menschen geprägten Schimpansen kann man allerdings das Wort „Risiko“ fast als Untertreibung bezeichnen. So gänzlich auf den Menschen geprägte Schimpansen sind quasi nicht mehr in Gruppen eingliederbar, in denen die anderen Tiere als Schimpansen sozialisiert wurden, und auch, in denen die anderen Tiere doppelt – also auf Mensch und Schimpansen – sozialisiert wurden. Das ist bekannt. Entsprechendes Scheitern gab es oft genug.

Anscheinend wurde Marria von AAP aber als Tier präsentiert, das passend für die Schimpansen-Gruppe von Beekse Bergen sei. Wie bei solchen Verläufen üblich, sah erst mal auch alles gar nicht so schlecht aus. Dann kam es aber so, wie es fast immer kommt: Aus nicht genau erklärbarem Grund wendet sich die Gruppe gegen das Tier, das nie wirklich gelernt hat, wie sich ein Schimpanse verhält. Dabei gehen die anderen Tiere absolut ruchlos vor. Betroffene Tiere können oft nur mit Glück gerettet werden, versterben direkt oder müssen aufgrund ihrer Verletzungen einschläfert werden, wie es bei Marria der Fall war.

Schimpansen in Beekse Bergen

Dazu muss man wissen, dass die Schimpansen-Gruppe in Beekse Bergen nicht unbedingt die beste Historie hat. 2023 sprang nach Unruhen der Schimpanse Stephan ins Wasser und ertrank. Ein Jahr später starb der Schimpanse Wouter an den Folgen eines Kampfes innerhalb der Gruppe. Unter Schimpansen ist es auch in der Wildbahn normal, dass nicht alle Tiere gruppeninterne Auseinandersetzungen überleben. Nicht selten werden Gruppenmitglieder sogar gezielt getötet.

Wenn man nun eine Gruppe hat, die zu solchem Verhalten neigt, geht man bei Einführungen in solch eine Gruppe meist vorsichtiger vor als das bei entspannteren Gruppen der Fall ist. Das heißt, man achtet besonders auf eine ähnliche Sozialisierung der Tiere. Dann arbeitet man auch immer wieder erfolgreich mit Matrilinien oder ähnliche soziale Verbindungen, damit Neuankömmlinge nicht allein, sondern als gemeinsame Einheit ein Teil von Gruppen werden können. Beides passierte in Beekse Bergen wohl nicht.

Die Frage ist nun: Warum? Wurde dem Safaripark das Tier etwa kompatibler angepriesen als es war? Zudem erwähnt Beekse Bergen das Schimpansen-EEP auf seiner Seite. Warum schrillten dort nicht die Alarmglocken vor dem Hintergrund vorausgegangener Erfahrungen? Dort zeigte man sich allerdings bekanntlich zuletzt schon sehr zugeknöpft bei kritischen Fragen, die das Thema AAP betreffen. Es ist nicht zu erwarten, darauf also Antworten zu bekommen.

Robby konnte gerettet werden

Robby umarmt Zoodirektor Klaus Köhler | Foto: Dr. Alexandra Dörnath

Schaut man nun auf die Kampagne zur angeblichen Rettung vom Schimpansen Robby, die dank seiner Familie und dem Einsatz der renommierten Tierärztin Dr. Dörnath, die damals noch nicht Beiratsmitglied von zoos.media war, verhindert werden konnte, wirken die Argumente von damals fast schon prophetisch. Man warnte davor, dass Robby, der in menschlichem Umfeld sozialisiert wurde, gar nicht in einer Schimpansen-Gruppe klarkommen würde.

So konnte Robby schließlich im Kreise seiner Liebsten in hohem Alter für immer einschlafen. Ihm blieb das Leid erspart, vor dem Marria anscheinend nicht bewahrt wurde. Schimpansen, die lernen, wie und mit Menschen zu leben, sind eben keine Kandidaten für so eine Eingliederung in eine „echte“ Schimpansen-Gruppe. Das weiß man inzwischen gut. Daher verzichtet man heutzutage darauf, Schimpansen in Bezug auf Menschen allein zu sozialisieren, wenn sie eine Zukunft zum Beispiel in einem Zuchtprogramm haben sollen.

Sehr wohl aber können Schimpansen, einmal nur auf den Menschen sozialisiert, in diesem Umfeld auch ein sehr glückliches Lebens haben. Robby war der lebendige Beweis. Hier war eine Rettung überflüssig. Könnte auch Marria noch leben, wenn man diese Erkenntnis angewendet hätte, die man eigentlich schon im Angesicht von Robby hätte haben können? Zumindest hätte man sie wohl nicht in die Situation gebracht, die letztendlich für ihr Ableben verantwortlich war.

Was bleibt vom Outplacement-Marketing?

Tiger-Jungtier Imana genießt Quality-Time mit ihrer Mutter Saphira. | Foto: Carmen Zander, Verwendungserlaubnis durch Dr. Dörnath

„Selbstverständlich vermitteln wir Tiere nur an Partner, die eine gute Unterbringung und Versorgung unserer Tiere gewährleisten können“, kann man auf der AAP-Webseite lesen. Das steht dann schon im Widerspruch zu: „Wir hatten gehofft, sie wäre bereit dafür“, was AAP in Bezug auf Marria verlauten ließ. Das Prinzip Hoffnung bietet keine Gewährleistung oder Garantie.

Ereilt so ein Schicksal auch bald die Tiger von Carmen Zander oder weitere „gerettete“ Tiere bei AAP – das Prinzip Hoffnung, obwohl man mit Garantien wirbt? Wie seriös ist es überhaupt von Garantien zu sprechen? Wie gut kann AAP so eine Eignung überhaupt einschätzen? Warum hat man das Leben von Marria überhaupt aufs Spiel gesetzt? Der Fall Marria wirft für die über siebenunddreißig Millionen Euro schwere Organisation gewichtige Fragen auf.

Viel quälender dürften die Fragen aber noch für die Behörden und zoologischen Institutionen werden, die AAP noch vertrauen. Wie berechtigt ist dieses Vertrauen – besonders auch nach Marrias Tod? Warum sollte man noch mit so einer NGO zusammenarbeiten? Lässt sich die anscheinende Verbindung etwa zum Schimpansen-EEP noch verteidigen und wenn ja: wie viele Tiere müssen noch sterben, damit sich das ändert? Vor diesen Fragen wird man auf Dauer nicht weglaufen oder auf Tauchstation gehen können.

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