Kulturveranstaltung zum Xoloitzcuintle in der Nationalbibliothek von Mexiko | Foto: Dr. Hector Luna, Verwendungserlaubnis durch Dr. Dörnath

Was die Politik von den Seelenhunden Mesoamerikas lernen kann

Exklusiv für zoos.media – 17.09.2026. Von: Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath

In ihrer Kolumne WildTierBlick berichtet Dr. med. vet. Kerstin Alexandra Dörnath von ihrer Reise nach Mexiko. Sie ist dorthin einer Einladung zum Schutz der besonderen Hunde gefolgt.

zoos.media-Kolumne WildTierBlick vom Beiratsmitglied Dr. K. Alexandra Dörnath

Wer wartet auf Dich? Was die Politik von den Seelenhunden Mesoamerikas lernen kann

Mitten ins Herz

Blick vom Podium in die Räumlichkeiten der Cámara de Diputados im Palacio de San Lázaro. Im Vordergrund: Replik der Perritos Colimotes (Hündchen von Colima): Ein älterer, faltiger Hund flüstert einem jüngeren Hund etwas ins Ohr, um ihm Wissen und Weisheit zu übermitteln. | Foto: Dr. Kerstin Alexandra Dörnath

Ich sitze hier, schwer vom Jetlag, die Füße wieder auf deutschem Boden, aber mein Kopf und mein Herz sind noch irgendwo in Mexiko – zwischen den bunten Straßen von Mexiko-Stadt, den Kanälen von Xochimilco und den historischen Nebeln Mesoamerikas. Eigentlich müsste ich längst schlafen oder Akten abarbeiten. Stattdessen hänge ich in Gedanken fest und bei meinen Tränen, die mir in der vergangenen Woche immer wieder kamen; sie kamen aufgrund von Ergriffenheit durch die Zeremonien und aus Scham bei meiner Bitte um Verzeihung für das, was aktuell auf der anderen Seite des Atlantiks mit dem Xoloitzcuintle geschieht.

Als Keynote-Speaker, Podiumdiskutantin und Ehrengast durfte ich in den ehrwürdigen Hallen des Palacio Legislativo de San Lázaro und in der mexikanischen Nationalbibliothek sprechen. Ich stand im intensiven Austausch mit Wissenschaftlern, Kulturträgern und Vertretern indigener Völker. Es gab sogar ein eigenes Seminar zu Büchern, in dem mein aktuelles Werk über den Xoloitzcuintle, den Viringo und den Chinese Crested Dog als robuste, vitale und gesunde Wesen im Zentrum stand.

Mitten in all diesen wissenschaftlichen und kulturellen Begegnungen überkam es mich immer wieder: Die tiefe Ergriffenheit über die Geschichte, das Wissen und die Ehrfurcht vor diesem Land, vor dieser Region. Ich habe aus tiefstem Herzen um Verzeihung gebeten für das, was von europäischer, von westlicher Seite aus historisch angetan und bis heute oft nicht verstanden wird.

Hatziri Recillas, AMx Xoloitzcuintle, mit Ihrem Xoloitzcuintle | Foto: Dr. Hector Luna, Verwendungserlaubnis durch Dr. Kerstin Alexandra Dörnath

„Jahrtausend-Hund“

In all diesen Momenten begleitete uns ein stummer Zeuge: der Xoloitzcuintle. Und genau dazu hat mich ein Video (siehe unten) tief im Inneren berührt.

Der Xoloitzcuintle ist ein Hund, der seit mehr als 3.000 Jahren auf dieser Erde wandelt – ein echter „Perro Milenario“, ein „Jahrtausend-Hund“, der ein Begleiter der Menschheit ist.

Wer Mesoamerika erlebt, begreift schnell: Dieser Hund ist hier nie bloß ein Haustier, eine Rasse, ein biologisches Wesen oder ein Phänomen gewesen. Er ist etwas unendlich Vielschichtigeres: Er ist Mythos, lebendiges Kulturgut, Familienmitglied und Seelenführer in einem.

Der Xoloitzcuintle ist eine vom Aussterben bedrohte robuste, vitale und gesunde seit Jahrtausenden existierende Haustierrrasse. Zu ihrem Schutz fand ein transatlantischer Schulterschluss statt. | Foto: privat, Verwendungserlaubnis durch Dr. Kerstin Alexandra Dörnath

Warum der Xoloitzcuintle mehr ist als ein Hund

Nach dem Glauben der Mexikaner liegt zwischen dem Diesseits und dem eigentlichen Mictlán – der Unterwelt, dem Ort der ewigen Ruhe – ein weiter, gefahrvoller, beschwerlicher Weg. Neun Ebenen voller Prüfungen müssen die Seelen durchqueren. Und genau hier, an den Ufern des reißenden Flusses Apanohuacalhuia, wartet er: der Xoloitzcuintle. Wenn der Mensch zu Lebzeiten gut und gutherzig zu Tieren war, erkennt der Hund die Seele seines Menschen, nimmt ihn sanft auf seinen Rücken und trägt ihn sicher durch die Strömung hinüber ins Licht.

„Und wer wartet auf dich?“ (“A ti, ¿quién te espera?”)

Meine Gedanken sind aktuell auch bei jenem Kurzfilm, der mitten ins Herz trifft und der den Xoloitzcuintle und seinen Menschen so treffend ganz ohne Worte beschreibt. Der Kurzfilm von Cerveza

Victoria bringt nämlich genau diese unzerbrechliche Bande auf den Punkt, die in unserer westlichen Betrachtung oft untergeht: Der Xoloitzcuintle ist kein rein anatomisches oder kynologisches Phänomen. Er ist ein lebendiges Kulturgut, ein Seelenbegleiter durch Mictlán und ein Symbol für eine Loyalität, die über den Tod hinausgeht. Dieser Kurzfilm stellt uns eine Frage, die weit über jede politische oder wissenschaftliche Debatte hinausreicht: „A ti, ¿quién te espera?“ – „Und wer wartet auf dich?“

Hier ist der Link zum Video, welches am 09. September 2026 in der mexikanischen Nationalbibliothek vor geladenen Gästen aufgeführt wurde:

Die leise Frage nach dem Danach

Ich frage mich das oft, wenn ich die nüchternen, bürokratischen Paragrafen zum Tierschutz und auch zum Artenschutz lese: Was kommt danach? Auch Politiker, Behördenvertreter und Entscheider in Deutschland und der gesamten westlichen Welt sind am Ende des Tages nur Menschen. Und wenn abends die Tür ins Schloss fällt, der Lärm des Tages verstummt und es dunkel im Zimmer wird, stellt sich wohl jeder von uns irgendwann diese leise Frage nach dem Danach.

Die neun Ebenen von Mictlán: „Nueve Niveles del Mictlán“

Dr. Dörnath im Interview mit Journalistin Elisabeth Estrella | Foto: privat, Verwendungserlaubnis durch Dr. Kerstin Alexandra Dörnath

In der mexikanischen resp. aztekischen Mythologie besteht das „Mictlán“ aus genau neun Ebenen (den „Nueve Niveles del Mictlán“), die die Seelen der Verstorbenen durchqueren müssen.

Hier ist der traditionelle Weg kurz zusammengefasst:

  1. Ebene (Apanohuacalhuia): Der reißende Fluss. Genau hier wartet der Xoloitzcuintle, um die würdigen Seelen auf seinem Rücken über das Wasser zu tragen.
  2. Ebene (Tepeme Monamictia): Der Ort, an dem die Berge gegeneinanderstoßen.
  3. Ebene (Itztepetl): Der Berg aus scharfen Obsidian-Messern.
  4. Ebene (Cehueloyan): Der Ort, an dem der eisige Wind schneit.
  5. Ebene (Pancuecuetlacayan): Der Ort, an dem man wie eine Fahne im Wind treibt.
  6. Ebene (Temiminaloyan): Der Ort, an dem Pfeile auf die Seelen geschossen werden.
  7. Ebene (Teyollocualoyan): Der Ort, an dem das Herz der Seele von Raubtieren gefressen wird.
  8. Ebene (Apochcalocan): Der Ort mit dichtem, dunklem Rauch.
  9. Ebene (Mictlán): Der eigentliche Ort der ewigen Ruhe, regiert von „Mictlantecuhtli“ und „Mictecacihuatl“.

In der Mythologie vergingen oft vier Jahre, bis eine Seele alle neun Prüfungen bestanden hatte. Die Zahl 9 ist übrigens tief in dieser mesoamerikanischen Weltanschauung verankert.

Dr. Dörnaths Buch, Xoloitzcuintle-Karte vom AMX und Cempasúchil-Blüten (Totenkopfblumen) | Foto: Dr. Kerstin Alexandra Dörnath

Der Xoloitzcuintle braucht unseren Schutz

Dr. Ricardo Forastieri und Dr. Kerstin Alexandra Dörnath vor einem Kunstwerk zu Ehren des Xoloitzcuintle im Palacio de San Lázaro, dem berühmten Parlamentsgebäude in Mexiko-Stadt | Foto: Israel Arriga, Verwendungserlaubnis durch Dr. Kerstin Alexandra Dörnath

Umso dringlicher ist der Auftrag, den wir heute haben. Diese Hunde sind gesund, sie sind stark, sie sind vital und sie sind lebendige Geschichte. Aber sie schätzen und bewahren sich nicht von allein. Heute sind sie so selten, dass ihr Überleben in Gefahr ist.

Der Xoloitzcuintle verdient und braucht unseren Schutz – auf allen Ebenen:

  1. Von der Wissenschaft, die seine einzigartige Genetik und Gesundheit endlich ohne westliche Voreingenommenheit, Verblendung und Pauschalurteile anerkennen muss.
  2. Von der Kultur, die dieses lebendige Kulturerbe der Menschheit und diese jahrtausendealte Kulturtradition vor dem Vergessen bewahrt.
  3. Vom Herzen und von der Seele, weil wir von diesen Geschöpfen und den indigenen Traditionen lernen können, was treue Verantwortung und echte Ehrfurcht vor dem Leben bedeuten.

Wer wird uns am Ende des Weges empfangen?

Vielleicht tut es ganz gut, wenn wir alle – egal ob in der Praxis, in der Politik oder im Amt – ab und zu die Augen schließen und uns fragen, wer uns am Ende des Weges empfangen wird. Der Xoloitzcuintle erinnert uns daran, dass wir uns diese Liebe im Diesseits erst verdienen müssen.

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