Schimpansenforscherin Dr. Jane Goodall spricht im September 2014 vor 4.000 Menschen in der Mizzou Arena. | Foto: Mark Schierbecker, Lizenz: CC BY-SA 4.0

Dr. Jane Goodall und ihr Verhältnis zu Zoos

Exklusiv für zoos.media – 25.10.2018. Autor: Philipp J. Kroiß

Mal ist Jane Goodall irgendwie für Zoos, mal ist sie irgendwie dagegen und dann wieder nicht. Der Artikel schaut auf ihren Standpunkt, der einem Fähnchen im Wind gleicht.

Dr. Jane Goodall und ihr Verhältnis zu Zoos

Aktuell ist WAZA-Konferenz und dort wurde auch ein besonderer Gast begrüßt: Dr. Jane Goodall. Die Wissenschaftlerin, die sich sehr für Schimpansen einsetzt und auch mal durchaus bedeutend geforscht hat, sprach auf der Konferenz des Weltzooverbandes. Sie ist zweifelsohne eine der bekanntesten Primatologinnen, aber sie ist auch wiederum mehr wegen ihren Auftritten als ihrer tatsächlichen wissenschaftlichen Forschung berühmt.

“Sollte es Zoos geben?”

Schimpansen besitzen verschiedene Kulturen und gebrauchen Werkzeuge.

“Some people think zoos should be shut down and all animals should be ‘wild’. But the problem with this is – there is this lovely dream of the wild as a paradise. This is not true. From snares, to disease, looming chainsaws, invading livestock, smaller spaces, climate change, bushmeat poaching leading to small orphans chained together in markets… the wild is not free.
On the other hand I went to an American zoo and watched the chimps in a beautiful enclosure where they had lots of space, they had lived together for many years as a good social group, the male was grooming himself and the female was watching over the young ones as the evening sun set and their keeper put their supper inside.
If I was a chimpanzee I might choose a good zoo with a good group, where people care for me and love me, an adoring public, the right food and a safe place to live. I might choose to forego some freedoms to live in that zoo instead of in Africa. Because the wild doesn’t always mean free.” – Dr. Jane Goodall

“Manche Leute denken, Zoos sollten geschlossen werden und alle Tiere sollten “wild” sein. Aber das Problem dabei ist – es gibt diesen schönen Traum von der Wildnis als ein Paradies. Der ist aber nicht wahr. Von Fallen über Krankheiten, bedrohlich näher rückende Kettensägen, Invasivarten, kleinere Lebensräume, Klimawandel, Buschfleischwilderei bis hin zu kleinen Waisen, die auf Märkten aneinandergekettet sind … die Wildnis ist nicht frei.
Auf der anderen Seite ging ich in einen amerikanischen Zoo und beobachtete die Schimpansen in einem wunderschönen Gehege, wo sie viel Platz hatten, sie hatten viele Jahre als gute soziale Gruppe zusammen gelebt, das Männchen putzte sich selbst und das Weibchen wachte über den die Jüngsten, als die Abendsonne unterging und ihr Wärter ihr Abendessen hineinlegte.
Wenn ich ein Schimpanse wäre, würde ich einen guten Zoo mit einer guten sozialen Gruppe wählen, wo die Leute sich um mich kümmern und mich lieben, ein bewunderndes Publikum, das richtige Essen und einen sicheren Ort zum Leben. Ich würde wählen, auf einige Freiheiten zu verzichten, um in diesem Zoo anstatt in Afrika zu leben. Weil die Wildbahn nicht immer Freiheit bedeutet.” – Dr. Jane Goodall

Dies ist ein zweifelsohne richtiges, wichtiges und sinnvolles Zitat von Goodall. Es entspricht weitestgehend der Lebensrealität dieser Tiere zu denen sie eine anerkannte Expertise besitzt: Schimpansen. Auch wir haben bereits die Frage gestellt, wie frei die Wildbahn ist und konnten feststellen, dass, was Goodall hier für Schimpansen formuliert, auch auf andere Tierarten zutrifft:

Wie frei ist die Wildbahn?

Wie ernst meint sie das?

Schimpansenbaby im Loro Parque | Foto: zoos.media

Auch das ist Jane Goodall:

“Die Forderung, den Großen Menschenaffen – Orang Utans, Gorillas, Schimpansen und Bonobos – bestimmte Grundrechte zu verschaffen, die bislang ausschließlich für den Menschen gelten, geht zurück auf eine Initiative der italienischen Philosophin Paola Cavalieri und des australische Bioethikers Peter Singer. In dem von ihnen zusammen mit einer Reihe weiterer Wissenschaftler aus aller Welt, darunter Richard Dawkins oder Jane Goodall, im Jahre 1993 begründeten Great Ape Project forderten sie, den Menschenaffen das Recht auf Leben, auf Freiheit und auf körperliche wie psychische Unversehrtheit zuzuerkennen.” – Great Ape Project

Jetzt kann man natürlich sagen, dass dies bereits Jahre her sei und sie dazu gelernt habe, aber im 2018 veröffentlichten Tierrechtsfilm “Citizen Animal” ist sie auch mit von der Partie. 2014 machte sie mit bei der von der Tierrechtsindustrie geleiteten Schmierenkampagne gegen das Vancouver Aquarium und hat sich zu einer Marionette dieser populistischen Kampagne gemacht. John Nightingale, der Direktor des Aquariums erklärte damals, dass man nicht davon ausgehen könne, dass sie überhaupt mal im Vancouver Aquarium gewesen sei und schlicht einfach nur auf Basis der Fehlinformationen der Aktivisten argumentieren würde. Das Vancouver Aquarium war damals und ist bis heute von der WAZA akkreditiert.

Ebenfalls WAZA-akkreditiert ist der Toronto Zoo. Auch hier ließ sie sich vor einen Karren der Tierrechtsindustrie spannen, was zu diesem lesenswerten Offenen Brief führte:

zoosmatter.com: Offener Brief an Jane Goodall

Der Forschung hat sie schon seit einigen Jahrzehnten den Rücken gekehrt, wie sie in einem Interview mit der ZEIT beschrieb, und kümmert sich um ihr Institut, das letztendlich eine NGO ist, die sich, laut dem deutschen Mission Statement auf der Webseite, für “die Förderung des respektvollen Umgangs mit Menschen, Tieren und der Natur” einsetzt. Schaut man sich die englischsprachige Seite des Instituts an, sieht man eine völlig auf Goodall zulaufende NGO, die alles von ihr vermarktet, was man nur irgendwie vermarkten kann.

Man erfährt ihre Termine und findet alles, was sie irgendwie mal gesagt hat mit den Worten beworben: “Get her latest words and wisdom fresh from our Good For All News!” 300 Tage im Jahr wäre die betagte Dame unterwegs, steht auf der Webseite, und würde ihre Zeit spenden – dass sie auch selbst die Kosten für diese Reisen trägt, darf wohl vorsichtig bezweifelt werden. Für jeden Spendentyp ist natürlich auch schon das passende Päckchen geschnürt. Es gibt sogar extra eine Art Klub für die Großspender, denen man dadurch besondere Vorteile verspricht. Natürlich gibt es auch einen Shop. Da gibt es dann zum Beispiel T-Shirts mit der Aufschrift “Wild, free & 98.6% chimpanzee”.

Eine fragwürdige Politik des Opportunismus

Schimpansenmutter und -Baby essen Kapfeigen im Kibale National Park. | Foto: Alain Houle (Harvard University) , Lizenz: CC BY 4.0

Wohin genau jetzt die Spenden gehen, wird nicht klar. Man nennt zwar Projekte, aber wie viel Geld jetzt wohin geht, nennt man nicht. Es gibt auch “Impact Stories”, aber auch hier wird man wenig konkret, was die Mittel betrifft. Wie viel Jane Goodall jetzt von der NGO für ihre Arbeit bezieht, ist unklar. Ebenso für ihren Lebensunterhalt sorgt sie dadurch, dass man sie als Speakerin buchen kann. Sie ist zum Beispiel bei HWA, keppler speaker, CAA speakers und einigen weiteren Agenturen gelistet. Laut keppler sind 50.000$ + ein guter Richtwert, um sie für ein Event einzukaufen. Das hängt natürlich auch mit dem Ruf zusammen, den sie von der NGO bekommt und so bedingt beides einander.

Das ist ja erstmal nichts verwerfliches – jeder muss von irgendwas leben. Letztendlich aber problematisch ist sicherlich, dass Goodall gerne auf allen Hochzeiten tanzen möchte. So lobt sie Zoos in letzter Zeit ganz gerne, aber schmeißt auch der Tierrechtsindustrie beständig Leckerlis zu. Sie erklärte zwar schon 2010, sie würde nicht für Tierrechte kämpfen, aber als Kunden will sie die Szene wohl doch halten und arbeitet auch mit ihnen zusammen. Als Ikone der Szene, die sich mit Tiere beschäftigt, ist sie zweifelsohne wichtige Legitimationsfigur und das lässt sich letztendlich am besten monetisieren, wenn man sich möglichst opportunistisch gibt: bloß nicht irgendwie auf eine Position festnageln lassen und immer wieder Zückerchen in die Menge werfen.

Von der Wissenschaftlerin Goodall ist im Prinzip wenig geblieben und trotzdem: der Rubel rollt. Dieses System funktioniert nur deshalb, weil ihre Kunden dem Irrtum unterliegen, sie zu brauchen, obgleich sie kein sinnvoller Verbündeter ist, weil es so beliebig scheint, mit wem sie mal gerade einen Teil des Weges gemeinsam geht. Es wirkt ja schon fast so, als würde jeder, der irgendwie mit Geldscheinen winkt, eine Einheit Bauchpinseln von Jane Goodall kaufen können. Viele Menschen haben diese Frau für ihre wissenschaftliche Integrität bewundert, heute werden ihre Forschungsergebnisse verwässert, weil sich irgendwie jeder die Deutungshoheit ihres Werks einverleiben und es für sich nutzen kann.

Schimpansenfamilie klettert gemeinsam im Pongoland im Zoo von Leipzig | Foto: Frank Vincentz, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wofür steht denn Jane Goodall noch, außer dem Glanz vergangener Tage, der immer wieder fast schon panisch ganz eifrig aufpoliert wird? Ihr Opportunismus hat ihre Ausführungen so beliebig gemacht und die Intransparenz ihrer Organisation lässt viele Fragezeichen zurück, wo denn die Spenden überhaupt hingehen. Sie bezieht ja nicht wirklich Stellung. Man kann nicht einerseits völlig richtig schlussfolgern, dass in der Wildbahn zu leben, nicht wirklich etwas mit Freiheit zu tun hat und sagen, dass man als Schimpanse ja lieber im Zoo leben würde, aber gleichzeitig Initiativen wie das Great Ape Project unterstützen und sich nicht deutlich davon lossagen, macht sehr unglaubwürdig. Stattdessen gibt es sich widersprechende Aussagen von ihr und mehr als ein Lob ist auch nicht zu erwarten.

Es ist sehr zu hoffen, dass Jane Goodall sich mal sehr deutlich für moderne Zoos und Aquarien ausspricht und auch die Größe hat, einzugestehen, dass sie manche Aussagen der Vergangenheit, auf Basis wissenschaftlicher Fakten, widerrufen muss. Langsam braucht es mal eine generelle Absage an eine Industrie, die letztendlich für genau das Gegenteil steht, wofür sie ja eigentlich stehen müsste, wenn man ihre Aussagen zu Tier-, Arten- und Naturschutz denn uneingeschränkt glauben könnte. Auch das Zitat oben ist ja kein klares Bekenntnis zur der Wichtigkeit von modernen Zoos und Aquarien als Orte Forschung, Edukation, sowie den Schutz von Tieren, ihren Arten und Lebensräumen. Spielend leicht wird sie es verwässern können und kann sich wohl auch darauf verlassen, dass es ohnehin nicht sonderlich viel Verbreitung erfährt, weil die Öffentlichkeitsarbeit der meisten WAZA-Zoos sehr zu wünschen übrig lässt.

So kann sie ihr Spiel weiter spielen, verdient an einem Abend fünfstellig und jeder kann sich irgendwie auf sie berufen, damit auch jeder ja irgendwie zufrieden ist, damit er sie wieder bucht. Es wird interessant sein, zu sehen, wie lange die Leute das noch mit sich machen lassen.