Beluga und Besucher im Vancouver Aquarium | Foto: Iwona Kellie, Lizenz: CC BY 2.0

Beluga-Refugium: Eine Lüge, die Kasse machen soll

Exklusiv für zoos.media – 27.06.2018. Autor: Philipp J. Kroiß

Der Artikel über das “Beluga-Refugium” von Merlin Entertainment und dem WDC weist nach, warum die Haltung nicht tiergerecht ist und erklärt die Doppelmoral dahinter.

Beluga-Refugium: Eine Lüge, die Kasse machen soll

Das WDC preist in einem aktuellen Post ein neues Refugium von Merlin Entertainment an. Über die Verbindung des Konzerns mit den Vertretern der Tierrechtsindustrie hatten wir schon zuvor berichtet:

Wenn Tierrechtler zu Greenwashern werden

Nachdem man die Tiere in der Öffentlichkeit sehr stiefmütterlich behandelt wurden, versucht man nun die angestrebte neue Haltung zu vermarkten. Das “Refugium” soll just dort gebaut werden, wo sich auch schon die Haltung von Keiko als schwierig, aufgrund der Wetterkapriolen, darstellte. Besonders mehr Platz hatte so ein bay pen für Keiko schon nicht bedeutet, war seiner doch ungefähr so groß wie ein Showpool bei SeaWorld.

Mark Simmons beschrieb, dass man sich teils tagelang aufgrund der Wetterbedingungen nicht um Keiko kümmern konnte und somit kann man es durchaus als gar nicht mal so geniale Idee beschreiben, genau dort ein solches “Refugium” bauen zu wollen. Bei der Auswahl so eines Ortes, kann man schon erkennen, dass die regelmäßige, professionelle Versorgung der Tiere keine große Maxime war, nach der man entschied.

Xiao Bai & Xiao Hui die nächsten Opfer der Tierrechtsindustrie?

Beluga-Mutter mit Baby im Vancouver Aquarium | Foto: Iwona Kellie, Lizenz: CC BY 2.0

Noch zwei Weißwale, die auch Belugas genannt werden, sind übrig. Das dritte Weibchen im Bunde, Jun Jun, war im Juni letzten Jahres an einer Gehirnblutung verstorben. Übrig blieben nur noch Xiao Bai und Xiao Hui. Weibchen-Gruppen sind generell keine natürlich Gruppierung für Belugas. In der Wildbahn gibt es keine Bachelorette-Gruppen und somit ist die Haltung von Weibchen allein in einer Übergangsphase zwar in Ordnung, aber langfristig hat das mit artgemäßer Haltung nichts zu tun.

Diese zwei Weibchen bräuchten zur Befriedigung ihrer Grundbedürfnisse Kontakt zu einem Männchen in einer Einrichtung, womit sie dann eine Familie gründen könnten. Die Verlegung in das Refugium zementiert nur die nicht tiergerechte Haltung, sondern auch ein mangelhaftes soziales Umfeld.

Refugium als Endlager geplant

Xiao Bai und Xiao Hui werden im “Refugium” nur auf ihren Tod warten und haben keine Chance auf ein tiergerechtes Leben, weil sie in einer unnatürlichen Konstellation leben müssen. Für die Tiere wird dadurch nichts besser, weil sich ihr Kernproblem ja nicht löst. Eine Lösung würden sie aber benötigen, um ein Beluga-gerechtes Leben zu haben.

Beide wurden in Russland vor fast zehn Jahren wild gefangen. Eine Chance auf Auswilderung haben sie natürlich nicht. Die noch recht jungen Tiere werden also nun Jahrzehnte in doch recht fragwürdiger Obhut ihr Leben fristen, statt in professionelle Hände zu kommen und die Chance auf ein artgemäßes Leben in moderner Haltung zu haben. Das Projekt wird das nächste Millionengrab der Tierrechtsindustrie – außer die Verantwortlichen erinnern sich an das Wohl der Tiere und geben sie zu erfahrenen Haltern ab.

Island: Kein Ort des Walschutzes

Natürlich profitiert das WDC und Merlin von den nicht nennenswert vorhanden Walschutzgesetzen in Island. Im Land floriert weiterhin das Geschäft mit dem Walfang. WDC schreibt auf der eigenen Webseite: “Isländische Wal[f]änger haben seit dem späten 19. Jahrhunderts 35.000 Wale getötet und sind bis heute als Walfangnation bekannt. Island weigert sich, das Moratorium der IWC gegen kommerziellen Walfang anzuerkennen und tötet stattdessen weiterhin gefährdete Finnwale zu Exportzwecken sowie Zwergwale für die Inlandsnachfrage, auch als Angebot für Touristen.”

Angeblich kämpft man ja gegen den geringen Walschutz dort, aber für das Refugium nutzt man das Problem auch gerne für die eigenen Zwecke aus. Man muss sich bewusst machen, dass so eine Haltung in einem Land, in dem Walschutz einen hohen Stellenwert genießt, nicht genehmigungsfähig gewesen wäre. Mit seriöser Tierhaltung, wie etwa die der akkreditierten Zoos und Aquarien, hat so ein Projekt rein gar nichts zu tun.

Island kein natürliches Verbreitungsgebiet von Belugas

Verbreitungsgebiet der Belugas (blau) und Island (mit rotem Pfeil makiert) | Originalbild (ohne Markierung): made by Pcb21 after Vardion, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Belugas kommen eigentlich nicht in islandischen Gewässern vor, wie man unschwer sieht. Es gibt zwar Einzelsichtungen verirrter Tiere um  Island, Großbritannien oder in der Ostsee, aber sie kommen dort eben normalerweise nicht vor. Hier besteht also eine Gefahr der Faunenverfälschung, die seriöser Tier-, Arten- und Naturschützer immer vermeiden wollen. Es gibt innerhalb der EU und im Rahmen verschiedener Bündnisse sogar sinnvolle Gesetze und Regelungen, um so etwas zu vermeiden. Hier ist aber Island kein Mitglied, weil, wir erinnern uns, Walschutz keine Prämisse der Gesetzgebung ist.

Bleuga in SeaWorld San Antonio | Foto: Lars Plougmann, Lizenz: CC BY-SA 2.0

Eine rund 9.000 Kilometer lange Reise wartet auf die Tiere. Per Flugzeug ist man, ohne Einrechnung eines Zwischenstopps deutlich über 10 Stunden unterwegs. Dann müsste man die Tiere ja aber auch noch auf die Westmännerinseln schaffen, was nur auf dem Landweg mit Fähre oder nach einem Umstieg funktionieren würde. Inwieweit der Transport per Flugzeug möglich ist, bleibt fraglich, da der Flughafen der Westmännerinseln nicht für große Maschinen ausgerichtet ist.

Als das Georgia Aquarium einmal Belugas aus Russland transportieren wollte, war das WDC stark dagegen. Man schrieb damals:

“Handhabung und Transport führen zu einem Anstieg der Stresshormone bei Walen und Delfinen und chronischer Stress kann zu Immunsuppression und Krankheitsanfälligkeit führen. Darüber hinaus erhöhen Handhabung und Transport das Sterblichkeitsrisiko und Todesfälle bei Belugas sind während des Bodentransports in der Vergangenheit aufgetreten. Für diese Belugas beinhaltet der Transportplan einen Flug von Russland nach Belgien, wo jeder Beluga in einen neuen Container und ein neues Flugzeug für den weiteren Transport in die Staaten verladen wird. Dieser zusätzliche Schritt ist für einen Wal-Transport ungewöhnlich.”

Etwas mehr als fünf Jahre später hat man dann kein Problem mehr mit so einen riesigen Transport, wenn ihr der Partner Merlin Entertainment das  durführt. Wenn es der eigenen Ideologie dient, hat der WDC dann eben kein Problem mehr, was natürlich sehr demaskierend ist.

Tatsächlich aber gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen dem Transport in das Georgia Aquarium und den in das “Beluga Refugium”: der Transport ins Georgia Aquarium hätte die Belugas in eine tiergerechte Haltung transportiert, der in das Beluga Refugium tut dies, wie dargelegt, ganz offenbar nicht.

Was wird bleiben?

WDC verkauft hier letztendlich eine Lüge: man betreibt Greenwashing einer Haltung, gegen die man eigentlich selbst sein müsste. In der Delfinarienfrage hat WDC ja aber schon seit Jahren den Boden der Tatsachen völlig verlassen und ein Biologe wollte Abgeordneten in Deutschland sogar eine maßstabsungetreue Zeichnung unterjubeln, um sie gegen Delfinarien aufzubringen. Dort schreckt man also auch nicht vor Manipulationen zurück.

Die Belugas können einem leid tun, da sie nun anscheinend Opfer der Ideologie von WDC und Merlin Entertainment werden. Die letzte Hoffnung für die beiden Weibchen ist, dass WDC und Merlin das Vorhaben zum Wohle der Tiere möglichst schnell aufgeben. Leider ist das nicht zu erwarten, dass die Tierrechtsindustrie keine Skrupel hat, die Tiere elendig verrecken zu lassen, solange es nur der eigenen Ideologie dient. Auch das hat der Fall Keiko gezeigt:

Keiko wählte Menschen, Tierrechtler seinen Tod